Zerfall und Überschuss. Thüringen als politisches Formproblem

Theorie von Thüringen

Maßlosigkeit der Mitte: Wenn die Deutschen, wie Thomas Mann von Dostojewski gelernt hatte, ewige Protestanten sind, die sich immer wieder gegen die Welteinheit stellen (was er 1918 gut- und 1945 schlechtgeheißen hatte), 1. Frankfurt: Fischer 1974.] dann bilden die urprotestantischen Thüringer das Zentrum dieses Unruheherds. Dadurch hat sich Thüringen in der deutschen Geschichte zuverlässig als Ort der unzuverlässigen Zukunft gezeigt, an dem politische Formkrisen, die bald darauf das gesamte Land erfassten, zuerst auftraten. Die Mittellage ist hierfür entscheidend. Denn anders als man zunächst annehmen könnte, begünstigt diese nicht etwa eine politische Maß- und Mitte-Harmonie (die obendrein der Form der sanft geschwungenen Hügellandschaft entspräche), 2 sondern Zentrifugalkräfte. Der vermeintliche Widerspruch von Mittellage und Abfall vom Glaubenszentrum enthält in Wirklichkeit bereits die Erklärung: Thüringen ist ein Transitland, das an den Schnittpunkten der innerdeutschen Austauschwege entstanden ist und in dem sich alle Macht- und Ideenstränge bündeln. Weil beinahe jeder durch Thüringen hindurchmuss, der irgendwohin will, wird allerhand mitgebracht, vieles bleibt hängen, und Thüringen wird zum Sammelort der Neuerungen, Absichten, Sorgen, Deformationen und überschießenden Ideen, die aus allen Landesteilen zu ihm kommen.

 

Der Überschuss in Kunst und Philosophie begünstigt den politischen Zerfall: Es kann sich diesem Dauersturm der Einflüsse auch nicht entziehen. Die abgeschiedene Ruhe der Randlage, die die Dinge Dinge sein lassen kann, ist ihm nicht vergönnt, weshalb die permanente Weltbildstörung zum Kern des Thüringertums gehört. Weil der Thüringer all diese Gedankenstränge, die ihm andauernd ins Land getragen werden und ihm schlaflose Nächte bereiten, irgendwann auch zur großen Synthese bündeln will, gibt er sich nicht mit der eleganten Oberflächlichkeit einer kurzen Begegnung zufrieden und stößt zu dem vor, was darunterliegt. Der Thüringer entwickelt dadurch ein Interesse an der Grübelei, an der Wesensschau und wird zum Metaphysiker. Begünstigt wird das von seinen vielen Hügeln und Wäldern, die ihm als Mythenspeicher und Garanten der Einsamkeit dienen. In sie zieht er sich zurück, um sich selbst zu befragen, sie versetzen ihn in die richtige Stimmung dazu. Das bewaldete Mittelgebirge lockt und bleibt rätselhaft, es öffnet und schließt zugleich, anders als das flache Land und das kahle Hochgebirge, wo sich nichts verstecken kann, dem man nachforschen könnte. Die Metaphysik ist eine Angelegenheit des Waldes.

Doch hier gibt es ein Problem: Was man in stiller Waldeseinsamkeit kontemplativ vielleicht erfasst, lässt sich nicht kommunizieren oder gar praktisch umsetzen, ohne die gesamte Ordnung umzustürzen. Als naheliegende Arten der Thüringer Praxis bleiben damit Kunst, Philosophie und Religion. Wer weitergehen und noch weltlicher werden will, handelt sich schnell Probleme ein, um die er sich eigentlich gar nicht kümmern wollte. Thüringens Gang aufs Ganze produziert eine Unzufriedenheit mit dem politischen Normalfall, der eben nicht nach letzten Geheimnissen sucht, sondern sich um deren Wahrung bemüht. Eine solche Politik, die ums Absolute allenfalls herumschleicht und sich ansonsten zur Kunst des Machbaren erklärt, interessiert die Thüringer daher nicht, sie lassen als Kunst nur gelten, was der Sache auf den Grund geht, während sie sich aus dem Machbaren nicht viel machen.

Da sich aber die Politik durchaus für Thüringen interessiert und ständig dort aufkreuzt, lässt es sich irgendwann widerwillig darauf ein und sucht schmollend nach etwas, das das Feld, auf das es keine Lust hat, wenigstens beschädigen kann. Denn auch die Thüringerin muss irgendwann entnervt einsehen, dass ihr Land kein harmonisches Gefüge oder wenigstens ein Weimarer Kulturstaat ist, sondern ein Gebilde, in dem Macht, Interesse, Taktik und Legitimität zählen – Dinge also, für die sie sich nicht interessiert, die ihr aber bei ihrem Privatgang aufs Absolute im Weg stehen. So schwankt sie zwischen zwei Extremformen der Apolitik: zwischen Kontemplation und ruckartiger Opposition, die fast immer unüberlegt ausfällt und einer Authentizitätslaune folgt.

Thüringen ist also nicht einfach unpolitisch, sondern mit seinem Degout an Interesse, Öffentlichkeit, Kompromiss und Kommunikation nur nicht gemacht für herkömmliche Politik im Modus der Deliberation oder des Sachzwangs. Weil es aufs Ganze geht, das das Absolute ist, sprengt es alle politischen Formen, die man ihm gibt – selbst wenn an deren Wurzel keine Deliberation, sondern eine Dezision oder eine Einfügung in den verwalteten Weltlauf steht.

Wenn Christoph Möllers 2017 den Gegenwartsdeutschen ein bürgerliches Unbehagen an der Politik attestierte, weil sie am liebsten ihren Geschäften nachgehen, 3 dann setzen die Thüringer dem noch eins drauf, indem sie nicht einmal die verfolgen und sich stattdessen für das Absolute interessieren, das sie in ihren Wäldern vermuten. Zur Händlerin, zum Helden und zur vernünftigen Kommunikatorin gesellt sich damit ein vierter Polittypus, der des einsamen Waldgängers und Selbstbefragers, den wir bevorzugt in Thüringen antreffen. Der wiederum macht dort nicht selten eine Begegnung mit dem Teufel (etwa Klingsor, Luther und Goethe, der nur hier seinen Faust schreiben konnte), was ihn vollends aus der Fassung bringt.

