»Monsieur, ich hasse Sie«. Urbanormativität und Populismus

Urbane Abhängigkeit und Hegemonie

Es ist ungefähr 14 500 Jahre her, dass wir sesshaft geworden sind. Damals sind jedenfalls erste Siedlungen im Jordan-Tal entstanden. 8000 Jahre später gab es Städte. Nicht mehr als 13 Prozent der Menschheitsgeschichte, so rechnen Gregory M. Fulkerson und Alexander R. Thomas, kannten also urbanes Leben. Und erst die jüngsten 0,06 Prozent haben global cities gesehen. Gleichwohl scheint uns eine immer weiter fortschreitende Urbanisierung der natürliche Gang der Dinge zu sein. An die vorstädtischen 87 Prozent der Geschichte wird kaum je gedacht. Anders wissen die amerikanischen Soziologen nicht zu erklären, dass sich gegen das world urban experiment so wenig Widerstand regt: Es muss an der historischen Amnesie liegen und, mehr noch, an »urbanormativity«. Den eigens geprägten Begriff haben sie in den Titel ihres neuen Buches gestellt. 1

In The Evolution of the Ancient City (2010) hat Thomas mit Blick auf den fruchtbaren Halbmond, ein wasserreiches Gebiet, das sich sichelförmig zwischen dem anatolischen Bergland und der syrischen Wüste erstreckt, eine um 9500 vor Christus mit der Gründung von Dörfern beginnende »Urbanisierung« beschrieben, die 5000 Jahre später städtische Knotenpunkte in Netzen des Handels entstehen ließ. 2

Dass Kapitalismus und Städte im Grunde ein und dasselbe sind, wissen wir von Fernand Braudel. 3 Thomas und Fulkerson sind der Ansicht, dass viele der meist mit dem modernen Industriekapitalismus in Zusammenhang gebrachten Erscheinungen auf frühere Prozesse der Vernetzung zurückzuführen sind. Ihre Betrachtung reicht demnach nicht nur weiter zurück, sie greift auch tiefer. Gewinnen wir mit der longue-durée-Perspektive eine bessere Sicht auf die Gegenwart?

Lange Zeit schien es so, als habe eine funktionale Differenzierung der Gesellschaft Verhältnisse von Zentrum und Peripherie bedeutungslos werden lassen. Mochte ihr Hinterland für die europäischen Städte des Mittelalters noch eine, so Braudel, »echte Kolonialwelt« gewesen sein, in Betracht der folgenden Jahrhunderte wollte man eine neuzeitliche Entwicklung feststellen, die solche Vorherrschaft und Ausbeutung zur Vergangenheit machte.

Nicht zufällig war es ein Geograf, der vor wenigen Jahren die bleibende Relevanz räumlicher Unterschiede und Beziehungen aufwies. 4 Der in die globale Wirtschaft eingebundenen »France métropolitaine« stellt Christophe Guilluy eine »France périphérique et populaire« gegenüber und will damit die unbrauchbar gewordene Unterscheidung zwischen urbanen und ruralen Räumen ersetzen. Die Kategorie des Peripheren umfasst ländliche Klein- und Mittelstädte, sie umfasst auch Vorstädte und andere Teile größerer Agglomerationen. Wie die ältere Kategorie des Ländlichen gewinnt indes auch sie Kontur durch den Gegensatz zur Metropole.

Die neue Unterscheidung ist wie gemacht, eine Vorherrschaft sichtbar zu machen, die zuletzt zu Unruhen führte. Plötzlich sah man sich mit dem anderen Frankreich konfrontiert. Obwohl die große Mehrheit der Bevölkerung in der Peripherie lebt, war diese lange Zeit politisch wie kulturell unsichtbar gewesen. Durch die Wahl des Front National und Proteste anderer Art machte sie dann auf sich aufmerksam.

