Von Ameisen und Menschen. Mark W. Moffetts »Was uns zusammenhält«

Der US-amerikanische Tropenbiologe Mark W. Moffett hat ein umfangreiches Werk vorgelegt, in dem er der Frage nach der Entstehung, der Stabilisierung und dem Vergehen von sozialer Ordnung in tierischen und menschlichen Sozialverbünden unterschiedlicher Größe und Art nachgeht. 1 Statt des Wortes »Sozialverbünde« das Wort »Gesellschaften« einzusetzen, wäre auf den ersten Blick vielleicht naheliegend gewesen. Es wird noch deutlich werden, warum es zunächst besser ist, dem eher neutral-distanzierten Begriff des »Sozialverbunds« den Vorzug zu geben vor dem theoretisch, normativ und emotional stark überlagerten Begriff der »Gesellschaft«. Letzterer wird im Allgemeinen eher für menschliche Sozialverbünde benutzt. Moffett macht aber im Prinzip keinen Unterschied zwischen tierischen und menschlichen Sozialverbünden. Dies ist mit Gewinnen, aber auch mit Verlusten verbunden.

Der Originaltitel des Bands lautet The Human Swarm. How our Societies Arise, Thrive, and Fall. Weder der englische noch der deutsche Titel macht hinreichend deutlich, dass es in dem Buch hauptsächlich und vor allem um Tiergesellschaften geht, also nicht dominant um den human swarm beziehungsweise um Sozialverbünde von Menschen oder gar um die Menschheit. Zugleich bildet die Untersuchung von zahllosen kleineren und größeren Tiersozietäten die Basis für Moffetts Erkenntnisse und Thesen über die Geschichte und aktuelle Lage der Gesellschaftsbildung bei diesen doch etwas besonderen Tieren, den haarlosen Zweibeinern mit dem vergleichsweise großen Gehirn, den Menschen.

 

Die leitende Botschaft ist: Anders als Tiersozietäten bilden Menschen nicht nur Klein-, sondern auch mittelgroße und sehr große Sozialverbünde, also Clans, Dörfer, Städte, Staaten, Nationen, Reiche. Menschen können mehr oder weniger problemlos und angstfrei in Großgesellschaften leben, ohne jedes einzelne Mitglied persönlich zu kennen. Das können Schimpansen und Bonobos nicht; sie fühlen sich nur sicher im Umfeld ihrer Horde, von der sie jedes einzelne Mitglied persönlich kennen. Auch einander fremde Menschen erkennen sich an bestimmten sozialen Markern. Sind die Marker passend, ist persönliche Vertrautheit nicht nötig. Soziale Marker können alle Signale sein, die einem deutlich machen, dass man Gemeinsamkeiten mit dem Fremden hat – der dann eben kein Fremder mehr ist.

Individuen mit anderen Markern aber bleiben Fremde und werden unter Umständen schnell Feinde. Bei anderen, fremden Markern muss man dann vorsichtig sein. Neue Gesellschaftsmitglieder (Kinder, Migranten, andere Neuhinzukommende) übernehmen die üblichen Marker eines Sozialverbands durch Sozialisation. Fremde können hineingenommen werden; sie bleiben aber sehr oft gewissermaßen restfremd. Eine bestimmte Tierart kann jedoch ebenfalls Großgesellschaften bilden, ohne sich individuell kennen zu müssen: Ameisen. Ihr Marker ist der Geruch. Sie kennen strikte Arbeitsteilung, sie besetzen riesige Gebiete, ihre Völker über viele Jahre stabil – und bekämpfen todesverachtend an ihren territorialen Grenzen diejenigen Ameisengesellschaften, deren Einzelexemplare anders riechen.

