Der absolute Geist, die Cholera und die Himmelfahrt des Philosophen. Hegels Tod und Bestattung (1831)

Hegel starb am Montag, dem 14. November 1831, in seiner Wohnung am Berliner Kupfergraben. Der Tod kam überraschend. Am Freitag zuvor hatte er mit den Vorlesungen des Wintersemesters über Rechtsphilosophie und Geschichte der Philosophie begonnen, am Samstag Prüfungen abgehalten. Am Sonntag zeigten sich die ersten Symptome der Krankheit, der er nach einer unruhigen Nacht am nächsten Tag gegen 17 Uhr erliegen sollte. Am 16. November wurde er seinem Wunsch entsprechend auf dem evangelischen Dorotheenstädtisch-Friedrichswerderschen Friedhof neben seinen Vorgängern Solger und Fichte begraben. Zahlreiche Equipagen und ein unabsehbar langer Zug der Studenten gaben ihm das letzte Geleit.

(Der Text ist im Juniheft 2020, Merkur # 853, erschienen.)

Hegels Wohnhaus am Kupfergraben 4a existiert heute nicht mehr. Das Haus nebenan, die Nr. 5, wo eine Plakette an ihn erinnert, beherbergt heute das Musikwissenschaftliche Institut der Humboldt-Universität, in der Nr. 6 liegt die Privatwohnung von Angela Merkel. Der Kupfergraben verläuft am westlichen Ufer der Museumsinsel, dem Eingang des meistbesuchten deutschen Museums, dem Pergamon-Museum, unmittelbar gegenüber. Das gab es 1831 noch nicht. Die Umgestaltung der Insel zu einer Museumslandschaft durch Schinkel hatte 1830 gerade mit der Eröffnung des Alten Museums am Lustgarten begonnen. Vor seiner Haustür war viel Umbruch in der Zeit, als Hegel starb.

Die Friedrich-Wilhelms-Universität, wie die heutige Humboldt-Universität bis 1945 hieß, 1809 gegründet, war kaum zwanzig Jahre alt. Der Hörsaal 8 im ehemaligen Prinz-Heinrich-Palais, wo Hegel seit 1819 seine Vorlesungen hielt, lag nur ein paar Meter vom Wohnhaus entfernt. Dort in der Aula las der Rektor seine Totenrede. Von der Universität über das Wohnhaus bis zum »Kirchhof« an der Chausseestraße sind es gut eineinhalb Kilometer. Es hat wohl nicht einmal die Geheimpolizei diejenigen gezählt, die dem Sarg folgten, aber Übereinstimmung herrscht, dass sie nach vielen Hunderten zählten, darunter sehr zahlreich die Studenten. Davon gab es in Berlin 1830/31 genau 1787. Zählt man die Nichtimmatrikulierten dazu, waren es 2148. Ganz anders als heute das Verhältnis der traditionellen vier Fakultäten: Die meisten Studenten waren künftige Theologen (611) und Juristen (633), während die Medizin nur 302, die philologische Fakultät sogar nur 241 Studenten aufwies.

Auf der Höhe seines Ruhms

Als Hegel starb, war er, wie Varnhagen schrieb, »auf der Höhe seines Ruhms und seiner Wirksamkeit«. 1 Das darf man sich freilich nicht nur glänzend vorstellen. Wie so häufig in Deutschland überlagern sich in seiner Biografie höchster Gedankenflug und bescheidene Lebensumstände, Großartiges und Prekäres. Die Studienjahre im Tübinger Stift, die Zimmergenossenschaft mit Schelling und Hölderlin, die gemeinsame Begeisterung für die ersten Jahre der Französischen Revolution bilden Höhepunkte der Erzählung vom deutschen Geist um 1800, waren aber zugleich bittere Jahre der Unfreiheit und Einschränkung.

Die Karriere, die dem württembergischen Beamtensohn offenstand, war die des Hauslehrers, zunächst in der Schweiz, dann in Frankfurt am Main. Ein kleines Erbe eröffnete ihm den Beginn der Universitätslaufbahn in Jena, wo er promovierte und 1805 zum Professor ernannt wurde. Es folgten Jahre als Chefredakteur der Bamberger Zeitung (1807/1808), die Nürnberger Jahre als Gymnasialrektor (1808–1816) und die Professur für Philosophie in Heidelberg (1816–1818). 1818 bekam er den Ruf auf den verwaisten Lehrstuhl Fichtes an der Berliner Universität. Kultusminister Altenstein betrieb gegen vielfältigen Widerstand Hegels Berufung. Er wusste ihn als Anhänger und theoretischen Vordenker der konstitutionellen Monarchie Preußens und stützte ihn bis zu dessen Tod.

