Denkpause für Globalgeschichte

Von Zeit zu Zeit fegen auf beiden Seiten des Atlantiks Stürme der Begeisterung durch die Geschichtswissenschaft. Es ist in solchen Zeiten blamabel, die Leitwerke der »kritischen Sozialgeschichte«, der »historischen Anthropologie«, der »Neuen Kulturgeschichte« – oder was auch immer das jeweils glanzvollste Paradigma sein mag – nicht zu kennen. Charismatische Exponenten vertreten die neueste Richtung mit öffentlicher Wirkung auch jenseits der akademischen Welt.

(Der Text ist im Augustheft 2020, Merkur # 855, erschienen.)

Kluge und wagemutige, nach einer Weile auch trendopportunistische junge Forscherinnen und Forscher stürzen sich in neue Themen. In den 1990er Jahren wurde global history, bald auch als »Globalgeschichte« in den deutschsprachigen Raum importiert, zum Gegenstand eines solchen großflächigen Enthusiasmus. 1 Sobald sie sich von einer amateurhaften »Weltgeschichte« distanziert hatte, die dem Publikum vorgaukelte, über alles und jedes Bescheid zu wissen, wurde Globalgeschichte wissenschaftlich respektabel. Institute, Forschungsschwerpunkte, Zeitschriften und Buchreihen entstanden; man konnte nun Professorin und Professor für die neue Subdisziplin werden, die sich – das war bald der Konsens – zentral mit der Geschichte von Wechselwirkungen, Mobilität und Beziehungen in und zwischen verschiedenen Teilen der Welt befasste. 2

Dabei war die Ko-Evolution von sozialwissenschaftlicher Globalisierungstheorie und Globalgeschichte unübersehbar. Die Versuchung war groß, sich selbst als die historische Denkform des Tages in Positur zu setzen: Ein globales Zeitalter brauche eine globale Sicht auf die Vergangenheit. Dieser Satz steht und fällt mit seiner Prämisse: dass unsere Zeit tatsächlich durch nichts besser charakterisiert wird als dadurch, dass man ihr Globalität bescheinigt.

Die Stunde der Globalgeschichte?

Und nun, wo das Adjektiv »global« fest mit den Substantiven »Pandemie«, »Krise« und »Katastrophe« verschweißt ist? Wo zunehmende Integration der Isolation weicht und fortwährende Mobilität dem Stillstand? Was bedeuten die Umstände und Folgen der SARS-CoV-2-Pandemie für die Globalgeschichte? Inwiefern berühren sie auch verwandte Gebiete wie die Verflechtungsgeschichte oder die Transkulturellen Studien?

Zumindest vordergründig bestätigt der »globale Moment« vom März 2020 die Relevanz globalhistorischer und anderer relationaler Ansätze, die sich mit Weltzusammenhängen befassen. Die Geschichte der Epidemien und Pandemien, die immer eine Geschichte der Unterwanderung von Grenzen aller Art war, ist seit Jahrzehnten ein Bestandteil dieser Arbeitsrichtung. 3

Für viele Globalhistorikerinnen und -historiker bietet sich in der gegenwärtigen Situation daher ein in den Grundzügen vertrautes Bild: dass sich Krankheiten mit der Bewegung von Menschen im Raum verbreiten und dass dies seit dem Ausbau des internationalen Handels und des globalen Schiffsverkehrs auch weltweit geschieht – man denke an die Cholera-Pandemien des 19. Jahrhunderts oder die Spanische Grippe am Ende des Ersten Weltkriegs –, ist ein Gemeinplatz der Weltgeschichtsschreibung. 4

Quarantänemaßnahmen, Zwangsisolation und andere historische Variationen des social distancing sind seit Jahrhunderten bekannt. 5 Auch Debatten über eine Abwägung und »Verrechnung« des epidemiologischen Nutzens eingreifender Seuchenpolitik mit ihren ökonomischen Kosten sind schon früher geführt worden. Die Sorge vor »Ansteckung« durch Fremde, die Stigmatisierung Asiens als Krankheitsherd – als »Wiege der Pest«, der Pocken und der Cholera – sowie die Hoffnung auf Wundermittel durchziehen die Mentalitätsgeschichte der Neuzeit.

