Gespräch mit einem Hänfling

Der Hitzesommer vor drei Jahren hat in der ganzen Siedlung die Hecken verbrannt. Die Hausbesitzer ersetzten ihre Thujenhecken durch Metallgitter mit eingeflochtenen Kunststoffbahnen, alles blickdicht, die ersten architektonischen Zeichen der Klimakatastrophe. Die zugeschnittenen Thujenwände mögen nicht viel schöner gewesen sein, aber sie waren wenigstens Pflanzen, und damit Lebensräume für Spinnen, Insekten und Vögel. Die Hecke an der Grundstücksgrenze meiner Eltern beherbergte jahrzehntelang zwei Amseldynastien – eine lebte vorn an der Straße, die andere genoss das mit vielen Würmern gesegnete Premiumrevier hinten beim Komposthaufen. Die ausgetrocknete Hecke bot den Amseln keinen Schutz mehr, also mussten wir neue Büsche pflanzen. Ein Nachbar schenkte uns seine letzten beiden überlebenden Thujen, wir pflanzten sie ein.

(Der Text ist im Juliheft 2020, Merkur # 854, erschienen.)

Natürlich sind Thujen böse. Einer meiner Kunstlehrer am Gymnasium führte sie prominent in einer von ihm gestalteten Dia-Serie über Verbrechen in der Gartengestaltung, gleich neben Blautanne und Waschbetonelement. In den achtziger Jahren hat diese Anklage noch funktioniert. Damals konnte man den ländlichen Raum noch als ästhetisch homogenes Negativ der urbanen Zonen beschreiben. Die Möblierung der öffentlichen und privaten Räume auf dem Land war stark normiert, und ihre Elemente gaben wesentlich deutlichere Hinweise zur räumlichen und sozialen Orientierung als die besten urbanen Systeme. Das Land war vom Baustoffhandel rational geordnet und damit die bessere Stadt.

Aber mit der Zeit ändern sich auch Gartenmoden, und die Neubausiedlungen der sechziger Jahre beherbergen nun Biogärten und Obstbäume. Die im hinteren Garteneck gepflanzte Tanne ist mittlerweile so hoch, dass ein Turmfalkenpaar in ihrem Wipfel brütet. Eichelhäher und Eichhörnchen dringen in die Gärten vor. Ein Buntspecht prüft die Birken im Nachbargarten, ein Grünspecht durchlöchert auf Ameisensuche den Rasen. Feldmäuse und Igel finden ihre Nischen. Auf den Kirschbaumästen machen sich Flechten breit.

(…)

 


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