Einig, uneins zu sein

Beginnen möchte ich vor der Haustür, mit einem Spaziergang durch das Afrikanische Viertel in Berlin-Wedding. Gehe ich aus dem Haus, bin ich in einer Minute an der Lüderitzstraße, benannt nach Adolf Lüderitz, einem Bremer Händler, der im späten 19. Jahrhundert der Kolonisierung des heutigen Namibia den Weg bereitete. Folge ich der Straße in Richtung Nordwesten, komme ich nach etwa zehn Minuten Fußweg zum Dauerkleingartenverein Togo e.V., dessen Betreiber sich lange Zeit weigerten, vom ursprünglichen Namen »Dauerkolonie Togo« abzulassen. Ein paar Schritte weiter, am Rand des Rehberge-Parks, findet sich eine zweite Kleingartenanlage, sie nennt sich Kolonie Klein-Afrika. Zwei Gehminuten östlich liegt der Nachtigalplatz, dessen Namenspate, Gustav Nachtigal, 1884 Reichskommissar in Deutsch-Westafrika wurde. 2018 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung, die nach Kolonialherren benannten Straßen umzubenennen. Weil Anwohner und Anwohnerinnen Widerspruch einlegten, ist dies noch nicht geschehen. Eine Petersallee gibt es auch; dazu komme ich später.

(Der Text ist im Juliheft 2020, Merkur # 854, erschienen.)

In diesem Text geht es um Achille Mbembe, einen in Südafrika lehrenden, in Kamerun aufgewachsenen Philosophen und Historiker, der sich Gedanken darüber macht, was Kolonialismus war, wie er in die Gegenwart hineinragt und wie sich sein spaltendes, feindseliges Erbe hin zu einem »Gemeinsam-Sein« verschieben lässt. 1 Es geht auch um die Diskussion, die entflammte, nachdem Stefanie Carp, die Intendantin der Ruhrtriennale, angekündigt hatte, Mbembe werde den Eröffnungsvortrag des diesjährigen Festivals halten. Lorenz Deutsch, ein nordrhein-westfälischer FDP-Kulturpolitiker, reagierte darauf, indem er am 23. März 2020 per offenem Brief forderte, den Theoretiker auszuladen. Denn der habe einen Boykottaufruf der BDS-Bewegung unterzeichnet (BDS steht für: Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen gegen israelische Künstlerinnen, Unternehmen, Akademiker). »Er relativiert nicht nur den Holocaust«, schreibt Deutsch weiter, »er setzt die heutigen Juden Israels in der Logik der Gesamtargumentation an die Stelle der nationalsozialistischen, weißen Verbrecher – ein bekanntes Muster!« 2 Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, sprang Deutsch zur Seite, Journalisten wie Alan Posener, Jürgen Kaube oder Tobias Rapp stimmten ein, nicht zuletzt, weil Stefanie Carp schon 2018 Musiker einladen wollte, die die BDS-Bewegung unterstützten. Auch Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, schloss sich der Kritik an.

Die Konter ließen nicht auf sich warten; sie reichten von differenzierten Stellungnahmen wie denen von Eva Illouz, 3 Susan Neiman und Aleida Assmann 4 hin zu Verteidigungen, die für die problematischen Textstellen taub und für Aktivitäten Mbembes blind waren, die zwar nicht der BDS-Bewegung im engen Sinn angehörten, aber doch eine ähnliche Stoßrichtung hatten. 5 In der Zwischenzeit wurde die Ruhrtriennale wegen der Corona-Pandemie abgesagt; die Debatte ging weiter. Eine Gruppe jüdischer Intellektueller und Künstlerinnen verlangte die Absetzung Felix Kleins. 6 Ein weiterer offener Brief, unterzeichnet unter anderem von Micha Brumlik und Wolfgang Benz, warnte davor, den Vorwurf des Antisemitismus leichtfertig einzusetzen und das Vergleichen unter Verdacht zu stellen, obwohl es notwendiges Werkzeug wissenschaftlichen Arbeitens sei. 7 Mbembe selbst verteidigte sich: Er gehöre der BDS-Bewegung nicht an, er sei kein Antisemit, er beharre auf dem Recht, die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland zu kritisieren, und die Angriffe gegen ihn seien zumindest in Teilen Ausdruck von Rassismus. 8

Die Urteile fielen schneller, als ich mir Politik der Feindschaft, das Buch, das die meisten der beanstandeten Passagen enthält, bestellen, geschweige denn es lesen konnte. Ihnen mit diesem Text ein weiteres hinzuzufügen, ist nicht mein Ziel. Lieber möchte ich versuchen, in eine verkeilte, in weiten Teilen unversöhnlich geführte, an Rücktrittsforderungen und Retourkutschen reiche Debatte Beobachtungen und Eindrücke einzubringen, die ich aus meinen Erfahrungen in der internationalen Kulturarbeit für das Goethe-Institut und das Berlinale Forum ableite.

