Sie, etc. Zu Benjamin Mosers Susan-Sontag-Biografie

Jede intelligente queere Person aus meiner Generation hatte eine Susan-Sontag-Phase, insbesondere diejenigen, die im Zeichen des Saturn geboren waren. 1 Susan Sontag war unser Daddy. Sie brachte uns alles bei: was man lesen und was man sich ansehen sollte; wer wichtig war und warum man darüber Bescheid wissen sollte; was eine intellektuelle Autorität war; wie man diese Autorität ausstrahlte; dass man eine solche werden konnte. Und natürlich, was für eine Frisur man zu tragen hatte. Sie zeigte uns, dass man sich mit all diesen Dingen auseinandersetzen konnte, warum sich diese Auseinandersetzung lohnte und wie man sich der Sache mit der gebotenen Ernsthaftigkeit annahm.

Sie machte Ernsthaftigkeit cool. Sie machte Snobismus sexy. Sie war der einzigartige Archetyp der (und des) amerikanischen public intellectual im 20. Jahrhundert. Sie war New York City. Sie war das Zentrum der Welt. Sie war Artaud, Bresson, Sebald, Cioran, Canetti und Weil. Sie rauchte in Bars mit deinen Freunden, redete bis zum Morgengrauen und war ganz hingerissen von der Vorstellung, dass sie die Hochkultur so promiskuitiv gemacht hatte. Sie war die sachkundige, differenzierte Meinung, mit der man auf Partys die Umstehenden beeindruckte. Und zwar zu jedem erdenklichen Thema: wie camp alles, womit es in Kontakt kommt, mit Anführungszeichen versieht (»nicht eine Lampe, sondern eine ›Lampe‹, nicht eine Frau, sondern eine ›Frau‹«, lautet einer ihrer berühmtesten Sätze); warum wir eine Erotik der Kunst brauchen; inwiefern das Reden über Krankheit oft zur Lüge wird. Ihr Name stand für diese langsamen fremdsprachigen Filme in Schwarzweiß, die man sich als Pärchen ansah, und wenn die Andere während dieser Filme einschlief, ahnte man bereits: Das wird wohl nichts mit uns beiden. Natürlich verlor sie, wie jeder Daddy, je älter man wurde, ihre Notwendigkeit. Sie wurde zur Verkörperung der Person, die du früher einmal hattest sein wollen. Die eigene Verehrung, so stellte sich heraus, war nicht mehr als die affektierte Vorwegnahme der Person, die man erst noch werden musste. Und dann, als das 21. Jahrhundert in die Prekarität der Jahre nach 2008 hineinstolperte, in die Snapchat-Zeitspannen und die Klimakatastrophe, wurde einem klar, dass Cioran und Canetti nicht länger von Bedeutung waren. Das moralische Streben nach der perfekten Seele – eine klassische Messlatte, die Sontag sowohl an sich selbst als auch an die gesamte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts anlegte – war nicht nur aussichtslos und möglicherweise fehlgeleitet, sondern schlicht irrelevant. Was nützt eine perfekte Seele, wenn die Welt untergeht?

 

Auch wenn wir, die wir von Sontag großgezogen wurden, irgendwann über sie hinauswuchsen, war sie doch die Erste, die uns beim Heranwachsen half, und damit hat sie uns tief geprägt. (Mir ist aufgefallen, dass Menschen, die nur ein paar Jahre jünger sind als ich, ganz andere Daddys haben. Ich bin Jahrgang 1984 und zähle damit wahrscheinlich zum letzten Jahrgang, der von ihr aufgezogen wurde – die generationenübergreifende Gruppe von Menschen, die zwischen 1954 und 1984 das Licht der Welt erblickten. Sontag selbst wurde 1933 geboren.) Sontag war mehrere Jahre lang mein Daddy, in der Zeit, als ich, eine in ihre eigene Gedankenwelt vertiefte Queerperson aus einer südkalifornischen Arbeiterfamilie, unter dem wachsamen Auge des Saturn das Verlangen entwickelte, mich kulturell zu bilden. Selbst eines Tages Kultur hervorzubringen schien der einzige Weg, irgendwo hinzugelangen, wo es anders war als dort, wo ich herkam. Für mich als Korean American der zweiten Generation war mein Ehrgeiz keine Frage des Egos, sondern des Überlebens, er war mein Ticket nach draußen – und damit dem von Sontag gar nicht so unähnlich, die als jüdisches Mädchen 1933 in eine kultur- und bildungsferne Mittelschichtsfamilie geboren wurde, auf die North Hollywood High School ging und sich danach sehnte, Teil der europäischen Geisteselite zu sein. Als ich die Geschichte hörte, wie Sontag als Kind in einem Schreibwarengeschäft in Tucson die Buchreihe Modern Library für sich entdeckte – sie las hingebungsvoll die Klassiker von vorne bis hinten durch und setzte nach jeder Lektüre ein Häkchen hinter die im Katalog aufgelisteten Titel –, wurde mir klar, dass es möglich war, allein durch unbändige Lust und Neugier die Person zu werden, die ich sein wollte – und dass ich nicht den Weg gehen musste, der mir vorgezeichnet war.

Sontag, kanonisch

Ich entdeckte Sontag als Teenager in den späten 1990er Jahren, aber welches ihrer Bücher ich zuerst gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Das liegt auch daran, dass sie so viel mehr war als ihre Bücher. Das erste Mal, und ich bin sicher nicht die Einzige, der es so geht, begegnete mir Sontag als Bild. Diese Haare! Und diese großen, unerschrockenen schwarzen Augen, dieser herausfordernde, autoritäre Blick. Er passte zur Stimme, die aus ihren Essays sprach: verschlossen, glamourös, souverän. Ich war nicht nur überwältigt von der Bandbreite ihrer Themen – diese Bitch hatte zu allem etwas zu sagen! –, sondern auch von der Tatsache, dass sie über viele der Schriftsteller, Filmemacher und Künstler schrieb, die mir später viel bedeuteten. Ihre Tagebücher, die nach ihrem Tod im Jahr 2004 veröffentlicht wurden, standen in meinem Regal neben denen von Virginia Woolf und Sylvia Plath. Woolf, Plath und Sontag: Für jedes Mädchen, das sich in den Kopf gesetzt hatte, Schriftstellerin zu werden, war das der Kanon. Für eine queere Person wie mich, die schreiben wollte, sich aber nicht als Mädchen identifizierte, gewährte Sontag Einlass zu einer Pforte, von der man hoffte, sie würde existieren, die man aber nie allein gefunden hätte.