Unumstritten war Hegel trotz der Unterstützung durch das zuständige Ministerium nicht, weder am Hof noch bei den Kollegen. Altenstein vermochte nicht, ihn, wie in der Berufungsvereinbarung angedeutet, zum Präsidenten der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu berufen. Er fand nicht einmal als einfaches Mitglied Eingang. Schleiermacher war davor. Die theologische Fakultät wurde von Schleiermacher dominiert, die juristische von Savigny, die beide Hegel feindlich gegenüberstanden. Anders als Kollegen, deren Namen längst vergessen sind, wurde Hegel auch nicht zum Geheimrat ernannt. Der »Rote Adlerorden 3. Klasse«, den Hegel in seinem Todesjahr erhielt, war, was alle wussten, für einen erstklassigen Philosophen nicht mehr als ein Trostpreis vom geringem symbolischen Wert. 2

Wohlhabend wurde man als Ordentlicher Professor eines sparsamen Staates auch nicht. Hegels Familie – seine Frau Marie von Tucher, seine Söhne Karl und Immanuel und der übel behandelte uneheliche Sohn Ludwig, der im Todesjahr des Vaters gleichfalls starb – litt vielfach unter ungesicherten finanziellen Verhältnissen, die Mitgift der Gattin wurde aufgebraucht, und Erbe blieb keines: »M. Hegel est mort sans fortune et sans dettes; il avait à peu près 14 000 francs de traitement par an, qu’il a toujours mangé.«

Sicher, das intellektuelle Berlin kannte Hegel, zumindest seinen Ruf. Aber das bedeutete keineswegs, dass die deutsche akademische Kathederphilosophie der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts durchweg hegelianisch geprägt gewesen wäre. Heinrich Laube erzählt, wie einer der Berliner Studenten Hegels im Seminar der Universität Halle dessen Philosophie zu erläutern versuchte und ob seiner kuriosen Terminologie ausgelacht wurde. Schelling in München verstand sehr wohl, was der ehemalige Gefährte lehrte, wollte aber die Philosophie sehr anders gegründet sehen.

Im Ausland herrschte häufig Unkenntnis, jedenfalls Unverständnis. In Frankreich hatte Hegel mit seinem Freund Victor Cousin zwar einen treuen Gefolgsmann, aber es dauerte bis ins 20. Jahrhundert, bis zu Alexandre Kojève, bis er wirklich eine wichtige Rolle im französischen Denken spielte. In England begann Hegels Name erst nach seinem Tod bekannt zu werden. In der Times kam er 1938 zum ersten Mal vor, eher am Rande, aber doch mit dem Hinweis, dass Hegels »Ideen überall in Europa auf Zustimmung zu stoßen beginnen« (Times vom 24. Dezember 1938).

Hegel las in jedem Semester zehn Stunden, arbeitete auf diese Weise sein System aus, aber er legte in der Berliner Zeit nur noch ein größeres Werk vor, die Grundlinien der Philosophie des Rechts (1821), daneben überarbeitete Fassungen der Logik und der Enzyklopädie. Ein begeisternder Redner war er nicht, ganz anders als sein Gegner Schleiermacher. Das wurde schon gegen seine Berufung eingewendet und änderte sich nicht. Die zahlreichen Schilderungen seines Vortragsstils erwähnen unisono seine durch Husten und Räuspern unterbrochene Rede, das suchende Rascheln in den mitgebrachten Blättern, den Mangel an mitreißendem Schwung. Hegel »dachte seinen Zuhörern etwas vor«, er hat sich »totgelesen«. Der Geist bedarf der Kniffe der Rhetorik nicht mehr, er tritt auf die Bühne, verzaubert ohne Tricks, allein durch die Macht der Gedanken.

