Hausbesuche IV: Bayreuth. Wagner sucht Wagner

Samstag, 27. Juli 2019

Wir fahren mit einem Mietwagen von Berlin nach Bayreuth, kommen gegen Mittag bei meiner Cousine an, wir können bei ihr übernachten, und gehen mit ihr und ihrem Mann in einen Biergarten, um uns mit fränkischen Bratwürsten für die Meistersinger von Nürnberg am Nachmittag zu stärken. Weil sie weiß, wie kompliziert es um das Festspielhaus herum mit dem Parken ist, bringt meine Cousine uns in ihrem Auto zum Grünen Hügel hinauf – und dann, wir trinken noch einen Kaffee, sitzen wir auch schon auf den Klappsitzen im Parkett, die keine Armlehnen und keine Polster haben, jede Bewegung der Sitznachbarn links und rechts überträgt sich, in allen Reihen wird mit den buchdicken Programmheften, mit Fächern oder der flachen Hand wild herumgewedelt, denn es ist furchtbar heiß im Festspielhaus. Während der Ouvertüre – heute ist die Wiederaufnahme-Premiere der Inszenierung von Barrie Kosky aus dem Jahr 2018 – klingelt das erste Telefon.

(Der Text ist im Juliheft 2020, Merkur # 854, erschienen.)

Die Bühne zeigt den Salon der Villa Wahnfried, eine Richard-Wagner-Figur, die sich später in Hans Sachs verwandeln wird, komponiert am Flügel sitzend Doppelgänger und Weggefährten herbei, die nach und nach zu frühneuzeitlich kostümierten Nürnberger Meistersängern werden, die Figuren klettern buchstäblich aus dem offenen Flügel auf die Bühne – die Personen des Musikdramas werden hier tatsächlich aus dem Geist der Musik geboren. Ein großartiger Einfall.

Darüber, dass auf der Bühne nur noch gesungen und nicht mehr, wie im normalen Leben, gesprochen wird, wundere ich mich wie immer nur kurz. Es dauert nicht lange, und ich glaube wieder, wir alle sollten uns immer nur singend unterhalten. Als das Licht einen Augenblick oder doch knapp zwei Stunden später zur ersten Pause wieder angeht, sehe ich, dass fast alle Männer im Publikum – die meisten haben graue oder weiße Haare oder gar keine mehr – sich ihrer Anzugsjacken entledigt haben, es ist einfach zu heiß, weiße Hemden überall im Saal, das Parkett sieht aus wie der Kontrollraum in Houston während der Mondlandung.

Es gibt einige Bayreuther Pausenrituale: Wir könnten uns an einen vorbestellten Tisch im Steigenberger-Festspielrestaurant setzen und genüsslich tafeln – wir haben allerdings nicht vorbestellt. Wir könnten, wären wir nur mit dem Auto gekommen und hätten uns besser vorbereitet, schnell zum Parkplatz hinter dem Festspielhaus hinaufeilen, eine Kühlbox hervorholen und diese zu einer der begehrten Bänke oder gleich auf die Wiese tragen, um dort mit Nudelsalat, belegten Broten und Champagner zu picknicken. Manche Festspielgäste picknicken auch gleich auf dem Parkplatz, in Abendgarderobe auf Campingstühlen oder am aufgeklappten Kombi-Kofferraum. Andere vernachlässigen die Nahrungsaufnahme erst einmal und wandeln in der gepflegten Grünanlage umher, um andere Umherwandelnde zu beobachten. Wir vertreiben uns die Zeit mit Nationalitätenraten: Woher mag das Paar dort drüben nach Bayreuth gekommen sein? War einst nicht sogar der Kaiser von Brasilien in Bayreuth? In der Reihe vor uns sitzt eine Irin, neben uns Katalanen und hinter uns zwei Mexikaner. Eine Französin, deren Zugfahrt nach Bayreuth fünfzehn Stunden gedauert hat, haben wir schon im Kartenbüro kennengelernt.