Abstrakter formuliert lautet Moffetts Botschaft: Was uns Menschen zusammenhält, sind die Anderen, von denen wir uns trennen. Wir halten zusammen, wenn und weil wir uns von anderen unterscheiden. Manchmal machen wir diese Unterschiede stark, manchmal stellen wir sie zurück. Das können Ameisen nicht. Wir werden und bleiben wir, weil und solange es die anderen gibt. Manchmal reden wir mit den anderen, manchmal arbeiten wir zusammen, manchmal heiraten wir ihre Töchter, manchmal schlagen wir sie tot. Nach Moffett wird sich das im Prinzip nie ändern.

Der deutschsprachige Band hat insgesamt 683 Seiten, davon 543 Textseiten, 7 Seiten Danksagungen, 56 Seiten Anmerkungen und 72 Seiten Literaturhinweise. Insgesamt werden von Moffett etwa 1200 einzelne Literaturtitel herangezogen. Die zitierte Fachliteratur liegt in den Feldern der Verhaltensforschung bei Tier und Mensch, der Entomologie und der Historischen Anthropologie, der ethnologischen Forschung sowie der Sozialpsychologie von Fremdheit, Vertrauen und Konflikt. Aus der Soziologie werden nur sehr wenige Titel zitiert: alte und neue Klassiker wie Emile Durkheim, Georg Simmel, Thomas H. Marshall, Peter L. Berger, Thomas Luckmann, Charles H. Cooley, Clifford Geertz und Ernest Gellner. Aber kein Auguste Comte, kein Talcott Parsons, kein Robert K. Merton, kein George Herbert Mead, kein Erving Goffman, kein Herbert Blumer, kein Lewis Coser, kein David Riesman, kein Max Weber, kein Ferdinand Tönnies, kein Helmuth Plessner, kein Pierre Bourdieu, kein Ralf Dahrendorf und kein Niklas Luhmann.

Davon einmal abgesehen, bemüht sich Moffett um eine möglichst umfassende und detaillierte wissenschaftliche Abstützung seiner Argumentationen in der entsprechenden Fachliteratur. Mark Moffett ist ein sehr angesehener Experte der Verhaltensforschung, insbesondere zu Fröschen und Ameisen, und hat zahlreiche Veröffentlichungen zu diesen Themen vorgelegt. Er wurde von Edward O. Wilson, dem Begründer der Soziobiologie, gefördert und gilt als eine Art enfant terrible der Tropenbiologie und Entomologie; von der National Geographic Society wurde er ironisch-bewundernd als der »Indiana Jones der Entomologie« bezeichnet.

Seiner Rolle als »wilder Mann« wird er als Autor durchaus gerecht, denn keineswegs referiert er, gestützt auf einen gewaltigen Fundus, in staubtrockener Weise die jeweils relevante Fachliteratur, auch wenn er sich kontinuierlich auf Quellen stützt. Es ist ein intellektuelles Vergnügen, immer wieder ausführlich in der Literaturliste zu stöbern und allein schon die fantasievollen Titel der englischsprachigen Fachliteratur zu bestaunen. Moffetts Schreib- und Argumentationsstil ist insgesamt eher locker, häufig erzählend und auch mäandernd, aber im Wesentlichen sehr konzentriert und systematisch. So wird zu Beginn von Kapiteln eine Vorausschau auf das Kommende gegeben und am Ende von Kapiteln wird rekapituliert sowie zum nächsten Kapitel übergeleitet. So gehört es sich.

Das Problem ist nun: Moffett schreibt über tierische und menschliche Gesellschaften. Dort, wo er über menschliche Gesellschaften schreibt, tut er dies, ohne auf den Stand der Erkenntnisse in der Soziologie, ohne auf deren Forschung und Diskussion über die Entstehungsbedingungen von menschlichen Sozialverbünden einzugehen. Dort, wo er über frühmenschliche Entwicklungsstadien oder über die Kulturen indigener Völker der Gegenwart (Australien, Afrika, Südamerika) schreibt, stützt er sich breit und sehr gut nachvollziehbar auf die entsprechende fachliche Forschung etwa der Ethnologie. Wo er den Übergang von den Jägern und Sammlern zu sesshaften sozialen Einheiten und deren quantitatives und qualitatives Wachstum zu Städten, Stadtstaaten, Nationen und Weltreichen thematisiert, bezieht er sich ebenfalls auf die entsprechende Fachforschung. Wo er jedoch über moderne Gesellschaften schreibt, ignoriert er die Soziologie. Soziologische Theorien und Theoriedebatten über die soziale Evolution der menschlichen Gesellschaften ignoriert er ebenfalls. Er schreibt als Ameisenforscher über Insekten-, Wirbeltier- und Primatengesellschaften – und eben auch über die Sozialverbünde des homo sapiens.