Und dennoch. Trotz aller genannten und ungenannten Beschränkungen von Hegels Wirkungskreis auch in den Berliner Jahren hat Varnhagen damit Recht, dass er hier auf der Höhe seines Ruhms und seiner Wirksamkeit war. In der Geschichte des Denkens, aber auch in der Literatur- und Kunstgeschichte gibt es immer wieder glückliche Momente, wo etwas Neues sich entpuppt, ungewöhnlich, in neuer Sprache, schwer zu verstehen, aber ergreifend für die, die dabei sind und später für weite Verbreitung sorgen. Es bedarf zu derlei Veranstaltungen einer großen Stadt und eines am Großen und Ganzen interessierten Zuhörerkreises. Beides hatte Hegel in Berlin. Die Grundpfeiler seiner Lehre standen schon, die Phänomenologie und die Enzyklopädie lagen vor. Nun dehnte sich in den Vorlesungen der Radius seiner Gedanken immer weiter aus. Es gibt zahlreiche Berichte über studentische Arbeitskreise, in denen die Gedanken des Meisters diskutiert wurden, bei gutem Wetter gerne auch während endloser Spaziergänge im Tiergarten. Vereinfacht gesagt: Hegel war Mode in Berlin.

Idealitätsphilosophie und schwarze Totenkörbe

Eine Vielzahl von real- und geistesgeschichtlichen Faktoren kam also zusammen, um Hegels Tod mit Bedeutung aufzuladen. Den Charakter des Dramatischen und des Unheimlichen aber erhielt er durch die Cholera. Es hätte nur eines ablehnenden Schreibens höherer Stellen auf den Antrag bedurft, ausnahmsweise die Bestattung eines Cholera-Toten auf einem normalen Kirchhof zu genehmigen, und Hegel wäre wie 1400 andere an der Seuche Verstorbene auf einem der hastig eingerichteten, ungesegneten, mit Graben und sicheren Umzäunungen vor der Stadt angelegten Cholera-Friedhöfe nachts beigesetzt worden, ohne Trauergemeinde, ohne Glockengeläut, gemäß einem preußischen Dekret mit einem »stumpfen eisernen Haken« in den Sarg befördert, Gesicht und Kopf mit dicker Leinwand bedeckt, die in einer Mischung von Salpeter, Salz und Schwefelsäure getränkt worden wäre, der Sarg mit Kohle aufgefüllt, dann vernagelt, in eine möglichst tiefe Grube abgesenkt, abermals mit Kohle, ersatzweise gelöschtem Kalk oder Asche und schließlich mit Erde bedeckt.

Durch Olaf Brieses Studie Angst in den Zeiten der Cholera wissen wir anschaulich, wie die Cholera-Epidemie von 1831 Berlin in Angst und Schrecken versetzte. 3 »Sie war«, so Gutzkow, der sie miterlebte, »das Schreckbild der Menschheit. Auf einem dürren Kosackenklepper schien sie zu kommen, die sieben Plagen als siebensträhnige Knute in der Hand, die asiatische Giftmischerin, die in alle Brunnen, alle Ströme, in jede Nahrung den Keim des Todes warf.« 4. In: Ders., Kleine autobiographische Schriften und Memorabilien. Hrsg. v. Wolfgang Rasch. Münster: Oktober Verlag 2018.]

Die Krankheit, die da einen archaischen Schrecken verbreitete, kam tatsächlich aus Asien. Vermutlich gab es dort seit Hunderten von Jahren lokale Epidemien, aber erst im 19. Jahrhundert wurden sie zu Pandemien. Die erste nahm 1817 von Indien ihren Ausgang. Wer erkrankte, erlitt durch Erbrechen und Diarrhoe einen dramatischen Flüssigkeitsverlust, der, konnte er nicht schnell ausgeglichen werden, zum raschen Tod führte. Die Seuche folgte den Handels- und den Pilgerwegen nach Westen, aber auch den Marschrouten der Kolonialtruppen. Die Pandemie, der Hegel zum Opfer fiel, breitete sich von Mekka nach Ägypten und Europa aus. Die eigentlich in Asien stationierten russischen Truppen, die der Zar zur Niederschlagung des polnischen Aufstands von 1830 hastig an der polnischen Grenze zusammenzog, brachten die Krankheit erst nach Moskau, dann nach Warschau und ins Baltikum, von wo sie ihren Weg durch Europa nahm. Beinahe alle europäischen Länder waren mit zeitlichen Versetzungen betroffen.

Die preußischen Behörden verfolgten die Ausbreitung der Krankheit und versuchten, sie an der östlichen Grenze aufzuhalten. Freilich wusste man nicht, wie das denn zu bewerkstelligen sei, weil man die Ursachen der Krankheit nicht kannte. Der definitive Nachweis des Erregers, vibrio cholerae, seiner Form entsprechend Kommabazillus genannt, gelang Robert Koch erst 1883. Er findet sich vor allem in durch Fäkalien verunreinigtem Trinkwasser und konnte nach einer letzten schweren Epidemie in Hamburg im Jahr 1892 in Europa weitgehend ausgerottet werden.