Ist Populismus mit »Urbanormativität« zu erklären? Das Konzept soll im Zusammenhang mit dem materiellen ein kulturelles Moment der Urbanisierung erschließen: Prozesse der Bevölkerungsverdichtung gehen mit einer wachsenden Abhängigkeit der schon bald nicht mehr selbstversorgungsfähigen Städte von ihrem Umland einher. Nachdem die Tragfähigkeit der eigenen Siedlungsfläche überschritten ist, sichern urbane Zentren ihre Fortexistenz, indem sie Handelswege so strukturieren, dass ihnen die benötigten Ressourcen zugeführt werden. Bald sind sie in einen globalen Verkehr eingebunden und profitieren davon.

Anders ihr Umland, das sich den städtischen Vorgaben aber fügen muss, und hier kommen kulturelle Kräfte zum Zug: Weniger aufwändig als der Aufbau und die Aufrechterhaltung einer glaubhaften Androhung physischer Gewalt ist nämlich die Machtausübung durch Hegemonie. Die Landbewohner werden von der Natürlichkeit und Unvermeidbarkeit, ja von der Wünschbarkeit der Verstädterung überzeugt. Städte produzieren und senden Bilder vom Leben in der Stadt wie vom Landleben, die auch in der Peripherie zirkulieren.

Dabei wird das Rurale mit unterschiedlichen Wertungen versehen. Zum einen stellt man es als bedeutungslos und rückständig dar; die Stadt erscheint als der einzig bedeutungsvolle Raum, hier soll der gesellschaftliche Fortschritt seinen Ort haben. Der räumliche Gegensatz wird in der Zeit auseinandergelegt: Die Zukunft ist nun urban, das Dorf die Vergangenheit. Zum anderen wird das Landleben – ebenfalls entlang dieser zeitlichen Blickachse, doch in der Gegenrichtung – sehnsüchtig verklärt.

Bei den Bewohnern der Metropolen führt die zunehmende Entfernung vom Land, das nur mehr vermittelt wahrgenommen wird, zu Gefühlen der Entfremdung und Nostalgie. Diese erregen die kollektive Einbildungskraft und werden durch zirkulierende Imaginationen weiter genährt. Das hat, so Fulkerson und Thomas, reale Auswirkungen, »rurale Simulakren« zum Beispiel: Ländliche Dienstleister verschaffen Touristen eine vorübergehende Scheinbefriedigung, indem sie den eigenen Lebensraum den Wunschbildern der erhofften Besucher gemäß stilisieren – eine Form mehr, in der sich das Rurale den Normen der Stadt fügen muss.

Aber halt, der Einwand ist überfällig: Behaupten Populisten nicht eben dies? Und zwar in der Absicht, unzufriedene Bewohner ländlicher Räume gegen urbane Eliten aufzubringen und hinter sich zu versammeln? Offenbar verfolgen Wissenschaftler wie Fulkerson und Thomas oder eben Guilluy eine ähnliche Strategie. Wenn überhaupt, dann würde der Populismus durch die These einer städtischen Hegemonie doch wohl von innen beleuchtet – die These ist ja selber populistisch. Wer damit öffentlich hervortritt, sei’s ein Politiker, sei’s ein Intellektueller, der bezieht Position und nimmt die Haltung eines Hegemoniekritikers an, wohl um die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen. Er tritt als ein Stellvertreter auf, der, dem eigenen Vorgeben nach, für Landbewohner spricht. Am Ende ist der selbstermächtigte Repräsentant doch nur ein Städter, der unter Städtern Aufsehen erregen will.