Man war auf jemanden angewiesen, die den Weg zu dieser Pforte kannte. In Sachen (kosmopolitischer) Coolness war Sontag Woolf oder Plath um Lichtjahre voraus – sie führte Beziehungen mit Lucinda Childs und Jasper Johns und Annie Leibovitz, sie hatte über Jack Smith geschrieben und Paul Thek ein Buch gewidmet. Aber was Woolf, Plath und Sontag gemeinsam hatten, war ein Vermächtnis, das über die von ihnen geschriebenen Bücher weit hinausging. Sie erlangten nicht nur Ruhm zu Lebzeiten, sondern ein echter Mythos umgibt sie fortan – mit allem, was dazugehört: ikonische Fotoporträts, Twitter-Bots, sofort wiedererkennbare Zitate, biografische Mini-Industrien, die im Schatten dieser Frauen entstanden. Ich weiß mehr über Sontags Leben – ihre Freunde, Liebhaber, denkwürdigsten Äußerungen – als über ihre Werke. Obwohl ich fast alle ihre Bücher gelesen habe, sind sie nicht immer so einprägsam wie die Mythen, die sich um sie ranken. Ihre Texte können sich anfühlen wie etwas, das man verschrieben bekommen hat, weil es gut für einen ist, obwohl es nicht unbedingt großartig schmeckt. Geschichten über sie zu erzählen macht viel mehr Spaß. Wie wär’s mit der Anekdote, dass die fünfzehnjährige Teenagerin Susan in ihrem Kinderzimmer einer Klassenkameradin die wesentlichen Gedankengänge von Kants Kritik der reinen Vernunft auseinandersetzte? In der neuen Biografie Sontag: Her Life and Work kann man sich an solchen Begebenheiten nicht sattlesen. 2 Meine derzeitige Lieblingsgeschichte: Wie Jasper Johns Sontag nach der Trennung seine Wohnung überlässt. Die Wände sind bedeckt mit Skizzen für seine Gemälde. Und Susan lässt sie alle überstreichen.

Schon vor der Publikation der neuen Biografie war die Mythenbildung um Sontag ein lukratives Gewerbe, das von Klatsch und Tratsch bis hin zu hochtrabenden exegetischen Wälzern reichte. Trotz (oder wegen) dieser publizistischen Umtriebigkeit habe ich das Gefühl, ich hätte mein ganzes Leben auf diese Lebensbeschreibung gewartet – die autorisierte, endgültige Biografie. In Sontags Tagebüchern (die 2008 und 2012 veröffentlicht wurden) gab es ungeheuer viel Neues zu entdecken: ihre endlosen Listen, die Entwürfe für ihre berühmtesten Essays, daneben peinliche Auslassungen über Liebeskummer und zerstörerischen Selbstzweifel. Die Tagebücher läuteten die nächste Phase in der Deutung ihres Werks ein, mit jeder neuen Abhandlung zu ihrem Vermächtnis mehrte sich ihr Einfluss. Es dauerte nicht lange, bis jüngere Autoren (einschließlich meiner selbst) Essays in Form von durchnummerierten Listen verfassten, ein Genre, das Sontag wenn nicht erfunden, so doch nobilitiert hat.

Unglaublicher Materialberg

Ich erinnere mich, wie aufgeregt ich war, als ich vor Jahren hörte, eine offizielle Biografie sei in Arbeit. Der Autor, so hieß es, sei Benjamin Moser, auserkoren von David Rieff, Sontags Sohn, und ihrem Agenten Andrew Wylie. Moser würde in einem Ausmaß Zugang zu Sontags Archiv erhalten wie niemand zuvor und somit Einblick in Dokumente bekommen, die noch für Jahrzehnte unter Verschluss bleiben werden. Ein großer Teil des Archivs ist bereits öffentlich zugänglich, vieles davon ist so persönlich wie dekuvrierend, weswegen es mich stutzig machte zu erfahren, dass es noch weitere vertrauliche, bislang unzugängliche Unterlagen gibt. Ich fragte mich, ob diese Archivalien mit neuen Enthüllungen aufwarten könnten, denn schon die Tagebücher nahmen noch das kleinste Detail ihrer vielen wunden Punkte unter die Lupe. Ich wollte wissen, was es mit Moser auf sich hatte, dass er derart ins Vertrauen gezogen wurde. Damals kam ich frisch von der University of California in Los Angeles (UCLA), wo ich jeden Tag zu Lehrveranstaltungen in ein Gebäude gegangen war, das sich direkt neben der Bibliothek befindet, die das Sontag-Archiv beherbergt. Selbst die Tatsache, dass ich ein stipendienfinanziertes Studium an der UCLA absolvieren konnte, war dem Einfluss von Sontag geschuldet. Ihr Lebensweg hatte mich davon überzeugt, dass auch ich es schaffen konnte.

Nun liegt die 800 Seiten starke – weit ausgreifende, sich manchmal in Details verlierende – Biografie vor: ein Werk, das Anlass zur Skepsis bietet und streckenweise enttäuscht. Zu den Umständen seines Erscheinens gehören die Plagiatsvorwürfe von Magdalena Edwards, Benjamin Moser habe für seine zuvor veröffentlichte Clarice-Lispector-Biografie Material von meist brasilianischen Wissenschaftlerinnen ohne Nennung der Quellen verwendet und führe sich Kollegen gegenüber wie ein narzisstischer Tyrann auf. 3 In der Los Angeles Review of Books schilderte Edwards, wie ihre Übersetzung eines Lispector-Romans, bei der Moser als Herausgeber fungierte, verworfen wurde, weil sie Moser zufolge zu wünschen übrig ließ. 4 Moser servierte Edwards ab, riss das Projekt an sich und machte sich prompt zum »Mitübersetzer«. Auf Twitter flackerte daraufhin kurz Unmut auf, der an #MeToo erinnerte, zumal eine andere Übersetzerin, Susan Bernofsky, ebenfalls auf Twitter von ihren Erfahrungen mit Moser berichtete und andere vom Biografen und seinem Verleger eine Stellungnahme forderten (es kam aber keine, und der Unmut hat sich seitdem allem Anschein nach gelegt).

Die Berichte über Mosers schäbiges Verhalten erreichten mich, während ich an dieser Rezension arbeitete, und ich kann nicht sagen, sie hätten mich völlig überrascht. Wenn Moser eigene Schlüsse zieht – also genau dann, wenn Einfühlungsvermögen gefragt wäre –, wird er mitunter unangenehm wertend. Das passiert gleich zu Beginn, etwa wenn Moser im zweiten Kapitel über die Eltern und die frühe Kindheit von Sontag schreibt: »Obwohl nur wenige so konsequent ihr eigenes Ding machten wie Susan Sontag, blieb sie stets auf fast schon karikaturhafte Weise das erwachsene Kind einer Alkoholikerin, mit all den damit einhergehenden Schwächen – und Stärken.« Versehen wird das Ganze mit einer Fußnote, die auf Janet Woititz’ Buch Adult Children of Alcoholics (1983) verweist. Dieser Befund wird, mehr als 400 Seiten später, mit Sontags sich über ein Vierteljahrhundert erstreckender Amphetaminsucht in Verbindung gebracht. »Das Speed«, so Moser, »verschlimmerte die Anzeichen einer Persönlichkeitsstörung, wie sie unter ›Cluster B‹ zusammengefasst werden. Zu den Symptomen gehören die Angst vor dem Verlassenwerden und das Gefühl untröstlicher Einsamkeit, das seinerseits ein unstillbares Liebesbedürfnis hervorruft; sodann unsoziale Verhaltensweisen wie Unhöflichkeit (es fällt solchen Menschen schwer, sich in andere hineinzuversetzen) und Unbeständigkeit: Stimmungsschwankungen, die Beziehungen zum Scheitern verurteilen.« Es gibt keine Fußnoten oder weiterführenden Hinweise zu dieser Passage. Cluster B, offenbar Mosers Diagnose für Sontag, fällt wie vom Himmel.

