Appropriation und Begehren. Popkolumne

Fragen kultureller Aneignung standen in den 2010er Jahren immer wieder auf der Tagesordnung öffentlicher Debatten um Pop. Wenn sich nun auch das der popkulturellen Politikreflexion eher unverdächtige US-Teenager-Magazin Seventeen diesem Thema widmet, zeigt sich deutlich, dass es im Mainstream angekommen ist. 11 Celebrities who have been accused of cultural appropriation titelt Carolyn Twersky und illustriert in einer Liste mit prominenten Beispielen, worum es geht. Sei es Ariana Grande mit ihrem Video zu 7 Rings, das Versatzstücke japanischer Kawai-Kultur in einem Hip-Hop-Szenario nutzt, seien es die zu braids geflochtenen Haare Kim Kardashians auf dem roten Teppich oder Katy Perrys cornrows in ihrem Video This Is How We Do – die Struktur der Appropriation besteht jeweils in der Übernahme kulturell codierter Details, die ihrem Ursprungskontext entrissen und wie eine Maske, als Kostümierung oder in stereotyper Imitation verwendet werden.

(Der Text ist im Maiheft 2020, Merkur # 852, erschienen.)

Im Pop-Kontext wird mit der Rede von kultureller Appropriation also ein Vorwurf formuliert. Er richtet sich gegen eine hegemoniale Aneignung kultureller Codes marginalisierter Gruppen, die sich in Form von Frisuren, Kleidung, Sprache, Gesten, musikalischen Stilen oder Tanzbewegungen vollzieht. Anders stand es um den Begriff der Appropriation lange Zeit in der Kunst, in der Appropriation Art war er sogar eine Parole linker Gegenkultur – »So appropriation actually meant theft, and it was a way of acknowledging that property is theft«. 1 Gregg Bordowitz’ hier so bündig formulierte Erläuterung erinnert daran, dass Appropriation als künstlerische Strategie der Aneignung gegen herrschende Besitzverhältnisse eingesetzt wurde.

Allerdings agieren Kunstschaffende auch dann noch unter der Maßgabe des geistigen Eigentums, wenn sie den Zusammenhang von Autorschaft und Besitz durch künstlerische Verfahren der Aneignung reflektieren. 2 Man muss Isabelle Graws Vermischung von poststrukturalistischer Literaturtheorie und Urheberrecht nicht unbedingt folgen. Hier wird jedoch klar, dass der kritische Reflex, auf den Vorwurf kultureller Appropriation mit der Aussage »Kunst /Literatur /Pop war doch immer schon Appropriation« zu reagieren, in der Sache nicht ausreichend weiterhilft.

Anders als das Lob der Appropriation in der Kunst richtet sich die Kritik an kultureller Appropriation im Pop weniger direkt auf Fragen des Eigentums. Im Zentrum stehen hier vielmehr Dimensionen kultureller Identität. Exemplarisch wird dies deutlich an einem Beitrag von Hengameh Yaghoobifahrah für das Missy Magazin, in dem das links-alternative Techno-Festival Fusion als weiß dominierter Karneval der Kulturlosen beschrieben wurde. Die »stereotypen, rassistischen Kostüme waren jedenfalls überall«. Dreadlocks, Kimonos, Kegelhüte, Bindis, Saris, Federkopfschmuck, Tunnel und Turbane, getragen von weißen Festivalgästen, werden als »Red-, Black-, Brown- und Yellow-Facing« und damit als rassistische Verkleidung gedeutet. 3 Mag in der Aneignung vielfach auch die Wertschätzung des Angeeigneten liegen, die Kritik kultureller Aneignung fokussiert nicht die individuelle Übernahme kulturell markierter Stile von Frisur oder Kleidung, sondern die rassistische Struktur der stereotypisierenden Dekontextualisierung.