Dabei ist seine Ausgangfrage – wie ist sozialer Zusammenhalt, wie ist soziale Organisation bei Tieren und schließlich bei den Menschen möglich? – schon immer die Ursprungs- und Grundfrage aller Soziologie. Wie und warum gelingt Handlungskoordination im Kleinen wie im Großen (nicht)? Warum fallen wir nicht ständig alle übereinander her, sondern halten es miteinander aus? In dieser systematischen Nichtbeachtung der Soziologie liegt eine zentrale Schwäche, aber zugleich vielleicht auch eine große Stärke des Buchs, denn es kommt zwar zu Trivialitäten, aber eben auch zu wunderbaren soziologischen Unverfrorenheiten.

Indem Moffett über ein genuin soziologisches Thema schreibt und dabei gar nicht auf Soziologie eingeht, schreibt er natürlich doch und eben gerade dadurch eine Soziologie. Und diese stille Soziologie in Moffetts Text ist meines Erachtens keine gute Soziologie. Zur Verdeutlichung: Man stelle sich vor, ein Soziologe schriebe über die Gesellschaften großer (Elefanten) und kleiner Tiere (Ameisen), ohne auf die entsprechende Fachforschung einzugehen.

Gemeinschaft und Gesellschaft

Die Begriffe Gemeinschaft, Gesellschaft, community, Sozialverband, Horde, Clan, Rotte etc. gehen in dem Band manchmal wild durcheinander – nicht nur ein Übersetzungsproblem. Vor allem die Beachtung der (in der deutschen Soziologie) traditionsreichen Unterscheidung von Gesellschaft und Gemeinschaft (Tönnies) sowie von Privatheit und Öffentlichkeit (zum Beispiel Plessner) wäre sehr wichtig gewesen. Dafür umso mehr: Affen- und Primatengesellschaften, menschliche Urgesellschaften und Naturvölker (wunderbar zu lesen!). Der komplexe, viele Zwischenformen aufweisende Übergang von Sammler-und-Jäger-Formationen zu zunächst kleineren und dann größer werdenden agrarisch-sesshaften, dann Städte und Staaten bauenden Formationen wird sehr gut verdeutlicht, auf der Ebene der größeren, umfassenden Sozialformationen allerdings eher mit breitem, großzügig-lässigem Pinselstrich.

Die Konstruktion von Gemeinsamkeit mit anderen kann auf einer Skala von ganz klein bis ganz groß stattfinden: Mein neuer Nachbar ist auch Rennradfahrer – wird also ein guter Kerl sein. Aber es gibt immer die Anderen, die mir fremd sind, die mir fremd gemacht werden. Auch hier gilt das Bild vom sich aufschaukelnden Aufbau negativer Marker: Der neue Nachbar ist Heavy-Metal-Fan – muss wohl ein primitiver Mensch sein; die SUV-Fahrer – alles reiche Ignoranten mit zu kleinem Penis. Der neue Kollege – ein Veganer! Kann man nicht Heavy Metal und SUVs verbieten? Darf man Veganer missionieren?