Traditionell beginnen die Vorstellungen in Bayreuth um 16 Uhr, wenn nicht Der Fliegende Holländer oder Das Rheingold gespielt werden, gibt es immer zwei jeweils einstündige Pausen. Das Publikum hat also viel Zeit, umherzustolzieren, aneinander vorbeizugockeln und die Mobiltelefone vorzuführen; ja, es scheint fast so, als sei ein Großteil des Publikums überhaupt nur gekommen, um dem Handy das Festspielhaus und die Fanfaren-Blechbläser zu zeigen, die vom Balkon herab das Ende der Pause verkünden. Unter den Trompeten und Posaunen führen Erwachsene sich plötzlich wie Teenies vor südkoreanischen Boybands auf, die Eleganten und die weniger Eleganten in Wickelkleidern, Lederhosen oder weißen Smokingjacken. Letztere werden von meist älteren Herren getragen, die ich, ein Reflex, stets um eine Erfrischung bitten möchte, weil ich sie auf den ersten Blick für Kellner halte.

Die vermeintliche Prominenz, die sich während der ersten Tage der Festspiele versammelt, wir erkennen sie nicht – Angela Merkel und ihren Mann einmal ausgenommen. Wir erkennen nur die, die wir sowieso kennen: eine Berliner Literaturagentin, eine ehemalige Rundfunkintendantin, einen Berliner Schriftsteller, einen Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen und eine weitere Berliner Literaturagentin. Meine eigene.

Die Musik ist wieder da, als hätte ich sie keine Sekunde nicht gehört – aber sie war ja auch immer da, immer in mir, nicht wahr? Hat mein Vater sie mir nicht schon vorgesungen? Behauptet er nicht manchmal sogar, ich hätte meinen Vornamen nach einer Figur aus den Meistersingern? Die Musik klingt so vertraut, sie passt in jede Schramme und jede Wunde, sie schließt und öffnet, legt sich in und über alles, erfüllt und kitzelt und streichelt den Schmerz, an den sie erinnert – ach ja, deshalb bin ich hier, deshalb sitze ich in dieser Höllenhitze. Nein, ich schwebe.

Es ist so schwer, über Musik und ihre Wirkung zu sprechen. Ich weiß nur, ich schwebe fast sechs Stunden und möchte gar nicht mehr hinaus, es stört mich nicht, dass der zweite und dritte Aufzug dieser Meistersinger-Inszenierung nicht auf der Gasse, in Sachsens Schreibstube und auf der Nürnberger Festwiese (dem Zeppelinfeld?), sondern in einem Nachbau des berühmten Schwurgerichtssaals spielen – was bei einer Oper, die »Nürnberg« im Titel führt und so viel zum Deutschen zu sagen hat, ja fast ein wenig zu nahe liegt. Schwurgerichtssaal, Villa Wahnfried und das Festspielhaus selbst, in dem wir schwitzen, sind aber nun mal sehr deutsche Orte, und die Meistersinger spielen die Musik dazu, die Musik, die Nietzsche in seiner Abrechnung mit Richard Wagner »etwas Deutsches, im besten und schlimmsten Sinn des Wortes« genannt hat. Tja.

Sonntag, 28. Juli 2019

Wir frühstücken mit meiner Cousine und ihrem Mann im Garten, später kommt meine Tante dazu. Mitten auf dem Rasen hat der Mann meiner Cousine damit begonnen, aus alten, aus irgendeiner Ruine stammenden Sandsteinblöcken und -brocken eine Brunnenlandschaft aufzumauern, knorrige, aus Italien importierte Weinstöcke sind schon angewachsen. Auch eine Art Bühnenbild.