Doch die politische Unruhe schlägt hier schon die nächste dialektische Volte: Gerade weil Thüringen politisch zwischen Rückzug und Ordnungssprengung schwankt, lässt es sich von Zeit zu Zeit auf die gemütlichsten Verteidigerinnen des Status quo ein – auch weil es eine historische Angst vor der eigenen Courage entwickelt hat und sich in manchen Zeiten an das Schreckliche der Unruhe erinnert. In seiner Unruhe beim Gedanken an die Unruhe flüchtet es sich dann ins Versprechen, alles sei okay – daher der harmlos-heitere Regionalpatriotismus, der sich um Wurst, Wald und Weimar schart. Und daher auch die jahrelange CDU-Herrschaft.

Land ohne Eigenschaften: Thüringens Mittellage hat sich mit Fertigstellung der neuen ICE-Strecke von Berlin nach München noch einmal gefestigt. Zuvor schon hatte die Neustrecke zwischen Leipzig und Erfurt den Ost-West-Kontakt von Dresden nach Frankfurt am Main intensiviert. Der »Systemhalt« Erfurt liegt damit am Schnittpunkt von politischer (Berlin), finanzieller (Frankfurt), musealer (Dresden) und wirtschaftlich-technologischer (München) Hauptstadt. Er begrüßt täglich etwa achtzig ICEs, und beinahe jeder, der von einer wichtigen Großstadt in die andere will, muss jetzt durch Thüringen hindurch. Aber niemand kennt es so recht.

Die Aufmerksamen unter den ICE-Gästen kleben an den Fensterscheiben, sobald die Wartburg zu sehen ist, und dann noch einmal, um den Inselsberg zu bestaunen. In Gotha fragen sie, wo man hier eigentlich sei, um kurz darauf zu rätseln, ob »dieses Erfurt« wohl schon in Sachsen oder noch in einem anderen Bundesland liege. Wenig später sind sie in Leipzig und sehen sich in ihrer Sachsen-Hypothese bestätigt. Ihr Missverständnis über Thüringen wird nie aufgeklärt.

Unter den Google-Topresultaten zum Suchbegriff »Thüringen« liegt auf dem ersten Platz die Frage: »In welchem Bundesland liegt Thüringen?« Niemand kennt sich aus mit Thüringen, und das ging auch Adorno so, der bemerkte, dass »man in der Geographie jener Gegenden keineswegs Bescheid weiß«. 4. In: Ders., Gesammelte Schriften. Bd. 16: Musikalische Schriften I–III. Frankfurt: Suhrkamp 2003.] Er stellte sie sich so vor: »Fulda: nun muß Erfurt folgen, das im Gewebe der Assoziationen zwischen dem Hessisch-Kasselschen und dem Thüringischen liegt; man wird dann Weimar erwarten, das zwar in der Phantasieregion Thüringen, aber längst nicht so durchaus in einem Lande lokalisiert wird, wo der Dialekt sächsisch ist, wie etwa Halle. Hält man sich in Erfurt und Halle auf, so kann es leicht geschehen, daß jene Differenzen schrumpfen, daß man die Menschen und die Art der Stadt überaus ähnlich findet. Erst wenn man auf der Karte die Figur hergestellt hat, die die Städte miteinander bilden, stellt sich das Bild des Ursprungs wieder her.«

Selbst Adorno zeigte sich von Thüringens Unordnung verwirrt. Aber die Aufdröselung der komplizierten Verhältnisse lohnt sich, denn sie ergibt ein Beispiel für seine Idee des »Nichtidentischen« und ihre Begleiterscheinungen: Als Land in der Mitte, ohne starren Selbstbezug, zeigt sich Thüringen offen für alles Übrige – aber nur, wenn dieses nicht als Heteronomie daherkommt. Und selbst an Autonomie ist es nicht sonderlich interessiert, weil es sich da nur selbst parieren müsste. Stattdessen verlässt es das gewöhnliche Feld der Politik in Richtung der Kunst und kommt nur zurück, um es gründlich umzuwälzen, wodurch es aber auch leicht in den Wahnsinn der Konturlosigkeit abgleiten kann, so dass sich Schöpfung und Raserei hier begegnen. Der Dialektiker Adorno hatte wohl beides im Sinn, als er an Thüringen dachte, und wenn das thüringische Nichtidentische die Möglichkeit der Öffnung und Verschiebung enthält, dann muss es im Schlepptau auch dessen Verunwirklichung haben, die sich in der politischen Formsprengung äußert, die ganz ohne Befreiung erfolgt. Gerade weil hier das Beste möglich ist, ist auch das Schlechteste nicht weit.

Damit sind wir auf eine weitere wichtige Eigenschaft Thüringens gestoßen, das als Land ohne Eigenschaften alle übrigen Eigenschaften in sich aufnimmt und als Geister in seinen Wäldern aufbewahrt. Fast vollkommen befreit vom Eigenen kann es einen Sinn für die Eigenheiten der Anderen entwickeln und diese in großangelegten Synthesevorhaben deuten. Diese Eigenschaftslosigkeit hat – neben der besonderen geografischen Lage – auch eine politische Vorgeschichte, denn die Geschichte Thüringens ist seit 1500 Jahren eine von prekärer Kollektivsubjektivität, die sich dennoch sträuben will.