Das ist die Ebene des ganz Kleinen. Auf der Ebene des ganz Großen sind die Mitglieder von Großgesellschaften und (künstlich erzeugten) Riesengemeinschaften, wenn es sehr unglücklich läuft, dazu bereit, Zehntausende »Andere« umzubringen oder umgekehrt zu Zehntausenden für die Idee des jeweiligen Staats, der Rasse, der Religion oder der Essensvorschrift zu sterben. Fast wie die Ameisensoldaten, die an den Grenzen des Territoriums ebenfalls zu Zehntausenden sterben.

Die in der Fachsprache der (klassischen) deutschen Soziologie bekannte Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft (Tönnies) ist auch von Bedeutung für die Unterscheidung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. In Gemeinschaft, vor allem in der Familie (das schließt Großfamilien und assoziierte Personen mit ein) oder auch im Freundeskreis, ist man privat, wird ganzheitlich wahrgenommen, gehört dazu, kann sich in der Regel auf die Anderen innerhalb der Gemeinschaft verlassen. Gemeinschaften werden als natürliche Verbünde erlebt. Man entscheidet sich nicht, dazuzugehören; man gehört irgendwie immer schon dazu. Es herrscht mechanische Solidarität (Durkheim) – mitsamt all ihren Zwängen. Hier gilt ein gewisses Authentizitätsgebot, natürlich eng gestaffelt um Familie, engeren Feindeskreis und weiteren Freundeskreis herum.

Fremde können nicht einfach entscheiden dazuzugehören; vielmehr entscheidet die Gemeinschaft, wen sie dazurechnen will. Aber immerhin können Fremde dazukommen oder dazugenommen werden: Sie werden beobachtet und »beschnuppert«, sie beobachten umgekehrt, wie sie beobachtet und behandelt werden, passen sich an, werden vielleicht zögerlich, aber dann doch erkennbar akzeptiert und adaptieren sich weiter.

So muss es aber nicht laufen. Es kann auch zu Abstoßungs- und Ausschließungsprozessen kommen, und zwar ausgehend von beiden Seiten. Die Gemeinschaft entscheidet darüber – stillschweigend-undurchsichtig oder durch symbolische Akte oder offene Entscheidungen. Oder aber viele Fremde bilden eine spezielle Untergemeinschaft innerhalb der Gemeinschaft und spalten sich womöglich mehr oder weniger stark ab.

In Gemeinschaft ist man ganzer Mensch, in kleinen Gemeinschaften ist man intim. Gemeinschaft ist eng; wir verbinden sie mit einer gewissen Privatheit. In der Öffentlichkeit, in der Gesellschaft ist man dagegen Rollenträger, wird gerade nicht als spezifisches Einzelindividuum in seiner Ganzheit angenommen, sondern eben als Berufstätiger, Wahlbürger, Passant in einer Menge, als weiterer Gast im Café, als Verkehrsteilnehmer etc. Hier muss man nicht authentisch sein – sollte es vielleicht auch gar nicht, und schon gar nicht darf man intim werden. Man hält sich einfach an die mehr oder weniger präzisen, mehr oder weniger stark sanktionierten Rollenvorschriften, die mit den jeweiligen Positionen assoziiert sind. Nur weil man sich nicht echt, ganzheitlich und authentisch begegnet, funktioniert soziales Miteinander in Anonymität. Das hat jedoch gerade nichts mit Kälte und Verachtung gegenüber den Anderen zu tun, sondern schützt vor zu viel Unmittelbarkeit: Es ist die »Hygiene des Taktes«, wie Plessner in Grenzen der Gemeinschaft schreibt.

Diese durch die Moderne entstehende anonyme Stadtsituation stellt prototypisch den Übergang von der ländlich-agrarischen zur städtischen Massengesellschaft der industriellen Moderne dar. An diesem Übergang entsteht zugleich die soziologische Grundfrage: Wie ist Gesellschaft möglich? Was hält die lonely crowd zusammen (David Riesman)? Denn diese stark binnendifferenzierte Massengesellschaft stellte die menschlichen Sozialverhältnisse sehr gründlich um; sie ist auch nicht mit den antiken und früheren despotischen Großreichen zu vergleichen. Allerdings: Trotz dieser Umstellung bestanden und bestehen bis heute traditionelle Gemeinschaften auf den unteren Ebenen des sozialen Gebäudes weiter, die neuen, modernen Vergesellschaftungsformen kamen hinzu, und einige wenige breiteten sich fast über den ganzen Erdball aus.