Dabei liegt mir auch daran, mir über mich selbst klarer zu werden. Denn Achille Mbembe gehört zunächst meine ganze Sympathie. Kritik der schwarzen Vernunft ist für mich ein Schlüsseltext, um zu verstehen, wie weiße Suprematie in die Welt kam und was sie dort anrichtete. Mbembe hat zudem wertvolle Überlegungen angestellt, was den Umgang mit Kulturgütern betrifft, die bei kolonialen Expeditionen geraubt wurden und sich heute in europäischen Sammlungen finden. Als ich am Goethe-Institut Brüssel an einem internationalen Projekt namens »Alles vergeht, außer der Vergangenheit« arbeitete, das um die Frage kreiste, was europäische Kultureinrichtungen, Museen oder Filmarchive mit den kolonialen Artefakten tun können, über die sie verfügen, 9 hätte ich ihn gerne als Gast zu einem der Workshops begrüßt, und wenn es nicht dazu kam, so hatte es vor allem damit zu tun, dass er ein gefragter Redner mit einem vollen Kalender ist.

Am Anfang der Auseinandersetzung staunte ich also ungläubig: Woher um alles in der Welt nehmen Lorenz Deutsch und Felix Klein ihre Anschuldigungen? Doch je mehr ich mich vertiefte, umso mehr wuchs mein Unbehagen. Anlass dafür waren die vielzitierten Passagen aus Politik der Feindschaft, die für sich genommen noch debattierbar sein mögen, in ihrer Häufung und ihrer Konzentration aber von einer desolat unreflektierten Position gegenüber Israel kündeten. Hinzu kamen drastisch formulierte Sätze aus einem kurzen Beitrag zu dem Band Apartheid heute, außerdem der Druck, den Mbembe 2018 ausübte, damit eine israelische Wissenschaftlerin nicht zu einer Tagung anreiste, schließlich seine Unterschrift unter einer Erklärung, die den Abbruch der Beziehungen zwischen der Universität Johannesburg und der israelischen Ben-Gurion-Universität forderte. Ich brauchte ein wenig, bis ich verstand, warum ich das Unbehagen verspürte: weil in mir zwei grundlegende Imperative, zwei ethische Grundüberzeugungen in Widerstreit gerieten.

Im März, noch bevor die Debatte um Mbembe aufbranden sollte, stoße ich auf Samuel Salzborns Streitschrift Kollektive Unschuld. Salzborn schreibt, die in Deutschland gängige Selbstwahrnehmung, man habe sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinandergesetzt und den Antisemitismus überwunden, sei eine Chimäre. Schuldabwehr, Täter-Opfer-Umkehr, Nivellierung der Erinnerung aus einem falsch verstandenen Universalismus, Hass auf Israel, muslimischer und linker Antisemitismus: All das, so Salzborn, sei wesentlicher Teil der deutschen Gegenwart; dass mit der AfD eine rechtsextreme und revisionistische Partei in den Parlamenten sitze, mache die Sache noch viel schlimmer. »Es ist nicht weniger als die größte Lebenslüge der Bundesrepublik: der Glaube an eine tatsächliche Aufarbeitung der Vergangenheit. Dabei hält eine kleine, gebildete, linksliberale Elite etwas für ein gesellschaftliches Phänomen, das zwar im intellektuellen Diskurs tatsächlich existiert, aber im gesamtgesellschaftlichen Raum nur rudimentär verankert ist – und, im Gegenteil, heute hartnäckiger denn je abgewehrt wird: die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, der Abschied vom eigenen Opfermythos und die Auseinandersetzung mit der antisemitischen Täterschaft in so gut wie allen Familiengeschichten der Bundesrepublik.« 10

Wie Täterschaft in Selbstviktimisierung mündet, erlebte ich in der eigenen Familie. Ich wuchs in einem ländlichen, kleinbürgerlichen Milieu auf, das nie eine offene Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der eigenen Verstrickung suchte. Im Regal des einen Großvaters standen antisemitische Bücher bis zu seinem Tod 1981; der andere Großvater war Mitglied der SS, und wenn er von den Kriegsjahren sprach, was selten geschah, kam er mit dem Satz durch, er habe doch immer nur versucht, das Schlimmste zu verhindern. Als wäre sie in der Sommerfrische gewesen, erzählte die Großmutter von einem Besuch im Jahr 1944 in Bad Saarow, wo mein Großvater stationiert war. Kein Wort gönnte sie den Bunkeranlagen, die dort errichtet wurden, oder den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die sie errichtet hatten. Was sie dagegen bewusst erinnerte und oft erzählte, ist, wie ihr Ehemann aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Die damals zwei Jahre alte Tochter, meine Tante, habe den eigenen Vater nicht erkannt und eingeschüchtert gefragt, wer der Onkel sei. So schnell ist ein Opfernarrativ in der Welt.