Dass Epidemien zum Prüfstein für Regierungen werden, ist zumindest für die Zeit nach 1800 kennzeichnend, als die öffentliche Gesundheit in vielen Ländern zunehmend zur Aufgabe des Staates wurde. 6 Die allgemeine, synchrone Verfügbarkeit derselben statistischen Daten und medizinischen Wissensbestände wiederum ist zwar ein Zeichen unserer gegenwärtigen, neuen Welt elektronischer Medien und der Beschleunigung von Kommunikation bis hin zur Echtzeit. Aber das grundsätzliche Bewusstsein von der »Globalität« von Pandemien und die weltweite Verbreitung und Angleichung von medizinischen Diskursen und Praktiken lassen sich zumindest auf die Jahrzehnte um 1800 zurückverfolgen.

Die Möglichkeit einer »Massenpanik« vor einem Krankheitsausbruch, die droht, wenn die Kunde von Epidemien eintrifft, bevor die ersten Opfer auftreten, erlangte bereits mit der Verbreitung der Telegrafie ab etwa 1860 neue Ausmaße. Erstmals konnten nun Informationen schneller reisen als Menschen. 7 Auf die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts wiederum gehen einige der kosmopolitischen Diskurse zurück, die derzeit in der Öffentlichkeit vielerorts bemüht werden: über eine »Menschheit«, die mehr ist als eine statistische »Weltbevölkerung«, über ihr geteiltes Schicksal und über die moralische Verpflichtung von Bürgern und Politikern, heutigen und zukünftigen Katastrophen in globalem Zusammenwirken zu begegnen. 8

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich unser gegenwärtiges Weltbild geformt, vor allem die Vorstellung von einer endlichen, in sich geschlossenen und wechselwirkenden Welt, in der – durch Nuklearwaffen, den Klimawandel oder eben eine Pandemie hervorgerufen – planetarische Kalamitäten oder gar die kollektive Vernichtung der Menschheit zur realen Möglichkeit geworden sind.

Erschütterung

All dies sind wichtige Themen für die Globalgeschichte gewesen. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass die Globalgeschichte, wie auch die »allgemeine« Geschichtswissenschaft, nicht immer noch zu viel Medizinisches alleine der Medizingeschichte überlassen hätte: Nur wenige Darstellungen des Ersten Weltkriegs und seiner Folgen etwa haben der Spanischen Grippe jenen prominenten Platz eingeräumt, den sie in einer epidemiologisch sensibleren Zukunft sehr wahrscheinlich okkupieren wird.

Aber so weit, so gut. Globalhistorikerinnen und -historiker, jedenfalls einige unter ihnen, dürfen behaupten, sie hätten das weltweite Krankheitsgeschehen im Auge gehabt. Dennoch bringt die Corona-Krise des Jahres 2020 eine Reihe stillschweigender Prämissen der (globalen) Geschichtsschreibung zum Vorschein und rückt sie ins Licht der Kritik. Historikerinnen und Historiker in der Zwangsprivatheit des shutdown sollten deshalb nicht von der unmittelbaren Fortsetzung – nach einer lästigen Unterbrechung – alter Diskursroutinen träumen, sondern zweifelnd und selbstkritisch innehalten.

Es geht uns weder darum, die Zukunft der Globalgeschichte vorherzusagen noch darum, ihr schulmeisterlich den Weg in diese Zukunft zu weisen. Eine solche Absicht wäre nicht nur angesichts der Vielfalt der historiografischen Landschaft illusionär. Historikerinnen und Historiker sollten sich überhaupt davor hüten, inmitten einer Krise schon Schlussfolgerungen aus ihr zu ziehen. Daher nur einige vorläufige Überlegungen.

