Ein reaktionärer Westen?

Donald Trumps Präsidentschaft kann in vielerlei Hinsicht als beispiellos gelten. Ungewöhnlich ist schon die Persönlichkeit des Mannes, des Casino-Magnaten und Reality-Fernsehstars, dem im Weißen Haus eine lange Reihe von Rechtsanwälten aus alteingesessenen Familien, erfahrenen Generälen oder schlicht ehrgeizigen Politikern vorangegangen ist. Ungewöhnlich ist auch Trumps politischer Stil – seine Art, via Twitter zu kommunizieren, seine Rüpelhaftigkeit, seine Vorliebe für Massenkundgebungen und schließlich die Tatsache, dass er seine Wählerschaft zu Verhaltensweisen animiert, bei denen die Regeln von Anstand und gutem Benehmen lustvoll gebrochen werden.

(Der Text ist im Maiheft 2020, Merkur # 852, erschienen.)

Dass Trumps Wahlsieg im November 2016 eine Zäsur markiert, zeigt sich in der gesamten amerikanischen Innenpolitik. Kein Präsident hat sich gegenüber der Verfassung je derart ignorant und geringschätzig gezeigt. In ebenso dramatischer Weise hat Trump mit dem gebrochen, was für die amerikanische Außenpolitik früher als gesetzt galt. Er lobt offen autokratische und autoritäre Politiker. Die Förderung von Demokratie und Menschenrechten spielt für ihn keine Rolle, und das in dem Land, in dem die Vereinten Nationen ihren Sitz haben. Den Multilateralismus lehnt Präsident Trump in der Theorie wie in der Praxis ab, und von Europa hat er sich in vielerlei Hinsicht abgewandt. Die Europäische Union hat er zum Handelsgegner erklärt, zum Trittbrettfahrer in Sicherheitsfragen, ihre Bestrebungen nach stärkerer Integration hält er für töricht. In seiner offenen Herablassung gegenüber Brüssel setzt sich Trump, ohne mit der Wimper zu zucken, über die Tatsache hinweg, wie sehr amerikanische Präsidenten seit den Tagen von Franklin Roosevelt und Harry Truman die europäische Integration unterstützt haben.

Kurz: Trump hat dem Westen den Rücken gekehrt, oder genauer, er ist von einer gängigen Vorstellung des Westens abgerückt, die lange Zeit sowohl für die US-amerikanische Außenpolitik als auch – wenngleich man hier sehr fein differenzieren müsste – für das intellektuelle Leben insgesamt Geltung besaß. Dieses Begriffsverständnis datiert aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, der in den Vereinigten Staaten als Ost-West-Konflikt wahrgenommen wurde, als Auseinandersetzung zwischen der angloamerikanisch-französischen Demokratie und dem deutschen Autoritarismus. (Wie auch im Zweiten Weltkrieg die Sowjetunion, war Russland schon im Ersten Weltkrieg als Verbündeter aus dem Osten ein eigentümlicher Partner des Westens.) Vergleichbare Polaritäten zeigten sich aus amerikanischer Perspektive im Zweiten Weltkrieg, als der Westen im Kampf gegen den faschistischen Militarismus stand. Später verstärkte und glorifizierte der Kalte Krieg an den amerikanischen Universitäten wie auch in Washington ein altes Narrativ: dass die Vereinigten Staaten als westliches Land die Freiheit von der europäischen Antike ererbt hätten; dass die amerikanische Revolution im 18. Jahrhundert aufgeklärte Freiheit verwirklicht habe; dass es im 20. Jahrhundert die Pflicht der Vereinigten Staaten sei, die Freiheiten des Westens zu verwirklichen und weiterzugeben, wenn möglich als Vorbild, aber wenn nötig, auch mit Gewalt.

Der Westen als Projekt des Kalten Krieges etablierte sich im Westeuropa der Nachkriegszeit. In den Augen amerikanischer Politiker war dieser Teil Europas aufgrund seines historischen und kulturellen Erbes zur Freiheit geneigt, einer Freiheit allerdings, die durch den asiatischen Despotismus der Roten Armee gefährdet war. Averell Harriman, Mitte der 1940er Jahre amerikanischer Botschafter in der Sowjetunion, schrieb: »Falls wir keine Invasion von Barbaren des 20. Jahrhunderts in Europa zulassen wollen, [müssen wir] Wege finden, der hegemonialen Politik der Sowjetunion Einhalt zu gebieten.«1 Damit sprach er für eine ganze Generation amerikanischer Politiker.

Im Sommer 1963 beschwor John F. Kennedy vom Balkon des Schöneberger Rathauses einen europäisch-amerikanischen Westen: Die Formel civis romanus sum präsentierte er seinem West-Berliner Publikum als eine kultiviertere und historische Version von »Ich bin ein Berliner«. In Washington hatten viele das Gefühl, dass mit dem Zusammenbruch des Kommunismus in den neunziger Jahren Kennedys Westen triumphierte. In welchen Schwierigkeiten auch immer die Demokratie und die transatlantische Verbindung nach dem Irak-Krieg steckten: Bevor der Kandidat Trump die Bühne betrat und versprach, die Vereinigten Staaten von einem angeblich versagenden und nur auf seinen finanziellen Vorteil bedachten Europa zu befreien, hätte wohl kaum jemand erwartet, dass ein amerikanischer Präsident sich außerhalb »des Westens« stellen könnte.

Der Westen: Die reaktionäre Version

Trumps Amtsverständnis mag noch so beispiellos sein, seine Haltung gegenüber dem Westen ist es nicht. So sehr amerikanische Politiker und Parteistrategen den transatlantischen Westen überhöhten und als richtungsweisend für die amerikanische Außenpolitik beanspruchten, erfolgte das doch stets vor dem Hintergrund einer kulturell weitverbreiteten Ambivalenz, wenn nicht von unverhohlenem Unmut. Auf der Linken äußerten viele Gruppen gegenüber dem Westen ein Gefühl von Isolation oder Nichtzugehörigkeit. Nicht nur in Europa, sondern auch in den Vereinigten Staaten brachten sie ihn zeitweise unmittelbar mit Imperialismus und weißer Vorherrschaft in Verbindung. Auf der Rechten gilt der Westen, dem Amerika hier selbstverständlich zugerechnet wird, zwar weithin als Ideal. Das Problem ist allerdings, dass »Liberalismus« und Internationalismus ebenfalls als typisch westlich gelten, weshalb Gruppen außerhalb des konservativen Mainstream versuchen, das Bild eines kulturkonservativen, eher isolationistischen als internationalistischen Westens zu etablieren.

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