Meine Tante erinnert mich daran, dass ich die Festspiele schon einmal besucht habe. Sie erzählt, dass sie mich vor neunundzwanzig oder dreißig Jahren auf den Grünen Hügel hinaufgefahren und fotografiert habe, mit einem Schild in der Hand, ein Stück Pappe auf dem »Wagner sucht Wagner« gestanden habe. Sie sagt, ich hätte ein dunkelblaues Hemd mit weißen Punkten getragen. Was ich nicht glauben möchte. Zum Beweis kramt sie ein Foto aus ihrer Handtasche, es zeigt einen jungen Mann, der ein bisschen wie eine junge Frau aussieht, vor dem Festspielhaus, einen weißen Karton in der Hand, er hat längere, blau gefärbte Haare, trägt einen silbernen Ohrring und ein Hemd mit pfenniggroßen cremeweißen Punkten.

Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass es sich bei der abgebildeten Person um mich oder eine frühere Version von mir handelt, aber es stimmt, ich erinnere mich, ich bin schon im Festspielhaus gewesen, einige Male. Ich hatte unbedingt hineingewollt, überzeugt davon, irgendetwas – Erlösung? den Heiligen Gral? – zu finden. Ich war von Bonn nach Bayreuth getrampt und bei meiner Tante und ihren Töchtern untergekommen, hatte mich auf dem Parkplatz des Festspielhauses postiert und nach Karten gefragt. Am zweiten Tag hatte ich das Schild dabei.

Es klappte fast immer, Parkett oder Balkon; einmal war es auch einer der Säulenplätze auf der Galerie ohne Sicht auf die Bühne. Immer wenn ich mich zu weit nach links oder rechts lehnte, um doch etwas zu erspähen, bekam ich Ärger mit den Nachbarn links oder rechts, denen durch meine Manöver ihrerseits die Sicht genommen wurde.

Meine Cousine, wir sitzen in ihrem ruinenromantischen Garten hinter ihrem modernistischen Bungalow, Kaffee trinkend, erinnert sich an Christoph Schlingensiefs Parsifal und seinen verwesenden Hasen, der sie damals – wie lange ist das her? – ein wenig verstört habe. Sie besucht jedes Jahr mindestens eine Vorstellung, irgendwie kommen Bayreuther immer an Eintrittskarten. Hin und wieder, erzählt meine Tante, hätte sie früher über ein Hotel auch die von während oder nach der Vorstellung verstorbenen Festspielgästen erhalten. »Der Sitz war noch warm«, sagt sie, »da waren die Karten schon vergeben.«

Oben am Grünen Hügel, heute gehe ich allein in die Vorstellung, sagt einer der freundlichen fränkischen Polizisten, er müsse mal »in die Daschen nei sehn«. Er und seine Kollegen stecken in dunkelblauen Uniformen, die besser geschnitten sind als die der Berliner Polizei. Die Neuinszenierung des Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg, das weiß ich nur noch nicht, hat schon hier, mit den gutaussehenden Polizisten begonnen; ihre Uniformen, ein Polizeiauto und das Festspielhaus selbst werde ich gleich auf der Bühne wiedersehen.

Zum Liebes- und Künstlerdrama Tannhäuser hat der Regisseur Tobias Kratzer Handlung und Figuren hinzuerfunden: Venus und Tannhäuser cruisen zusammen mit einem Oskar Matzerath und der Drag Le Gateau Chocolat in einem alten grauen Citroën-Bus (das Modell, das Ulay und Marina Abramović in frühen Arbeiten benutzt und gemeinsam bewohnt haben) durch Thüringen, begehen Drive-Thru-Raubüberfälle und begegnen Polizisten – das alles ist auf einer Videoprojektion über der Bühne zu sehen. Später bricht Tannhäuser nicht allein aus dem Venusberg aus, nein, die kleine Bande verfolgt ihn zum Sängerkrieg auf die Wartburg, die hier die Gestalt des Bayreuther Festspielhauses angenommen hat. Tannhäusers Sängerkrieg-Kollegen sind als Bühnenarbeiter, als Roadies kostümiert. Eine Schwarzweiß-Übertragung aus der Hinterbühne verdoppelt die Handlung, hier wird, großartiges Spiel, auch die Inszenierung mitinszeniert, und schließlich steht der Chor als Festspielpublikum verkleidet vor dem Festspielhaus-Nachbau auf der Bühne und fächert sich mit Programmheften Luft zu. Ihm fehlen nur die Telefone. Das echte Publikum, das während der Pause dann wieder vor dem echten Festspielhaus flaniert, kann in Grazie und Eleganz nicht ganz mithalten mit dem kostümierten Chor. Und ich nehme mich da nicht aus.