Etwa zehn Seiten zuvor wird erstmals (diesmal nicht in einer Fußnote versteckt) Woititz erwähnt, deren Buch nach Mosers Dafürhalten »wohl kaum die Aufmerksamkeit von Susan erregt« haben dürfte. An diesen (und, wie Edwards gezeigt hat, anderen) Stellen stört nicht nur der nachlässige Umgang mit Zitaten oder die Tatsache, dass Moser sich auf die intellektuelle Arbeit von Frauen stützt, ohne diese Arbeit durch Kenntlichmachung im Text ausreichend zu würdigen. Der theoretische Bombast der Passage wirkt selbstgefällig, er ist kaum mehr als ein Mittel zu dem Zweck, dem Gegenstand seiner Darstellung ein diagnostisches Narrativ aufzuzwingen, das keine Rechenschaft über seine Urteilsfindung ablegt und sich ohnehin nur Moser gegenüber rechenschaftspflichtig wähnt. Ich habe kein Problem damit, dass ein Biograf auf der Grundlage umfassender Recherchen eigene Schlussfolgerungen zieht (was sonst macht eine Biografie aus?), aber so lesen sich Mosers Ausführungen nicht. Vielmehr entsteht das Gefühl, dass sich hier jemand an fremden Sachen vergreift, auf die er selbst ein Anrecht zu haben meint, und mithin nicht nur seine Quellen, sondern das Sujet seiner Lebensbeschreibung plündert.

Moser muss in Sontag eine schier unglaubliche Materialfülle erfassen. Bevor der Essay von Edwards erschien, hielt ich solche Missgriffe für Ausrutscher – der ein oder andere Fauxpas, der einem bei der Bewältigung einer so enormen Aufgabe unweigerlich unterläuft. Fast ein ganzes Jahrhundert politischer, kultureller, künstlerischer und intellektueller Geschichte in Amerika und Europa dient als Hintergrund für das Schaffen einer Frau, die mehr als ein Dutzend belletristischer und essayistischer Bücher veröffentlichte, Filme drehte, Theaterstücke inszenierte und eine der produktivsten und umtriebigsten Figuren des 20. Jahrhunderts war. Durchwirkt ist diese Geistesgeschichte mit Sontags verwickeltem Sozial- und Liebesleben, ihrer lieblosen, schwierigen Kindheit und den Erfahrungen mit den drei verheerenden Krebserkrankungen, an deren letzter sie schließlich qualvoll zugrunde gehen sollte.

Auch wenn er sich der gewaltigen Herausforderung immer dann gewachsen zeigt, wenn er sich Sontag gegenüber nachsichtig und kritisch zugleich gibt (was eher auf seine Bemerkungen zu ihrem Werk als auf seine Einschätzung ihres Lebens zutrifft), wäre mein größter Einwand gegen diese Biografie Mosers präpotente Eitelkeit. Er ist nicht nur anmaßend, sondern gibt sich bisweilen erschreckend besitzergreifend, ohne dass ihm das auch nur annähernd bewusst wäre. Zweifellos respektiert er Sontag und ist ihr sehr zugetan, was vor allem dann zum Vorschein kommt, wenn er anderer Meinung ist als sie oder ihr skrupulös Fehler in der Argumentationsführung nachzuweisen sucht (so kreisen einige der eindringlichsten Kapitel um seine These, dass Sontags politische Einstellungen letzten Endes auf ästhetischen Prinzipien gründen). Doch wird man den Eindruck nicht los, dass Moser glaubt, Sontag nähergekommen zu sein als jeder andere, und dass er sich im alleinigen Besitz der Schlüssel zu den Geheimnissen von Leben und Werk wähnt. Allen anderen bleiben solche Geheimnisse natürlich verborgen, weswegen wir Leserinnen uns glücklich schätzen können, dass Moser sich dazu herablässt, sie mit uns zu teilen. Was für eine seltsame Pose, denn Susan Sontag ist eine der berühmtesten Schriftstellerinnen aller Zeiten. Was über sie geschrieben wurde, ist inzwischen ebenso Teil ihres Erbes wie die privaten Dinge, die sie in ihren Tagebüchern von sich preisgegeben hat. Dass Moser auf diese Vorarbeiten kaum eingeht und seinen Platz innerhalb des Sontag-Kanons nicht näher bestimmt, ist meiner Ansicht nach mehr als nur ein Versäumnis. An keiner Stelle legt er seine Herangehensweise offen, hinterfragt seine eigenen Mutmaßungen und Vorurteile oder gesteht sich ein, dass zum Wesen jeder Biografie auch gehört, bestimmte Dinge nicht zu fassen zu bekommen – Moser, so scheint es, hat mit solchen Zweifeln und Bedenken nichts zu schaffen. (Von einer Biografie dieser Größenordnung hätte ich anderes erwartet, schließlich ist Janet Malcolm eine meiner anderen Daddys.)

Verschleierte Autorschaft?

Durch die Presse ging vor allem Mosers skandalheischende Behauptung, Sontag sei die eigentliche Autorin von Freud – The Mind of the Moralist gewesen, ein Buch, das bislang ihrem Exmann Philip Rieff zugeschrieben wurde. Moser legt schlagkräftige, aber keine unumstößlichen Argumente für diese These vor, und trotzdem konnte ich gewisse Vorbehalte nicht abschütteln. Denn auch seine Lispector-Biografie wartete mit einer reißerischen Mutmaßung und dunklen Geheimnissen auf, die nur er zu lüften imstande sei. So schrieb Moser, Lispectors Mutter sei auf der Flucht vor den Pogromen in Russland von einer Gruppe russischer Soldaten vergewaltigt worden und habe sich mit Syphilis infiziert. Unter den russischen Juden war zu jener Zeit ein Aberglaube verbreitet, demzufolge eine Frau durch eine Schwangerschaft von der unheilbaren Krankheit geheilt werden könne. Aus dieser trügerischen Hoffnung heraus wurde Lispector gezeugt und musste dann zusehen, wie ihre Mutter langsam ihren zunehmenden Lähmungen erlag und einen qualvollen Tod starb, als Clarice neun Jahre alt war.