Durch Übernahme und Imitation, so der Vorwurf, gerinnen Verhaltensweisen und Selbstinszenierungen zu warenförmigen Fetisch-Objekten – es gebe also eine enge Verbindung zwischen kultureller Differenz und kapitalistischem Warenfetisch. 4 Die Formel »wearing the culture as a costume« bringt die Vorwürfe auf den Punkt, gelegentlich ist auch von »racial drag« die Rede. 5

Jahrzehnte vor der aktuellen Debatte hat sich Dick Hebdige in Subculture. The Meaning of Style (1979) differenziert mit verwandten Fragen befasst. Er unterschied verschiedenste Ausprägungen der Übernahme, die von der »symbolischen Allianz« und dem »beispiellosen Zusammenströmen von Schwarz und Weiß« im Jazz über die romantisierte Symbolfigur des »schwarzen Mannes« für die Hipster- und Beatkultur bis zur paradoxen Widersprüchlichkeit zwischen der Übernahme einzelner Elemente schwarzer Kultur durch Skinheads reichen, wo die übernommenen Details nur als »gestohlene Form« auftraten. 6 Interessant wäre mit Blick auf die aktuellen Debatten, ob und wie diese Praktiken der Übernahme in gleicher Weise als kulturelle Appropriation zu beschreiben wären und wie Differenzen zwischen einer fan-basierten Imitation und rassistischer Markierung von Differenz zu werten sind.

Der Diskurs um kulturelle Appropriation wirft Fragen der Identität und der Identifizierung auf: Was heißt »schwarze« oder »weiße« Kultur? Womit identifiziere ich mich, wodurch und als was werde ich identifiziert? Wer als schwarz wahrgenommen und identifiziert wird, muss seinerseits spezifische kulturelle Praxen und Codes etablieren, um auf die Fremdbestimmung mit eigenen Vorstellungen von Identität zu reagieren. Damit entgehe man aber, so fasst es Jens Kastner zusammen, nicht dem grundlegenden »Dilemma jeder emanzipatorischen Identitätspolitik«: sich nämlich »auf Kategorien beziehen zu müssen, die zugleich die Grundlage der Diskriminierung bilden«. 7

Hat, wer den Vorwurf der kulturellen Appropriation äußert und sich damit auf identitätspolitische Kategorien bezieht, womöglich einen essentialistischen Begriff von Kultur und kultureller Differenz? Oder ist die Debatte notwendig im Sinne eines »strategischen Essentialismus«, wie ihn Gayatri Chakravorty Spivak als temporäre Strategie auf dem Weg zur Aufhebung der Diskriminierungen empfahl? Die Debatte um kulturelle Appropriation kann von der kritischen Auseinandersetzung mit Identitätspolitik, wie sie in den 1990er Jahren geführt wurde, zumindest profitieren.

Gender Trouble

Als vor dreißig Jahren Judith Butlers Gender Trouble (Das Unbehagen der Geschlechter) erschien, verdankte es seinen durchschlagenden Erfolg nicht nur der provozierenden Reichweite seiner Thesen oder der kritischen Relektüre der feministischen Debatten vorangegangener Dekaden. Die in der Geschlechterforschung etablierte Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht, zwischen sex und gender, ist nach Butler zum einen deshalb problematisch, weil sie vergessen lasse, dass auch die Biologie eine Form des Wissens darstelle, deren Fragen, Praktiken und Akteure durch die Kultur der Zweigeschlechtlichkeit immer schon geprägt seien. Zum anderen sei die Geschlechterdualität abhängig von der als Norm gesetzten Heterosexualität, deren Basis die Vorstellung eines kohärenten Zusammenhangs von Körper, Begehren und sexueller Praxis sei.