Heute, ein anderes Pausenritual, spaziere ich ein Stück den Hügel hinauf und über den Parkplatz in das Freiluftbad der Stadtwerke Bayreuth. Was ist ein Freiluftbad? Nicht mehr als eine von Hecken gesäumte Liegewiese neben einer kleinen Kneipp-Anlage. Ein Überbleibsel der Reformbewegung und ihrer Freikörperkultur? Ein Ort, um die Wagner-Krankheit auszukurieren? Vielleicht. Meine Tante sagt, das Luftbad habe sich schon immer dort befunden. Heute jedoch räkelt sich niemand spärlich bekleidet auf den Liegestühlen, nein, Festspielgäste stehen in Abendgarderobe am Kiosk an, um Bockwurst, Filterkaffee, Marmorkuchen oder Bayreuther Helles zu kaufen, das Bier in der Retro-Flasche, das inzwischen auch in mancher Bar in Berlin-Mitte getrunken wird.

Auf einer der herumstehenden alten Liegen sitzend fotografiere ich das Programmbuch zur heutigen Vorstellung, meine Schuhe, den grünen Rasen und die Bierflasche in meiner Hand. Und erinnere mich an meine frühe Wagner-Manie, Richard Wagners Musik, besser seine Musikdramen schienen mir, so mein Gefühl damals, einen Weg zu weisen. Wie viele seiner Helden wollte ich irgendwo hin und hinein, wollte künstlerisch, vielleicht auch gesellschaftlich reüssieren und mit meiner Herkunft und Vergangenheit nichts mehr zu tun haben, ja, nicht einmal nach ihr befragt werden. Und wie Wagners Antihelden war ich, bildete ich mir zumindest ein, auf der Suche nach Erlösung – hatte aber nur eine diffuse Vorstellung davon, welche Gestalt dies annehmen würde. Die einer Frau? Senta, Sieglinde, Isolde? Lag sie in der Liebe? Oder doch in der Kunst?

Mit den Liebesproblemen und den Problemen der Künstlerwerdung und des Künstlerseins, die mir in der heutigen Inszenierung des Künstlerdramas Tannhäuser so hervorragend und lustig vorgeführt werden, bin ich nun, knapp dreißig Jahre später, bestens vertraut. Tannhäuser lebt das Liebesdurcheinander, er möchte beide und beides, kann sich nicht entscheiden zwischen Venus und Elisabeth, zwischen halber Freiheit und halber Bürgerlichkeit, zwischen Raststätten-Venusberg und Festspielhaus-Wartburg. Dabei möchte er doch nur Künstler sein.

Und plötzlich, ach, begegne ich im Freiluftbad neben der Kneipp-Anlage, Bier trinkend, meinem eigenen Liebesdurcheinander. Hatte ich ursprünglich nicht mit einer anderen Frau und dann überhaupt nicht mehr hierher nach Bayreuth kommen wollen? Wollte ich mich nicht trennen von der Frau, die ich seit sieben Jahre liebe, der ich eben noch hinterhergewunken habe? Tannhäuser und Wagner, ich muss lachen und weinen, zeigen mir wieder etwas. Ich weiß nur noch nicht genau, was.

Leicht beduselt verfolge ich den dritten Aufzug und sehe die als elegantes Opernpublikum nach Rom aufgebrochenen Pilger als zerlumpte, mit Plastiktüten bewaffnete Flaschen- und Schrottsammler heimkehren, wie unerlöste Untote stolpern sie durch die postapokalyptische Szenerie auf der Bühne. Der hölzerne Pilgerstab Tannhäusers, der im Drama als Zeichen der späten Gnade dann doch noch ergrünt (»Der Gnade Heil ist dem Büßer beschieden«), ist in dieser Inszenierung ein gerollter, außen lindgrüner Tannhäuser-Klavierauszug. Dieser wird dann allerdings – ja, ja, die Kunst ist nicht immer die Rettung – auf der Bühne zerrissen. Mir gefällt das alles sehr. Nicht gefallen hat das wohl der Edition Peters: Die soll sich angeblich über die respektlose Behandlung ihrer Noten auf offener Bühne beschwert haben.

