Die Pest in Athen. Ein Gastbeitrag von Thukydides

Die Peloponnesier weilten erst wenige Tage in Afrika, als die Epidemie Athen heimsuchte. 1 Zwar wurde berichtet, dass die Krankheit schon einmal manchenorts gewütet habe, unter anderem in der Gegend um Lesnos, nirgends aber konnte man sich an eine ähnliche Geißel, ein derartiges Hinsterben von Menschen erinnern. Und nichts half, weder die Ärzte, die einer völlig unbekannten Situation gegenüber standen, weil sie die Krankheit zum ersten Mal behandelten, und unter denen die Zahl der Opfer sogar am höchsten war, da sie den meisten Kontakt zu den Kranken hatten, noch irgendein anderes irdisches Mittel. Desgleichen die Bittgänge zu den heiligen Stätten, die Zuflucht zum Orakel oder was dergleichen man versuchte – alles blieb wirkungslos, und schließlich ließ man ganz davon ab und fügte sich in sein Los […]

(Der Text ist im Maiheft 2020, Merkur # 852, erschienen.)

Athen wurde ganz plötzlich heimgesucht; zunächst ergriff die Krankheit die Bewohner vom Piräus und diese behaupteten denn auch, dass die Peloponnesier ihre Zisternen vergiftet hätten [es gab damals dort noch keine Springbrunnen]. Dann erreichte die Seuche den oberen Stadtteil, und nun schwoll die Anzahl der Toten immer weiter an […]

Normalerweise befiel einen die Krankheit ganz unvermittelt bei bester Gesundheit. Zunächst empfand man ein starkes Hitzegefühl im Kopf, die Augen waren gerötet und entzündet, Schlund und Zunge wie roh, der Atem kam übel riechend und unregelmäßig. Nach diesen ersten Symptomen kam es zu Niesen und Heiserkeit, in kurzer Zeit legte das Leiden sich dann auf die Brust und ging mit starkem Husten einher. Wenn es auf den Magen übergegriffen hatte, drehte es ihn förmlich um, und unter schrecklicher Übelkeit wurde Galle in allen Formen – die Ärzte haben dafür ihre besonderen Bezeichnungen – erbrochen.

Die meisten der Kranken litten auch unter einem hohlen Schluckauf, der heftige Krämpfe verursachte – bei den einen nach Abklingen der Symptome, bei den anderen noch sehr viel später. Äußerlich befühlt war der Körper auch nicht übermäßig heiß, auch nicht bleich, er war nur ein wenig gerötet, blutunterlaufen, übersät mit kleinen Bläschen und Geschwüren. Innerlich aber brannte er derartig, dass man die Berührung der Betttücher, ja selbst der leichtesten Stoffe nicht ertrug, man konnte nur noch nackt bleiben und nichts war verlockender, als sich in kaltes Wasser zu stürzen: viele von denen, um die sich niemand kümmerte, taten es sogar und endeten, getrieben von unstillbarem Durst, auf dem Grunde der Brunnen. Und ob man nun viel trank oder wenig trank, das Ergebnis war dasselbe. Hinzu kam die Unmöglichkeit, Ruhe zu finden, und die Schlaflosigkeit. Während der aktiven Phase der Krankheit ermattete der Körper nicht, er widerstand der Pein sogar in recht überraschender Weise und so gab es zwei Möglichkeiten: entweder – und das war der häufigere Fall – man starb nach sechs oder acht Tagen unter der Wirkung dieses inneren Feuers, ohne dabei alle seine Kräfte verloren zu haben, oder aber die Krankheit griff, nachdem man sie zunächst noch überstanden hatte, auf den Unterleib über, wo es zu starker Geschwürbildung bei gleichzeitiger Diarrhöe kam, und im Allgemeinen starb man dann später an der daraus resultierenden Erschöpfung. Die Krankheit befiel, von oben ausgehend, das sie ihren Anfang im Kopf nahm, schließlich den ganzen Körper, und hatte man ihre stärksten Attacken überlebt, so griff sie auf die Gliedmaßen über. Sie erfasste dann die Schamteile, sowie Fingerspitzen und Zehen, und viele kamen nur davon, indem sie dieser Extremitäten verlustig gingen, andere wiederum büßten dabei ihr Augenlicht ein […]

So starben die Leute hier in Ermangelung von Betreuung, dort umgeben von aller nur erdenkbaren Pflege. Man kann sagen, dass es nicht ein einziges bestimmtes Heilmittel gab, das man mit Erfolg hätte anwenden können, denn was für den einen nützlich sein mochte, war für den anderen gerade schädlich; letztlich war keine Körperverfassung, ob stark oder schwach, gegen das Leiden gefeit, es raffte unterschiedslos jeden dahin, trotz der verschiedenartigsten Lebensweisen. Das Furchtbarste dabei aber war zunächst einmal die Mutlosigkeit, die einen befiel, sobald man spürte, dass es einen selbst getroffen hatte (da die innere Einstellung von vornherein der Hoffnungslosigkeit anheimfiel, gab man sich widerstandslos gleich zu schnell auf). Und dann wurde die Krankheit durch Ansteckung bei der gegenseitigen Pflege noch weiter übertragen, so dass sich der Tod wie in einer Viehherde verbreitete, das forderte überhaupt die meisten Opfer. Wenn die Menschen sich nämlich aus Furcht keine Besuche mehr abstatteten, gingen sie elend und verlassen zugrunde, gar viele Häuser verödeten so, da keiner da war, Hilfe zu spenden; pflegten sie hingegen weiterhin Kontakt untereinander, so mähte die Krankheit sie nieder, vor allem jene, die sich trotz allem einem gewissen Edelmut verpflichtet fühlten und aus Respekt vor dem Nächsten unter Einsatz des eigenen Lebens ihre Freunde aufsuchten: hatten doch selbst die nächsten Angehörigen schließlich nicht nur keine Kraft mehr, die Verschiedenen zu beweinen – das Ausmaß des Leids hatte sie gebrochen […]