So komplex und voraussetzungsreich Butlers Lektüren ausfielen, so unmittelbar und evident waren die wenigen Beispiele, die sie illustrierten. Gender Trouble verdankte seinen kometenhaften Aufstieg wohl nicht zuletzt seiner Nähe zum Pop und seiner eigenen Geste jugendkultureller Rebellion. Das englische Vorwort macht klar, dass Butlers Selbstpositionierung eine Gründungsgeste des Pop aufgreift. Im Geiste von Elvis Presleys »If you’re looking for trouble /you came to the right place« formuliert Butler zum Einstieg in ihr Buch: »To make trouble was, within the reigning discourse of my childhood, something one should never do, precisely because that would get one in trouble«. Aufstand, Rebellion und deren Niederschlagung, so Butler, wurden mit demselben Begriff belegt, »a phenomenon that gave rise to my first critical insight into the subtle ruse of power«. Es ist die subtile List der Macht, mit Ärger zu drohen oder gar Ärger zu machen, um Ärger zu vermeiden. »Hence, I concluded that trouble was inevitable and the task, how best to make it, what best way to be in it.« 8

Im Kontext dieses Bekenntnisses zum Ärgermachen bekommen die popkulturellen Verweise zur Illustration der Thesen von Gender Trouble ihr besonderes Gewicht und ihre Überzeugungskraft. Mit Aretha Franklins »gay anthem« (You Make Me Feel Like) A Natural Woman und John Waters’ Film Female Trouble, der für den Titel des Buchs Pate stand, bezog sich Butler auf prominente Beispiele der schwulen Subkultur.

In einem kurz nach Erscheinen von Gender Trouble mit Liz Kotz geführten Interview in Artforum erzählte Butler von ihren Motiven. So habe sie sich als Teenager einerseits mit zwei schwulen Onkeln identifiziert und andererseits eine Abneigung gegen manche Ausprägungen lesbischer Subkultur gehabt. »So probably a lot of my gay identification got formed through these men, and a lot of lesbian culture – women’s music, women’s culture – always seemed extremely foreign to me.« 9

Butlers Beispiele, ihre Appropriation schwuler Subkultur illustrieren also nicht einfach nur die Thesen Butlers. In der transvestischen Verkörperung von Weiblichkeit etwa durch Divine und generell im drag, so die These, werde erkennbar, dass sich Geschlecht durch Nachahmung konstituiere. Die Weiblichkeit von Frauen könne in gleicher Weise als Parodie eines Ideals verstanden werden wie die Verkörperung von Weiblichkeit durch Männer. »Der hier verteidigte Begriff der Geschlechter-Parodie (gender parody) setzt nicht voraus, daß es ein Original gibt, das diese parodistischen Identitäten imitieren. Vielmehr geht es gerade um die Parodie des Begriffs des Originals als solchem.«

Mit dem Konzept der Parodie gehört Gender Trouble in den Kontext einer breiteren kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung um Verfahren der Imitation und Wiederholung in der Kultur der Postmoderne. Wenn in den achtziger und neunziger Jahren von Nachahmung, Mimikry oder auch Appropriation die Rede war, dann im Sinne eines künstlerischen Verfahrens. Die Kulturwissenschaften haben an der Ausdifferenzierung kategorialer Beschreibungen gearbeitet. Gérard Genettes Palimpseste enthielt eine Typologie der, wie es im Untertitel hieß, Literatur auf zweiter Stufe. 10 Linda Hutcheon bestimmte die Parodie als eine »authorized transgression«, die sich zugleich verspottend und anerkennend auf eine Norm beziehe. 11 Fredric Jamesons Gegenüberstellung von Parodie und Pastiche enthielt eine kulturkritische Pointe, insofern er die Parodie als kritische Bezugnahme auf-, das Pastiche aber als leere Wiederholung, »blank parody«, abwertete. 12

Butlers und Jamesons Reflexionen zur Parodie hatten innerhalb und außerhalb der akademischen Diskussionen eine enorme Reichweite. Sie wurden genutzt, um künstlerische Verfahren wie soziale Praktiken der zeitgenössischen Gegenwart zu beschreiben. Aus heutiger Perspektive wird die mit diesen Prozessen sekundärer Verwertung verbundene Euphorie der Ab- und Umwertung von Ursprünglichkeit und Originalität auch als historischer Moment erkennbar. An dessen Stelle ist im Diskurs um die kulturelle Appropriation eine politisch motivierte Beobachtung derjenigen getreten, die als Zitierende agieren. Künstlerische Verfahren und soziale Praktiken der Wiederholung werden nun mit einer explizit kritischen Würdigung und Wertung der Urheber in den Blick genommen.