Moffett übergeht diese in der europäischen und amerikanischen Soziologie geführte Diskussion völlig, und er erkennt auch nicht die mit dem beschriebenen Übergang verbundenen qualitativen Brüche und grundlegenden Veränderungen in Struktur und Lebenswelt, von Individuum und Sozialität auf unterschiedlichen Ebenen. Auf der einen Seite sucht er seine Beweise unter der Erde bei den kleinsten Tieren, die die größten Gesellschaften bilden. Auf der anderen Seite aber, beim Blick auf die Menschen, überfliegt er den Erdball in übergroßer Höhe, und aus dieser Höhe verschwinden alle Besonderheiten und Differenzen sozialer Ordnungen und Figurationen im ewigen Einerlei von Entstehen und Vergehen.

Fusionen und Fissionen

Die Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft aufrechtzuerhalten und stark zu machen ist auch deshalb wichtig, weil es immer mit politischen Gefahren verbunden ist, wenn Gemeinschaftsvorstellungen gezielt und manipulativ auf die höhere soziale Aggregationsebene von Gesellschaft hinaufgesteigert werden. Dann wird die mikrosoziale Gemeinschaftsvorstellung zur »Volksgemeinschaft«, der Staat zur »Familie«, und der in Gemeinschaften benötigte »Führer« wird zum sorgenden und strafenden Vater. Die Gesellschaft wird als ein organisches Ganzes gedacht, das keine inneren Konflikte kennen oder zulassen will und das jeden Einzelnen in seiner Ganzheit, in seiner ganzen Existenz in das staatlich verordnete Muster presst.

Gemeinschaften haben nach Plessner zwei Grenzen: Sie ziehen erstens eine Grenze um sich herum, das heißt sie brauchen die Anderen, die nicht dazugehören, um sich selbst zusammenzuhalten. Und sie haben zweitens manchmal sehr enge und zugleich umfassende Ideologien, sie halten sich für allmächtig, sie ignorieren damit aber die einfache Wirklichkeit, die oft sperrig, banal und unbeherrschbar ist. Sie haben aufgrund ihrer wirklichkeitsverleugnenden Ideologie mithin eine Grenze zur gewöhnlichen Realität. Häufig versagen ideologische Vorstellungen vor den Widrigkeiten der Wirklichkeit. Das muss dann überspielt werden.

Die Tatsache, dass die klassische deutsche und amerikanische Soziologie das Problem der Entstehung von sozialer Struktur und Ordnung vielfach behandelt und dafür verschiedene Theorien entwickelt hat, wird von Moffett nicht beachtet. Die stille, unexplizierte Soziologie, die er gleichwohl liefert, ist eher die Soziologie eines Laien, es ist eine Art Vor-Soziologie, die immer wieder soziologische Trivialitäten entdeckt und als neue Erkenntnis feiert. Das in der Soziologie erreichte intellektuelle Niveau wird unterboten. Dabei sind Moffetts Argumentationen nicht direkt falsch oder unverantwortlich; sie könnten jedoch viel differenzierter und entwickelter, auch innovativer sein, hätte er sich mit Soziologie befasst, ehe er sich an seiner Theorie des Entstehens, Aufblühens und Vergehens tierisch-menschlicher Sozialordnungen versuchte.