Die mächtigste Frau des Planeten beschwert sich nicht, sie sitzt in der Hitze und scheint das alles sehr zu genießen. Heute schaut sie aus der siebten Reihe des Parketts auf die Bühne und die Leinwand, nicht aus der Mittelloge wie gestern. Gerüchte sagen, es habe ihr so gut gefallen, dass sie ihren Aufenthalt um noch einen weiteren Abend im Festspielhaus verlängert habe, den Tannhäuser sieht sie heute bereits zum zweiten Mal, sie war schon zur Premiere am vergangenen Donnerstag hier.

Montag, 29. Juli 2019

Nach dem Frühstück spaziere ich aus dem Wohngebiet um den Röhrensee Richtung Innenstadt, Steingärten und viele Vorgartenbefestigungen aus Granitstelen am Weg, Autos stehen überall, oft auch auf dem Bürgersteig, Menschen begegne ich nicht so vielen. Ein verbundsteingepflasterter Durchgang führt an einer Hypnosepraxis und dem Büro der Bayreuther AfD vorbei, die sich in einem in die Jahre gekommenen Neubau an der Ringstraße eingemietet hat. Aufatmen zwischen den historischen Sandsteinbauten in der Bayreuther Friedrichstraße, in einem der Häuser in dieser Straße hat Jean Paul gewohnt, schräg gegenüber werden heute noch Flügel und Klaviere von Steingraeber & Söhne gebaut. Oder zumindest verkauft. Die Stadthalle, ebenfalls ein Altbau, wird gerade umgebaut.

In der Fußgängerzone, selbstverständlich muss es, wo so viele Autos herumfahren, auch eine Fußgängerzone geben, sind Einheimische und herumstreunende Festspielgäste unterwegs. Mich zieht es die Richard-Wagner-Straße hinunter, bis zur Villa Wahnfried – hinein aber möchte ich heute nicht, ich war schon drin, lange vor der Renovierung und dem Neubau des Museums. Und habe ich das originalgetreu kopierte Wahnfried-Wohnzimmer nicht gerade erst in Barrie Koskys Meistersingern gesehen?

Am Grab vorbei – nach seinem Tod in Venedig wurde Richard Wagner hinter dem eigenen Haus beerdigt – gehe ich quer durch den Hofgarten (einst der Schulweg meines Vaters) zurück zum Haus meiner Cousine. Gegen Mittag sitze ich in ihrer loftartigen Showküche – dieser Bereich ihres Hauses war einmal ein Lebensmittelladen zur Nahversorgung – und darf kleine neue Sandwichkompositionen probieren, Vegancurry auf Dinkelbrot und Milchreis im Roggenteig. Sie denkt sich, sie führt ein gutgehendes Unternehmen mit mehreren Angestellten, neue Snacks und Sandwiches aus, ja, meine Cousine ist Sandwicherfinderin und Snackberaterin, hat Kunden im ganzen Bundesgebiet und berät Supermärkte, Bäckereien und Cafés.

Oben am Grünen Hügel heute keine Taschenkontrolle, keiner der Polizisten möchte »in die Daschen nei sehn«. Frau Merkel ist abgereist. Schade. Die Bewegungen sind jetzt eingespielt, ich weiß schon, wo und wann ich durch welche Tür eintreten muss, meinetwegen könnte es gern noch einige Tage oder Wochen so weitergehen, Oper, eine Daseinsform. Heute werde ich den Lohengrin hören, erneut sitze ich in Reihe 22, fast derselbe Platz wie gestern, einige Köpfe in der näheren Umgebung erkenne ich wieder, wir nicken uns zu, grüßen, links von mir heute ein Japaner, Europa-Korrespondent eines japanischen Nachrichtenmagazins. Er sei zum ersten Mal in Bayreuth, sagt er, und er liebe es, das Bier und die Musik.