Antielitäre Stellungnahme der öffentlichen Person

Seitdem von »öffentlicher Meinung« die Rede ist, tun Populisten sich auf diese Weise hervor. Einer der ersten war Jean-Jacques Rousseau. Es lohnt sich, die zweite Vorrede zu seinem Landroman Julie ou la Nouvelle Héloïse (1761) erneut aufzuschlagen. Denn hier werden Überlegungen zum Verhältnis zwischen Stadt und Land angestellt, Überlegungen zu Urbanormativität avant la lettre. Offenkundig sucht der Autor den Streit mit einer städtischen Bildungselite, die handfeste Interessen verfolgend den eigenen Lebensstil lauthals zur Richtschnur erkläre: »Die Schriftsteller, die Literaten, die Philosophen hören nicht auf zu schreien, man müsse, um seine Bürgerpflichten zu erfüllen und um seinesgleichen zu dienen, in den großen Städten wohnen. Nach ihrer Meinung hasst man das menschliche Geschlecht, wenn man Paris flieht. Das Landvolk gilt nichts in ihren Augen. Wenn man sie hört, so sollte man glauben, es gäbe nur dort Menschen, wo es Gehälter, Akademien und Mittagstafeln gibt.«

Tatsächlich war Rousseau zuvor aufs Land geflohen und hatte sich damit von den Salongesellschaften, in denen die Philosophen der Aufklärung verkehrten, auch räumlich distanziert. »Das Pariser Treiben unter den anspruchsvollen Leuten war so wenig nach meinem Geschmack«, heißt es in den Bekenntnissen, »dass ich, von diesem lärmenden Leben abgestoßen, mich heftig nach einem Aufenthalte auf dem Land zu sehnen begann.«

In der Eremitage von Montmorency verfasste Rousseau die Neue Héloïse und den berühmten Brief an seinen Kontrahenten Voltaire, hier schrieb er auch Vom Gesellschaftsvertrag und Emile. Dass »Frankreich weit mächtiger wäre, wenn Paris vernichtet wäre«, liest man im Erziehungsroman. Nicht zu lange soll der Zögling sich in der Großstadt aufhalten. Es wird ein »Studium der Völker in ihren abgelegenen Provinzen und in der Einfachheit ihres ursprünglichen Geistes und Wesens« angeraten, denn eigentlich mache »das Land ein Land aus, und das Landvolk macht die Nation aus«.

Diesem Teil der Bevölkerung ist die Neue Héloïse gewidmet (allerdings sind Gutsbesitzer als Leser vorgesehen). Die zweite Vorrede beschreibt ein kulturell asymmetrisches Stadt-Land-Verhältnis: »Die Erzählungen, die Romane, die Schauspiele, alles zieht über die Provinzbewohner her.« Da diese keine eigene Literatur produzieren, sondern solche lesen, die aus der Stadt kommt, übernehmen sie die metropolitane Sicht auf das Land. So gelangen sie zu einem abstoßenden Selbstbild, das sie dazu bewegt, ihr Leben zu ändern, ja sogar den Wohnort zu wechseln: »Da sie alle einmütig keine Landleute mehr sein wollen, so bekommen sie einen Ekel vor ihrem Dorfe; sie verlassen ihr altes Schloss, welches bald zerfällt, und ziehen in die Hauptstadt.«

Tatsächlich sah Frankreich zu jener Zeit eine solche Landflucht. Die Migranten wanderten vor allem in die Kapitale. Paris war aufgrund einer überhöhten Sterblichkeit auf den Zustrom angewiesen. »Die aufstrebende Stadt durchbricht ihre Mauern, richtet ihre Straßen für den Wagenverkehr ein, baut ihre Plätze aus und zieht eine Unzahl anspruchsvoller Verbraucher an«, so hat man sich eine um 1760 einsetzende Entwicklung nach Braudel vorzustellen. Paris zog also nicht etwa nur Armutsmigranten an. Der Historiker zitiert zeitgenössische Beobachtungen von Richard Cantillon, François Quesnay und Louis-Sébastien Mercier, denen zufolge sich die Großen und Reichen und andere Müßiggänger in die Hauptstadt zurückzogen, um ihren Vergnügungen nachzugehen.

Und die philosophes? Rousseau zufolge waren sie gefügige Teilhaber am städtischen Reichtum. Auch das hat man bestätigt: Ende der 1770er Jahre waren die Vordenker der französischen Aufklärung »pensioned, petted, and completely integrated in high society«. 5 Im ersten Diskurs über die Wissenschaften und die Künste hatte Rousseau 1750 bereits gegen die »eitlen und törichten Schwätzer« das Wort erhoben. Nicht an »lauter d’Alemberts« schreibe er, so heißt es in einem späteren Brief, sondern »für das Volk«.

