Der Jüngste der großen Verdunkelten. Ein neuer Blick auf Karl Kraus

Kaum je in der Kulturgeschichte dürfte es ein so dichtes Geflecht, ein so feines Gefädel von frischen Ideen, waghalsigen Vorschlägen und beispiellosen Begabungen, mit einem Wort: von Neuem gegeben haben wie in Österreich, speziell Wien, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, vor der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs. Jeder Ismus saß vom anderen oft buchstäblich nur einen Kaffeehaustisch entfernt, in einem Zusammenhang, der kosmopolitisch war, aber sich durch höchstpersönliche Ansteckung vermittelte. Nicht alles, was hier ausgeheckt wurde, wies in die Zukunft, und nicht alle Zukunft, in die es wies, war eine strahlende. Doch drei Namen, die von hier in die Welt wirkten, sind immer noch jedem präsent: Franz Kafka, Sigmund Freud und Adolf Hitler.

(Der Text ist im Juliheft 2020, Merkur # 854, erschienen.)

Ein vierter verdiente es. Karl Kraus dringt nach so langer Zeit nicht mehr so leicht aus jenem Geflecht und Gefädel heraus, er scheint enger nach Zeit und Ort darin verfangen als die anderen drei. Dafür belohnt er den, der sich auf ihn einlässt, mit einem so tiefen Verständnis für das Geflecht selbst, dessen Kräfte, Widersprüche und Schatten, wie niemand sonst.

Und einen zweiten Grund gibt es, sich auf diesen Autor einzulassen, den Hauptgrund: Kraus hat das wohl stärkste und entschiedenste Werk verfasst, das jemals über und gegen den Krieg geschrieben worden ist, den modernen Krieg, der mit seiner betäubenden technischen Übermacht gar nicht mehr darstellbar schien. Er tat das nicht als abgeklärter Historiker, sondern mittendrin, von Tag zu Tag, nicht auf dem Schlachtfeld, sondern indem er ihn als Ereignis der Medien begriff und Zeitungsausrisse, Fotos und Film benutzte, um zu zeigen, nicht nur was geschah, sondern wie eine Gesellschaft es rezipierte, akzeptierte und reproduzierte. Die letzten Tage der Menschheit sind ein riesiges Drama, mit Hunderten von Figuren und Stimmen; parallel dazu veröffentlichte Karl Kraus die Fackel, die Zeitschrift, die er von einem bestimmten Zeitpunkt an ganz allein bestritt.

Man kommt nicht so leicht an Kraus’ Werk heran wie etwa an Hofmannsthal oder Gustav Klimt, um zwei andere Namen seines Umfelds zu nennen; bei diesen hat man schon viel vom Ganzen erfasst, wenn man ein Gedicht liest oder ein Bild anschaut. Bei Kraus hingegen muss man, wie beim Erlernen einer Sprache, bereit sein, erhebliche Zeit und Aufmerksamkeit zu investieren. Wer dem gutwilligen heutigen Leser diese nicht einfache Aufgabe erleichtert, ist schon per se zu loben – und wäre es selbst dann, wenn er nicht ein derart umfassend informiertes, von Sympathie getragenes, doch abwägend kritisches, kluges und gut geschriebenes Buch vorgelegt hätte, wie Jens Malte Fischer, emeritierter Professor für Theaterwissenschaft in München, es jetzt getan hat.1

Das Buch liefert die wünschenswerte und erforderliche Hilfe dabei, Kraus’ Werk, um das sich die Zeit emporgerankt hat wie die Hecke bei Dornröschen, freizulegen für eine nachgeborene Welt, die sich von diesem Verhau der einstigen Aktualitäten sonst allzu leicht abschrecken ließe. Es gibt Autoren der Weltliteratur, an die man ohne solche Unterstützung kaum herankommt. Dante mit der Göttlichen Komödie gehört dazu, Goethe mit dem Faust II, von der Antike zu schweigen. Von diesen großen Verdunkelten ist Kraus der Jüngste. Kurt Flasch hat vor einigen Jahren eine Einladung, Dante zu lesen verfasst, und siehe da: Mit dieser freundlichen Begleitung gelang der Einstieg ins Inferno, und sogar, was noch schwerer ist, ins Paradies. Fischer besorgt nunmehr Entsprechendes für Kraus.

Eisenharte Rechthaberei

Er mochte gewarnt sein durch das, was Jonathan Franzen 2013 in The Kraus Project versucht hat. Franzen hatte als junger Mann im damaligen inselhaften West-Berlin Germanistik studiert und dabei Karl Kraus für sich entdeckt. Kraus ist eine große Gefahr für unreife junge Männer, die einen Groll in sich tragen. Seine scheinbar mühelosen, funkelnden Siege wecken den Wunsch, es ihm gleich zu tun, um es der Welt und ihren Autoritäten heimzuzahlen. Darin dürfte der Hauptgrund bestehen, dass die meisten, die an Kraus gelernt haben, gerade das Zweifelhafteste von ihm lernten, eine gewisse Art von eisenharter Rechthaberei vor allem und die Neigung, stets und immer sofort zu urteilen. Sie erkannten nicht, wozu Kraus diese Mittel einsetzt (denn für Kraus waren es Mittel und kein Zweck) und welcher Schmerz ihm die Hand führt, wenn er es tut.

Der schlimmste dieser Schüler war Elias Canetti, der, auch als er sich längst von ihm abgewandt hatte, aus der Zeit seiner Begegnung mit Kraus das Gelüst der Vernichtung behielt, indem er den Anderen in die bloße akustische Maske seiner sprachlichen Stereotype zwang – aber ohne eine andere Intention als die, aus dem Haupt eines lebendigen Menschen einen Schrumpfkopf zu machen. Ein finsteres Kasperletheater wie Die Blendung kann man heute kaum noch lesen. (Übrigens erhielt Canetti den Nobelpreis, für den Kraus erfolglos dreimal vorgeschlagen wurde.)

(…)

 


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