1830 aber stand die Medizin der Seuche hilflos gegenüber. Zwei konkurrierende Erklärungen beherrschten das Feld. Die eine machte Miasmen, also pathogene Ausdünstungen der Erde, verantwortlich, die andere ging davon aus, dass sich die Krankheit durch direkten Kontakt mit Infizierten übertrage. In der Praxis erwiesen sich beide Theorien bald als unzureichend, aber man hatte eben keine anderen.

Preußen machte, was man am besten konnte. Man führte Krieg gegen die Krankheit, zunächst mit den schärfsten Maßnahmen. So schloss man anfangs Posen mit einem dreifachen Militärkordon ein in der vergeblichen Hoffnung, so das weitere Vorrücken der Krankheit nach Westen aufhalten zu können. Die Cholera lachte darüber und holte am 23. August 1831 keinen Geringeren als Gneisenau, den Oberbefehlshaber des Preußischen Heeres, im November des gleichen Jahres Clausewitz, den berühmten Strategen.

Man organisierte Sanitätskommissionen und Sanitätspolizei. Totengräber gingen, gehörig in schwarzes Wachstuch gehüllt, mit den Särgen der Verstorbenen durch die Städte und betätigten bei Bedarf eine Totenklingel, auf dass man ihnen Platz mache und sich nicht anstecke. Zeitweilig durfte man betroffene Regionen nur mit Ausnahmeregelungen verlassen, und im Fall eines Verstoßes drohte sogar Erschießung. Der Handel und die Versorgung wurden dadurch natürlich schwer beeinträchtigt, musste doch sogar das Geld in Chlorkalk gewaschen werden, wenn man die Befürchtung hatte, es könne Objekt von Übertragung sein.

Die Zahl der Betten in den Cholera-Spitalen reichte bei weitem nicht aus, die nächtlichen Beisetzungen auf Spezialfriedhöfen ohne kirchliche Segnungen machten viel böses Blut, verstießen sie doch nicht nur gegen traditionelle Riten, sondern ließen das Volk um den Platz der Angehörigen im Jenseits fürchten. Die Cholera war überall. Die ganze Stadt stank wegen des überreichlichen Gebrauchs von Desinfektionsmitteln nach Cholera. Es gab auch eine Cholera-Zeitung, Bücher über Cholera, es gab technisch komplizierte »Cholera-Heilungsmaschinen«, sogar die »Potsdamer Dampfschokolade«, die sich in den »mit der Cholera behafteten Ländern als Präservativ […] und auch als Genesungsmittel als besonders heilsam bewährt hat«. Auch das Haushaltsbuch von Frau Hegel weist die Ausgabe von drei Talern für »Chol[era] Requisit: Dampfapparat« aus sowie die zwei Taler für den Mitgliedsbeitrag des Sohns Carl im »Choleraverein«. Der Dampfapparat galt als Mittel gegen die Seuche.

Es fällt nicht schwer, sich den Schock der Berliner vorzustellen, als plötzlich von allen Seiten die längst ins Reich des Aberglaubens verwiesenen Reiter der Apokalypse durch die prosperierende Stadt zogen. Die Pest war ausgerottet, aber die Cholera an ihre Stelle getreten. Der König Friedrich Wilhelm III. zog sich nach Charlottenburg zurück, der berühmteste Philosoph der berühmten Berliner Universität flüchte im Sommer 1831 aus Angst vor der Cholera aufs Land, wie ein Anonymus in der Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode heftig kritisierte. (Charlottenburg wie Kreuzberg lagen damals vor der Stadt): »Am lächerlichsten aber ist mir unter allen Erscheinungen, die die Furcht hier hervorgebracht hat, erschienen, dass ein berühmter Professor der Philosophie sich von der orientalischen Seuche so hat ins Bockshorn jagen lassen, dass er sich vor aller Welt abgesperrt hat, und am Kreuzberger Tor (wo unser Tivoli liegt) in einem eigens gemietheten kleinen Hause, das er mit einer Mauer umgeben, völlig isoliert wohnt. Sind das die Früchte der Philosophie? O guter Professor! Du hast viele Gegner gefunden, viele haben Dein System angegriffen, niemand aber schärfer als Du selbst. Denn was hilft Dir das Eindringen in die tiefsten Dinge, alle Ergründung dessen, was vor allem Leben und nach allem Leben Deiner Seele begegnet ist und begegnen wird, wenn sie während des Lebens so jämmerlich zaghaft bleibt? […] Du hast stets von allem Leben im Geiste geredet, und doch das Leben im Fleisch so übermäßig lieb!« 5 Hegel lag schon im Grab, als der Artikel erschien. Er hatte Recht gehabt mit seiner Vorsicht, aber es nützte ihm nichts mehr.