Die antielitäre Stellungnahme dürfte einen großen Teil zum ungekannten Publikumserfolg beigetragen haben. Er übertraf den der Kontrahenten bei weitem. Tatsächlich kann Rousseau als erste Zelebrität in der Geschichte der Literatur gelten. 6 Zur erneuten Lektüre empfehlen seine Schriften sich heute, weil darin die herausgehobene Stellung ihres Verfassers in der medialen Öffentlichkeit seiner Zeit auch behandelt wird. Sie gewähren Einblicke in die Antriebe eines prototypischen Intellektuellen.

Der Hass des kleinbürgerlichen Intellektuellen

Der obige Einwand gegen die These einer Vorherrschaft der Städte scheint, nochmals überdacht, eben dieser These ungewollt doch Recht zu geben. Stillschweigend geht der Einwand nämlich davon aus, dass die Öffentlichkeit eine vorherrschend städtische ist. Die Peripherie kommt im Zentrum nicht selber zu Wort, sie wird bestenfalls repräsentiert. Neben den Populisten treten andere Städter ebenfalls als Sachwalter auf. Teils versprechen sie den Landbewohnern eine Teilhabe am Reichtum, der in den global vernetzten Metropolen erwirtschaftet wird – die alte Erzählung von Modernisierung und langfristiger Konvergenz.

Außerdem gibt es, so liest man neuerdings bei Guilluy, eine »coole« Bourgeoisie, die von der weltumspannenden Vernetzung maximal profitieren will und sich das Gerede vom Gemeinwohl erspart. 7 Während die Modernisierer in einer langen Tradition der Volksbelehrung für ein besseres Verständnis gesellschaftlicher Komplexität werben, kümmern sich diese Metropolitanen nicht mehr um die Abgehängten. Die neue Bourgeoise weiß sich im Klassenkampf.

Fulkerson und Thomas erinnern an jene Verachtung, der urbane Intellektuelle 2016 in ihren Kommentaren zur Präsidentschaftswahl Ausdruck gaben: Die Bewohner des ländlichen Teils der Vereinigten Staaten waren einem Populisten auf den Leim gegangen. Schnell war ein Hitler- oder Mussolini-Vergleich in den Druck gegeben.

Kaum ein Versuch über die Geschichte des Populismus vergisst, Rousseaus Konzeption einer direkten Volksherrschaft mit Verweis auf deren identitäre Differenzvergessenheit zu erwähnen. Mögen in seinen Schriften auch einige der frühesten Belege für die Rede von einer »öffentlichen Meinung« zu finden sein, so muss sich ein liberal-repräsentatives Demokratieverständnis von einer »Verkehrung der Fürstensouveränität in Volkssouveränität« doch distanzieren: »Öffentliche Meinung«, so Jürgen Habermas in seinem Buch über den Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962), »ist der Willkür schlechthin entgegengesetzt und […] will, ihrer eigenen Intention nach, weder Gewaltenschranke noch selber Gewalt, noch gar Quelle aller Gewalten sein«.

Wenn die räsonnierende Öffentlichkeit aber (die »eigene Intention« mal beiseite) nicht jedem zugänglich wäre, müsste die Herrschaft der öffentlichen Meinung dann nicht mit Willkür und Gewalt gegenüber jenen verbunden sein, die an ihrer Bildung nicht teilnehmen können? Abzuhelfen wäre dem allenfalls – nach jahrzehntelanger Intellektuellenschelte klingt es verwegen – durch Stellvertretung und Fürsprache. Wenn Repräsentation also für Teilhabe notwendig ist, dann wäre es gut, sie genauer zu untersuchen, am besten empirisch im Vollzug. Die nähere Befassung mit der öffentlichen Person gehörte dazu. Dabei hilft der Griff zu den Büchern. Die Vorgeschichte ist aufschlussreich.

