Architekturkolumne. Raumpraktiken in der Zeit der Pandemie

Am Ende seines Lebens imaginierte der Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy einen Thinktank der besten Künstler und Wissenschaftler ihrer Zeit: Dieser sollte ihr Wissen zu einer »kohärente[n], zweckmäßige[n], an soziobiologischen Zielen ausgerichtete[n] Synthese« vereinen und damit den Weg zu »neuen, kollektiven Formen des kulturellen und sozialen Lebens« bereiten, welche wiederum die »Keimzelle einer Weltregierung« bilden sollten.1 In der aktuellen Krise sind die Virologen und Statistiker zu den Künstleringenieuren von heute geworden, die die gesellschaftlichen Praktiken anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse neu gestalten. Binnen weniger Wochen stellen auf dem ganzen Globus Milliarden von Menschen nahezu synchron ihre Alltagspraktiken um, ein in der Menschheitsgeschichte einmaliger Vorgang.

(Der Text ist im Juniheft 2020, Merkur # 853, erschienen.)

Doch nicht nur die Art und Weise, wie diese Änderungen in der gegenwärtigen albtraumhaften Krisensituation durchgesetzt werden, verweisen auf einen bislang unerfüllten Traum der klassischen Avantgarden. In der abrupten Umstellung der Lebensweisen erfüllen sich zugleich zwei komplementäre Konzepte der Moderne in nie dagewesener Konsequenz.

Social Distancing oder Verdichtung

Da ist zum einen das social distancing, de facto eine räumliche Separierung. Dieses Grundprinzip hat die Entwicklung von Architektur und Städtebau in der Moderne seit der Französischen Revolution maßgeblich geprägt, bis es in den 1970ern in Verruf geriet. Die Worte »Abstandsgrün« und »Abstandsfläche« mutierten zu Reizwörtern, die das Scheitern des modernen Städtebaus knapp und bündig auf den Punkt brachten.

1978 veröffentlichte Rem Koolhaas sein Buch Delirious New York, in dem er sich über die modernen Prinzipien der Dichtebegrenzung und Entzerrung lustig machte und ihnen das Prinzip der »culture of congestion« gegenüberstellte: maximale Verdichtung und Austausch nach dem Zufallsprinzip. Begeistert schildert er, wie die Einsamkeit und Entfremdung der modernen Großstadt im Vergnügungspark Coney Island mit den »barrels of love« überwunden werden – ein Apparat mit rotierenden Tonnen, der von der einen Seite mit Frauen, auf der anderen Seite mit Männern gefüttert wird: »Männer und Frauen purzeln übereinander. Das unerbittliche Rotieren der Maschine produziert eine künstliche Intimität zwischen Menschen, die sich sonst nie begegnet wären.«2

In Koolhaas’ Architektur treten nun anstelle des Konzepts der Separierung die Ideale von Verdichtung und Überlagerung, wie er sie auch an der Architektur Manhattans zu Anfang des 20. Jahrhunderts aufzeigt. Allerdings waren, als Koolhaas dies schrieb, viele Straßenzüge der Metropole entleert und verwaist. Aufgrund der modernen Stadtplanung, der Suburbanisierung und der Wirtschaftskrise hatte Manhattan seit 1910 fast die Hälfte seiner Einwohner verloren. Die »culture of congestion« war 1978 keine realistische, sondern eine nostalgische Perspektive, die sich allerdings als hellseherisch erweisen sollte.

Die ersten Darkrooms kamen auf, die sich nun als moderne Form der zelebrierten Verbindung von Anonymität, Zufall und Intimität durchsetzten; mit den 1980er Jahren ging es wieder aufwärts, mehr und mehr Menschen zogen in die Stadt. In den 1990er Jahren wurde die neue Urbanität der »creative cities« zum Kult und mit ihr die spontane Begegnung in den wiederbelebten Innenstädten, die damit den »suburban dream« der 1970er Jahre ablösten. Das Leitmotiv moderner Stadtplanung von »Licht, Luft, Sonne« war nun ganz der Lächerlichkeit preisgegeben.

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