Zwei engagierten Einrichtungen der nordhessischen Jugendbildung, dem Jugendbildungswerk Kassel und dem Jugendhof Dörnberg, verdanke ich, dass ich in den achtziger Jahren in einer Jugendgruppe nach Polen reisen konnte. Zweimal besichtigten wir Auschwitz, und obwohl mein Teenager-Ich von diesen Besuchen überfordert war, gab es einen Moment profunder Erkenntnis: Die Lieferscheine und Rechnungen für Chemikalien oder Ofenteile, die in Glasvitrinen lagen und an denen sich mein Blick irgendwann festhielt, weil ich die unmittelbareren Zeugnisse der Vernichtung nicht mehr aushielt, waren vielleicht nicht durch viele, aber doch durch Hände gegangen. Es gab Abläufe, Arbeitsprozesse und Lieferketten, Firmen mit Chefs und Mitarbeitern waren daran beteiligt, zu viele, als dass das Mantra meiner Großeltern, niemand habe etwas gewusst, glaubwürdig blieb. Die Papiere zu studieren hieß zudem, dass inmitten all des Unbegreiflichen etwas war, was man sehr wohl begreifen, analysieren und woraus man Lehren ziehen konnte. Es war einer späteren Erfahrung, dem Schauen von Claude Lanzmanns Shoah, vergleichbar: Wenn man genau hinsieht, dann erkennt man viele kleine Schritte, viele Mitwirkende, Helfer, Eisenbahner, Lieferanten usw. Kurz: eine Logistik des Genozids. Als Nachgeborene trage ich zwar keine Schuld, aber eine Verantwortung. Und die schließt ein, solidarisch mit den Überlebenden und mit den Nachfahren der ermordeten europäischen Juden und Jüdinnen zu sein. Diese Solidarität reagiert auf die erpresserischen, diskurserstickenden Methoden von BDS allergisch, 11 und sie schließt das Existenzrecht Israels ein. Bedingungslos. Das ist der erste Imperativ.

Um zum zweiten Imperativ zu gelangen, möchte ich einen Umweg einschlagen. Er führt an den südlichen Rand Bonns. Im Sommer 2018 nehme ich an einem mehrtägigen interkulturellen Training der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GiZ) teil, weil ich mich darauf vorbereite, für mehrere Jahre nach Kenia zu gehen. Es kam anders, aus Nairobi wurde das Afrikanische Viertel in Berlin, aber das ist eine andere Geschichte. Im Juli 2018 also sitze ich in einem lichten Seminarraum mit zwei Trainerinnen und etwa einem Dutzend Menschen, die im Begriff stehen, nach Nigeria oder Malawi, Kongo oder Namibia zu gehen. Wir lernen, wie wichtig es im subsaharischen Afrika ist, ein Gespür für indirekte Kommunikation zu entwickeln, wie viele Arten es gibt, »nein« zu sagen, ohne dass das Wort »nein« ein einziges Mal fällt, und warum es ein Kompliment ist, wenn jemand zur Begrüßung sagt: »Wie dick Sie geworden sind!« Vor allem lernen wir, dass es in die Irre führt, ein Verhalten, das sich nicht unmittelbar erschließt, auf Anhieb abzuwerten oder dem Gegenüber üble Absichten zu unterstellen. Mit einer solchen Haltung baut man Blockaden, wofür es in 99 von 100 Fällen keinen Grund gibt. Denn böse Absichten sind nur selten das Motiv für das, was befremdet. Wenn etwa ein Mitarbeiter sagt, er brauche Urlaub, weil er zur Beerdigung seiner Mutter reise, und dies ein Jahr später wieder tut, lügt er, anders als man denken könnte, nicht. Um das zu wissen und entsprechend zu reagieren, empfiehlt es sich, sich mit dem anders gelagerten Konzept von Mutterschaft zu beschäftigen; es umfasst neben der leiblichen Mutter Tanten und andere weibliche Verwandte.

Man kann solche Unterschiede, denen im Übrigen nichts Essentialistisches innewohnt, wahrnehmen, ohne sie zu bewerten oder Hierarchien daraus abzuleiten. Genau dies wird aber sehr oft getan, und dass dies so ist, ist kein Unfall oder eine Nebensächlichkeit, sondern, zumindest wenn man Achille Mbembes Texten folgt, ein konstituierendes Element europäischer Gesellschaften, Wirtschaftssysteme und Denkweisen. Seit den Deterritorialisierungen, die mit Kolumbus’ Ankunft in Westindien begannen, sind echte und konstruierte Differenzen unentwegt Anlass für Bewertungen, Hierarchien, Ausgrenzungen und Machtasymmetrien. Sklaverei, Zwangsarbeit und Kolonialismus sind extreme Erscheinungen davon; sie sind zugleich die Grundlage für eine Wissens-, Kultur- und Kapitalakkumulation, die das Erstarken des Bürgertums gegenüber dem Adel in Europa überhaupt erst möglich gemacht hat.

Die Aufklärung und die Französische Revolution mit ihren Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatten bestimmte Menschen im Sinn; andere galten nicht als Mensch, sondern als Ware, Besitz, sie waren dem Tier näher als dem Menschen, und Philosophen sowie Naturwissenschaftler unternahmen im 18. und 19. Jahrhundert eine Menge, um – aus damaliger Sicht – wissenschaftliche Belege für die Ungleichheit und damit Rechtfertigungen für die eklatante Ungleichbehandlung zu liefern.

Diese Prozesse beschreibt Mbembe in Kritik der schwarzen Vernunft; in Politik der Feindschaft geht es ihm unter anderem darum, auf welche Weise die Logik der Abspaltung, Einteilung und Abwertung in heutigen Demokratien fortbesteht. Der Fluchtpunkt seiner Überlegungen ist, diese zerstörerische Logik zu überwinden: »Gibt es irgendetwas, das uns mit dem Anderen verbände, sodass wir gemeinsam sagen könnten, dass wir sind? Welche Formen könnte diese Fürsorge annehmen? Ist eine andere Weltpolitik möglich, die nicht notwendig auf Unterschied oder Andersheit basierte, sondern auf einer sicheren Idee des Mitmenschlichen und Gemeinsamen?« 12 Damit komme ich zum zweiten Imperativ: Rassismus blockiert die »Idee des Mitmenschlichen und Gemeinsamen«; es gilt also, sich ihm entgegenzustellen, wo immer er sich zeigt.