Moser ist sich sicher, dass diese Unfähigkeit, ihre Mutter zu »retten«, das Urtrauma, den Schlüssel nicht nur für Lispectors Leben liefert, sondern auch für ihr ganzes Werk. Nur so lasse sich erklären, so Moser weiter, dass Lispector Sprache und Geschichte als »Magie« empfand und sich »an die Hoffnung klammerte, sie könne etwas zur Rettung der Welt beitragen«. Dass sie mit diesem Vorhaben scheiterte, gebe wiederum Aufschluss darüber, warum sich der Begriff des Nichts wie ein Schatten über ihr Schreiben gelegt habe und so oft eine unermessliche Leere die Protagonisten in ihren Texten heimsuche.

Moser stützt die Beweisführung für seine These, dass es Sontag war, die das Buch ihres Mannes geschrieben habe, ihm dann aber die Autorschaft im Tausch gegen das Sorgerecht für ihren Sohn überließ, auf Interviews mit Sontags Sohn und ihren Freunden sowie auf Dokumente aus ihren privaten Unterlagen, darunter Briefe an ihre Familie, in denen sie sich zur Arbeit am Freud-Buch äußert. Das in Mosers Augen wichtigste Indiz ist das Exemplar des Buches, das Rieff vier Jahrzehnte später mit folgender Widmung an Sontag schickte: »Susan, Liebe meines Lebens, Mutter meines Sohnes, Koautorin dieses Buches: Verzeih mir. Bitte. Philip.« (Magdalena Edwards knüpft sich diese Erwähnung des Wortes »Koautorin« genüsslich vor: »Der Konflikt zwischen Sontag und Rieff über den jeweiligen Arbeitsanteil und die ungleiche Verteilung der Anerkennung kam mir, der Übersetzerin von The Chandelier, die zur Mitübersetzerin degradiert worden war, schmerzlich vertraut vor.«)

So wie Mosers Lispector mit allen literarischen Mitteln die Welt zu retten versuchte und doch nur scheitern konnte, muss Mosers Sontag – ob bewusst oder unbewusst – mit Haut und Haaren Freudianerin gewesen sein. Einen klaren Blick auf ihr Œuvre könne man nämlich nur durch die Brille der freudschen Theorien erlangen. Im Umkehrschluss lasse sich somit belegen, dass Sontag die eigentliche Autorin des Buches war – ein eigentümlicher logischer Zirkel. Daddy Janet Malcolm schrieb in ihrer Rezension der Biografie im New Yorker, Moser sei so »restlos von seiner These überzeugt«, »dass es an den Stellen, wo er aus The Mind of the Moralist zitiert, nur noch heißt: ›Sie schreibt‹ oder ›Sontag behauptet‹.« 5 Wenn überhaupt, ist das wohl eher ein Beweis dafür, dass der eigentliche Freudianer in diesem Buch – ob bewusst oder unbewusst – Moser selbst ist, was die Angelegenheit nicht besser macht, denn Mosers Ausführungen zu Freud erinnern an Inhaltsangaben aus der Sekundarstufe: »In Freuds System manifestieren sich Körper und Geist durch die Sprache. Die Sprache des Körpers ist Krankheit; die Sprache des Geistes ist Sprache.«

Vernichtende Urteile

In Sontag steht kein einziger rhythmisch-musikalisch gelungener Satz, was die Lektüre mühsam und holprig macht. Ab und an werden uns geistreiche Formulierungen aufgetischt – »it can only be called memoir in the baggiest sense of the word«, 6 und Moser versteht sich wahrlich auf die Kunst des gepflegten Lästerns. Wenn er über das promiskuitive Sexualverhalten unter den Studenten der University of Chicago schreibt – darunter Susan, die schon mit fünfzehn Jahren eingeschrieben war –, taucht kurzeitig auch ein gutaussehender Schürzenjäger namens Dick Lynn auf, der sich vor allem jüngere Mädchen ausguckt. Im Anschluss verfolgte – so Moser trocken – dieser »professional cherry picker« eine »Karriere im Versicherungswesen«. Sobald sich Mosers auktoriale Stimme unverfroren in das Geschehen einschaltet (ohne sich in irgendeiner Weise zu rechtfertigen), setzte ich meine Randnotizen daneben: »BM leicht nationalistisch unterwegs«, »BM versucht, Rassismus zu erklären, lol«. Es wimmelt von Pauschalisierungen, die an den Haaren herbeigezogen und alles andere als überzeugend wirken. »Doch Sontag wusste, woher der Wind des kulturellen Zeitgeistes wehte; gegen Ende der 1970er Jahre, nachdem der Feminismus seine ursprünglichen und dringlichen Ziele erreicht hatte, ging ihm ein wenig die Puste aus.« Wozu mir nur einfiel: »Ist das so, BM

Zu den faszinierendsten Themen einer Lebensbeschreibung von Sontag zählen ihr gebrochenes Verhältnis zu ihrer jüdischen Herkunft, ihrer Queerness, ihrem Körper und ihrem Geschlecht. Moser nähert sich solchen Fragen mal mit herrischer Ungeduld, mal als sorgfältiger, aber fast schon mechanisch steifer Oberlehrer. Manchmal entsteht sogar eine seltsame Mischung aus beidem. Ein Beispiel: »Sontag wusste nur allzu gut, dass sie sich als öffentlich bekennende Lesbe ins Abseits bugsieren würde.« Um das zu untermauern, wird dann der »homosexuelle Schriftsteller Edmund White« ins Spiel gebracht: »Sich zu outen brachte keinen Vorteil mit sich.« Das mag stimmen, aber Mosers Umgang mit dieser Problematik wirkt so beiläufig, als wäre das nur eines der Themen auf einer Liste, um seinen Susan-Sontag-Einführungskurs über die Bühne zur bringen. Lesbe? Check. Schweres Schicksal? Check.