Die Maßnahmen der Behörden gegen die Cholera verstärkten noch die Furcht vor ihr, vor allem wegen ihrer offenbaren Nutzlosigkeit. Sie waren teuer, prägten tiefgreifend die Stadt und erwiesen sich als Hokuspokus. Die Seuche war nicht nur gefährlich, sondern stellte von verschiedenen Seiten her das Selbstverständnis und die Aufklärungsgewissheit eines zivilisierten Staates in Frage. Das galt natürlich zuallererst für die Medizin, und es änderte sich auch nicht bis zum Ende der ersten Epidemie und war noch so, als 1848 die zweite ausbrach.

Das Versprechen der Moderne, dass die Wissenschaft die Unwägbarkeiten der Natur beherrschen würde, erwies sich als leer. Das galt aber auch für die Organisation des Staates und die Macht der Armee, auf die sich preußisches Selbstbewusstsein in besonderer Weise gründete. Die Cholera wirkte im aufgeklärten Berlin wie das Erdbeben von Lissabon vom 1. November 1755 auf die frühe europäische Aufklärung, sie stellte die Vorstellung von der fortschreitenden Naturbeherrschung durch die menschliche Vernunft mit Tausenden von Toten infrage.

Die Tatsache, dass die Seuche aus dem Osten stammte, machte sie in besonderer Weise unheimlich. Dass die Cholera, bevor sie Berlin erreichte, seit 1817 den Weg über Mekka und dann über Russland genommen hatte, passte schon 1831 ins Bild: Sie war infiziert mit Islam und russischer Despotie. Sie fügte sich ein ins Bild des Kampfs zwischen Zivilisation und Barbarei aus dem Osten. Man glaubte sogar, ihre Verbreitung müsse an der preußischen Ostgrenze von allein zum Stillstand kommen, da sie in einem zivilisierten Land keine Nahrung fände, wie Arnold Ruge in seinen Erinnerungen schrieb: »Als sich in diesem Jahr [1831] die Cholera zum ersten Mal zeigte, behauptete Echtermeyer, sie sei eine barbarische Krankheit, und müsse an der deutschen Grenze halt machen. Sie kam aber nach Berlin und – sogar Hegel, der deutscheste Deutsche, erlag ihr.«

Die Seuche stand jedoch nicht nur in zwar unklarem, aber kaum übersehbarem Zusammenhang mit den politischen Revolutionen in Europa, mit dem Begehren nach Freiheit, sondern offenbar auch mit einer neuen revolutionären Gefahr, die sich am Horizont abzeichnete, mit der sozialen Revolte. Begriffen war dieser Zusammenhang um 1830 noch kaum, der letztendlich am Scheitern der deutschen Revolution von 1848 Schuld sein würde, denn die Angst des Bürgertums vor der sozialen Revolution trieb die Bürger zum Kompromiss mit der Aristokratie. Aber dass es einen Zusammenhang zwischen dem sozialen Elend und gehäuftem Vorkommen der Cholera gab, dafür gab es zahlreiche Anhaltspunkte.

Schon der erste Berliner Cholera-Tote war im August 1831 der Schiffer eines Torfkahns, danach breitete sich die Seuche in der Gegend um den Schiffbauerdamm schnell aus. Die Mehrheit der nach den offiziellen Sterbelisten 1426 Cholera-Toten, die der Krankheit vom September 1831 bis Februar 1832 erlagen, lebten in elenden, hochverdichteten Stadtvierteln. Dreckig waren die Menschen, war die Luft und war der Boden. Außerdem wurden in Berlin erst ab 1852 Wasserleitungen gebaut, 1862 Pläne für die Kanalisation erstellt. 6

Die deutschen Länder, auch Preußen, waren noch agrarisch bestimmt, aber man konnte schon absehen, dass das städtische Leben zur vorherrschenden Lebensform werden würde, hoch verdichtet und immer größere Teile des Umlands aufsaugend. Es bildeten sich neue Unterschichtmilieus, die ganz herausfielen aus der ständisch-traditionalen Ordnung, nach deren Normen sie gelebt hatten, die frei wurden, aber eben auch frei von der überkommenen Moral, den lange gültigen Selbstverständlichkeiten der christlichen Normen. Gerne nannte man den neuen Pauperismus mit seinen sozialstaatlich noch in keiner Weise gemilderten Folgen eine »Krankheit«. Auch diese Krankheit, auf unklare Weise unterirdisch verwandt mit der »asiatischen Hydra«, machte Angst, da auch in diesem Bereich die Heilmittel zu fehlen schienen.