Iring Fetscher hat vor längerem aufgezeigt, dass in der Entstehungsphase der bürgerlichen Öffentlichkeit mit Voltaire und Rousseau unterschiedliche Typen in Erscheinung treten: Wie ein Großbürger versteht der Erstere Ungleichheit und Luxus als Kräfte des wirtschaftlichen, ja des menschheitlichen Fortschritts. Durch spekulative Geschäfte gelangt Voltaire persönlich zu Reichtum. Dass der spätere Berater ehrgeiziger Regenten mit Le Mondain (1736) dem weltmännischen Bewohner einer Metropole – »Soit à Paris, soit dans Londres ou dans Rome« – ein Lob in Versen widmet, passt ins Bild: »Le Paradis terrestre est où je suis« (in der Stadt geht’s ihm gut).

Rousseau erblickt im Mondänen einen korrumpierten Menschen. Durch große Eigentumsunterschiede sieht er die politische Ordnung gefährdet und lobt einen selbstgenügsamen Mittelstand, wie er vor allem auf dem Land zu finden sei, als deren wichtigsten Träger. Nicht zuletzt drückt Rousseau »auch den gefühlsmäßigen Aspekt des Kleinbürgertums aus; dessen Glorifizierung der Vergangenheit, dessen historischen Idealismus und dessen sentimentale Bewunderung der eignen Tugendhaftigkeit und Bescheidenheit im Gegensatz zur Verderbtheit der Oberschichten und der besitzlosen Massen« 8 – daher konnte Pankaj Mishra ihn als einen Ankündiger Donald Trumps in Erinnerung rufen. 9

Jedenfalls erklärt Rousseau in einem Brief an Voltaire rundheraus: Er hasse ihn. Durch eine Befassung mit dieser Gemütsbewegung wäre für eine Erklärung des Populismus sicher viel zu gewinnen. Über das Verhältnis von Repräsentanten und Repräsentierten hinaus müsste man nach den Anziehungs- und Abstoßungskräften fragen, die zwischen den Ersteren wirken und deren Stellungnahmen in öffentlichen Angelegenheiten mitbestimmen.

Wie die Erfahrung lehrt, ist der Meinungsstreit nicht durchgehend am Ideal rationaler Verständigung orientiert. Vielmehr steht neuerdings wieder zu befürchten, dass die polemische Auseinandersetzung zwischen öffentlichen Personen eine gespaltene Gesellschaft noch weiter auseinandertreiben könnte.

Am Fall Rousseau ließe sich beispielhaft untersuchen, wie der Wunsch nach Anerkennung und die Erfahrung kränkender Zurückweisung in der öffentlichen Person einen Hass auf ihresgleichen entfachen. Wie dieser negative Affekt den Blick für die tatsächliche Funktionsweise einer Öffentlichkeit schärft, die sich im Spiegel ihrer idealisierenden Selbstbeschreibung gefällt. Wie der Hass und der Neid auf jene törichten Schwätzer der Literatur und Philosophie, die in der Metropole mit Politik- und Wirtschaftsfunktionären Umgang pflegen, einen Schriftsteller dazu bewegen, sich gegen die Eliten zu wenden und die Partei des Volks zu ergreifen. Wie der Populist damit für Unruhe in der Öffentlichkeit sorgt und gesellschaftliche Konflikte zur Sprache bringt, von denen der galante Auftritt und die geschmückte Rede der Wohlangesehenen nichts erkennen lassen.

