Seuchen am See. I Promessi Sposi

Wir waren in einem kleinen Bergdorf, das wie ein Adlernest hoch über dem Comer See liegt, als Corona bei uns zu Hause ankam. Ein Freund aus Mailand, der als Architekt auch unser Haus gebaut hatte, erzählte beim Abendessen erschrocken von den ersten zwei Todesfällen in seiner Stadt. Mailand liegt im Süden, nicht weit in der Ebene, aber auch nicht zu nah; selbst bei gutem Wetter sieht man nicht so weit. Es war ein verschleiert sonniger Vorfrühlingstag, der 22. Februar.

(Der Text ist im Juniheft 2020, Merkur # 853, erschienen.)

Am nächsten Tag fuhren wir zurück nach München, am Rosenmontag flog ich zur Preisrede von Thomas Meinecke nach Berlin, die Berliner waren wie immer in ihrem Wir-sind-Berlin-Rausch. Corona war dort nicht angekommen, am nächsten Morgen ging es weiter nach Bern. Zu diesem Zeitpunkt wurden in der Schweiz die Rückkehrer aus China ins Home Office geschickt, die Lombardei war noch keine knallrote Sperrzone. Ich fuhr nicht wie geplant an den See zurück, sondern flog nach München.

Mittlerweile waren nicht nur der Carnevale in Venedig und die Fashion Week in Mailand, sondern auch alle öffentlichen Veranstaltungen wie Tagungen der Villa Vigoni abgesagt, Mailänder Dom und Scala geschlossen. Kreuzfahrtschiffe lagen mit der Seuche an Bord vor der Küste. Venedig, zur Sperrzone erklärt, war ausgestorben. Die Todesfälle schossen in die Höhe, zum Opfer fielen der Seuche vor allem die Großeltern, in Italien Kern des Familienlebens und nicht abgeschoben in die Einsamkeit und vermeintliche Sicherheit eines Heims.

Eine, in den Worten der Politiker, seit Menschengedenken nicht mehr dagewesene Ausnahmesituation. Emmanuel Macron sollte später, am 16. März, dem Coronavirus, das mittlerweile ganz Europa im Griff hatte, den Krieg erklären – »nous sommes en guerre sanitaire« – und eine strikte Ausgangssperre verhängen. Angela Merkel schwor jeden Einzelnen von uns, nach protestantischer Art, demokratisch auf Verantwortung ein; wir ständen in einer Situation unvergleichlicher Herausforderungen. Wenig später kam es auch hierzulande zu Ausgangsbeschränkungen.

Von Dorf über dem Lario aus sieht man den Resegone über dem See ragen, die »Säge«, die ihre spitzen Zacken in den Himmel bleckt. Berühmt geworden ist dieser Berg durch Manzonis Brautleute, die jedes italienische Schulkind gelesen hat; der Roman ist eine Art Nationalepos. Es zeugt von der Wiedergeburt der Nation aus dem Ausnahmezustand der Seuche. Die Promessi Sposi erzählen von der großen Pest 1630, die, von Söldnern aus dem Norden eingeschleppt, von der spanischen Fremdherrschaft so gut wie nicht bekämpft, mehr als die Hälfte der Bevölkerung dahinraffte. Als ein historischer Roman, der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts spielt, erzählt er Mitte des 19. Jahrhunderts von der Notwendigkeit des Risorgimento zur Befreiung Italiens von jeder Fremdherrschaft.

Das völlige Missmanagement der Habsburger zur Zeit der Seuche führt in der Lombardei zum Einsturz sämtlicher rechtsstaatlicher und institutioneller Normen und zum Bankrott jedes menschlichen Miteinanders, zu Ausbeutung, Vergewaltigung, Plünderung und Mord. Die von dem Mailänder Kardinal Carlo Borromeo erwirkte Bittprozession zur Eindämmung der Pest führt zu deren rasendem Grassieren. Hilflos sucht man Sündenböcke: Unschuldige werden der absurdesten Praktiken verdächtigt. Manzonis Roman erzählt von den »Schmierern«, die angeblich die Pest durch das Verschmieren von Salben verbreiteten. Sie wurden zum Tode verurteilt, gefoltert, ihre Häuser zerstört. »Die infame Säule« erinnert heute in Mailand an die Opfer dieses durch eine verblendete Öffentlichkeit heraufbeschworenen Justizverbrechens.

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