Historische Beweisführung

Frühmittelalterliches Reich der Thüringer und erster Widerstand gegen das Reich: Das Mittellagenproblem verschärfte sich, als das Königreich Thüringen im Jahr 531 dem Frankenreich einverleibt und damit um seinen politischen Subjektstatus gebracht wurde. Mit dem Königtum verlor es seine Filterfähigkeit, und was sich nun an Informationen und Zwängen im Land kreuzte, kam fortan von außen, worauf Thüringen keinen Zugriff mehr hatte. Die frühe Abstiegs- und Heteronomieerfahrung luden Thüringens Veranlagung zur Weltaskese mit einem Willen zur Destabilisierung auf. In Radegunde, Tochter des hingerichteten letzten Thüringerkönigs, die zur Hochzeit mit dem fränkischen Sieger und Feind Chlothar I. gezwungen wurde und kurz darauf mitansehen musste, wie auch ihr Bruder hingerichtet wurde (vermutlich infolge eines Aufstands der Thüringer), regte sich zum ersten Mal der thüringische Hang zur Nichtanerkennung einer Ordnung, zu der man doch gehörte.

Den gescheiterten offenen Widerstand gegen die fränkische Expansion setzte sie auf stille Weise im Zentrum des Imperiums fort: Am Hof des Königs führte sie ein asketisches Leben, ließ bei Tisch die Fleischschüssel vorübergehen und ernährte sich von Bohnen und Linsen. Nach zehn Jahren fand sie einen Weg, sich der Ehe, die kinderlos geblieben war, zu entziehen, indem sie sich zur Diakonin weihen ließ, ihren Besitz an Arme verschenkte und fortan in Klostergemeinschaften lebte, die sich der Kranken- und Armenfürsorge verschrieben. Mit ihrer weltlichen Verzichtsgeste und der Verwandlung von einer Königin in eine Nonne verweigerte sie dem Imperium ihre Anerkennung. Thüringen hatte sich nicht gebeugt.

Ludowinger: Zur prekären politischen Teilsubjektivität gelangte Thüringen erst wieder unter den Ludowingern, die vom Nordrand des Thüringer Waldes aus das offizielle Deutschland des Hochmittelalters herausforderten. Ludwig der Springer ließ im 11. Jahrhundert die Wartburg errichten, die Ordnungsanfechtern seither immer wieder als Zentrum diente. Er selbst wurde im Investiturstreit zum Gegner Heinrichs IV. Sein Nachfahre Hermann I., der hundert Jahre später zwischen Staufern und Welfen lavierte und von dem darum niemand so recht wusste, woran man bei ihm ist, war zwar ein unzuverlässiger, »zwielichtiger« Politiker, 5 aber auch ein geschickter Förderer der Künste, wo er – zu recht – das Absolute eher vermutete als in der Politik. Sein Sohn Heinrich Raspe IV. griff dann aber doch nach dem (Halb)Absoluten in der Politik und erklärte sich zum Gegenkönig. Doch die Aktion verpuffte, weil ihm niemand so recht folgen wollte und er sich nicht gegen die Staufer (Friedrich II. und Konrad IV.) durchsetzen konnte. Er blieb ein »Pfaffenkönig«, dem man die seltsame Weltferne anmerkte und in den Beinamen legte. Ein Thüringer konnte eben nur anfechten, nicht selbst ordnen. Schmollend zog er sich auf die Wartburg zurück. Heinrich Raspe starb, seine Thronfolger ebenfalls, und die Landgrafenschaft zerfiel in einen hessischen und einen thüringischen Teil, der den sächsischen Wettinern zugeschlagen wurde. Diese Heimsuchung des Zerfalls brachte Thüringen um ein weiteres Stück seiner Restsubjektivität.

Elisabeth und Eckhardt: Einen anderen Weg der Subversion ging, als letzter gegenpolitischer Atemzug der Ludowinger, die Heilige Elisabeth, deren Name noch heute jedes thüringische Religionskind gleich nach Jesus Christus lernt. Auch sie gehört in die Riege der Renegatinnen, auch wenn sie nicht die offene Konfrontation mit dem Reich, sondern die innere Sezession durch höchste Armut wählte. Sie versorgte die Armen, küsste die Geschwüre der Leprakranken und verwandelte Brot in Rosen, um ihre Wohlfahrtsleistungen zu tarnen. Sie trug einfachste Kleidung und verzichtete auf Schmuck, was den Adel ebenso provozierte wie Heinrich Raspe IV., der sie nach dem Tod ihres Mannes von der Wartburg verbannte. Sie ging in ein Kloster und entsagte aller Weltlichkeit, pflegte weiterhin die Armen und hatte Visionen. In ihrer Neigung zu Askese und Caritas zeigte sich eine frühthüringische Unbedingtheit, die sogar noch die Autorität derer untergrub, die die Autorität des Reiches untergruben, was sie radikaler als die ludowingischen Kraftmeier machte, die das Reich lediglich übernehmen wollten. Sie wählte nicht den Gewaltausbruch, sondern den Gang in sich zur Subjektpflege aller Menschen, die sie so zart und sanft machen wollte, wie es das Reich noch nicht war. Wer im Thüringer Gewühl nach versöhnenden oder gar vorkommunistischen Strängen sucht, der muss sich – noch vor Müntzer – bei den Heroinen des Mittelalters, Radegunde und Elisabeth, umschauen.

Einen dritten Weg, sich vom Reich abzuwenden, fand Meister Eckhardt aus Tambach-Dietharz (oder Hochheim). Der Mystiker, Waldgänger und Apostel der Gelassenheit wurde vom Papst geächtet, weil er den Menschen zu hoch stellte und auf Deutsch predigte, was die Kirche als Mittlerin infrage stellte. Sein »Überspringen der Sakramentskirche und dann jeder Obrigkeit« enthielt bereits jene Gottesunmittelbarkeit, die Martin Luther später gegen Rom in Stellung bringen sollte. 6 Als Thüringer duldete er keine Vermittlung, er wollte selbst sehen, was das Absolute so treibt, und erforschte dafür die Wälder und seine Seele.

Nach der inneren Sezession Elisabeths und Eckhardts kam aus Thüringen bald ein anderer, jetzt wieder großpolitischer Angriff auf die (vor)staatliche Integrität; diesmal aber nicht durch Konfrontation, sondern Selbstzerlegung. In der Leipziger Teilung spalteten sich 1485 die thüringischen Ernestiner von den Wettinern aus Sachsen ab, die damit um ihre Chancen als deutscher Hegemon gebracht wurden und als dezimierte Albertiner weitermachen mussten. Indem es einen gehörigen Brocken aus einem politischen Gebilde herauslöste und für autonom erklärte, übte sich Thüringen hier zum ersten Mal in jener Kunst des Zerfalls, in der es schon bald Meisterschaft erlangen sollte.