Das Ende der Kunstperiode, die europaweiten Auswirkungen der Julirevolution, die Geißel der vom Geist unverstandenen und von der Medizin unbehandelbaren Cholera, die neuen Ängste vor der Verwandlung der Städte, die Ängste vor den Folgen neuer Formen von Pauperisierung, von massenhafter Demoralisierung – von alledem konnte auch der Blick auf Hegels Philosophie nicht absehen, jener Philosophie, die doch, wie Laube es ausdrückte, zum Bestehenden hielt. Gutzkow formulierte: »Das war ein Gegensatz zur – Idealitätsphilosophie! Die Welt des Lichtes, der Ahnung und Schönheit in unserer Brust und nun diese Cholerapräservative, diese wollenen Leibbinden, diese mit dunklem Wachstuch überzogenen Todtenkörbe, diese besonderen, der Ansteckung wehrenden Anzüge der Wärter, diese Tafeln, die an die Häuser geheftet werden sollten, diese Cholerastationen in jedem Stadtviertel.«

Gutzkow hat damit vereinfacht und jenseits hegelianischer Terminologie formuliert, was die 1830 junge Generation in Hegels Philosophie suchte und fand, also Licht, Ahnung einer besseren Zukunft, in der die Schönheit über das Hässliche siegt, Idealisches eben. Hegel hatte das so nicht versprochen, aber er ließ sich so lesen, und darauf dürfte nicht zuletzt seine über den Hörsaal hinausgehende Wirkung zurückzuführen sein. Die materielle Welt hingegen dementierte heftig die Welt der Ideale. Wollene Leibbinden sind nicht schön, die Ahnung, die sie auslösten, war die des baldigen Todes, das Licht vermag nicht durchzudringen durch das dunkle Wachstuch zu den Toten in den Körben.

Hegels Sterben und Verhimmelung

Ob Hegel wirklich an Cholera verstorben ist, weiß man nicht mit absoluter Sicherheit. Dazu hätte man ihn auf die Bazillen testen müssen, die die Krankheit auslösen, was aber 1831 noch nicht bekannt war. Man weiß freilich, dass die Fachleute und die Öffentlichkeit der Zeit davon ausgingen, und man kennt die Identität wie die Motive derer, die daran schon früh nicht glauben mochten.

Sicher ist jedenfalls, dass Hegel Angst hatte vor der Cholera, weil er seit langem an Magen-Darm-Beschwerden litt, die nach damaliger Auffassung eine Prädisposition für die Cholera darstellten. Sein Allgemeinzustand war nicht beschwerdefrei. Außerdem hatte er schon in seiner Kindheit eine Seuche erlebt, die Gallenruhr und das Gallenfieber, die ihn selbst, aber auch seine Eltern befielen. Die Mutter starb daran. Kaum verwunderlich also, dass er im Sommer 1831 auf der Flucht vor der Cholera mit seiner Familie das damalige Berlin verließ und in Kreuzberg ein Sommerhaus in der Nähe des Tivoli anmietete, dem populären Lustort vor der Stadt, so wie es der Prater in Wien war oder der Pariser Westen.

Dorthin musste Madame Hegel eine »Cholera-Hausapotheke« mitnehmen. Dort fanden die erwähnten Geburtstagsfeiern statt, die des eigenen und die Goethes. Zu Vorlesungsbeginn Ende Oktober kehrte Hegel nach Berlin zurück, auch deshalb, weil er den Höhepunkt der Epidemie schon überwunden glaubte. Ein so später Beginn des Wintersemesters erscheint aus der Perspektive heutiger Kultusbehörden undenkbar, zumindest der Philosophie hat der spätere Beginn aber offenbar nicht geschadet. Hegel stellte in den Semesterferien die zweite Fassung seiner Logik fertig.