Meiner Enttäuschung über eine Biografie, auf die ich so lange gewartet habe, entspricht indes ein Leitmotiv in Sontags Leben. Sie war auf quälende, zermürbende Weise enttäuscht von sich selbst, von der Welt, von ihren Freunden und Kollegen (schon die Kapitelüberschriften des Buchs deuten darauf hin: »Die Sklavin ihrer eigenen Ernsthaftigkeit«; »Kontinent der Neurose«). Auch wenn Sontag eine Schriftstellerin war, die Enthusiasmus für die Gegenstände ihrer Texte zu ihrem Markenzeichen machte, haftete ihr als Person etwas Ungeheuerliches an; sie war arrogant und fordernd. Eines meiner Lieblingsfotos von ihr stammt aus dem Porträt The Hunger Artist von Joan Acocella. 7 Sontags Augen sind vor Freude und Begeisterung weit aufgerissen, sie gestikuliert wild mit den Armen, während sie »problemlos sechs Stunden lang ununterbrochen redet«. Doch ein anderes Bild, das mir niemals aus dem Kopf gehen wird, skizziert Sigrid Nunez in ihrem Memoir Sempre Susan, 2011 erschienen, in denen man erfährt, dass Sontag als anämisches Kind, das an Migräne litt, täglich ein Glas Blut trinken musste, das ihre Mutter vom Metzger nach Hause brachte. »Wenn sie mit der Welt unzufrieden war, schlug sie um sich; sie wollte jemandem wehtun«, schreibt Nunez. »In den schlimmsten Momenten hatte ich immer dieses Bild vor meinem inneren Auge: Susan als Mädchen, das Blut aus Gläsern trinkt.« 8

Mosers Buch ist gespickt mit Sontags vernichtenden Urteilen, nicht zuletzt über sich selbst. Als sie mit der Arbeit an dem Essay On Photography fertig war, fiel sie niedergeschlagen auf ihr Bett und stöhnte, dass sie niemals an Walter Benjamin heranreichen würde. Sie war bestürzt, als J. M. Coetzee 2003 den Literaturnobelpreis gewann, weil sie nun davon ausgehen musste, dass sie ihn als damals Siebzigjährige, ebenfalls englischsprachige Schriftstellerin nie gewinnen würde. Als sie mit Mitte zwanzig ihren ersten Orgasmus mit einem Mann hatte, bemerkt sie dazu nur: »Oh Scheiße, jetzt bin ich genau wie alle anderen.« Fans wie ich, die Sontag auf Schritt und Tritt gefolgt sind, waren solche Impulse bereits vor der Veröffentlichung der Biografie geläufig. In ihren Tagebüchern sitzt sie in praktisch jedem zweiten Eintrag zu Gericht über sich selbst. Über ihr Schreiben heißt es dort: »Ein Problem: mein Schreiben ist zu dürr – ein magerer Satz folgt auf den nächsten – es ist zu architektonisch, zu diskursiv.« Nach einer Reflexion über Simone Weil notiert sie: »Mein Problem (und vielleicht die eigentliche Quelle meiner Mittelmäßigkeit): Ich wollte rein und weise zugleich sein.« Aus dem Jahr 1957, da war sie vierundzwanzig Jahre alt, stammt folgende Liste ihrer Schwächen: »Nie pünktlich / Lügen, zu viel Gerede / Faulheit / Bringe nicht den Willen auf, nein zu sagen.« Um auf solche Beispiele zu stoßen, genügt es, ihre Tagebücher auf einer beliebigen Seite aufzuschlagen. Das ist sicher ein Teil des Faszinosums Sontag: Auf der einen Seite liest man, wie sie sich ihre Faulheit zum Vorwurf macht, nur um auf der folgenden Seite eine Auflistung all der Bücher zu finden, die sie erst kürzlich wieder gelesen hat (Gertrude Stein, Kafka, Gide), Filme, die sie gesehen hat, Ideen für Geschichten und Grundrisse von Gedankengängen, in denen sie sich auf Descartes, Victor Hugo und die Heilige Theresa beruft. Ihr Streben nach einem unerreichbaren Maß an Reinheit, Weisheit und Erfolg hatte etwas Religiöses, sie war Heiland und Märtyrer zugleich. In Sontags Augen verdiente dieses Streben Bestrafung, und die Wunden, die sie sich deswegen selbst zufügte, waren ihr wiederum Ansporn.

Sie teilte aber auch gerne aus. Von mehr als einer Person in dieser Biografie wird sie als Monster bezeichnet. Acocella meint, ein Interview mit ihr zu führen, habe sich angefühlt, »als wäre man mit einem Drachen in einer Höhle«. Die Dichterin Brenda Shaughnessy brauchte eine Therapie, um die Folgen der von Missbrauch gezeichneten Beziehung, die sie mit Sontag führte, zu verarbeiten. Die abstoßendsten Passagen geben Einblick in Sontags Verhältnis zu ihrer langjährigen Partnerin Annie Leibovitz, die von den späten 1980er Jahren bis zu ihrem Tod an ihrer Seite war (und ein berühmtes Foto von ihrem Leichnam machte). 9 Susan verpasste keine Gelegenheit, ihre Beziehung sowohl im Privaten als auch in der Öffentlichkeit »auf das Heftigste zu leugnen«. Sontag demütigt und beleidigt Leibovitz in aller Öffentlichkeit, nennt sie dumm, weil sie Balzac nicht gelesen habe, und gibt sich »ganz überrascht«, dass Annie, eine der erfolgreichsten Fotografinnen der Welt, »ein gutes Auge hat«. So schnell, wie sie sich trennen, kommen sie wieder zusammen, gefangen in einem Kreislauf von Verletzung und Reue. Die gemeinsamen Freunde rücken von ihnen ab, gehen nicht mehr mit ihnen essen. Wir alle kennen solche Paare. Moser gegenüber gibt Annie zu Protokoll, Sontag wollte doch nur, dass sie, Leibovitz, sich mehr Mühe gebe und zum Positiven verändere, schließlich habe Sontag notorisch hohe Ansprüche gehabt. Es sei für sie ein Glück und eine Ehre gewesen, Susan emotional und finanziell zu unterstützen, auch und gerade während ihrer schweren Krankheit. Doch auf die Hommage folgt eine krasse Enthüllung. Moser interviewt Sontags Buchhalterin, die bezeugt, dass Leibovitz ihrer Partnerin über die Jahre durch großzügige Wohnungskäufe, Erste-Klasse-Reisen durch die ganze Welt und eine Apanage von ungefähr acht Millionen Dollar zukommen ließ. Daddy, ist das nicht ein bisschen viel?

Abneigung gegen den Körper

Ein roter Faden, den Moser im Buch immer wieder aufnimmt, ist Sontags Abneigung gegen ihren eigenen Körper, aus der heraus ich mir ihre verinnerlichte Misogynie, Homophobie und ihren Ableismus erkläre (Moser verwendet diese Worte nicht). Der zentrale Konflikt des Buchs besteht darin, dass Sontag ihr ganzes Leben lang mit ihrer Queerness hinterm Berg hielt, obwohl alle ihre Freunde davon wussten. Viele von ihnen zeigten irgendwann kein Verständnis mehr für ihren Unwillen, sich zu outen, es lag doch offen zutage. (Ich muss an der Stelle aber auch an Wayne Koestenbaum denken, der in dem Dokumentarfilm Regarding Susan Sontag sagte: »Muss jemand, der Notes on ›Camp‹ geschrieben hat, sich wirklich noch outen?«) Es bleibt aber schmerzlich, dass eine solche Ikone der queeren Community nie den öffentlichen Schulterschluss gesucht hat. Es sind die einzigen Stellen in der Biografie, an denen Moser sich mit seinen eigenen Wünschen und Enttäuschungen aus der Deckung wagt. Er stört sich zu Recht an der hölzernen Sprache und dem abstrusen Stil von Sontags 1989, auf dem Höhepunkt der Aids-Krise, erschienenem Essay AIDS und seine Metaphern. »Die Weigerung, die Dinge beim Namen zu nennen – ›der Körper‹ statt ›mein Körper‹ – war ein falscher Trost und Teil der scheinheiligen Atmosphäre von Schweigen und Scham.«