Auf diese Weise wurden auch die Gebräuche aufgegeben, wie sie ehedem bei Bestattungen geübt worden waren, jedermann begrub seine Toten, wie er eben konnte, und viele ließen sich gar zu empörenden Leichenbegängnissen hinreißen, denn es fehlte ihnen am Notwendigsten, derartig viele Tote hatte es um sie herum schon gegeben. So benutzten sie einen Scheiterhaufen, den andere bereits errichtet hatten, und legten ihren Toten entweder als ersten darauf und zündeten ihn an oder aber warfen ihn zu einem anderen, der gerade verbrannte, noch dazu und verschwanden.

Leidtragende waren vor allem die Flüchtlinge, denn da sie keine Häuser hatten und in dumpfen Hütten lebten, in denen man in der heißen Jahreszeit fast erstickte, wütete die Geißel dort in einem heillosen Chaos: die Körper lagen, während sie verendeten, einer über dem anderen; einige wälzten sich, nach Wasser lechzend, auf den Wegen, die zu den Brunnen führten, halb tot auf der Erde. Die geweihten Stätten, in denen man sich eingerichtet hatte, lagen voller Leichen, die Menschen waren da gestorben, wo sie sich hinbegeben hatten. Vor einer solchen Entfesselung des Leids achteten sie, da sie nicht wussten, was aus ihnen würde, überhaupt nichts mehr, nicht in göttliche, nicht in menschliche Ordnung.

Überhaupt war die Krankheit in der Stadt Ursache einer allgemein wachsenden Sittenlosigkeit. So gab man sich viel hemmungsloser Gelüsten hin, denen man früher höchstens heimlich gefrönt hätte; zu viele plötzliche Schicksalswenden hatte man schon erlebt, bei denen die Wohlhabenden unversehens starben und gestern noch Mittellose alsbald deren Habe erbten. Daher strebten die Leute nach raschen Befriedigungen, suchten sie den Genuss, denn sie selbst wie auch ihr Vermögen waren in ihren Augen ohne jedes Morgen. Sich im Voraus für ein als hehr empfundenes Ziel abzumühen, verlockte niemanden, denn ein jeder sagte sich, man könne schließlich nicht wissen, ob man nicht ohnehin schon vor Erreichen des Ziels umgekommen sei. Sofortiges Vergnügen – das war es, was den Platz des Schönen und Nützlichen eingenommen hatte. Furcht vor den Göttern, Gesetze des Menschen – nichts konnte sie im Zaume halten; es schien gleich, für fromm gehalten zu werden oder nicht, kam doch sowieso jedermann ohne Unterschied ums Leben und beging man ein Verbrechen, so erwartete ohnehin niemand, so lange zu leben, dass das Urteil noch gefällt und die Strafe vollstreckt werden könnte: die drohende Krankheit wog mindestens genauso schwer, und man fand es nur recht und billig, das Leben noch ein bisschen zu genießen, bevor man hinweggerafft würde. 2

 

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Robin Detjes Kolumne entfällt in diesem Heft, denn: »Jeder Scherz, den ich jetzt machen könnte, wäre bei Erscheinen vielleicht wirklich nicht mehr witzig. Ich kann nichts anderes anbieten, als die Kolumne einen Monat unter Quarantäne zu stellen und die Redaktion zu bitten, diesen Gastbeitrag zu drucken.«
  2. Zit. n. Jacques Ruffié /Jean Charles Sournia, Die Seuchen in der Geschichte der Menschheit. Aus dem Französischen von Brunhild Seeler. Stuttgart: Klett-Cotta 1987.

2 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    THUKYDIDES, zeigt doch auch schon, worum es geht bei einer wunderbaren Pandemie. Armut, Hunger, Enge, fehlende Behausung, Stress, Angst und vieles mehr. Ohne alles das sieht es schlecht aus mit der Pandemie. Das Zeigt doch auf was die Wissenschaft gerne Vergißt. Eribon und Butler, erinnern einen beim lesen, daran, das ihre sexuelle Leidenschaft, einmal als psychische Krankheit eingeordnet war, die man durch entsprechende Behandlung korrigieren kann. Beziehungsweise als Straftat die durch Strafe zu korrigieren ist. Das ist alles nicht so lange her und Wissenschaft wehrt sich in manchen Bereichen intensiv gegen Erkenntnis.

  2. Reiner Girstl sagt:

    Im Gegensatz zu dem was man immer lesen kann, das die klassische griechische Periode mit dieser Katastrophe um 400 v. Chr. endet. Kann man bei alle wissenden Althistorikern wie Christian Meier lesen, das die gelebt Kultur in Griechenland auch im 3. Jahrhundert weiter geht. Erst mit dem Sieg der Makedonier verändert sich die Situation. Aber zum Beispiel die Akademie des Platons besteht noch in die Zeit unserer Zeitrechnung weiter. Mit Plotin entsteht auch eine Neuinterpretation Platons zu Beginn unserer Zeitrechnung.
    Im Rahmen des Hellenismus hat sich die griechische Kultur im ganzen östlichen Mittelmeer ausgebreitet und auch gerade in den Regionen der frühen islamischen Expansion überlebt. Ohne Islam keine Wiedergeburt der Antike in der Renaissance.

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