Aber, um auf den obigen Einwand noch einmal einzugehen: Widerlegen ließe sich die Behauptung einer Hegemonie der Städte, mag ihre Darlegung auch affektgetrieben sein, durch eine solche Untersuchung keineswegs. Vielmehr wäre das affektive Moment, von Kant und seinen Nachfolgern nicht bedacht, ins Öffentlichkeitskonzept aufzunehmen. Bei Rousseau finden sich Ansätze zu einer realistischen Konzeption, die Meinungsbildung nicht aufs Räsonnement reduziert. Sie umfasst vor allem kohäsive Leidenschaften, die für gesellschaftlichen Zusammenhalt und auch für Demokratie unabdingbar sind. 10 Sie könnte des Weiteren Affekte der Aversion einbeziehen, von denen das Argumentieren nicht nur in Sachen Stadt und Land nach wie vor stark bewegt ist. Im Rahmen einer Moralistik der öffentlichen Diskussion wäre die skizzierte Intellektuellen-Typik zu erweitern. Darauf könnte eine Verhaltenslehre aufbauen, die die Geografie intellektueller Standpunkte berücksichtigt und deren unterschiedliche Einsätze würdigt. Gut zu wissen, mit wem man es zu tun hat.

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Gregory M. Fulkerson /Alexander R. Thomas, Urbanormativity. Reality, Representation, and Everyday Life. Lanham: Lexington 2019.
  2. Alexander R. Thomas, The Evolution of the Ancient City. Urban Theory and the Archaeology of the Fertile Crescent. Lanham: Lexington 2010.
  3. Fernand Braudel, Sozialgeschichte des 15.–18. Jahrhunderts. Bd. 1: Der Alltag. Aus dem Französischen von Siglinde Sumerer. München: Kindler 1999.
  4. Christophe Guilluy, La France périphérique. Comment on a sacrifié les classes populaires. Paris: Flammarion 2014.
  5. Robert Darnton, In Search of the Enlightenment: Recent Attempts to Create a Social History of Ideas. In: Journal of Modern History, Nr. 1, März 1971.
  6. Vgl. Antoine Lilti, Figures publiques. L’invention de la célébrité (1750–1850). Paris: Fayard 2014; ders., Die Politik der Berühmtheit. In: Merkur, Nr. 799, Dezember 2015.
  7. Vgl. Christophe Guilluy, No society. La fin de la classe moyenne occidentale. Paris: Flammarion 2018.
  8. Iring Fetscher, Voltaires liberales Großbürgertum und der kleinbürgerliche Egalitarismus Rousseaus. In: Rudolf Vierhaus (Hrsg.), Bürger und Bürgerlichkeit im Zeitalter der Aufklärung. Heidelberg: Lambert Schneider 1981.
  9. Pankaj Mishra, How Rousseau Predicted Trump. In: New Yorker vom 1. August 2016; ders., Das Zeitalter des Zorns. Aus dem Englischen von Michael Bischoff u. Laura Su Bischoff. Frankfurt: Fischer 2017.
  10. Bruno Bernardi, Rousseau et la généalogie du concept d’opinion publique. In: Michael O’Dea (Hrsg.), Jean-Jacques Rousseau en 2012. Oxford: Voltaire Foundation 2012.

1 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Das ist nach wie vor eine reine Glaubenssache, ob ich Hobbes folge oder Baumann, ergibt sich allein aus der eigenen eingeschränkten Sicht. Eine Objektive Erkenntnis zu dem Thema gibt es nicht. Thomas Nagel hat gezeigt am Hand des Themas „Gerechtigkeit“, wie supjektiv und von den eigenen Vorurteilen, die Sozialwissenschaftlichen Aussagen abhängig sind. Es ist interessant zu sehen, das es immer noch Menschen gibt die moderne Logik negieren und Wissenschaftstheorie nicht zur Kenntnis nehmen. Um Mißverständnisse zu vermeiden Carl Schmitt war sich seiner Aussagelogiken sehr bewußt, deswegen hat er auch bemerkenswertes gesagt. Andere die sich ständig um Rationalität drehen und anderen ständig Irrationalität vorwerfen und sich Ergebnis offen und unklar Äussern, sind sich ihrer Grenzen nicht bewußt. Searle sagt klar was geht und was nicht geht. Das im Artikel geschilderte ist nur Subjektiv und dazu uralt.

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