Identifikation, Identität, Fantasie

Butlers theoretische Intervention gegen essentialisierende Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit richtete sich in gleicher Weise gegen eine dominante patriarchale Kultur wie gegen eine feministische Essentialisierung von Weiblichkeit. Indem Butler ihre Beispiele der schwulen Subkultur entlehnte, markierte sie zugleich die Möglichkeit und Relevanz einer nicht aus dem eigenen Geschlecht und der eigenen Sexualität abgeleiteten Identifikation.

Entfaltet wird dieser Zusammenhang von Identifikation, Identität und kultureller Repräsentation in einem in der deutschsprachigen Butler-Rezeption fast übersehenen Essay über The Force of Fantasy: Feminism, Mapplethorpe, and Discursive Excess. 13 Hintergrund und Anlass dieses Texts bildete die »sorry discursive alliance« zwischen Vertreterinnen der feministischen Anti-Porno-Fraktion um Andrea Dworkin und Catharine MacKinnon auf der einen und Jesse Helms’ homophober Kulturpolitik auf der anderen Seite. Butler wies auf die strukturelle Nähe in der Argumentation der ansonsten politisch entgegengesetzten Positionen hin: Beide setzen ein mimetisches Verhältnis zwischen Realität, Fantasie und Repräsentation voraus, das sich in dem alten feministischen Satz »Pornografie ist die Theorie, Vergewaltigung die Praxis« pointiert formuliert findet.

Dagegen argumentiert Butler, dass kulturelle Repräsentationen von Geschlecht und Sexualität die Identifikation mit dem eigenen Geschlecht oder der eigenen sexuellen Präferenz nicht erzwingen. Vielmehr sei die Fantasie (psychoanalytisch) als eine Dimension zu verstehen, in der die Fragmentierung von Identität und Identifizierung erfahrbar werde: »fantasy enacts a splitting or fragmentation, or perhaps better put, a multiplication or proliferation of identifications that puts the very locatability of identity into question.« 14

Indem sie das Verhältnis von Identität und Repräsentation durch die Dimension der Fantasie ergänzt, verkompliziert Butler die Frage des Verhältnisses von Eigenem und Fremden. Wenn die Darstellung des Fremden Teil der eigenen Fantasie ist, wird eine identitätsstiftende Abgrenzung des Eigenen, der eigenen Kultur, problematisch. Die Kohärenz von individueller Identität und Eigentum an einer Kultur, die im Konzept kultureller Appropriation mitgedacht wird, löst sich auf.

Verletzbarkeit und Begehren

Für die Auseinandersetzung mit Dimensionen kultureller Appropriation ist der Bezug auf Butlers Kritik der Identitätspolitik in doppelter Weise interessant. Zum einen legen ihre Überlegungen zu Parodie und drag nahe, dass kulturelle Aneignungen nicht notwendigerweise als Kopie eines Originals verstanden werden müssen. Homi Bhabha hat vorgeschlagen, auf die Semantik des Originals zu verzichten und stattdessen von Übersetzung und in Anlehnung an Walter Benjamin von einem Prozess der Interpretation, der Verschiebung und der Produktion zu sprechen. »There will be translation, there will be transformations.« 15

Butlers Analyse von drag führt vor, wie sehr Darstellungen von Weiblichkeit immer schon in Machtverhältnisse und mehr oder weniger feste Gefüge von Körper, Sexualität und Begehren eingebunden sind. Kulturelle und politische Gegenstrategien auf die Identität als Frau zu gründen, das war die Einsicht von Gender Trouble, drohen diese Struktur in der Umkehrung zu festigen. Die relative Machtlosigkeit, Unterrepräsentanz und Benachteiligung von Frauen ist ein Problem, dem die kulturelle Form der Zweigeschlechtlichkeit zugrunde liegt. Daran ist auch im Kontext aktueller feministischer Debatten immer wieder zu erinnern.