Bevor ich das abschüssige und unwegsame Terrain betrete, in dem sich die beiden Imperative in die Quere kommen, möchte ich mir Zeit für einen kurzen, aber wichtigen Einschub nehmen. Die beide Imperative laufen Gefahr, in Sackgassen zu führen. Im ersten Fall dann, wenn man aus der Verantwortung, sich als Deutsche mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zu beschäftigen, Diskurshegemonie ableitet und die eigene – echte oder vermutete – Läuterung in Überlegenheit verwandelt. Besonders hässlich ist das dann, wenn nichtjüdische Deutsche jüdischen Deutschen, jüdischen Israelis oder Juden und Jüdinnen in der Diaspora Vorschriften machen möchten. Im zweiten Fall dann, wenn die Selbstanklage in negativen Narzissmus mündet, wenn man also voraussetzt, dass der Westen schuld sei an allem, was in den Ländern des Globalen Südens schiefgeht, ohne die Handlungsspielräume der dortigen Politiker, Unternehmerinnen, Militärs und Milizionäre zu berücksichtigen. So wie sich die europäischen Kolonialherren am Ende des 19. Jahrhunderts in der Rolle der Zivilisationsbringer wähnten, so neigen manche ihrer Kritikerinnen und Kritiker heute dazu, die Rolle der westlichen Unheilsbringer absolut zu setzen. Sie tilgen damit die jeweilige lokale Verantwortung ein zweites Mal und verweisen die Akteure auf den Platz von Statisten.

Wie man zu Israel steht, wie man sich zur Verantwortung, die aus der nationalsozialistischen Vernichtung der europäischen Juden resultiert, verhält, muss nicht, kann aber von kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten abhängen. Es ist nicht überall so, wie man in Deutschland denkt beziehungsweise wie auf ihre Läuterung stolze Deutsche denken, dass es wäre. Eine erste, unsanfte Erfahrung damit machte ich, während ich Mitte der neunziger Jahre in Costa Rica studierte. Meine Freunde, ökobewegt, links, solidarisch mit den indígenas, überraschten mich eines schönen Tages damit, dass sie von der kleinen jüdischen Gemeinde in San José sprachen und dabei so gut wie alle antisemitischen Stereotype zum Besten gaben, die man sich denken kann. Ich war schockiert und wandte ein: Das seien feindselige Bilder und Vorstellungen, seit Jahrhunderten würden solche Ideen in Umlauf gebracht, und worin sie im Extremfall mündeten, habe man im Nationalsozialismus sehen können. Unisono entgegneten sie: Wegen der deutschen Vergangenheit hätte ich eine verzerrte Wahrnehmung; in Costa Rica verhalte es sich genau so, wie sie sagen. Das Gespräch war an einem toten Punkt, die unangenehme Erinnerung blieb und wurde manchmal, in anderen Begegnungen mit Linken aus Lateinamerika, Spanien oder Frankreich, aufgefrischt.

Das ist ein einfaches Beispiel. Das Folgende ist komplexer. Mehrere Jahre habe ich für das Goethe-Institut in Brüssel gearbeitet. Belgien ist dicht dran an Deutschland. Sieht man vom belgischen Talent zu Freundlichkeit und Gelassenheit ab, ist von kulturellen Unterschieden oder gar einer irgendwie anders gelagerten Mentalität wenig zu spüren. Die Erinnerungskultur dagegen weist viele Unterschiede auf, unter anderem weil der Erste Weltkrieg im Bewusstsein der meisten Menschen eine viel größere Rolle als der Zweite spielt. An jenen zu erinnern bedeutet auf der Seite der Sieger zu sein; an diesen zu erinnern bedeutet sich auf eine schwierige Aufgabe einzulassen, weil von Kollaboration gesprochen werden muss. Wer die Gedenkstätte Fort Breendonk besucht, eine Festungsanlage aus dem frühen 20. Jahrhundert, die von den Nazis 1940 zum ersten Konzentrationslager im besetzten Belgien umfunktioniert wurde, wird erstaunt sein, wie viele Belgier sich hier zu den Deutschen gesellten und dazu beitrugen, Widerstandskämpferinnen zu inhaftieren, zur Arbeit zu zwingen, zu foltern und zu töten. Nicht weit von dieser Festungsanlage, von der W. G. Sebald in Austerlitz ein eindringliches Zeugnis gibt, findet sich ein anderer wichtiger Ort für die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Die Kaserne Dossin in der Kleinstadt Mechelen, auf halbem Weg zwischen Brüssel und Antwerpen, ist ein Museum und eine Gedenkstätte. Am historischen Ort informiert sie über die Verfolgung, Internierung, Deportation und Vernichtung der belgischen Juden. Während Fort Breendonk unmittelbar nach dem Krieg in eine Gedenkstätte umgewandelt wurde, hat es in Mechelen bis 2012 gedauert.