Moser entdeckt in Sontags Archiv Notizen, die verraten, dass Notes on »Camp« anfänglich den Arbeitstitel »Notizen zur Homosexualität« trug. Ein ganzes Kapitel befasst sich mit einer Passage aus ihrem Tagebuch mit dem Titel »The Bi’s Progress«, in der sie ihre zahllosen Versuche festhält, heterosexuell zu werden (es liest sich erbärmlich). Acocellas Porträt sollte Sontag die Gelegenheit bieten, sich schließlich doch noch offiziell zu outen, aber Sontag sträubte sich und meinte nur barsch: »Dass ich auch Freundinnen hatte und nicht nur Freunde, ist was? Ist etwas, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es aussprechen müsste, da es mir wie das Natürlichste auf der Welt vorkommt.« Moser zitiert Acocella, die sich erinnert, wie der Mann, der das Gespräch transkribierte, »ein Mann, der mit seiner Homosexualität offen umging«, in Tränen ausbrach, als er das hörte.

Moser führt das auf Sontags angespanntes, distanziertes Verhältnis zu ihrem eigenen Körper zurück. Sontag fühlte sich auf fast schon surreale Weise abgekoppelt, wenn sie ihre eigene Subjektivität und die von anderen betrachtete. In ihren Tagebüchern schreibt sie über eine Exfreundin: »Irene ist keine Fiktion« – als versetze sie dies in Erstaunen. Aber auch hier richtet Sontag ihren Blick schonungslos auf sich selbst. Sie versucht, ihre eigene »Faszination (ja fast schon Obsession) für das Thema des psychologischen Vampirismus« zu verstehen, und schreibt: »Irene, die Autorin, Gönnerin + damit Garantin meines neuen Daseins. Meine Panik, als sie mir die Unterstützung aufkündigte. Meine tiefe Überzeugung, dass sie mich weiterhin unterstützen muss, um mir zu zeigen, dass ich es wert bin«. 10 In Mosers Einleitung, die das gesamte Geschehen im Buch rahmt, wird Sontag dahingehend zitiert, dass ein Zweck der Literatur darin bestehe, uns bewusst zu machen, dass »›andere Menschen, Menschen die anders sind als wir, wirklich existieren‹. Andere Menschen gibt es wirklich. Es ist erstaunlich, dass jemand zu solch einer Schlussfolgerung kommt, sich zu einer solchen Schlussfolgerung erst durchringen muss.«

Moser sammelt mehr als genug Anschauungsmaterial für Sontags Tagebucheintrag aus dem Jahr 1960: »Ich habe schon immer gerne so getan, als sei mein Körper nicht da.« Mithilfe ihrer Listen mahnt sie sich regelmäßig zu gründlicherer Körperpflege. Zum täglichen Waschen muss sie sich zwingen, wobei sie in Klammern anmerkt, dass in diesem Bereich »in den letzten sechs Monaten bereits große Fortschritte erzielt wurden«. Viele der Freunde und Liebhaber, die für das Buch interviewt wurden, bestätigen, wie kindlich sie war; sie aß nicht, es sei denn, jemand bereitete ihr etwas zu essen, sie blieb zu lange auf und machte mehrere Tage durch, um einen Text fertig zu bekommen, ohne sich auch nur einmal die Zähne zu putzen. Eine bemerkenswerte Passage beschreibt, wie bei der neunzehnjährigen Susan mitten in der Nacht die Wehen einsetzen. Sie war völlig perplex, als sie aufwachte, und dachte zunächst, sie hätte ins Bett gemacht. Als ihr Ehemann Philip ihr erklärte, dass ihre Fruchtblase geplatzt sei, »hatte sie nicht den blassesten Schimmer, was dieser Satz bedeutete«. Während ihrer gesamten Schwangerschaft hatte sie nicht ein einziges Mal einen Arzt konsultiert. Als im Krankenhaus die Wehen stärker wurden, »konnte sie nicht verstehen, warum es so schmerzhaft war«. Ich musste plötzlich an die »anderen« im Titel eines ihrer einflussreichsten Bücher denken: Das Leiden anderer betrachten. Und daran, dass sie in Krankheit als Metapher an keiner Stelle erwähnt, dass sie selbst Krebs hatte.

Die anzüglichsten Szenen im Buch erzählen von dem Sadomasochismus, den sie ihren Liebhabern, auch Annie gegenüber, an den Tag legte – ein Verhaltensmuster, das ihre kalte, unnahbare Mutter ihr vorlebte, für Susan ein absolutes Monster. Ich glaube nicht, dass mir je das Bild von Sontag aus dem Kopf gehen wird, auf dem sie zu Füßen ihrer Geliebten Anna Carlotta del Pezzo kniet, einer Herzogin, die »mit der Wirklichkeit nicht gerade per Du« war (da ist es wieder, Mosers tödlich genaues Händchen für Gemeinheiten). »Es gab nur zwei Menschen«, erinnert sich ein Freund, »denen Susan buchstäblich zu Füßen lag. Wenn sie in einen Raum käme und eine dieser beiden Personen wäre da, dann würde sie genau hier auf dem Boden sitzen: Hannah Arendt und Carlotta.« Was für eine Szenerie: Susan Sontag kniend zu Füßen von Arendt und einer Herzogin, die, glaubt man dem Biografen, »wahrscheinlich in ihrem ganzen Leben noch nie ein Buch gelesen hatte«. Es gibt viele solcher schrägen Charaktere, die unvergesslichen Momenten die Bühne bereiten. Besonders angetan hat es mir Harriet Sohmers, eine temperamentvolle Liebhaberin von Sontag aus den 1960er Jahren, die genau wie Sontag in María Irene Fornés verliebt war – kein Wunder, denn, O-Ton Sohmers, »Irene konnte einen Stein zum Abspritzen bringen«. Da ist Camille Paglia, die durchs Bild winselt, eine launische Schmeichlerin, die sich schwarz ärgert, dass Susan nicht begreifen will, dass sie, Paglia, Sontags Thronfolgerin ist. Als sie in einem Interview nach Paglia gefragt wird, erwidert Sontag, die ultimative Diva, sie habe noch nie von ihr gehört. Oder Joseph Brodsky, der beim Fernsehgucken in Sontags Wohnzimmer Präsident Nixon emsig applaudiert. Oder der Schauspieler Warren Beatty, der Susan fünfhundert Mal am Tag anruft, weil er sich Hals über Kopf in sie verliebt hat. Susan lässt das Telefon drei Stunden lang ununterbrochen klingeln. Ein anderes Mal sagt ein weiblicher Fan zu Susan, sie sei eine ihrer zwei Lieblingsschriftstellerinnen; die andere sei Ayn Rand.