Der entscheidende Punkt ist hier das Verhältnis von Fusionen und Fissionen. Es gibt Gemeinschaften, Zusammenschlüsse von kleineren Einheiten zu größeren und erneut Trennungen, Abspaltungen und Wiedervereinigungen – je nach Nahrungssituation oder Konkurrenzlage, nach erfahrener und selbst praktizierter Aggressivität. Fusion-Fission-Systeme können bei kleinen, mittelgroßen und sehr großen Sozialverbünden auftreten. Ihre Dynamik erlaubt es auch, je nach Lage mit Fremden eher gelassen oder aber abwehrender umzugehen. Paare, Familien, Vereine, Organisationen, Städte, Firmen, Konzerne, Staaten, Reiche trennen oder verbinden sich.

Demgegenüber lösen Fissionen dann plötzlich das Große wieder auf und führen es zurück auf kleinere Einheiten. Entscheidend ist immer die Frage, wer noch oder wieder zu uns gehört – und wer nicht. Diese Frage kann man auf unteren, mittleren und höchsten Ebenen stellen. Hyperstabile, erzwungene Fusionen sind sehr gefährlich für die Herrschenden und die Beherrschten. Sie sind aber auch gefährdet, denn sie können schnell zerfallen – es findet sich immer noch ein größerer, mächtigerer Anderer oder ein schwacher, aber überzeugenderer Anderer. Oder viele kleine Einzelne erklären sich zu Anderen, tun sich zusammen – und bringen das übergroße System zu Fall. Oder die natürliche Umwelt verändert sich, und die bisher stabile soziale Ordnung kann darauf nicht reagieren und zerfällt – um sich dann womöglich mit Anderen anders neu aufzubauen.

Ist eine universell-harmonische Weltgesellschaft möglich?

Moffett ist, was die humanistische Idee einer vereinigten Weltgesellschaft angeht, eher pessimistisch. Sozialverbünde brauchen immer und notwendig die Anderen. Doch wer wären in einer erreichten Weltgesellschaft die Anderen? Man müsste Gegner im All oder innere Gegner erfinden. Moffett hat sicher Recht, wenn er schreibt, dass die meisten Sozialverbünde des homo sapiens klein und mittelgroß geblieben sind. Die Zahl der von Menschen gebildeten Groß- oder Weltreiche ist gegenüber der hohen Zahl kleiner Gesellschaften sehr klein, ja verschwindend gering. Und auch diese Weltreiche hatten, Moffett zufolge, oft nur eine Dauer von maximal fünfhundert Jahren. In diesen Passagen klingt ein eher elegischer, gleichgültiger, desengagierter, strukturalistischer Ton in seiner Argumentation an.

Das hat Kritik provoziert. Agustín Fuentes weist in seiner Analyse von Moffetts Buch auf zwei Probleme hin: Moffett »veranschaulicht hervorragend die unzähligen psychologischen und physiologischen Prozesse, die Menschen bei der Verbindung mit oder dem Absondern von Anderen einsetzen – vom Ekel bis zu stillschweigenden Vorurteilen. Aber er erwähnt nicht wichtige Daten und Interpretationen, die von seiner eigenen Meinung abweichen. Jüngste Arbeiten über die Entstehung von Krieg (von den Anthropologen Marc Kissel und Nam Kim), Mitgefühl (von der Archäologin Penny Spikins) und auch jahrzehntelange Studien über die intra- und intergruppenspezifische Dynamik in Primatengesellschaften (von den Anthropologen Karen Strier und Shirley Strum) stellen nämlich die Idee in Frage, dass tiefsitzende Fremdenfeindlichkeit von zentraler Bedeutung für die menschliche Evolution ist.«2

Das zweite Problem: Fuentes attestiert Autoren wie Moffett eine »Hingabe an die anthropologisch naive Idee des ›Tribalismus‹ und an die damit verbundene schädliche Annahme, dass Muster der evolutionären Differenzierung zu Formen schwerer Diskriminierung führen beziehungsweise erstere letztere erklären«. Seiner Ansicht nach müssen solche Autoren bedenken, dass derart distanzierte, desinteressierte Beschreibungen und Analysen unserer Gesellschaft wieder in Gesellschaft und Kultur eingeführt werden und damit Gesellschaften und ihre Mitglieder und Gruppen in ihrem Selbstverständnis und in ihrem Verständnis von Anderen beeinflussen.