Der Diskurs über kulturelle Aneignung verbindet den Komplex kultureller Identifikation mit der Dimension des Eigentums. Hip-Hop, cornrows und braids gelten zugleich als Repräsentationen schwarzer Identität und als deren Eigentum. Homi Bhabha spricht vom »proprietorial sense« des Besitzens und dem Konzept einer »propria persona«. Interessant ist auch, dass diese Fragen für die Übernahme rassisierender Codes gestellt werden, aber nicht im Bereich von Gender-Attributen relevant werden. Wir diskutieren über Katy Perrys und Kim Kardashians Frisuren, kommen aber nicht auf die Idee, David Beckhams oder Lars Eidingers lackierte Fingernägel seien eine unangemessene Aneignung femininer Codes – warum nicht? Das ökonomische Szenario reicht nicht als Erklärung, auch David Beckham und Lars Eidinger verdienen gutes Geld mit der Inszenierung einer ehemals »metrosexuell« genannten Form von Männlichkeit. 16

Zweitens ist auch das Konzept der geschlechtlichen Parodie bei Butler etwas anderes als ein Kleidertausch, also eine Aneignung von Zeichen im Sinne der Kostümierung. Zu fragen wäre, ob Formen des racial drag in der Fankultur, ob Verkörperungen des Anderen durch Frisur, Musikvorlieben oder Kleidungsstile nicht ähnlich wie Gender-Aneignungen als fantasmatische Identifikationen verstanden werden können, die über karnevaleske Verkleidungen hinausgehen. Womöglich lässt sich sogar noch in den stereotypisierten Kostümen des Karnevals eine vergleichbare Form der Identifikation beobachten.

bell hooks hat die Ambivalenzen, die solche Identifkationen provozieren, als »Einverleiben des Anderen« beschrieben. »Wenn ›Rasse‹ und Ethnizität vermarktet werden, um Stoff für Vergnügen abzugeben, erweisen sich menschliche Körper und die Kultur besonderer Gruppen als alternative Spielwiesen.« 17 Damit es zu diesem Prozess kommt, darauf weist hooks auch hin, muss es eine spezifische Empfänglichkeit »für die Verführung zur Unterschiedlichkeit« geben, oder, wie es im englischen Original heißt: »to make one’s self vulnerable to the seduction of difference«. 18

Aus der Perspektive derjenigen, die von sexistischer und rassistischer Diskriminierung oder Gewalt betroffen sind, ist es kein großer Schritt, wenn sich David Beckham die Fingernägel lackiert und seine Haare zu braids flicht. Dennoch markieren diese Aneignungen eine prominente Abkehr von der Identifikation mit den kulturellen Codes dominanter weißer heteronormativer Männlichkeit. Sie setzen ein gewisses Maß von Offenheit, Verletzbarkeit und Affinität voraus.

Wie Butlers Identifikation mit schwuler Subkultur oder Robert Mapplethorpes Fotografien hat das Begehren des Anderen hier die Funktion, Positionen des Eigenen und der Identität zu transformieren. bell hooks kritisiert diesen Prozess als »kulturelle Vereinnahmung des Anderen«, der zwar die »Psyche radikaler weißer Jugendlicher« kurzfristig beschäftige und modifiziere, aber die rassistische Struktur des Kapitalismus nicht tangiere. Auch Butler weist angesichts der Fotografien Mapplethorpes darauf hin, dass einige seiner Bilder im Kontext eines »racist romanticism of Black men’s excessive physicality and sexual readiness« stehen. 19

Sexualität und die Rolle der Fantasie im Prozess der Identifizierung gelten also keinesfalls als Bereich natürlicher Unschuld. Wenn sich das Begehren des Anderen als Begehren der eigenen Unschuld zeigt, als Begehren, die eigene hegemoniale Position zu verlassen, ist das aber vielleicht ein erster relevanter Schritt. In diesem Sinne ließen sich auch die Stil- und Kleider-Codes der Gäste des Fusion-Festivals komplexer beschreiben.