Frühe Neuzeit: Erst mit dieser Abspaltung streifte der unruhige thüringische Geist seine sächsischen Fesseln ab und konnte sich nun ganz austoben, womit er auch schon kurz darauf begann, als nämlich Martin Luther gegen die Einheit der katholischen Kirche rebellierte. Das hatte er so natürlich nicht gewollt, aber hat je ein Thüringer irgendetwas genau so gewollt? Er stand nur da und konnte nicht anders, und Politik ergab sich als Kollateralschaden eines Authentizitätsbegehrens, das die Wälder dem Land diktierten. Der Thüringer tritt hier als Dialektiker auf, der etwas Vereinheitlichendes vorhat (für alle einen unmittelbaren Zugang zu Gott), aber gerade dadurch den Zerfall an anderer Stelle heraufbeschwört – eine Politfigur, die uns noch häufig begegnen wird.

Unterdessen bemühte sich Thomas Müntzer in Mühlhausen darum, die Kämpfe gegen kirchliche und eigentumsordentliche Bevormundung miteinander zu verbinden, womit er den lutherschen Sturm im Reich zu einer ernsthaften Revolte ausweitete. Mit der war Luther nun überhaupt nicht einverstanden; er wollte schon rebellieren, aber dann doch nicht richtig (auch diese Bewegung einer Revolte gegen die Ordnung im Namen der Ordnung sollte später wieder auftauchen). Als diese offene Revolte gegen das Reich 1525 bei Frankenhausen scheiterte und auch der Religionskrieg des Schmalkaldischen Bundes versandete und die Ernestiner lediglich um ihre Kurwürde brachte, ging Thüringen zur Selbstrevolte im Zerfall über und hatte damit größeren Erfolg.

Mit der Erfurter Teilung perfektionierte es 1572 die Kunst der Selbstzerlegung, die im mittelalterlichen Fürstengewimmel schon angelegt war. Aus ihr gingen zahlreiche Kleinststaaten hervor, die sich munter weiter teilen sollten, bis es im 17. Jahrhundert etwa dreißig von ihnen gab. Thüringen wurde zu einem schwarzen politischen Loch in der Reichsmitte, und alles, was damit in Berührung kam, zerfiel.

Formgebende Moderne: Thüringer Klassiken

Doch in den verzwergten Staatsformen entwickelte sich etwas Sonderbares: Lauter ohnmächtige, aber bildungsbeflissene Kleinodien, die Theater, Schulen und Universitäten förderten. Ernst der Fromme verwandelte sein Herzogtum Sachsen-Gotha im 17. Jahrhundert in einen humanistischen Musterstaat mit Schulpflicht und dem Ziel, den demos behutsam zu aristokratisieren. Sachsen-Weimar und Sachsen-Eisenach sollten bald folgen mit dem bekannten Ergebnis der Weimarer Klassik. Diese war aber nur eine unter vielen Thüringer Klassiken, die möglich wurden, sobald Thüringen sich mit seiner Rolle als Beobachter ohne Mitspracherecht, in die es über tausend Jahre schrittweise gedrängt wurde, abfand, die Politik anderen überließ und sich somit endlich ganz der Entwicklung einer Formensprache zur Annäherung ans Absolute, also der Kunst, widmen konnte.

Von einer Thüringer Klassik können wir immer dann sprechen, wenn das Synthesevorhaben, das der Mittellage entspringt, für einen kurzen Moment gelang und dadurch etwas Neues entstand, das sich aber nicht überschlug, so dass die Klassiken die Unform der Ausnahme mit der Form der Normalität versöhnten. Insgesamt gab es vier Thüringer Klassiken (deren landeseigene Vorläuferinnen vielleicht Luthers Religion und Bachs Musik waren): die literarische von Weimar, die poetisch-philosophische der Jenaer Frühromantik, und Hegel führte beide in der Syntheseklassik zusammen. Die vierte Klassik war die des Bauhauses.

Weimar: Die klassischste Klassik formierte sich um Goethe, das erfolgreichste Produkt einer »kulturellen Großmachtpolitik« Sachsen-Weimars und Sachsen-Eisenachs (Raßloff). Herzogin Anna Amalia und ihr Sohn Carl August dankten weltpolitisch ab, um sich der ästhetischen Innenseite der Politik, der Subjektpflege also, widmen zu können. Hier verband sich Radegundes und Elisabeths Geste, die gegen den Staat wirken sollte, zum ersten Mal mit dem Staat, der dadurch zarter wurde. Die Weimarer Klassik war damit nicht nur ein Literatur-, sondern auch ein Staatsereignis, wird aber für uns vor allem in ihrer Absetzung von der Romantik interessant, in der Goethe den ästhetisch-politischen Wahnsinn heraufziehen sah. Die Romantik liefert das poetische Programm zur Entfesselung, die Klassik zuckt davor zurück. Beide Stile sind – und daher die Heftigkeit der Abgrenzung – auch gar nicht grundverschieden. Der Klassik gelingt es lediglich, den Wahnsinn, den auch sie enthält, einzuhegen.

In der »beunruhigenden Gestalt Eckermanns«, »dem obskuren Doppelgänger, der zusammen mit den Vögeln in Goethes Gartenhaus eingeschlossen ist wie dessen verdammte Seele«, hält Goethe den Romantiker in sich wach und auf Distanz. 7 Dieser bot ihm Anschauungsstoff für den Faust, dessen zweiten Teil es ohne Eckermann ja nicht gegeben hätte. Darin – so umfassend war sein harmonistisches Verlangen – »versöhnt« er sogar das Klassische mit dem Kranken und nimmt das Romantische wieder in sich auf. Auf diese Weise brachte die Weimarer Klassik schöne Seelen hervor, die dem thüringischen Wesen wider-, der Intuition darüber aber entsprachen. Erst hierin wurde es zu jenem Maß-, Mitte- und Harmoniegebilde, für das man es gemeinhin hält, das es aber in Wirklichkeit nie war – abgesehen von seinen vier Klassiken, die jedoch auf den Geist beschränkt blieben und nie die politische Wirklichkeit erfassten.