Mobilität als Variable

Selbst Freunde der Entschleunigung hätten eine Vollbremsung der Welt nicht für möglich gehalten. Wenn es ein soziologisches Theorem gab, das auch in der jüngeren Globalgeschichte fast wie ein Naturgesetz verehrt wurde, dann das von der fortwährenden Beschleunigung der Existenz. Kaum jemand widersprach, wenn Mobilität für ein Zeichen und Schlüsselelement der Moderne gehalten wurde. Selbstverständlich wäre es abwegig zu bezweifeln, dass die Menschen seit der Verbreitung von Dampfschiff und Eisenbahn dramatisch an Mobilität gewonnen haben (übrigens nicht unbegrenzt, denn 2003 wurde der Überschallpassagierverkehr nach wenigen Jahren wieder eingestellt).

Wenn aber, wie ab Mitte März 2020 geschehen, Regierungsdekrete mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung zu Hausarrest verurteilen und mehr als drei Viertel des weltweiten Luftverkehrs aussetzen, dann erscheint Mobilität nicht länger als Grundrecht und Naturkonstante, sondern als eine abhängige Variable in der Dispositionsgewalt staatlicher Entscheidungsträger.

Integration und Regression

Die fortwährende Beschleunigung der Existenz als ehernes Gesetz der Moderne ist nicht der einzige Aspekt des historischen Diskurses, der in unseren Tagen infrage steht. Auch wenn die meisten Globalhistorikerinnen und -historiker auf einer Reihe von Unterschieden zwischen ihrer eigenen Arbeit und der sozialwissenschaftlichen Globalisierungsforschung bestehen würden, liegt ihrem Denken und Schreiben oft ein ähnlicher Richtungssinn zugrunde: die unausgesprochene Prämisse zunehmender Globalisierung, einer kontinuierlichen Verdichtung von ökonomischen wie auch ökologischen, kulturellen oder sozialen Weltzusammenhängen, mithin eine Überzeugung, die das Feld stillschweigend von den global studies und dem Globalisierungsoptimismus der neunziger Jahre übernommen hat.

Schon in ihren Forschungsinteressen – an Mobilität, der Verbreitung von Ideen und der Entstehung von Verbindungen und Netzwerken – repliziert die Globalgeschichte vielfach die Vorstellung einer Ausweitung und Beschleunigung von weltweiten Beziehungen. Andere Felder – etwa die Verflechtungsgeschichte (entangled history, histoire croisée) – tragen das Integrative geradezu im Namen. Selbst da, wo man sich gelegentlich mit dem Zusammenbruch von Netzwerken oder dem Rückzug von Globalisierung befasst, wird das grundlegende Paradigma nicht infrage gestellt; es offenbart lediglich seine Verwundbarkeit.

Die Annahme zunehmender Integration steht einerseits unter Trivialitätsverdacht, denn wie sollte es anders sein? Bevölkerungswachstum sowie verbesserte Fortbewegung und Kommunikation führen unvermeidlich zu einer Vermehrung von Kontakten. Andererseits aber verschärft die Corona-Krise Entwicklungen, die in einem eklatanten Widerspruch zu den Dogmen des konventionellen Globalisierungsdiskurses stehen und in den älteren Globalisierungsdrehbüchern nicht vorgesehen waren: Integration kippt in ihr Gegenteil.

Nicht nur sind Nationalismus als Ideologie und My-country-first-Agenden allzu lebendig – bereits das Jahr 2016 mit dem Brexit-Referendum und der Trump-Wahl war ein grelles Signal der Desintegration. 9 Die Vorstellung vom nahenden »Tod« des Nationalstaats ist heute weniger haltbar denn je. Er hat sich weltweit als Leviathan kollektivmedizinischer Regulierung erwiesen. Staatsgrenzen können über Nacht wiederbelebt und verstärkt werden; man braucht keine Grenzmauern und Zäune, um sie effektiv zu schließen.