In Zeiten wachsender Ungleichheit und zunehmender politischer, religiöser und »rassistischer« Radikalisierung glaubt Fuentes, dass Theoretiker integrativer und versöhnlicher schreiben sollten. Dass neutrale Beschreibungen eines als problematisch beurteilten zwischenmenschlichen Verhaltens selbst auch schon problematisch sind, erscheint jedoch nicht unbedingt plausibel. Die Konsequenz, als problematisch beurteiltes Verhalten deshalb besser gar nicht mehr zu beschreiben, ist jedenfalls nicht angezeigt. Die sorgfältige Beschreibung bildet immerhin eine wichtige Grundlage für Bewertungen, die auf moralisch-ethisch-politischen Argumentationen beruhen.

Kein Problem mit Soziobiologie

Natürlich ist die Soziobiologie, ist die Erforschung der Prozesse sozialer Strukturbildung bei einfachen und komplexen Lebewesen und deren Sozialverbünden von großer Bedeutung für die Selbsterkenntnis des Menschen. Unsere existentielle Basis ist unser Körper, der mit anderen menschlichen Körpern zunächst kleine und dann große und übergroße Strukturen bildet. Diese Körperbasis des Menschen und des menschlichen Zusammen-, Neben- und Gegeneinanderlebens ist nicht auszuschalten. Sie ist immer in Rechnung zu stellen – nicht zuletzt deshalb, weil Geist, Imagination und Moralität ebenfalls eine physische Basis haben, und zwar in unserem Gehirn, aber letztlich und wichtiger noch: viel breiter und bestimmender in unserem gesamten Körper.

Diese Körperbasis ist immer da, unabhängig davon, ob Menschen oder menschliche Sozialverbünde sich wie Tiere oder wie Engel benehmen. Zugleich ist auch klar, dass sich menschliche Körperlichkeit niemals »rein«, sondern von Anfang an immer nur sozial-kulturell vermittelt, kontextuiert oder eingebunden realisiert. Die Tatsache, dass Komplexes und auch sozial-kulturell Situiertes auf Einfaches, Physiologisch-Körperliches zurückgeführt werden kann, schmälert keineswegs Bedeutung, Wert oder Würde des Zusammengesetzten. Physiologische und soziobiologische Erkenntnisse dehumanisieren keineswegs den Menschen oder die Menschheit in seiner oder ihrer Besonderheit. Umgekehrt wird durch die Darstellung von Spezifika des homo sapiens die Tierwelt keineswegs degradiert. Die fortgeschrittensten und herausforderndsten Argumentationen zu diesem Problem findet man im Kontext der Tierrechtsbewegung, des animal turn und der animal studies, in deren Rahmen ausgehend von der Moralphilosophie und Soziologie des Lebendigen die Grenze zwischen Mensch und Tier als graduell betrachtet wird.

Es gibt jedoch zwei Dinge, die völlig different sind: erstens die Strategie der Reproduktion der einzelnen biologischen Mitglieder der Ameisengesellschaft einerseits und der Menschengesellschaft andererseits. Das bedeutet: Der Sex bei dieser Spezies ist anders. Zweitens und vereinfacht ausgedrückt: Nur Menschen schreiben Bücher über soziale Formationen und reden darüber. Das bedeutet: Das geteilte Selbstverständnis bei dieser Spezies ist anders.

Biologische Reproduktion: Wie man weiß, reproduzieren sich Ameisengesellschaften, indem eine oder wenige Königinnen sehr viele Eier legen, die dann von Arbeitsameisen in einer gezielten Weise großgefüttert werden, so dass daraus die notwendigen, physiologisch unterschiedlichen Varianten der Ameisengesellschaft entstehen: Königin, Drohnen, Arbeiter, Soldaten. Die Reproduktion ist sozial und sachlich zwar auch komplex, aber sozusagen unpersönlich. Bei den Menschen erfolgt die Reproduktion und Aufzucht jedoch nicht gesamtsystemisch und unpersönlich, sondern intim, in der Regel zwischen zwei Menschen und innerhalb einer Familiengemeinschaft.