Unfassbar auch, dass Sontag 1975, als bei ihr das erste Mal Krebs diagnostiziert wurde – sie war damals bereits »Susan Sontag«, der Inbegriff von Hochkultur und intellektuellem Erfolg, saß in der Jury der Filmfestspiele von Cannes, hatte bereits vier Bücher veröffentlicht, zwei davon Bestseller –, keine Krankenversicherung hatte. Ihre Behandlung kostete 150 000 Dollar, was heute mindestens 700 000 Dollar entspräche. Sie konnte die Rechnung nur begleichen, indem sie zum Telefon griff und Freunde bat, für sie einzuspringen: Crowdfunding avant la lettre. Mich deprimierte diese Information. Wenn nicht einmal Susan Sontag eine Krankenversicherung hatte, als sie krank wurde, wie steht es dann um den Rest von uns? (Einen Großteil der Kosten für ihre spätere Krebsbehandlung hat Leibovitz übernommen.)

Kraft eigenen Geistes

Mosers Biografie ist vor allem in den Abschnitten, die Sontags Krankengeschichte rekonstruieren, keine leichte Kost. Ungeachtet all dessen, was sie in Krankheit als Metapher schrieb, war Sontag selbst der ableistischen Vorstellung verfallen, dass man sich allein kraft seines Geistes einen Weg aus der Krankheit bahnen könne und müsse. Wer die Krankheit nicht überwindet und vollständig geheilt aus dieser Erfahrung hervorgeht, hat »versagt«. (Als eine ihrer ältesten Freundinnen, die schon in der Vergangenheit an Depressionen litt, Selbstmord begeht, sagt Sontag, nachdem sie den Leichnam identifiziert hat: »Nun hat sie es endlich getan – diese dumme Frau.«) Den Körper zu »verleugnen«, schreibt Moser, »bedeutet auch, den Tod zu verleugnen«, und Sontag tat dies »mit einer Verbissenheit«, die ihr eigenes Sterben »unnötig grausam machte«. Sie glaubte buchstäblich daran, dass »ein starker Geist letzten Endes über den Tod triumphieren könnte«.

Ging sie in The Bi’s Progress nicht von einem ähnlich fehlgeleiteten Bestreben aus, sich durch bloße intellektuelle Willensanstrengung von ihrem queeren Körper befreien zu können? Nun war das Ziel eben, Krankheiten zu überlisten. Die gesellschaftlichen Konstruktionen von Behinderung und Weiblichkeit bedingen sich gegenseitig – Behinderte und Kranke werden als »schwach« angesehen und in die Privatsphäre verbannt; sie brauchen Pflege, eine historisch feminisierte Arbeit –, und obwohl sie in ihren Schriften angeblich viel getan hat, um der Stigmatisierung von Krankheiten ein Ende zu setzen, hat Susan Sontag diese destruktive Ideologie in ihrer Art zu leben letztlich weiter verfestigt. Erst wenn man sie tagein, tagaus lebt, können Ideologien im Guten wie im Schlechten Wurzeln schlagen. Aber Sontags verinnerlichter Ableismus lässt sich eben auch als eine weitere Ausprägung der Verleugnung ihrer Körperlichkeit deuten, die der gleichen Quelle entspringt wie ihre verinnerlichte Homophobie und ihre Frauenfeindlichkeit. Alle drei scheinen mir das Resultat einer großen Unzufriedenheit mit sich selbst, einer grundlegenden Enttäuschung, die ihr Wesen ausmacht. Noch das größte Wohlwollen lässt die Krankengeschichte in Sontag nicht weniger tragisch erscheinen. Auf den letzten hundert Seiten ist mein Exemplar von traurigen Gesichtern übersät, die ich hinter die Zeilen setzte.

2008 veröffentlichte Susan Sontags Sohn David Rieff sein Memoir mit dem Titel Swimming in a Sea of Death, in dem er den qualvollen Tod seiner Mutter beschreibt. 11 Rieff richtet sein Augenmerk auch auf Sontags Überzeugung, ein Ausnahmemensch zu sein – eine Überzeugung, die durchaus fundiert ist. Ihr Intellekt und ihre Hartnäckigkeit machten sie zu einem außergewöhnlichen Menschen, und zwei Mal hatte sie den Krebs gegen alle Wahrscheinlichkeit besiegt. Sie war sich so sicher, auch die dritte Diagnose zu überstehen (die Leukämie war von der zweiten Krebsbehandlung verursacht worden), dass es für sie überhaupt nicht in Frage kam, ihrem eigenen Ende ins Auge zu sehen. Zudem könne sie gerade nicht sterben, erklärte sie, da sie doch noch so viel zu tun habe. (Gegen Ende ihres Lebens grenzte sie sich von ihrem früheren Wirken ab, um belletristische Texte zu schreiben: »Essays! Pah! Vergesst die Essays! Ich schreibe jetzt Romane. Damit beginnt ein ganz neues Leben. Und es wird großartig.«) Rieffs schmales Bändchen, das nicht einmal zweihundert Seiten zählt, gehört zu den besten Texten über Sontag. Er bringt ihr Naturell wie kein anderer auf den Punkt. Immer wenn mir Mosers Prosa zu zäh wurde, schlug ich mein abgegriffenes Exemplar von Rieffs Buch wieder auf. »Für jemanden, der in die Vergangenheit verliebt war oder sich mit den großen Errungenschaften der Vergangenheit und ihren Schöpfern identifizierte – in gewisser Weise bestand sie ganz und gar aus dem, was sie bewunderte –, war meine Mutter erstaunlich unempfänglich für Nostalgie.« Die eingeschobene Sentenz ist eine der treffendsten Charakterisierungen Sontags, die mir untergekommen sind.