Heute dient ein mehrstöckiger Neubau als Museum; die Kaserne, in deren Hof sich Juden und Jüdinnen versammeln mussten, bevor sie deportiert wurden, beherbergt eine Gedenkstätte, aber auch gewöhnliche Wohnungen. Zusammen mit einem Kollegen komme ich in den Genuss einer Führung durch den Museumsdirektor Christophe Busch. Um in Belgien an die Shoah zu erinnern, um das Wissen darüber zu verbreiten, erläutert er, führe das Beharren auf der Einzigartigkeit der Shoah nicht allzu weit. Bezüge zur Gegenwart, zu anderen Genoziden und deren Vorgeschichten seien in der Vermittlungsarbeit nötig. Deswegen gibt es im Museum Stelltafeln, Fotos und Exponate zum Beispiel zu Srebrenica, zu den Verbrechen im Freistaat Kongo beziehungsweise später in der belgischen Kolonie Kongo oder zu Ruanda. Christophe Busch weiß, dass dieser Zugang in Deutschland außergewöhnlich wäre, weil er den Eindruck erwecken könnte, die Einzigartigkeit des Holocaust solle eingeebnet werden. Es lässt sich voraussetzen, dass Christophe Busch und seine Kolleginnen wissen, was sie tun, und sich nicht mit der bösen Absicht tragen, die Shoah zu relativieren. Auch wenn man der Singularitäts-These anhängt und die Verweise auf andere Gräuel an diesem Ort unangemessen findet, muss man sich darüber im Klaren sein, dass sich aus dieser Einstellung, wenn überhaupt, ein Argument ableiten lässt, aber kein Verdikt. Ein Argument, auf das die Gegenseite wiederum mit Gegenargumenten reagieren kann, so dass ein Austausch entsteht, an dessen Ende vielleicht eine Übereinkunft, vielleicht nur der Satz steht: »Wir sind uns darüber einig, dass wir uns uneins sind.«

In der Auseinandersetzung um Mbembe schadet es nicht zu wissen, dass Südafrika und Israel zu einer Zeit Beziehungen unterhielten, als das Apartheids-Regime noch intakt war und andere Länder von der wirtschaftlichen und militärischen Kooperation mit Südafrika abgerückt waren. Der ANC suchte und fand den Austausch mit der PLO. In der Gegenwart sind die diplomatischen Beziehungen schwierig; 2019 wurde der südafrikanische Botschafter aus Tel Aviv abgezogen. Proteste gegen die israelische Politik im Gaza-Streifen und im Westjordanland sind in Südafrika gang und gäbe. Die Erklärung zum Abbruch der Beziehungen zwischen der Universität Johannesburg und der Ben-Gurion-Universität unterschrieben außer Mbembe gut 240 weitere Wissenschaftler. Es scheint, als sei eine kritische bis feindselige Haltung gegenüber Israel Mainstream im Post-Apartheids-Südafrika. Gerne wüsste ich noch mehr darüber, doch in deutschen Zeitungen finde ich dazu wenig. Füllte die FAZ ihre Feuilletonseiten für eine Woche mit Essays südafrikanischer Autorinnen zum Thema statt mit der Verharmlosung des Kolonialismus, 13 ich spendierte Jürgen Kaube eine Flasche Champagner.

Auf diesen anderen Kontext hinzuweisen heißt nicht, Mbembe zu entlasten; es heißt einfach nur, eine Realität zur Kenntnis zu nehmen. Mbembe schreibt von »der weiten Welt, die wir auf Gedeih und Verderb miteinander teilen«. 14 Wer deren Besonderheiten nicht wahrnimmt oder von vorneherein abkanzelt, der teilt wohl eher auf Verderb denn auf Gedeih. Und wer im internationalen Rahmen der Kulturarbeit nachgeht, braucht Offenheit und Flexibilität. Man bringt keine Kooperation zuwege, solange man sich in andere Sichtweisen nicht einfühlen kann. Was wiederum nicht bedeutet, dass man sie gutheißt, sie sich aneignet oder gar, von kulturrelativistischer Blindheit geschlagen, Verklärungen von Gewalt oder Propaganda eine Bühne schafft.« Stefanie Carp mag sich in vielem täuschen, mit der folgenden Einschätzung trifft sie etwas Wesentliches: »Wenn wir beginnen, jeden Satz, jeden Text einer Künstler*in zu scannen und zu untersuchen, können wir kein produktives und offenes Arbeitsverhältnis mehr zu Künstler*innen haben. Die künstlerische Kommunikation, dazu gehört das Entwerfen und Realisieren eines Programmes und die künstlerische Mitarbeit an Produktionen, kann und darf sich nicht von politischen Partialinteressen in einer bestimmten lokalen Gegebenheit bestimmen lassen. Sie muss als ein autonomes Gebiet verteidigt werden. Das zu tun, ist unser Beruf.« 15

Es wäre naiv anzunehmen, man könnte, sobald man eine Filmemacherin, eine Intellektuelle oder einen Künstler anschreibt, der Einladung einen Fragenkatalog nach Art des ESTA-Formulars bei Einreise in die USA anfügen: »Haben Sie die BDS-Bewegung unterstützt?« Man ist kein Schulmeister, der andere lehrt, wie sie die Welt zu sehen haben. Maßt man sich diese Rolle dennoch an, dann leidet man gerade vor dem Hintergrund der deutschen Vergangenheit an kognitiver Dissonanz. Wenn Kinder und Enkel der Nazis eifersüchtig darüber wachen, die Deutungshoheit über das Verbrechen, das ihre Eltern und Großeltern verübten, mit niemandem zu teilen, haben sie vielleicht nicht ganz das richtige Fazit aus der Geschichte gezogen.