Die Bühne ist heute eine ganz in Blau getauchte Farborgie. Könnte es sein, dass die eine Hälfte des Bühnenbildnerpaars uns daran erinnern möchte, dass er ein bekannter Maler ist? Neo Rauch hat Prospekte gepinselt, gemeinsam mit Rosa Loy ist er auch für die Stubenfliegenflügel an den Kostümen der Chorsänger verantwortlich. Und warum steht ein Umspannwerk auf der Bühne? Ich verstehe es nicht. Immerhin, es blitzt, als Lohengrin erscheint, um Elsa von Brabant zu retten. Der berühmte Schwan, er scheint sich elektrisch zu bewegen.

Vielleicht verstehe ich es nicht, vielleicht ist es aber auch einfach nicht so gut. Es ist aber auch nicht schlecht, Blau ist und bleibt ja meine Lieblingsfarbe. Kein Grund, sich zu ärgern, nein, diese Inszenierung ist einfach harmlos, ihre avancierte Biederkeit, das ist angenehm, stört nicht den Genuss der Musik. Klaus Florian Vogt singt heute wieder, heute den Lohengrin, was will ich mehr. Schon während der Meistersinger war ich hingerissen davon, wie Vogt, der früher Hornist war, den Walther von Stolzing gab. Beim Tannhäuser war die Inszenierung mit Videoprojektion und Bühne solch ein Gesamtkunstwerk, dass ich fast ein wenig abgelenkt war von der Leistung der Sängerinnen und Sänger und des Orchesters. Heute nun schließe ich, das ist nicht verboten, hin und wieder die Augen, ich muss mir nicht alles ansehen, ich darf auch nur lauschen, diesem irren, schmelzenden Klang, ich höre seine Farbe, es ist ein Geschenk. Danke.

Der Zauberer Christian Thielemann, der Dirigent, der nicht Simon Rattles Nachfolger bei den Berliner Philharmonikern werden durfte, bekommt am Ende den größten Applaus, hörbar mehr als die Dirigenten an den Abenden zuvor; der Holzboden des Parketts, der große Resonanzkörper des Festspielhauses, erbebt. Nur das Orchester erscheint wieder nicht auf der Bühne. Warum eigentlich nicht?

Zuvor, in der letzten Pause meiner vorerst letzten Vorstellung in Bayreuth, gerate ich in die Postfiliale, die während der Festspielzeit gleich neben dem Festspielhaus geöffnet hat. Und komme mir vor, als wäre ich in einen Kinderkaufmannsladen geraten. Gab es früher nicht sogar eine Spielzeugpost? Besaß meine jüngste Schwester nicht eine, mit Schalter, Stempeln, Briefkasten und einer Waage? Ich kaufe einige Ansichtskarten – sie zeigen, versteht sich von selbst, das Festspielhaus auf seinem Hügel –, bekritzele sie mit einigen Sätzen und werfe sie in den Briefkasten, der nur während der Festspielzeit geleert wird, wie eine Aufschrift über der Klappe verrät.

Nach dem Schlussakkord spaziere ich zu Fuß den Hügel hinunter, alle warten brav an der roten Ampel, Lack- und Stöckelschuhe, Abendkleider, Smokings. In der Innenstadt treffe ich zufällig – sie sitzt vor einem Lokal, das meine Cousine später als »Der Vegetarier« identifiziert – auf eine Bekannte, die für die Bayreuther Festspiele arbeitet. Sie wohnt für vier Monate in der Stadt und hat alle Generalproben und einige Vorstellungen gesehen, im Orchestergraben hockend oder in der Mittelloge sitzend. Die Musikerinnen und Musiker, erzählt sie, spielten in sehr leichten Kleidchen oder kurzen Hosen im Graben, wo es, nicht anders als im Zuschauerraum, ebenfalls unglaublich heiß sei. Oder noch heißer. Deshalb erscheine das Orchester nie auf der Bühne, kein Orchesterapplaus, weil es nicht passend gekleidet sei. Ach so.