Jena: In Jena gab es um 1800 gleich zwei Klassiken: eine poetische und eine philosophische. Während der Königsberger Kant vom fernpreußischen Ostseerand aus das Ding an sich ruhigen Gewissens unangetastet lassen konnte, hatten es die übrigen deutschen Idealisten Fichte, Schelling und Hegel in Jena auf ebendieses Ding an sich abgesehen. Die Jenaer Frühromantik verwandelte den Universalismus der Französischen Revolution in Poesie, wechselte also noch einmal das Feld für ihre Klassik (die sie ebenso enthielt, wie die Klassik das Romantische umschlungen hatte), um dort aufs Ganze zu gehen.

Das Genie Thüringens bestand damals in der Anlockung jener Genies, die sich für das Absolute interessierten und dafür nach Weimar oder Jena kamen. In der Herkunft seiner Klassiker um 1800 zeigt sich Thüringens Charakter als Bündelungsland: Es trafen sich die Weimarer Klassik (ein Import aus Schwaben, Südhessen und Ostpreußen) mit der gesamtdeutschen Frühromantik (aus Berlin, Hannover, Göttingen, Weißenfels, Koblenz und Breslau), die es ebenso nach Jena zog wie den schwäbisch-sächsischen Idealismus (Hegel, Schelling, Fichte; Hölderlin war eine Zwischenfigur, die beiden Welten angehörte) und Napoleon, so dass sich der praktische und der begreifende Teil des Weltgeists 1806 in Jena treffen konnten. Hegel trat als Syntheseklassiker auf, der dem Weltgeist in Gestalt Napoleons sogar schon persönlich begegnet war. Die Geschichte hätte damit zu Ende sein können, so nah war Thüringen dem Absoluten gekommen – wenn da nicht die Politik gewesen wäre, die sich jetzt auf andere Weise zurückmeldete.

19. Jahrhundert

Das Unbedingte in der Politik: Denn nach dem Intermezzo des Geistes wandte sich Thüringen allmählich wieder der großen Politik zu, jetzt aber von unten, und entfesselte damit das, wovor Goethe Angst gehabt hatte, wenn er vom Romantisch-Kranken sprach. Das Wartburgfest von 1817 und die Gründung der Jenaer Urburschenschaft zwei Jahre zuvor machten Thüringen nämlich zum Kernland einer Jugendbewegung, die überhaupt nicht einverstanden war mit dem Zersplitterungsgebilde des Deutschen Bundes (das sich ja am deutlichsten in Thüringens Kleinstaaterei zeigte). Sie bevorzugte den wahren Zerfall. Ihr Protest gegen das offizielle Deutschland enthielt zwar den Einheitsgedanken, aber man darf ihn nicht mit einer Ordnungsidee verwechseln, weil er zugleich den Zerfall im Staaten- (gegen Frankreich) und Bürgerkrieg (gegen die Juden) meinte.

Wir haben nun schon verschiedene Weisen der Thüringer Ordnungskontestation kennengelernt: Da ist einmal der geschlossene politische Verband, der sich gegen einen anderen, expandierenden stellt (das Reich der Thüringer), dann die Anfechtung durch ein peripheres Zentrum innerhalb des Gesamtgebildes (das Prinzip der Ludowinger), der Einzelgang in die höchste Armut (die Geste der Radegunde und der Elisabeth), der offene Aufstand des Gewissens, meist ebenfalls durch einen Einzelnen (Luther) und die staatliche Selbstverzehrung (Kleinstaaterei).

Die Burschenschaftsbewegung fügte eine weitere Möglichkeit hinzu, indem sie das politische Attentat erfand. In August von Kotzebue, Dramatiker, Einheitsgegner im Dienst einer auswärtigen Macht und Fürsprecher der Judenemanzipation, fanden sie ihr erstes Opfer. Als ihm die Lage in Weimar zu heikel wurde, flüchtete er ins liberale Baden, womit er seinen Attentätern aus Thüringen aber nicht entkam. Karl Ludwig Sand, Mitorganisator des Wartburgfests und Mitglied der Jenaer Urburschenschaft, wo er zum Flügel der »Unbedingten« gehörte (worin schon das Absolute anklingt, das in die Politik überführt wird), ließ sich von einem Freund sechs Dolchklingen nach Jena schicken, fuhr am 23. März 1819 nach Mannheim und erstach Kotzebue. Das einheitsbewegte Deutschland jubelte, aber das offizielle reagierte mit dem Karlsbader Polizei- und Spitzelstaat auf den Studententerrorismus aus Thüringen. (Die Nazis sollten später die Wucht der Wartburger Jugendbewegung mit den Mitteln des Karlsbader Polizeistaats verbinden und auf eine neue Stufe heben.) Neben der Kleinstaaterei musste Heinrich von Treitschke Typen wie Sand im Sinn gehabt haben, als er über die Thüringer das Urteil fällte: »Unsere Cultur verdankt ihnen unsäglich viel, unser Staat gar nichts.«

Andere Unruhe: Nietzsche und die Sozialdemokratie: Aus Thüringen kam nur, was den Staat in Unruhe versetzte. Dazu gehörte auch Friedrich Nietzsche (Naumburg galt als thüringisch, und zum Sterben kam er, wahnsinnig geworden, dann auch nach Weimar), der den urthüringischen Gedanken, dass die Emanzipation des Denkens von der Kunst in Wahrheit eine Verstümmlung ist, so offen ausgesprochen hat wie kaum jemand sonst. Natürlich wurde er zum Reichsgegner, als er mitbekam, wie sich nach dem Denken nun auch die Politik aus ihrer Verankerung in der Kunst herauslöste. 1873 beklagte er die »Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches«. 8. In: Ders., Kritische Studienausgabe. Bd. 1. München: dtv 2012.] Der Satz war direkt gegen einen wie Treitschke gerichtet, der sich mit dem Staat begnügte und keine weiteren Fragen hatte. Nietzsche dagegen, und das war das wirklich Unzeitgemäße an ihm, verlagerte das Gewicht des Denkens vom Staat auf das Subjekt, das sich erst noch schaffen müsse.