Global governance und die damit verbundenen völker- und menschenrechtlichen Denkmuster befinden sich in der Defensive. Größte Zweifel sind auch an der Robustheit ökonomischer Globalisierung angebracht. Wirtschaftliche »Abhängigkeit« schien das betrübliche Schicksal eines exportschwachen Globalen Südens zu sein, nun will sich auch der dominante Norden davon befreien, und weithin erschallt der Ruf nach self-reliance und der autarken Sicherung von Grundbedürfnissen im eigenen Land.

Man wird in der Globalgeschichte künftig Auflösungserscheinungen, Desintegration und Zerfallsprozesse stärker in den Blick nehmen. Darüber hinaus wird man sich weiterreichende Fragen stellen müssen. Etwa: Lässt es sich in unseren Bereichen jenseits von »Integration« denken? Was bleibt übrig, wenn wir uns außerhalb dieses Narrativs bewegen? Oder auch: Wie sähe eine Geschichtsschreibung aus, die ihre eigenen, zum Teil noch aus dem Fortschrittsdenken der Aufklärungszeit stammenden Prämissen von linearer Zeit und expansiven Zeitverläufen zu revidieren hat?

Konnex und Infektion

Die Wirklichkeit lehrt uns derzeit nicht nur, dass Integration und Beschleunigung reversibel sind und globale Prozesse regressiv verlaufen können. Zu Verschiebungen dürfte es auch an anderer Stelle kommen. Wenn das »Globale« zunehmend mit Pandemie und Katastrophe assoziiert wird, was bedeutet das für die bislang herrschende »Euphorie für Bewegung, Mobilität und Zirkulation«, die Sebastian Conrad bereits vor einigen Jahren in der weltweiten globalhistorischen Community festgestellt hat? 10 Und was folgt daraus für den Umgang mit vordergründig technischen Fachbegriffen wie »Konnektivität« oder »Zirkulation«, die Globalhistorikerinnen und -historikern allzu leicht über die Lippen kommen und von ihnen fast ausschließlich mit positiver Konnotation verwendet werden? 11

Die Helden der Globalgeschichte sind die Reisenden, die Kosmopoliten und cultural brokers. Die gegenwärtige Krise aber hat die Wahrnehmungen und Wertungen innerhalb weniger Tage und Wochen (normalerweise verläuft Einstellungs- und Wertewandel eher träge) radikal umgepolt: Die bedrohliche, toxische, gar todbringende Seite von »Konnektivität« und weltweiten Verbindungen, die zuvor allenfalls im Widerstand gegen eine ökonomische Globalisierung aufschien, tritt nun für alle sichtbar hervor. Der Reisende wird zum Unheilbringer, der cultural broker zum grenzüberschreitenden Verbreiter von Verschwörungsfantasien.

Es wird nicht damit getan sein, in künftigen historischen Arbeiten die Schreckensseiten einer globalen Moderne herauszukehren (vermutlich klappern bereits die Tastaturen, auf denen die Weltgeschichte auf »2020« hin neu geschrieben wird). Es wird auch nicht ausreichen, eine andere Sprache zu pflegen – wenngleich neue Leitbegriffe zu den kanonischen Kategorien der Geschichtswissenschaft hinzutreten dürften, etwa »Gesundheit«, »Sicherheit« oder »Schutz«. 12 Die Globalgeschichte sollte sich vor allem und mehr noch als bisher fragen, was sie unter »Globalität« und »dem Globalen« (the global) verstehen will. 13

Eine kritische Ideen- und Imaginationsgeschichte von Globalitätsvorstellungen etwa, wie es sie bisher nur in Bruchstücken gibt, wäre ein dringendes Desiderat. Hier verbergen sich Wertungen bereits im Gegenstand. Visionen von Weite und Offenheit, von der Überwindung einengender Grenzen und dem Aufbruch zu neuen weltbürgerlichen Ufern standen auch in der Vergangenheit oft klaustrophobische Ängste vor einem endlichen, durch gemeinsame Bedrohungen zusammengehaltenen Erdball gegenüber, von dem eine Flucht unmöglich ist.