Ich erinnere mich an die Performance Healing the Museum im Frühjahr 2019. Die Künstlerin Grace Ndiritu, wohnhaft in London, geboren in Kenia, tritt im Rahmen des schon erwähnten Projekts »Alles vergeht, außer der Vergangenheit« im Africa Museum bei Brüssel auf, genauer: in dessen Mineralienraum, in dem die Erze und Kristalle funkeln und zugleich eine Geschichte von Akkumulation und Ausbeutung erzählen. Ndiritu orientiert sich an schamanischen Techniken, an Meditation und Yoga-Übungen, alles Dinge, auf die meine Rationalität mit Widerstand reagiert. Sie bittet uns, die Schuhe auszuziehen, uns auf den Boden zu setzen, die Augen zu schließen und darauf zu achten, welche Präsenz die Objekte in den Vitrinen entfalten. Sprechen sie zu uns? Spüren wir sie? Ich sperre mich, ich spüre nichts, ich denke: Die tief in den Kolonialismus verstrickte Geschichte des Gebäudes, das Leopold II. Anfang des 20. Jahrhunderts bauen ließ, um bei seinen Untertanen für den Kolonialismus zu werben, hebt die Künstlerin damit nicht auf, genauso wenig wie die unselige Verquickung von europäischem Überlegenheitsgefühl und ökonomischem Raubbau. Trotzdem geschieht etwas: Ndiritu ermöglicht ein anderes Erleben des Raums. Guido Gryseels, der Direktor des Africa Museums, nimmt an der Meditationsübung teil und sagt hinterher, er habe das Museum noch nie ohne Schuhe betreten, und auf dem Boden habe er dort auch noch nie gesessen. Es macht einen Unterschied, ob man steht und in den Raum schaut oder ob man mit geschlossenen Augen durch den Raum geht beziehungsweise auf dem Boden sitzt. Denn beides bedeutet, Macht abzugeben – und was, wenn nicht die Bereitschaft, Macht und Privilegien preiszugeben, wäre ein Schritt zu einer wirklichen Auseinandersetzung mit der Geschichte des kolonialen Unrechts?

Es gibt gegenteilige Erfahrungen, Unverständnis, Gesprächsabbruch, schwer auszuhaltende Momente. Im Rahmen eines Projekts namens Tashweesh (arabisch für Störgeräusch) luden die Goethe-Institute in Brüssel und Kairo und die Brüsseler Beursschouwburg feministische Künstler und Theoretikerinnen aus der MENA-Region sowie postmigrantische Akteurinnen und Akteure ein. An einem Panel beteiligte sich eine Brüsseler Aktivistin und Kulturschaffende, Rachida Aziz, die eine radikale Umgestaltung des Kulturbetriebs verlangte, so dass dieser der Diversität der Bevölkerung entspreche. Auf der Bühne sprach Aziz vor allem über eine Studienreise nach Eritrea. Sie pries das ostafrikanische Land in höchsten Tönen, weil es dort gelungen sei, Armut zu bekämpfen, Frauen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens eine entscheidende Rolle zukommen zu lassen und das Curriculum an der Uni zu dekolonisieren. In Asmara wird James Baldwin gelesen! Mir war mulmig zumute, weil ich daran dachte, dass in Asmara jede Menge Menschen in Gefängnissen verschwinden, aus denen sie nie wieder lebendig herauskommen. Fieberhaft überlegte ich, ob und wie ich Aziz’ Bericht widersprechen sollte – ich war ja Veranstalterin und verantwortlich – oder ob er sich von allein desavouierte. Während ich noch grübelte, begann Aziz’ Gegenüber, Nadje Sadiq Al-Ali, Wissenschaftlerin an der SOAS University of London, der Verklärung Eritreas die Grundlage zu entziehen.

Ist bei Mbembe eine ähnliche Unversöhnlichkeit der Positionen erreicht? Schaut man sich die Debatte um ihn an, sieht es ganz so aus. Ein Ausweg zeichnet sich nur ab, wenn die Beteiligten innehalten und über sich selbst nachdenken. Seinem Wunsch – der »Herausbildung einer wirklich universellen menschlichen Gemeinschaft, von deren Tisch niemand ausgeschlossen wird« –, 16 käme Mbembe näher, weitete er sein eigenes Projekt, sich gegen Trennungen, gegen Abspaltungen und die Politik der Feindschaft zu stemmen, auf Israel aus, lernte er, das Land in seiner Komplexität zu verstehen. Je schärfer die Auseinandersetzung um ihn geführt wird, umso unwahrscheinlicher ist, dass dies geschieht. Wem wirklich daran liegt, dass Mbembe sein Verhältnis zu Israel und zum Antisemitismus reflektiert, sollte sich fragen, wie er dieses Ziel erreicht: mit Maximalvorwürfen und Ausladung? Oder indem er auf eine Weise Kritik übt, die es dem Kritisierten erlaubt, sein Gesicht zu wahren?