Auch die Sozialdemokratie mit dem Ziel der inneren Sezession vom Kaiserreich hatte – neben ihrem sächsischen Herkunftsflügel aus Leipzig – ihre Klassikerorte in Eisenach (Gründung der SDAP 1869), Gotha (Vereinigungsparteitag 1875) und Erfurt (Parteitag 1891, der die nächste Vereinigung beschloss, allerdings eine unmögliche, nämlich die von Kautskys Revolution und Bernsteins Reform. Aus ihr speiste sich die Spaltung der Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert, die damit ebenfalls ein Thüringer Produkt ist). Sie verknüpfte die radegundisch-elisabethanische Geste der Subjektpflege und Weltverschiebung mit Marx’ Umdeutung (ein Jenaer Doktorand) des hegel-jenaischen Weltgeistes in einen Weltmarkt und der müntzerschen Logik des Aufstands. Die Sozialdemokraten, als »Reichsfeinde« und »rote Gefahr« verunglimpft, hatten etwas anderes Großes vor als Nietzsche und planten nicht die Abwendung, sondern die Übernahme des Reichs, um von dort aus die Möglichkeiten der Revolution zu verbessern. Ähnlich wie Treitschke von rechts hatten sie ein linkes Unbehagen an der Zerklüftung.

Zerfallende Moderne

Einer aus ihren Reihen, der Meininger Sozialdemokrat Max Arthur Hofmann, beklagte 1906 den Thüringer Kleinstaatenjammer und träumte von Größerem – sowohl im Umfang des politischen Verbands als auch in der Intensität seiner Durchdringung. 9 Als die gesamtdeutsche Revolution 1918 tatsächlich möglich war, wurde sie dann aber doch nicht gemacht. Stattdessen arrangierte man sich mit einem neuen Reich, das dem alten ähnelte, aber etwas demokratischer wurde und einen zentralistischen Zug bekam. 1920 wurde der Thüringer Flickenteppich mühsam zusammengenäht, woraufhin dieser auf ganz andere Weise zerfiel: nicht in Kleinststaaten, sondern in Bürgerkriegsfraktionen intensivster Feindschaft, deren erste Höhepunkte die Niederschlagung der Gothaer Räterepublik und die Kämpfe gegen den Kapp-Putsch waren, die in Thüringen besonders blutig ausgetragen wurden.

Während der Zerfall in die Kleinstaaterei des 18. Jahrhunderts mit einem Kunstüberschuss aufgeladen wurde, sich also die Form anderswo suchte, führte die Zusammenschweißung der zerfallenen Gebilde im 20. Jahrhundert in den formlosen Gewaltüberschuss. Die Weimarer Republik enthielt ihr Thüringertum schon im Namen und handelte sich damit eine notorische Instabilität ein. Auf der Suche nach ruhigeren Verhältnissen als denen in Berlin zogen die Staatsbildner 1919 aufs Land und konnten sich dort immerhin konstituieren. Dabei saßen sie jedoch einem alten Missverständnis über Thüringen auf, das sie nicht in seiner diabolischen Unruhe erkannten und für ein beschaulich grünes Hügelland hielten, in dem man gut in Klausur gehen könne. Aber weder der Gesamt- noch der Teilstaat kamen in Weimar zur Ruhe, und gerade in der Provinz – nicht in den vermeintlich entfremdet-enthemmt-brutalen Städten – begann die zweite Phase des Zweiten Dreißigjährigen Kriegs, von wo aus er sich langsam nach Berlin vorarbeitete, das zusammen mit Preußen noch lange als Stabilitätsanker wirkte –, während Bayern, das Rheinland oder eben Sachsen und Thüringen für Unruhe sorgten.

Thüringen begann mit einer instabilen sozialliberalen Regierung, die schon 1921 von einer KPD-tolerierten SPDUSPD-Regierung abgelöst wurde (die USPD, 1917 in Gotha gegründet, ist ebenfalls ein Thüringer Produkt) und im »Deutschen Oktober« 1923 in eine Koalition von SPD und KPD überging. Das war dem Reich dann aber doch zu gewagt, die Reichswehr marschierte in Thüringen ein, und die bürgerlichen Parteien der Mitte fanden sich zum »Thüringer Ordnungsverbund« (TOB) zusammen, womit sie die bis heute bekannte CDU-Strategie erfanden, Thüringens Unruhe durch Ordnungsrufe und Beschwichtigungen einzuhegen.

Doch während der TOB die Linksparteien bei den Folgewahlen tatsächlich entmachten konnte, holte er sich damit die viel zerstörerischeren Rechtsradikalen ins Boot, auf deren Unterstützung er angewiesen war. Die bekam man fortan auch nicht mehr los; und wenige Jahre später wurde Thüringen als erstes Land von den Nationalsozialisten übernommen. Deren Regierungsbeteiligung begann hier bereits 1929/30. Der »Mustergau« Thüringen diente den Nazis ab 1932, dem Jahr ihrer Machtübernahme in Thüringen, als Experimentierfeld für Gesamtdeutschland (mit Beamtenentlassungen, schulplanmäßigen Judenwarnungen, und Ministerpräsident Fritz Sauckel trug sogar schon einen keinen Hitlerbart).

