Homo Europus

Als die Stadt Trier sich vor die Frage gestellt sah, wer bei dem Festakt für den berühmtesten Sohn der Stadt als Redner auftreten sollte, traf sie eine unerwartete Wahl. Anlässlich des zweihundertsten Geburtstags von Karl Marx im Mai 2018 hielt Jean-Claude Juncker, der damalige Präsident der Europäischen Kommission, den Eröffnungsvortrag. Worüber Marx nachdachte, was ihm vorschwebte, was er uns hinterlassen hat, Schriften wie Das Kapital oder Das kommunistische Manifest, haben die Welt verändert, sagte Juncker. Sein Denken habe zahllose Menschen unterschiedlichster Herkunft und Haltung inspiriert. Juncker ließ keinen Zweifel daran, wie das Verhältnis von Marx, dem Theoretiker des 19. Jahrhunderts, zur politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu deuten sei: »Man muss Marx aus seiner Zeit heraus verstehen«, anstatt vorschnell aufgrund heutiger Gewissheiten über ihn zu urteilen, gab er seinen Zuhörern mit auf den Weg. »Dass einige seiner späteren Jünger die Werte, die er formuliert hat und die Worte, die er zur Beschreibung dieser Werte gefunden hat, als Waffe gegen andere einsetzten, dafür kann man Karl Marx nicht zur Verantwortung ziehen.«

(Der Text ist im Juniheft 2020, Merkur # 853, erschienen.)

Nach dieser behutsamen Inbesitznahme des wohl bedeutendsten revolutionären Denkers der Weltgeschichte wandte sich Juncker der Gegenwart zu. »Die Europäische Union ist kein Fehlkonstrukt«, sagte er, »aber ein wackliges Gebäude. Unter anderem deswegen wacklig, weil die soziale Dimension bis heute das Stiefkind der europäischen Integration ist.« Augenzwinkernd auf die elfte These über Feuerbach anspielend, erklärte Juncker: »Wir müssen das ändern.« In seinem Heimatland Luxemburg gehörte er seit jeher dem linken Flügel der Christlich Sozialen Volkspartei (CSV) an. Doch seitdem seine Amtszeit an der Spitze der EU-Exekutive dem Ende entgegenging, legte er erneut Nachdruck auf die Idee eines »sozialen Europas«.

Junckers später Lobgesang auf Marx steht in einem erstaunlichen Gegensatz zum Werdegang seines Vorgängers in der Kommission. José Manuel Barroso, der ehemalige Premierminister Portugals, hatte als Maoist angefangen und wechselte schließlich in den Aufsichtsrat von Goldman Sachs. Die vierzig Jahre währende Karriere des Luxemburgers verzeichnet keine vergleichbaren Kurswechsel. Beachtliche fünfunddreißig Jahre davon übte Juncker Kabinettsämter aus: zwanzig Jahre als Luxemburger Finanzminister, achtzehn Jahre als Premierminister seines Landes, acht Jahre als Vorsitzender der Euro-Gruppe der Finanzminister und fünf Jahre als Präsident der Kommission. Eine solche Langlebigkeit, nicht ungewöhnlich für zentralasiatische Despoten, ist bemerkenswert in den oberen Rängen von Koalitionsregierungen in einem Mehrparteiensystem. Junckers politische Laufbahn lässt sich als Sinnbild für die Entwicklung der Europäischen Union lesen. Und umgekehrt liefert die eigentümliche Geschichte des Landes, aus dem er stammt, reichlich Anschauungsmaterial dafür, wie europäische Regierungschefs den Veränderungsdruck der neoliberalen Globalisierung für ihre Bürger abzufedern verstanden.

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