Am Ende dieses langen Parcours kehre ich zurück ins Afrikanische Viertel in Berlin-Wedding, in die Petersallee, die den Nachtigalplatz quert. Wer war Carl Peters? In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts nahm er die Gebiete des heutigen Ruanda, Burundi und Tansania für Deutschland in Besitz, er war Vorsitzender Direktor der Deutsch-Afrikanischen Gesellschaft und Reichskommissar für das Kilimandscharo-Gebiet. Seiner Gewalttätigkeit wegen war er so berüchtigt, dass es bis nach Berlin vordrang; 1895 wurde ein Disziplinarverfahren gegen ihn angestrengt, unter dem Protest rechtsnationaler Kreise wurde er seines Amtes enthoben, bevor ihn 1905 Wilhelm II. begnadigen sollte, so dass er den Titel Reichskommissar a.D. tragen durfte. 1939 erhielt die Straße in Berlin-Wedding seinen Namen. Zwei Jahre später kam der Film Carl Peters in die Kinos. Hans Albers spielte darin die Hauptrolle, und am Drehbuch schrieb Ernst von Salomon mit, einer der »soldatischen Männer«, deren Texte Klaus Theweleit in Männerphantasien analysiert, um herauszufinden, was die psychischen und sozialen Grundstrukturen des präfaschistischen und faschistischen Mannes sind.

