Die achtzehn Sinne. Sinneskolumne

Gibt man den Begriff »Sinne« bei Google ein, findet man mehrere Artikel aus der Tagespresse. Einer handelt von der Weltraumfahrt, ein anderer von einem verregneten Hoffest im niedersächsischen Stadthagen und ein weiterer vom Autohersteller Nissan. In dem Weltraum-Artikel will die zehnjährige Juliette von dem Astronauten Luca Parmitano wissen, »welchen seiner fünf Sinne« er im All am meisten brauche. Das Stadtfest regte trotz Dauerregens »alle fünf Sinne an«, und Gleiches haben sich die japanischen Autohersteller für ihren Stand auf einer Messe in Las Vegas vorgenommen: Er folgt dem Prinzip omotenashi (Gastfreundschaft), womit er »alle fünf Sinne« ansprechen will.

(Der Text ist im Maiheft 2020, Merkur # 852, erschienen.)

Die fünf Sinne, so könnte man dieser kurzen Stichprobe entnehmen, spielen nicht nur in sehr unterschiedlichen Situationen des Lebens eine Rolle; sie beschäftigen auch verschiedene Generationen in weit auseinanderliegenden Räumen. Tatsächlich ist die Vorstellung der fünf Sinne ein weitverbreitetes Konzept. Darin werden üblicherweise einzelne Bereiche parzelliert: Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken. Diese Jahrtausende alte Pentatonik lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen und prägt die populäre Vorstellung von der menschlichen Wahrnehmung bis in unsere Tage. Auch in das Bildgedächtnis hat sich diese Fünfheit eingebrannt: Niederländische Gemälde des 17. Jahrhunderts visualisieren sie in kunstvollen Arrangements aus verführerischen und verfaulenden Speisen, Musikinstrumenten und griffbereit platzierten taktilen Objekten. Die nüchternen Piktogramme unserer Tage, die Auge, Ohr, Hand, Nase und Mund zu Symbolen stilisieren, bilden numerisch nichts anderes ab: Fünf Sinne hat der Mensch.

Tatsächlich aber wären die in den Zeitungsartikeln geschilderten Situationen reichlich unterkomplex, würden sie nur mit fünf Sinnen wahrgenommen. Man mag bezweifeln, ob es beim Autofahren den »siebten Sinn« braucht, den eine langjährige bundesdeutsche Fernsehsendung zur Verkehrssicherheit im Titel führte, aber die Sinne für Geschwindigkeit und Entfernung wären auch beim Steuern eines neuen Nissan sicherlich hilfreich. Auf dem verregneten Stadtteilfest dürfte – zum Leidwesen der Feiernden – auch der Sinn für Temperatur, die Thermorezeption, stimuliert worden sein. Für einige der trinkfreudigen Gäste vermutlich auch der Gleichgewichtssinn, mit dem im Übrigen kaum jemand so sehr konfrontiert sein dürfte wie der Astronaut Luca Parmitano. Auch die Propriozeption, die Wahrnehmung der Stellung einzelner Körperteile zueinander, wird in der Schwerelosigkeit für ihn eine Rolle spielen, ebenso der Verlust der Gravitation.

Wie die Beispiele zeigen, lassen sich die Modi der menschlichen Wahrnehmung keineswegs an einer Hand abzählen. Mittlerweile wird die Zahl der Sinne von Lebenswissenschaftlern – je nach Schule – mit bis zu achtzehn verschiedenen Einzelsinnen beziffert. Etliche davon betreffen die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Der Sinn für den eigenen Blutdruck, der für den Zuckerspiegel, aber auch so basale Wahrnehmungen wie Hunger oder Müdigkeit lassen sich als je eigene – lebenswichtige – Wahrnehmungsvorgänge fassen. Die self tracker unserer Tage suchen sie mittels Überwachungstechnik am Handgelenk zu messen und mit modifizierten Ernährungs- oder Bewegungsroutinen zu steuern.

Neue Sinne

Doch die Entdeckung »neuer Sinne« jenseits der fünf altbekannten stammt nicht erst aus jüngster Zeit. Vor allem Lebenswissenschaftler des 19. Jahrhunderts betrieben eine systematische Ausweitung. Dass die Ohren nicht nur zum Hören gut sind, ahnte 1869 schon Friedrich Leopold Goltz, der in ihnen mit Recht »eine Vorrichtung, welche der Erhaltung des Gleichgewichtes dient«, vermutete, darin an Mutmaßungen über den Schwindel aus den 1790er Jahren von Marcus Herz und Charles Darwins Großvater Erasmus anknüpfend.1 Robert Bárány beendete den Streit um den Gleichgewichtssinn 1914 und wurde dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Seitdem ist das sensorische Spektrum um einen Sinn reicher: die Vestibularität.

Ein paar Jahre zuvor hatte der britische Physiologe Charles Scott Sherrington auf der Suche nach dem Schmerzorgan den Begriff Nozizeptor geprägt. Doch erst in den 1960er Jahren etablierte sein amerikanischer Kollege Edward Perl die bis heute weitgehend gültigen Vorstellungen über die Funktionsweise des Schmerzes, der Jahrtausende lang dem Tastsinn untergeordnet war. Mittlerweile unterscheidet man Rezeptoren für je eigene Reize, und so firmiert die Nozizeption seitdem als eine von der Druckempfindlichkeit abzugrenzende, selbständige Kategorie.2

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