Im Schatten der offiziellen Zerfallspolitik durch Parteien mit Zusammenschweißungsprogrammen schwang sich Thüringen zu einer letzten Klassik auf und schuf mit dem Bauhaus ab 1919 einen Stil für die Welt und darüber hinaus. Fritz Wichert schrieb 1923 über das Haus Horn in Weimar: »Hier ist ein Haus für Marsbewohner, und wenn wir sagen, es wecke Sehnsucht, so soll in diesem Sinn gemeint sein: Sehnsucht nach der Zukunft und nach einem Leben ohne Wirrwarr und Ballast.« 10 Mit der Zuwendung zu den urbanen Formprinzipien von Eleganz, Klarheit und Leichtigkeit löste das Bauhaus sich zwar von den sehr thüringischen Erlösungsansprüchen seines Gründungsmanifests, das nicht bloß ein Haus, sondern ein „kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens“ versprochen hatte. Aber gigantomanisch blieb die Idee, die gesamte Menschheit und bald auch die Marsianer in dieselben Häuser zu stopfen, trotzdem.

Das Bauhaus ist die Versteinerung der Revolution, die damit in ihre allerletzte Phase eintritt. Es konserviert die abstrakte Gleichfreiheit, nachdem das sowjetische Weiterführungsprojekt ins Stocken geraten war und die Umwälzung plötzlich nach Barbarei roch. Jetzt, da die Moderne selbst infrage stand und etwas Besseres auch nicht in Sicht war, wollte man retten, was noch übrigblieb, und machte Zugeständnisse. Der Zug ins Heteronome war daher groß. Heraus kam eine Mixtur aus Hybris, Ruhe und leichter Kälte, in der »es schwer ist, Spuren zu hinterlassen«. 11 Auch Adorno mochte die »Konservenbüchsen« aus Weimar und Dessau nicht, denn sie schlossen etwas ab, das als großartige Öffnung begonnen hatte. 12. Frankfurt: Suhrkamp 2003.] Die Thüringer Klassiken waren Formversuche zur Annäherung an das Absolute, die dabei eine immer festere Gestalt annahmen: Sie nehmen den Weg vom Fernsten zum Nächsten, beginnen bei der Religion (Luther), werden zu Literatur (Goethes Weimar) und Universalpoesie an der Schwelle von Literatur zu Philosophie (Jenaer Frühromantik), verwandeln sich dann ganz in Philosophie (Fichte, Schelling und vor allem Hegel) und gehen schließlich über in Architektur. Am Ende ist der religiöse Anfang fast verschwunden, weil nun nicht mehr der Thüringer Wald bestimmend ist, in dem sich Luther und Meister Eckhardt herumtrieben und auch Walter Benjamin seine philosophische Frühbildung erhielt (in Haubinda), sondern das »Glas« herrscht, »der Feind des Geheimnisses« (Benjamin).

Dass Thüringen Avantgardeland der Störung sein könnte, ist in den vergangenen Jahrzehnten in Vergessenheit geraten. Auch im Land selbst. Als die DDR zu bröckeln begann, schaute Thüringen genauso gleichgültig zu, wie es diese vorher ertragen hatte: Es gehörte »nicht zu den […] Zentren der friedlichen Revolution 1989« (Raßloff). Proteste, Einheitsgedanken und Neuordnungsideen für eine andere DDR, ein gewandeltes Deutschland, Europa oder gar die Welt kamen aus dem ehemaligen Preußen und Sachsen, nicht aus Thüringen. Die Menschen dort interessierten sich nicht für deutsche, europäische oder Welteinheiten, die sie im Verdacht hatten, bloß das zu vollziehen, was ohnehin geschehen musste – nämlich die Einheit einer gleichförmigen Welt ohne wirkliche Veränderung. Wenn sie die Ordnung wirklich stören wollten, mussten sie stillhalten und abwarten, bis sich eine Gelegenheit zum Ausbruch ergab.

Heute

Das erste Land der Berliner Republik: Auch nach dem Mauerfall ließ das stille Thüringen zunächst kaum einen Verdacht gegen sich aufkommen, und man hätte nicht vermutet, dass unter der dicken CDU-Schicht noch etwas anderes lauern könnte als ernsthafte Heimeligkeit. Dabei hatte sich Thüringen das heitere CDU-Deckchen nur untergeschoben, damit es nicht so scheppert, wenn mal wieder der Wahnsinn mit ihm durchgeht. Dieser hatte sich bereits angekündigt, als der Nationalsozialistische Untergrund, Produkt der Baseballschlägerjahre, von Jena aus den Bürgerkrieg der Rassen zu entfesseln versuchte. Dass dabei der Staat immer schon mitgedacht war, zeigt die Spur der Behördenverwicklung, die sich durch ganz Deutschland zog. Der NSU wiederholte die Mordaktion Sands. Nur war es diesmal der Pöbel, der schoss, nicht der gebildete Schönling, der bei Goethe vorsprach. Dennoch war die geschichtsphilosophische Funktion ganz ähnlich: Auch hier griff eine unruhige Jugendbewegung nach der Einheit von Einheit und Zerfall (Volksgemeinschaft und Bürgerkrieg), die sich durch die Einheit von Staat und Bewegung vorbereitete. Was sie dazu aber noch brauchte, war ein parlamentarischer Arm, mit dem sie kräftiger in die Staatsapparate hineinlangen kann als durch ihre V-Männer.

Den könnte sie jetzt mit der AfD bekommen, die in Thüringen jenen nationalen Sozialismus will, für den der NSU noch in den Untergrund gehen musste. Hier hat sie ihren schärfsten Landesverband, dessen Vorsitzender Björn Höcke der Berliner Republik regelmäßig den Endkampf ansagt – und sie damit eigentlich erst begründet; denn erst das ist der Bruch mit Bonn. Höckes Hass auf die Berliner Republik macht Thüringen zum ersten Bundesland dieser Berliner Republik, die eine gegen sich selbst zu werden scheint, während sich der Rest noch an Bonn klammert, wo SPD und CDU das Geschehen dominieren und die Grünen die aufgemöbelte Ersatzlösung sind, wenn es für die beiden Altherrenparteien nicht mehr reicht. Bonnrepublikanisch und konservativ sind auch sie, wie der Spiegel Ende 2019 festgestellt hat. 13

Thüringen hat im vergangenen Jahr antibonnisch gewählt wie noch nie ein Land zuvor. Weit über die Hälfte der Stimmen vereinen AfD und Linke auf sich; zusammen haben sie eine Blockademehrheit, an der die alte politische Arithmetik scheitert, weil beide eine andere Republik wollen, aber auf verschiedene Weisen: Die Linke verneint die derzeitige politische Form des gesellschaftlichen Materials mit dem Ziel der Abschaffung einiger Privilegien. Sie sucht (wie vor ihr schon Radegunde, Elisabeth und die frühe Sozialdemokratie) nach einem Weg, Thüringens Drang zum Absoluten in der Politik vielleicht doch noch glücklich ausgehen zu lassen. Die AfD dagegen will sich das Absolute in einer Mischung aus Zerstörung und Zementierung krallen, wird aber danebengreifen, weil sie an der herrschaftlichen Einrichtung der Welt keine Änderung vornehmen will.