Heute ist Carl Peters ein Verbotsfilm, also einer jener raren Filme aus der NS-Zeit, die nur unter bestimmten Bedingungen – keine öffentliche Vorführung, didaktische Einbettung – gezeigt werden dürfen (was nicht heißt, dass die DVD nicht online zu erwerben wäre). Mitte der achtziger Jahre fiel auf, wie heikel der Straßenname war, und aus der Carl-Peters-Allee wurde die Petersallee. Der neue Namenspate war Hans Peters, ein CDU-Politiker, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Berliner Landesverfassung mitgestaltete und während der Nazizeit im Widerstand war. Was für ein erinnerungspolitischer Clusterfuck! Nach der Umwidmung bleibt der Kolonialherr präsent, und im Verbund mit Lüderitz und Nachtigal in der unmittelbaren Nachbarschaft hat er genug Kraft, den Widerstandskämpfer ins Off zu drängen.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Achille Mbembe, Brief an die Deutschen. In: taz vom 11. Mai 2020 (taz.de/Leben-in-den-Mythen-anderer/!5681758).
  2. Lorenz Deutsch, Antisemitismus keine Plattform bieten. Offener Brief vom 23. März 2020 (www.lorenz-deutsch.de/antisemitismus-keine-buehne-bieten/2234/).
  3. In einem Interview mit der Zeit (vom 7. Mai 2020) sagt sie: »Einige von Mbembes Positionen zu Israel sind in der Tat hyperbolisch. Seine Behauptung, dass die Besetzung Palästinas ›der größte moralische Skandal unserer Zeit‹ sei, kann man als Dämonisierung von Israel begreifen. Aber wir können auch nicht die Realität leugnen: Viele Palästinenser werden von der israelischen Armee eingekerkert, getötet und gefoltert. Es ist jedoch schade, dass Mbembe nicht mehr Mitgefühl hat für die tragische Geschichte der Juden und kein größeres Gespür für die Komplexität des Nahen Ostens.«
  4. In einem ausführlichen und facettenreichen Gespräch, das René Aguigah für Deutschlandfunk Kultur moderiert hat, nehmen beide Wissenschaftlerinnen Mbembe in Schutz, wenn auch nicht blind. Sie verteidigen zum Beispiel die Methode des Vergleichens als wissenschaftliches Instrument und fragen, inwiefern Mbembe Positionen vertritt, die auch in israelischen Diskussionen vorkommen, und Susan Neiman macht sich Gedanken zur Singularität der Shoah. In Deutschland sei es wichtig, daran festzuhalten, da Verweise auf andere Genozide zu oft als Entlastung angeführt würden und somit der Abwehr von Verantwortung dienten. Aus einer jüdischen Perspektive stelle es sich anders dar, hier sei die universalistische Perspektive hilfreicher, weil sie dem Verharren in der Opferrolle vorbeuge. Aleida Assmann /Susan Neiman, Die Welt reparieren, ohne zu relativieren (www.deutschlandfunkkultur.de/aleida-assmann-und-susan-neiman-zur-causa-mbembe-die-welt.974.de.html?dram:article_id=475512).
  5. »Dass man eine Einladung an Achille Mbembe als ›Provokation‹ werten würde, dass man Achille Mbembe als ›Israelhasser‹ und Antisemiten bezeichnen würde, hätte ich mir nicht albträumen lassen. Denn die Themen Israel, Naher Osten, auch Holocaust werden in Mbembes Büchern so gut wie kaum berührt. Er hat keine BDS-Aufrufe unterschrieben und ist mit anderen Fragestellungen beschäftigt.« Stefanie Carp, Weshalb ich Achille Mbembe für einen Vortrag bei der Ruhrtriennale eingeladen habe. In: nachkritik.de vom 7. Mai 2020 (nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=18093:eine-persoenliche-stellungnahme-der-intendantin-stefanie-carp&catid=101&Itemid=84).
  6. Aufruf an Bundesminister Seehofer vom 30. April 2020 (www.dropbox.com/s/grroe59qdd92q2s/Aufruf%20an%20Bundesminister%20Seehofer.pdf?dl=0).
  7. »Als Wissenschaftler*innen lehnen wir diese Art von Kampagnen ab, die Personen, die als politische Gegner ausgemacht wurden, ohne Beweise, unter Zuhilfenahme manipulativ verzerrter Zitate und Inhalte desavouieren sollen. Ebenso lehnen wir die missbräuchliche Verwendung des Antisemitismusbegriffs ab. Gerade in Deutschland sollten sich alle der Ernsthaftigkeit der antisemitischen Bedrohung und der Dringlichkeit, dagegen vorzugehen, bewusst sein. Es ist nicht die Zeit, diesen Begriff im Dienst politischer Interessen, die nichts mit der Bekämpfung des Antisemitismus zu tun haben, zu missbrauchen.« Aufruf Solidarität mit Achille Mbembe vom 1. Mai 2020 (www.dropbox.com/s/idp56qbs3wh4k05/Aufruf%20-%20Solidarit%C3%A4t%20mit%20Achille%20Mbembe.pdf?dl=0&fbclid=IwAR2n2F_SkTE–cKjDQqs08x6d2Zl2UyLj5YSZ2Rh6Ppz7WjSCE10TRFF06E).
  8. Unter anderem in der Zeit vom 23. April 2020, der taz vom 12. Mai 2020 und in einem Facebook-Post vom 8. Mai 2020 (www.facebook.com/achille.mbembe/posts/10157204379976451), in dem er zum Gegenangriff übergeht und Lorenz Deutsch Rassismus vorhält: »Tout ce que je sais, c’est qu’il ne voulait pas que je prononce la grande conference d’ouverture du Festival de la Ruhrtriennale de cette année. Le Festival a été annule pour cause de Covid-19. Notre politicien ne pouvait pas dire qu’il ne voulait pas d’un Negre au Festival. Il ne pouvait pas dire qu’il s’opposait a moi parce que je soutiens des theses anticoloniales. Ou que j’ai pris position pour la restitution des objets d’art africains. Ou que je m’oppose au traitement que l’Europe fait subir aux migrants et aux demandeurs d’asile. Alors il a trouve mieux. Lui est venue a l’esprit une idée diabolique. Un Negre antisemite, ca pouvait faire d’une pierre deux coups!« (»Alles, was ich weiß, ist, dass er nicht wollte, das ich die diesjährige Eröffnungsrede der Ruhrtriennale halte. Aufgrund von Covid-19 wurde das Festival abgesagt. Unser Politiker konnte nicht sagen, dass er keinen Neger bei dem Festival wollte. Er konnte nicht sagen, dass er gegen mich war, weil ich antikoloniale Thesen vertrete. Oder weil ich mich für die Rückgabe afrikanischer Kunstgegenstände starkmache. Oder weil ich mich dagegen ausspreche, welcher Behandlung Europa Migranten und Asylsuchende unterwirft. Also findet er etwas Besseres. Ihm ist eine teuflische Idee in den Sinn gekommen. Ein antisemitischer Neger, das sind zwei Fliegen mit einer Klappe!» – Übersetzung durch die Autorin. Zum N-Wort sei angemerkt, dass Mbembe es offensiv benutzt, weil sich darin sein Untersuchungsgegenstand – Framing, Othering und Abwertung von Schwarzen – auf extrem verdichtete Weise ablagert.)
  9. www.goethe.de/prj/lat/de/prj/ale.html
  10. Samuel Salzborn, Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern. Leipzig: Hentrich & Hentrich 2020.
  11. Der Autor und Journalist Ulrich Gutmair liefert mit seinem Text Es geht um 1948, nicht um 1967 einen guten Überblick. In: taz vom 9. August 2019 (taz.de/Debatte-um-BDS/!5610738/).
  12. Achille Mbembe, Politik der Feindschaft. Berlin: Suhrkamp 2017.
  13. Michael Pesek, ein Wissenschaftler aus Erfurt, schreibt auf der Geisteswissenschaften-Seite der FAZ, Mbembe mache wie Frantz Fanon einen verhängnisvollen Fehler; er übertrage den Extremfall der algerischen Situation auf den Rest Afrikas und schätze deshalb die Macht der Kolonialherren falsch, nämlich viel zu groß ein. In Wirklichkeit, so Pesek, sei die koloniale Macht auf wenige Zentren beschränkt und sonst hilflos geblieben. Man möge sie sich vorstellen wie in Jean-Jacques Annauds Film Noirs et blancs en couleur (1976). Kein Wort von der Brutalität der abgeschlagenen Hände im Freistaat Kongo, von der Zwangsarbeit, vom Genozid auf dem Gebiet des heutigen Namibia, von der Ermordung Patrice Lumumbas etc. Von einem Realismus-Begriff, der sich an Filmen Jean-Jacques Annauds schult, ganz zu schweigen. Michael Pesek, Was weiß der Postkolonialismus vom Kolonialismus? In: FAZ vom 6. Mai 2020.
  14. Achille Mbembe, Die Welt reparieren. In: Zeit vom 23. April 2020.
  15. Stefanie Carp, Weshalb ich Achille Mbembe für einen Vortrag bei der Ruhrtriennale eingeladen habe.
  16. Achille Mbembe, Die Welt reparieren.

2 Kommentare

  1. 1968, am Anfang meines Studiums, konnte ich den Sturz des Hamburger Carl-Peters-Denkmals beobachten, das im Park neben der alten Universität stand. Seitdem sehe ich Denkmäler mit anderen Augen.

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