Hierdurch wird die über sozial kontextuierte individuelle Wahl zustande kommende Reproduktion der Art äußerst komplex – und zugleich äußerst flexibel, denn Männer wie Frauen können unterschiedliche Reproduktionsstrategien kombinieren, sind unterschiedlich erfolgreich, die Genvarietät steigt, die Möglichkeiten der Adaption an stabile, aber auch an wandelnde Umwelten steigen ebenfalls. Dies alles ist vielfach durch die Soziobiologie sowie durch die geschlechterbezogene Forschung in seinen physiologischen, psychologischen und soziologischen sowie historischen Folgen ausbuchstabiert worden.

Der zweite Punkt, der ebenfalls einen grundlegenden Unterschied, eine andere Qualität der beiden Existenzformen markiert: nicht das Vorhandensein von Bewusstsein, Identität, Sinn für Fairness, nicht die Vernichtung von »Anderen« oder kulturellen Formen und Formen ihrer Tradierung; dies trifft man in Ansätzen auch in Primatengesellschaften. Es ist vielmehr die Tatsache, dass (soweit wir wissen) nur der homo sapiens in seinen Sozialverbünden und ab einer gewissen Kulturstufe seine Eigentümlichkeiten und graduellen und prinzipiellen Differenzen zu den Tieren erkennt und mit anderen bespricht. Zugleich ist klar, dass nur der homo sapiens soziobiologische Theorien aufbaut, mit seinem Geist seine Körperbasiertheit erkennt, mit ihr lebt, leben muss, sie bis zu einem gewissen Grad gestalten kann und gestalten muss.

Dies bindet einerseits – denn wir sind keine körperlosen Gehirn- und Geistwesen –, und macht zugleich auch frei, wobei die Relativität von Freiheit durchaus zu sehen und zu akzeptieren ist. Dass wir Körper sind, die von anderen Körpern umgeben sind, dass kommuniziert und kooperiert, getauscht und gehasst, getanzt, geprügelt, gevögelt und geliebt wird, ist auch noch tierisch – aber wie es jeweils gestaltet wird: Das ist historisch und kulturell vermittelt. Entscheidend für die Situation des Menschen als Abstraktum aber ist, dass dies erkannt und benannt und kommuniziert wird und insofern grundsätzlich in alle mikro- und makroskopischen Selbstverständigungsprozesse der Menschen eingeht oder doch zumindest eingehen kann.

Mit Sicherheit hat Moffett ein sehr lesenswertes und immer wieder überraschendes, manchmal ermüdendes, manchmal auch ärgerliches Buch geschrieben. Ich wage zu sagen: Keine Ameise könnte so über Affen, Menschen und Ameisen schreiben! Und falls doch irgendwo in der Ameisenwelt aus einem Forschungsinstitut für riesige Zweibeiner (Research Institute for Giant Bipeds) heraus ein analoges Buch entstehen würde oder gar schon entstanden ist: Wir werden es wohl nie erfahren. Ich würde es aber rasend gerne lesen!

Anmerkungen

1

Mark W. Moffett, Was uns zusammenhält. Eine Naturgeschichte der Menschheit. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. Frankfurt: Fischer 2019 (The Human Swarm. How our Societies Arise, Thrive, and Fall. New York: Basic Books 2019).

2

Agustín Fuentes, Evolving Society: Why Humanity Coheres. In: Nature, Nr. 567 vom 19. März 2019 (www.nature.com/articles/d41586-019-00873-9).

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Mark W. Moffett, Was uns zusammenhält. Eine Naturgeschichte der Menschheit. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. Frankfurt: Fischer 2019 (The Human Swarm. How our Societies Arise, Thrive, and Fall. New York: Basic Books 2019).

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