Beim Blick auf die Liste des Magazins seventeen drängt sich ein weiterer Aspekt auf. Mit Ariana Grande, Kim Kardashian, Katy Perry, Kylie Jenner, Karlie Kloss, Selena Gomez, Beyoncé, Miley Cyrus, Khloé Kardashian, Taylor Swift und Vanessa Hudgens richtet sich die Debatte um kulturelle Appropriation im Pop, wie sie in den letzten zehn Jahren geführt wurde, offenbar in besonderer Weise gegen weibliche Sängerinnen und Influencerinnen.

In ihrer Studie White Negroes beschreibt Lauren Michele Jackson den Zusammenhang von Girl-Pop und dem Aneignungs-Vorwurf anhand einiger ehemaliger Kinderstars aus dem Disney-Universum. Britney Spears, Christina Aguilera, Miley Cyrus und Selena Gomez, so ihre These, sei es erst durch die Appropriation von Hip-Hop gelungen, aus der Kinderabteilung in die Welt des erwachsenen Teenager-Pops zu wechseln. In einem »transfer of black aesthetics to white bodies and voices« werde die Artikulation weiblicher Sexualität temporär möglich. »They can experiment, get dirty, shock the public, seize their womanhood and then, after the fun is over, walk away like it never happened.« 20

Haben die genannten Sängerinnen einerseits die Möglichkeit, ihre Selbstinszenierung als Identitätswechsel zu inszenieren und zu einer »weißen« Position zurückzukehren, so könnte man auch formulieren, dass die Artikulation sexuellen Begehrens für junge Frauen im Pop aktuell offenbar nur durch Hip-Hop-Codierungen möglich wird.

Zu fragen ist auch, ob sich der gleiche Sachverhalt nicht auch umgekehrt als Siegeszug von Hip-Hop beschreiben lässt. In der sehr empfehlenswerten Netflix-Dokumentation Hip-Hop Evolution werden ab der ersten Folge nicht nur die internen Verwerfungen, Rivalitäten und Konkurrenzen um die echten Wurzeln des Hip-Hop und vor allem um deren legitime Erben verfolgt. Spätestens mit der Folge Super-Producer (Staffel 4, Folge 3) über Pharrell Williams, Chad Hugo, Timbaland, Missy Elliott und andere zeigt sich, dass der Erfolg und die Dominanz von Hip-Hop im aktuellen Pop zumindest auf der Produktionsseite durchaus auch als Dominanz von black culture gelten kann. Es ist ja keineswegs so, dass die größere Sichtbarkeit weißer Frauen mit braids auch bedeutet, dass diese über die größeren ökonomischen Ressourcen oder die Produktionsmittel verfügen. Hier hilft nur die Einzelfallbetrachtung.

Interessant ist darüber hinaus der Blick ins Publikum. Wie Butlers Gender Trouble Anfang der 1990er Jahre die Notwendigkeit betonte, politische Koalitionen jenseits ausschließender Identitäten zu suchen, betont auch Gregg Bordowitz diese Dimension sozialer Diversität: »I think the most radical thing that a work of art can do is to constitute a new audience, a group of people that never imagined themselves sitting in the same room.« 21 Koalitionen, Allianzen oder Affinitäten in nichthomogenen Gruppen, »a public that isn’t monolithic« – darauf könnte der Fokus in der Diskussion um kulturelle Appropriation auch liegen.