Sie verrät auch, dass es im Festspielsommer 2020 einen neuen Ring des Nibelungen geben wird, den eigentlich Tatjana Gürbaca hätte inszenieren sollen, als erste Frau überhaupt seit 1876 in Bayreuth. Nach monatelangen Auseinandersetzungen, sie dürfe das eigentlich gar nicht erzählen, werde der Vertrag nun aufgelöst, das Projekt, so die offizielle Begründung, sei aus »dispositionellen Gründen« gescheitert. Es ging um die Probentage, die Opernregisseurin sei mit der zugestandenen Probenzeit nicht zufrieden gewesen. Seltsam. Oder wollte man sie plötzlich nicht mehr? Nun soll der erst neunundzwanzigjährige Nachwuchsregisseur Valentin Schwarz den nächsten, den fünfzehnten Ring von Bayreuth inszenieren.

War Patrice Chereau, fällt mir ein, nicht auch erst einunddreißig und hatte zuvor erst eine einzige Oper inszeniert, bevor er 1976 den Jahrhundertring auf die Bayreuther Bühne brachte? Und war er nicht ebenfalls eingesprungen, für einen kapriziösen Theaterregisseur namens Peter Stein?

Dienstag, 30. Juli 2019

Am vierten Tag verlasse ich Bayreuth mit dem Bus. Ich sitze in einem giftgrünen Flixbus, zum ersten Mal in meinem Leben, weil die Zugverbindung von Bayreuth nach Berlin so umständlich ist. Die Eisenbahn hat die einstige markgräfliche Residenzstadt im 19. Jahrhundert ein wenig im Abseits liegen gelassen. Wie zum Ausgleich hat die schöne Stadt in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts dann gleich zwei Autobahnanschlussstellen an die Reichsautobahn, die heutige A9, erhalten. Sie heißen Bayreuth-Nord und Bayreuth-Süd.

Und auch wenn ich nun nicht in einem von Venus gesteuerten Marina-Abramović-Bus sitze, freue ich mich doch über die gute Aussicht. Vom Oberdeck kann ich viel besser als aus einem PKW in die Fränkische Schweiz hineinsehen, und dann, die frühere Zonengrenze ist bald passiert, Thüringens mitteldeutsche Tannhäuser-Landschaft bewundern: Berge, Wälder und die Randbebauung neben der Autobahn, Rastanlagen, Tankstellentempel und Leichtbauhallen – all das, was Deutschland so schön und hässlich macht. Tannhäuser-Regisseur Kratzer hat Venus, Tannhäuser und seine hinzuerfundenen Buffo-Figuren Matzerath und Le Gateau Chocolat ganz zu Recht hier herumgurken und einen Burger-Drive-Thru überfallen lassen.

Ich schlafe ein und träume den Klang der vergangenen drei Tage, träume Gesang und träume, wir würden alle immer miteinander singen – und auf einmal kann ich endlich all das singen, was ich sonst nicht sagen kann?

PS: Diesen Sommer, 2020, wird es nun zum ersten Mal seit 1951 keine Bayreuther Festspiele geben. Aus bekannten Gründen. Die geplante Neuinszenierung des Ring wurde bereits, aus dispositionellen Gründen, um ein weiteres Jahr auf den Sommer 2022 verschoben. Der Nachwuchsregisseur wird dann auch schon über dreißig sein.

Anmerkung: Im Text waren der Name des Regisseurs Tobias Kratzer falsch angegeben und einmal der Name von Barrie Kosky falsch geschrieben. Im Heft und PDF lässt es sich leider nicht mehr korrigieren. Wir bitten um Entschuldigung.


1 Kommentare

  1. Georg Wiegand sagt:

    Ein wunderbarer Beitrag!

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