Fridays for Yesterday. Ein Kommentar zur politischen Ökologie

Björn Höcke mag den Wald. Sein »Lieblingswald«, in dem er sich als Jünger’scher Waldgänger inszeniert und die kalte Distanz pflegt, ist nicht irgendein beliebiger Ort für Höcke und die Neue Rechte. Er und sie identifizieren damit Heimat, Distanz zur oder Schutz vor Zivilisation (oder zum Politikbetrieb), Ruhe und Stille. Diese hochaufgeladene Natur, die Höcke im Gespräch mit Melanie Amann immer wieder deutlich hervortreten lässt, hat natürlich eine politische Funktion: Der Bezug auf die »Natur« lässt umso mehr das für Höcke nicht mehr Heimat gebende Deutschland und die sich ständig wandelnde Zivilisation, in der es Schutzräume geben muss, hervortreten. Höcke beutet, zumindest geistig und politisch, also die Natur aus, indem er das Gewachsene, das organische Werden des Waldes, der Zivilisation entgegensetzt.

(Der Text ist im Augustheft 2020, Merkur # 855, erschienen.)

Der Raum des Waldes als Raum des Widerstands, den Höcke durchschreitet, fungiert darüber hinaus als imaginärer Ort der verhandelten Identität eines Volkes respektive einer Kultur. Höckes Begeisterung für die Wanderungen im Wald lässt sich aber nicht nur auf Ernst Jünger, sondern vielleicht auch auf die Lyrik Joseph von Eichendorffs zurückführen, insbesondere der umstrittenen Zeitlieder. Im Gedicht Appell heißt es: »Ich hört viel Dichter klagen || Von alter Ehre rein || Doch wen’ge mochten’s wagen || Und selber schlagen drein […] So stieg ich mit Auroren || Still ins Gebirg hinan, || Ich war wie neugeboren […] Die Hörer hört ich laden, || Die Luft war streng und klar – || Ihr neuen Kameraden, || Wie singt ihr wunderbar!«

Das Bild des Waldes, wie es Eichendorff entworfen hat, offenbart den Wald als Raum der Identität: »Gleichwie die Stämme in dem Wald || Woll’n wir zusammenhalten, || Ein’ feste Burg, Trutz der Gewalt«. Die »Wanderungen in der Natur«, für Höcke »ein Quell der Kraft«, sind Eichendorff’sche Wanderungen. Im Gedicht Allgemeines Wandern wird das Wandern als Aufbruch in das Unbekannte, aber doch Vertraute inszeniert: »Vom Grund bis zu den Wipfeln, || So weit man sehen kann, || Jetzt blüht’s in allen Wipfeln, || Nun geht das Wandern an«. Wandern ist der Aufbruch in eine neue Gemeinschaft, die für Höcke die Symbolik des Wanderns ausmacht.

Angesichts der hier angedeuteten Usurpation der Natur und der romantischen Literatur durch die Neue Rechte ist es an der Zeit, den politischen und kulturellen Funktionen der Natur in den Diskursen der Politik und der Ökonomie nachzugehen. Umweltzerstörung, Artensterben, die Entfremdung des Menschen (oder eines Volkes) von seiner inneren wie äußeren »Natur« und schließlich der schwindende Wald haben eine hohe Symbol- oder Diagnosekraft für die Untersuchung sozialer Verhältnisse. »Natur«, heißt es bei Georg Lukács, »ist eine gesellschaftliche Kategorie.« Natur und Gesellschaft sind immer wechselseitig aufeinander bezogen, und die Bilder von Natur prägen die Bilder, in denen eine Gesellschaft Vorstellungen ihrer selbst entwirft. Bilder der Natur sind also eminent politisch.

Genealogie der Naturvorstellungen: Mensch und Erde

Ludwig Klages’ erstmals 1920 erschienene Schrift Mensch und Erde handelt von den Auswirkungen zivilisatorischen Fortschritts auf Natur und Mensch. Dramatischer formuliert erzähle Klages, so Rolf Peter Sieferle, von »einer umfassenden Kulturvernichtung« durch die Industrialisierung. Das aber kann, darauf hat Sieferle an anderer Stelle hingewiesen, nur beklagen, wer eine vom technologischen Fortschritt getriebene Veränderung per se als Bedrohung von Identität wahrnimmt.9

Es geht um die kulturelle Funktion dieser Reflexion, die gleichsam die Natur der Kulturlandschaft nutzt, um das Eigene gegenüber dem Fremden, die Gegenwart gegenüber der Vergangenheit zu profilieren. Das ist, mit Schiller gesprochen, die Sentimentalität der Moderne. Folgt man seiner Schrift Naive und sentimentalische Dichtung aus dem Jahr 1795, so ist Natur einerseits ein Bild für einen Zustand vor aller Kultur. Diese Wahrnehmung einer Grenze zwischen Natur und Kultur prägt die Wahrnehmung der Natur, da dabei stets das Vorstellungsbild einer Welt des Lebendigen mitschwingt, die von allem menschlichen Eingriff unberührt geblieben ist. Das Interesse des Menschen an der Natur, das »schmerzlich[e] Verlangen«, imaginiert eine Einheit mit der Natur, die in der Realität der werdenden bürgerlichen Gesellschaft unwiederbringlich verloren ist: »Solange wir bloße Naturkinder waren, waren wir glücklich und vollkommen; wir sind frei geworden und haben beides verloren. Daraus entspringt eine doppelte und sehr ungleiche Sehnsucht nach der Natur: eine Sehnsucht nach ihrer Glückseligkeit, eine Sehnsucht nach ihrer Vollkommenheit.« Diese Vollkommenheit wird dem Herzen zum »Muster«. Allein der Kunst gelinge es, so Schiller, die verlorengegangene Einheit wieder herzustellen. Kunst wird zur Reflexion des Verlusts von Natur und damit sentimental.

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