Dass die Thüringer 2014 Bodo Ramelow zum ersten linken Ministerpräsidenten überhaupt wählten, zeigte ihre Bereitschaft zur Öffnung für etwas Neues, das außerhalb des Bekannten liegt. Die Linkspartei selbst ist diese Öffnung wohl noch nicht, aber unter allen Parteien ist sie für die Öffnung am offensten und hält damit den Kontakt zur Realtranszendenz. Dass Ramelow sein Ergebnis bei der letzten Wahl noch einmal übertraf, zugleich aber der völkische Höcke auf den zweiten Platz durchmarschierte, belegt die fortgesetzte Offenheit der Thüringer für die Öffnung zur Öffnung und zum Wahnsinn.

Wie die Wählerinnen schwanken auch die Parlamentarier. Und einer von ihnen hat sich mithilfe der AfD zum Ministerpräsidenten wählen lassen. Kemmerichs Arglosigkeit (hatte ich so jetzt nicht geplant) und Mohrings Ahnungslosigkeit (konnten wir doch nicht wissen, dass die AfD den auch wählt) machen beide zu sehr thüringischen Figuren, die nichts Spezielles vorhaben, außer ihrer seltsamen Intuition zu folgen, was dann meistens Zoff gibt. Und wenn doch mehr dahintergesteckt haben sollte, vielleicht sogar ein Plan, um künftig mit der AfD zu koalieren, dann wäre es einer gegen die Republik, ein ordnungssprengender und negativer, was auch wieder sehr thüringisch wäre.

Dass beide kurz darauf zurückrudern und -treten mussten, verriete dann aber auch die Planlosigkeit dieses Plans. Der Thüringer hat keinen Weitblick. Er bleibt stets am nächsten Waldabschnitt hängen, wo er ein Geheimnis vermutet, dem er mit kindlicher Inbrunst nachspürt und darüber die Welt vergisst. Wenn man ihn zu Politik befragt, dann winkt er ab und sagt, das sei nicht so sehr seins, und wenn er dann aber doch politisch werden soll, weil alle ihm immer wieder damit kommen, dann macht er halt kaputt, was ihn nervt. Thüringen ist kein Strategenland. Es mag ein Ort sein für Eigenbrötlerinnen, Gedankentüftler, Künstlerinnen und Störenfriede, aber ein Staat ist mit ihm kaum zu machen. Da hatte Treitschke schon Recht.

Viele, die von Thüringens unbedingtem Charakter nichts ahnen, wundern sich jetzt über so viel Unruhe und so wenig Maß in der Mitte. Dass Bayern und Sachsen zwei der drei Freistaaten sind, kann man sich denken, dass Thüringen aber der dritte sein soll, darauf kommt die Intuition nicht so leicht. Man denkt bei der Widerspenstigkeit nicht an Thüringen. Scheinbar fügsam und sanft liegt es in der Mitte, schwärmt für keine Ideen außer Weimar, isst Bratwurst, Klöße und Roulade und wählte jahrelang CDU, entwickelte darunter aber ein Unbehagen an beiden Formationen, die bis 1989 bestanden: Weder mit der DDR noch mit der verlängerten Bonner Republik kann man hier viel anfangen, weshalb es jetzt zu diesen Unruhewahlen kam – zum Parlament und in ihm.

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen [1918
  2. In eine solche Deutung Thüringens als Maß- und Mitteland flüchtet sich Ulf Annel, Gebrauchsanweisung für Thüringen. München: Piper 2015.
  3. Christoph Möllers, Wir, die Bürger(lichen). In: Merkur, Nr. 818, Juli 2017.
  4. Theodor W. Adorno, Motive [1929
  5. Steffen Raßloff, Geschichte Thüringens. München: Beck 2010.
  6. Ernst Bloch, Atheismus im Christentum. Frankfurt: Suhrkamp 1968.
  7. Anne Dufourmantelle, Lob des Risikos. Ein Plädoyer für das Ungewisse. Berlin: Aufbau 2018.
  8. Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen. Erstes Stück: David Strauss, der Bekenner und Schriftsteller [1873
  9. Max Arthur Hofmann, Der Thüringer Kleinstaatenjammer. Ein Weckruf an alle Thüringer ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit. Saalfeld: A. Hofmann 1906.
  10. Fritz Wichert, Ein Haus, das Sehnsucht weckt. In: Frankfurter Zeitung vom 10. Oktober 1923.
  11. Walter Benjamin, Erfahrung und Armut. In: Ders., Gesammelte Werke II. Frankfurt: Suhrkamp 1991.
  12. Theodor W. Adorno, Minima Moralia [1951
  13. Stefan Kuzmany, Grüne auf dem Weg zur Macht. Die Staatspartei. In: Spiegel Online vom 18. November 2019 (www.spiegel.de/politik/deutschland/die-gruenen-unter-baerbock-und-habeck-die-staatspartei-a-1297140.html).

5 Kommentare

  1. dos sagt:

    Exzellent!
    Tante grazie!

  2. Reiner Girstl sagt:

    ist das dadaismus performance?

  3. Reiner Girstl sagt:

    Das ist jetzt die Geheimsprachenlogik von Menschen die sich nur an eingeweite wenden wollen. Wenn man etwas zu sagen hat sollte man es klar sagen. Das oben wieder gegebene Axiom verstehe ich nicht. Das lösen von Rätseln ist mir auch zu Dumm.

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