Und dann wurde er plötzlich und unerwartet, wie es gern in Traueranzeigen heißt, am Sonntag, dem 13. November, krank und starb am nächsten Tag. Über die Umstände ist die Nachwelt so exakt wie selten in derlei Fällen durch drei veröffentlichte Briefe von Hegels Frau, Marie von Tucher, unterrichtet, sowie durch einen Brief des Staatsrats Johannes Schulze, Freund der Familie, der, von drei Ärzten abgesehen, als einziger Außenstehender in den Sterbestunden hinzugerufen wurde.

Marie Hegels Schilderungen der letzten Stunden ihres Mannes sind genau, und in den drei Briefen an ihre Mutter Christiane von Tucher (15. November 1831), an Hegels Schwester Christiane Hegel (17. November 1831) und Freund Niethammer, (2. Dezember 1831), der an der Beerdigung nicht teilnehmen konnte, im Kern identisch: »[…] so mitten aus heiterem Himmel, so mitten aus seiner vollen Kraft, aus seinem gesegneten Wirken heraus ist er nach 1 ½ Tage langem Kranksein, bei dem er anfangs nur über Magenschmerz und Reiz zum Erbrechen geklagt hat, nach hinzugetretener (o warum muss ich das grässliche Wort aussprechen) Cholera […] – leicht, schmerzensfrei, sanft und selig ohne Todeskampf, ohne Ahndung seines Todes und mit hellem Bewusstsein bis zum letzten Entschlafen hinübergeschlummert. Solche Cholera […] ist nicht Schauder erregend. Er hatte keines von den Symptomen, an denen wir das tödliche Übel hätten erkennen können, keinen Krampf in den Waden, keine Kälte an den Extremitäten und an der Brust – er lag erwärmt im Schweiße, hatte keine Diarrhöe, wenig Erbrechen, und zwar von Galle […] aber in den letzten Stunden war über dem lieben Gesicht eine eisige Kälte, kalter Schweiß auf der Stirn, die erwärmten Hände wurden blau und der Urin versagte.«

Wenn auch die Ursachen und Auslöser der Cholera 1831 noch längst nicht bekannt waren, darf man doch davon ausgehen, dass die Ärzte genügend Erfahrung hatten, um eine zutreffende Diagnose zu stellen. Sie konnten sich freilich nur auf Erfahrung und Anschauung stützen, und die Anschauungen waren eben sehr verschieden, Anschauungen vom Wirken einer schauerlichen Krankheit, der schrecklichen asiatischen Hydra auf den Ersten unter den Philosophen. Wie viel Irrationales dabei im Spiel war, zeigt die Tatsache, dass der Staatsrat des Kultusministeriums es nicht wagt, das Wort »Cholera« auszusprechen. Das erklärt sich nicht allein aus höflicher Rücksicht, dadurch, dass man eben im Haus des Gehängten nicht vom Strick redet, wie ein englisches Sprichwort sagt. Es wirkt hier offenbar ein archaisches Tabu, eine Identifikation von Wort und Ding, es wirkt die Furcht, durch das Aussprechen des Namens die böse Gottheit erst herbeizurufen, so wie man den Namen des Teufels vermied, indem man vom »Gottseibeiuns« sprach, damit er nicht versehentlich herbeigerufen wurde.

Zunächst vermieden übrigens sogar die höchsten Kommunikationsverantwortlichen des preußischen Staates, die Journalisten der Allgemeinen Preußischen Staatszeitung, die Nachricht von Hegels Cholera-Tod zu veröffentlichen und meldeten deshalb am 16. November, er sei »gestern am Schlagflusse im 62sten Jahre seines Lebens« verstorben. Offenbar fürchtete man zusätzliche Verängstigung durch die Nachricht vom Seuchentod des Philosophen, merkte aber rasch, dass sich die Todesursache nicht wirklich verheimlichen ließ und änderte die Kommunikationsstrategie.

Leicht lassen sich auch in Marie Hegels Briefen Anzeichen des Widerwillens auffinden, die Cholera beim Namen zu nennen: »(o warum muss ich das grässliche Wort aussprechen) Cholera«. Sie werden von Brief zu Brief stärker. Das schauerliche Wort, in eins gesetzt mit der schauerlichen Krankheit, verträgt sich nicht mit der Konstruktion des glücklichen Endes ihres Gatten. Leicht erklärt sich bei einer vom plötzlichen Verlust des geliebten Mannes betroffenen Frau der Wunsch nach Verklärung des Verstorbenen und die progressive Leugnung aller Anzeichen, die dem entgegenstehen.