Rieffs einfühlsame Darstellung der Zeit, in der seine Mutter, gezeichnet von der Leukämie, im Sterben lag, und beide, Mutter und Sohn, sich einer grotesken Verleugnung ihres Zustands hingaben, gehört zu den erschütterndsten Dingen, die ich je gelesen habe. Rieff konfrontiert sich mit der Frage, ob er ihr Leiden noch verschlimmert hat, indem er seiner Mutter bei ihrer verzweifelten Suche nach Hoffnung Gesellschaft leistete. Er überlegt, ob Schuld vielleicht das Einzige ist, was Hinterbliebene empfinden können. Er wünscht sich, er hätte an ihrer Stelle sterben können, und macht sich Vorwürfe, ihr überhaupt Hoffnung gemacht zu haben. Als Leser zu wissen, dass Sontags Beziehung zu ihrem einzigen Kind zudringlich und überfordernd war (»Ich identifiziere mich zu sehr mit ihm, ihn zu sehr mit mir selbst«), macht Rieffs Memoir umso schmerzlicher, denn seine bohrende Selbstbefragung schreibt die Familientradition der Selbstbestrafung fort. In seinem Freudianismus kommt auch Moser darauf zu sprechen. Aus einer Passage, in der ihr Freund Stephen Koch zitiert wird, erfahren wir, dass Sontag »jemanden brauchte«. Und »dieses Bedürfnis richtete sich auf geradezu verstörende Weise auf David. Sie stellte sicher, dass er ihr nicht entkommen konnte.« Als er versuchte, sich ihrem Zugriff zu entziehen, sagte sie: »Ich werde ihm einen Schritt voraus sein.«

Es ist fast schon unheimlich, nach Sontag erneut Rieff zu lesen, dessen Ton in seiner anspruchsvollen Autorität dem seiner Mutter ähnelt. Als ich die achthundert Seiten lange Biografie hinter mir hatte – ein trauriges, aufwühlendes Porträt einer zutiefst unsicheren, auf komplizierte Weise unglücklichen und dennoch unermüdlich faszinierten und faszinierenden Persönlichkeit –, kehrte ich zu einem Satz in Rieffs Memoir zurück: »Ich bezweifle stark, dass ›Hoffnung‹ … jemandem, der versucht, seine Gedanken und Gefühle angesichts des eigenen Verschwindens zu ordnen, irgendetwas bieten kann.« Für eine Person, deren Antrieb im Leben ein unendliches Staunen und eine furchtbare Angst vor dem Gewöhnlichen und Mittelmäßigen war, musste das Konzept des Verschwindens, das uns allen bevorsteht, ein Gräuel sein. »Sie starb einen Tod«, so Rieff, »von dem sie wohl irgendwann zu glauben angefangen hatte, dass ihn nur andere Menschen sterben, die an Krebs erkrankt sind – einen Tod, bei dem Wissen nichts zählt, bei dem der Wille zu kämpfen nichts zählt.« Gegen Ende ereignet sich eine herzzerreißende Szene: »Kurz bevor sie starb, wandte sie sich an eine der Schwesternhelferinnen – eine großartige Frau, die sich um sie wie um ihre eigene Tochter kümmerte –, sagte: ›Ich werde sterben‹ und begann zu weinen.« Ihre letzten Worte sind an David gerichtet, ein unvollendeter Satz: »Ich möchte dir sagen …«.

Aus dem Englischen von Birthe Mühlhoff

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Susan Sontag, Im Zeichen des Saturn. Aus dem Englischen von Werner Fuld, Karin Kersten, Kurt Neff, Mark W. Rien u. Jörg Trobitius. München: Hanser 1981.
  2. Benjamin Moser, Sontag: Her Life and Work. New York: Ecco 2019.
  3. Benjamin Moser, Clarice Lispector. Eine Biografie. Frankfurt: Schöffling 2013 (Why This World. A Biography of Clarice Lispector. Oxford University Press 2009).
  4. Magdalena Edwards, Benjamin Moser and the Smallest Woman in the World. In: Los Angeles Review of Books vom 16. August 2019 (lareviewofbooks.org/article/benjamin-moser-and-the-smallest-woman-in-the-world/).
  5. Janet Malcolm, Susan Sontag and the Unholy Practice of Biography. In: New Yorker vom 23. September 2019 (www.newyorker.com/magazine/2019/09/23/susan-sontag-and-the-unholy-practice-of-biography).
  6. Der Autor spielt mit dem Ausdruck »in the broadest sense of the word« (»im weitesten Sinne des Wortes«) und mit »baggiest« (»am weitesten«, bezogen auf Kleidung): »Memoiren kann man das nur im maximal ausgeleierten Sinne des Wortes nennen.« Womöglich steht auch Henry James’ berühmte Formulierung »loose baggy monsters« für Romane des 19. Jahrhunderts im Hintergrund (A.d.Ü.).
  7. Joan Acocella, The Hunger Artist. In: New Yorker vom 6. März 2000 (www.newyorker.com/magazine/2000/03/06/the-hunger-artist).
  8. Sigrid Nunez, Sempre Susan. A Memoir of Susan Sontag. New York: Atlas & Co. 2011.
  9. Vgl. Ina Hartwig, Reproduktionsmedizin als Metapher. Auf den Spuren Susan Sontags. In: Merkur, Nr. 791, April 2015.
  10. Susan Sontag, Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Tagebücher 1964–1980. Hrsg. v. David Rieff. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. München: Hanser 2013.
  11. David Rieff, Tod einer Untröstlichen. Die letzten Tage von Susan Sontag. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. München: Hanser 2009.

2 Kommentare

  1. Ralph Eue sagt:

    Ein einziger Einwand gegen die ansonsten zuverlässig und umsichtig erscheinende Übersetzung des Johanna Hedva-Textes durch Birthe Mülhoff: David Rieffs Buch „Tod einer Untröstlichen. Die letzten Tage von Susan Sontag“ als Memoiren zu bezeichnen, ist als Genrebezeichnung sehr unzutreffend. „A son’s memoir“, so der Untertitel der amerikanischen Ausgabe sind „Die Erinnerungen eines Sohnes“. Eine schmale gleichwohl dichte Arbeit, die als etwas komplett Anderes daher kommt als es Memoiren tun. Denn Memoiren sind ja meist dickleibige und irgendwie staatstragende Unternehmungen und selten unter 600 Seiten zu haben (etwa Churchill [allein der Teil über den Zweiten Weltkrieg hat 1.100 Seiten] oder Speer [600 Seiten] oder de Gaulle [fünf Bände]. Auch Lanzmann [700 Seiten]). Und der Memoirenschreiber ist die Sonne, die im Zentrum eines Planetensystems steht. Rieffs Erinnerungen an seine Mutter und sein sehr direktes (wenig verallgemeinerndes) Erleben ihres Sterbens sind knapp und konzentriert, ein fast trockener Zeugenbericht – und insofern eben keine ‚Memoiren‘. Es ist, um einen Vergleich aus der Kriegsmarine zu bemühen, als würde man eine wendige Fregatte mit einem schwerfälligen Flugzeugträger verwechseln. Aber das ist nur eine Petitesse, gut dass es diesen Text auf Deutsch gibt!

    1. Redaktion Merkur sagt:

      Danke, das ist ein berechtigter Hinweis – das gilt darüberhinaus auch für das Buch von Nunez. Ist jetzt hier zu „Memoir“ geändert, das ist ja auch im Deutschen inzwischen die Gattungsbezeichnung für diese Sorte erinnernder Literatur.

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