 

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Cultural Appropriation: A Roundtable. Gregg Bordowitz im Gespräch mit Salome Asega, Ajay Kurian, Jacolby Satterwhite, Homi K. Bhabha Joan Kee, Michelle Kuo. In: Artforum, Sommer 2017 (www.artforum.com/print/201706/cultural-appropriation-a-roundtable-68677).
  2. Isabelle Graw, Das gehört mir! Überlegungen zu Eigentum und Wert in künstlerischer Produktion. In: Texte zur Kunst, Nr. 117, März 2020.
  3. Hengameh Yaghoobifarah, Fusion Revisited: Karneval der Kulturlosen. In: Missy Magazine vom 5. Juli 2016 (missy-magazine.de/blog/2016/07/05/fusion-revisited-karneval-der-kulturlosen/).
  4. Vgl. Greg Tate, Nigs R Us, or How Blackfolk Became Fetish Objects. In: Ders. (Hrsg.), Everything But the Burden. What White People Are Taking from Black Culture. New York: Broadway Books 2003.
  5. Spencer Kornhaber, How Ariana Grande Fell Off The Cultural-Appropriation Tightrope. With »7 Rings,« the singer wears culture as a costume. In: The Atlantic vom 23. Januar 2019 (www.theatlantic.com/entertainment/archive/2019/01/ariana-grandes-7-rings-really-cultural-appropriation/580978/).
  6. Dick Hebdige, Subkultur – Die Bedeutung von Stil. In: Diedrich Diederichsen u. a. (Hrsg.), Schocker. Stile und Moden der Subkultur. Reinbek: Rowohlt 1983.
  7. Jens Kastner, Was ist kulturelle Aneignung? In: Deutschlandfunk vom 15. Oktober 2017 (deutschlandfunk.de/popkultur-debatte-was-ist-kulturelle-aneignung.1184.de.html?dram:article_id=397105).
  8. Judith Butler, Gender Trouble. New York: Routledge 1990 (Das Unbehagen der Geschlechter. Aus dem Englischen von Kathrina Menke. Frankfurt: Suhrkamp 1990).
  9. The Body You Want. Liz Kotz interviews Judith Butler. In: Artforum, Nr. 31, November 1992.
  10. Gérard Genette, Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Aus dem Französischen von Wolfram Bayer und Dieter Hornig. Frankfurt: Suhrkamp 1993.
  11. »Die Überschreitungen der Parodie bleiben autorisiert – autorisiert durch genau die Norm, die die Parodie zu subvertieren versucht.« Linda Hutcheon, A Theory of Parody. The Teachings of Twentieth-Century Art Forms. New York: Methuen 1985.
  12. Fredric Jameson, Postmodernism and Consumer Society. In: Hal Foster (Hrsg.), The Anti-Aesthetic. Essays on Postmodern Culture. Port Townsend: Bay Press 1983 (zit. n. Butler, Das Unbehagen der Geschlechter).
  13. Judith Butler, The Force of Fantasy: Feminism, Mapplethorpe, and Discursive Excess. In: differences, Nr. 2, 1990.
  14. »Fantasie bewirkt eine Aufsplitterung, eine Fragmentierung, oder besser gesagt, eine Multiplikation oder Proliferation von Identifikationen, was die Möglichkeit einer Verortung von Identität infrage stellt.«
  15. Homi Bhabha im Gespräch mit Gregg Bordowitz u. a. In: Artforum, Sommer 2017.
  16. Andreas Kraß, Metrosexualität. Oder: Wie schwul ist der moderne Mann? In: Barbara Vinken (Hrsg.), Die Blumen der Mode. Klassische und neue Texte zur Philosophie der Mode. Stuttgart: Klett-Cotta 2016.
  17. bell hooks, Die Einverleibung des Anderen. Begehren und Widerstand. In: Dies., Black Looks. Popkultur – Medien – Rassismus. Aus dem amerikanischen Englisch von Karin Meißenburg. Berlin: Orlanda Frauenverlag 1994.
  18. bell hooks, Black Looks. Race and Representation. Boston: South End Press 1992.
  19. Judith Butler, The Force of Fantasy.
  20. Lauren Michele Jackson, White Negroes. When Cornrows were in Vogue … and Other Thoughts on Cultural Appropriation. Boston: Beacon Press 2019.
  21. 21 Cultural Appropriation: A Roundtable. In: Artforum, Sommer 2017.

1 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Sicher lohnt es sich Judith Butler zu lesen.

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