Ihre eigenen Berichte führen ja von den Blutegeln über die Senfpflaster, die Magenschmerzen, das Erbrechen von Galle, die eisige Kälte in den Extremitäten, das Versagen des Urins zahlreiche Faktoren an, die eben doch auf die unaussprechliche Krankheit hindeuten und der Verklärung einen nicht unerheblichen Widerstand leisten. Auffällig ist jedoch, dass auch Schulze, Immanuel Hegel (»ohne Todeskampf«), Karl Hegel (»Sanft und ruhig war das Ende unseres herrlichen Vaters«), Varnhagen (»und entschlummerte, wie die Anzeige der Witwe sagt, schmerzlos sanft und selig«) sowie Stieglitz (»sein Sterben war fast nur ein Hinüberschlummern«) den Akzent auf das ruhige, schmerz-, kampf- und krampflose Ende Hegels legten, ohne dass man zumindest bei den Letzteren ähnliche Motive wie bei Marie Hegel vermuten dürfte.

Es geht vielmehr um das Bild Hegels für die Nachwelt und damit auch und nicht zuletzt um die Gültigkeit seiner Lehre, es geht darum, seinen Tod zu einem philosophischen Tod zu stilisieren. Es geht um die Rettung des Geistes. Eduard Gans zielt in einem Brief an Victor Cousin auf diesen Zusammenhang: »Il est mort tranquillement, on peut même dire philosophiquement.« Was es heißt, philosophisch zu sterben, ist nicht gültig definiert, ist jedenfalls kaum in Zusammenhang zu bringen mit nutzlosem Widerstand gegen das Schicksal, gegen die letztendlich einzige Notwendigkeit, der keiner entkommt, gar um die feige Flucht vor ihr.

Wer unter seinen gelehrten Zuhörern hätte bei Hegels Tod nicht an Platons Phaidon gedacht, der die letzten Stunden des zum Tode verurteilten Sokrates berichtet. Sokrates ist angesichts des sicheren Todes unerschrocken und fest, verteidigt den Logos. Die Extremsituation bringt nur zum Vorschein, was auch sonst gilt. Die Haltung des Philosophen beglaubigt den philosophischen Logos angesichts des Todes.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Günther Nicolin (Hrsg.), Hegel in Berichten seiner Zeitgenossen. Hamburg: Meiner 1970.
  2. Walter Jaeschke, Hegel Handbuch. Leben – Werk – Schule. Stuttgart: Metzler 2010.
  3. Olaf Briese, Angst in den Zeiten der Cholera. 4 Bde. Berlin: Akademie 2003.
  4. Karl Gutzkow, Das Kastanienwäldchen in Berlin [1869
  5. Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode, Nr. 149 vom 13. Dezember 1831 (zit. n. Olaf Briese, Angst in den Zeiten der Cholera).
  6. Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1800–1866. Bürgerwelt und starker Staat. München: Beck 1983.

4 Kommentare

  1. Georg GernLeser sagt:

    Dazu passend mein Lieblingsbuch zum Thema, eine gelungene Textsammlung:

    Grippe, Cholera und Pest
    Seuchen in der Literatur aus vier Jahrhunderten
    Dieter Kiepenkracher (Hrsg.)
    ISBN 9783751923668

  2. Leider gibt es offenbar keine Möglichkeit, die Texte wie früher als PDF herunterzuladen. Auch ausdrucken kann man sie nicht ohne Weiteres, was sehr schade ist – man muss am Bildschirm lesen.

  3. Redaktion Merkur sagt:

    Doch, doch, die Texte sind nach wie vor auch in Form von PDFs verfügbar, in unserem Volltextportal: https://volltext.online-merkur.de/

  4. Leon Blumstajn sagt:

    Ein instruktiver Artikel besonders aktuell in der Zeit der Coranavirus-Pandemie. Es ruft uns ins Bewußtsein, daß fast zwei Jahrhundete später, die Wissenschaft und Technologie, trotz allen unglaublichen Fortschritts, die Unwägbarkeiten der Natur nicht beherrschen können. Schade, daß der Artikel es unterließ, die Überwindung der Cholera-Epidemie in Deutschland und in der Welt im 19 Jh. genauer zu beschreiben. Aber schon die Gewißheit, die allein diese geschichtliche Perspektive vemittelt, erfüllt einen mit dem Trost, daß die Menschheit es am Ende lernen wird, die heutige Corona-Epidemie zu überwinden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.