Hinter dem Schlagwort von global modernity, das bei vielen in der Wissenschaftsgemeinschaft bisher auch deshalb eher freudige als bedrückende Gefühle geweckt hat, weil sie selbst auf dem internationalen Vortrags- und Konferenzkarussell global mobile Existenzen führen, 14 verbirgt sich eine Ambivalenz, die durch die Corona-Krise mit beispielloser Schärfe zutage gefördert wird. Fortan muss eine Konzeptgeschichte des Globalen mehr sein als die Vorgeschichte des heutigen Globalismus.

Schicksal

Die gegenwärtige Situation zeigt, dass »Konnektivität« nicht durchweg, wie im Fachdiskurs oft suggeriert wird, eine Angelegenheit freier Wahl und zielstrebigen Handelns ist, sondern jeder Intention oder Rationalität entbehren kann. Epidemien – letztlich eine sehr direkte Form von Konnektivität – wüten meist, ohne dass für die Zeitgenossen darin Sinn und Zweck erkennbar wäre. Konnektivität und erst recht ihr Gegenteil, die entkoppelnde, entzweiende und – moralisch gesprochen – entsolidarisierende Erosion und Zerstörung von Verbindungen, werden vom offenen Handlungshorizont zum erduldeten Schicksal.

Entanglement, ebenfalls ein beliebter, bislang stets mit positiver Konnotation verwendeter Fachbegriff, erhält einen Doppelsinn: Neben die bereichernde Gestaltung von Vielfalt und Komplexität tritt eine chaotische und unentwirrbare Verknäuelung. Allzu Heterogenes wird unter einen suggestiven Oberbegriff gezwungen: die friedliche Verflechtung von benachbarten Nationalkulturen durch übersichtlichen und zivilisierten »Kulturaustausch« ebenso wie die Gewaltclusters heutiger Bürgerkriege, bei denen nicht mehr eindeutig zwischen klar definierten Lagern, zwischen Gut und Böse unterschieden werden kann.

Das Bild wird zwangsläufig komplizierter, wenn die Zahl der Verursacher historischer Dynamik wächst. Die historischen Kultur- und Geisteswissenschaften, die sich auch nach Jahrzehnten umwelthistorischer Aufmerksamkeit und einer Faszination durch die »Akteur-Netzwerk-Theorie« vorrangig in guter historistischer Tradition mit dem menschlichen »Geist« und anthropogener Kultur befassen, werden sich auf eine weniger anthropozentrische Weltsicht und Semantik zubewegen müssen. 15

Die oft als Spinnerei belächelte Frage nach der Geschichtsmächtigkeit (agency) nichtmenschlicher Akteure – Viren und andere Krankheitserreger etwa – ist unübersehbar beantwortet. Die environmental und medical humanities, ob global oder nicht, dürften von der Peripherie der verschiedenen Fächer zu deren Zentren hin driften. Spätestens jetzt sollte der Wissenschaftsplanung auch auffallen, wie skandalös wenige Professuren für Umweltgeschichte es in Deutschland gibt.

Überhaupt wird man auf der Suche nach einem neuen Begriff von »Konnektivität« mehr als bisher nach den Initiatoren und Eigenheiten von Kontakten fragen, ihrer oft asymmetrischen oder hierarchischen Ordnung nachspüren und das spannungsreiche Auseinanderdriften der Ebenen beobachten, auf denen sich Konnektivität abspielt. Im Jahr 2020 wird der menschlichen Mobilität Einhalt geboten, um die Mobilität eines besonders schnellen Virus zu bekämpfen. Gleichzeitig führt Technik zu einer anderen Form der Ebenenparadoxie: Während derzeit im Umgang der Körper miteinander der Imperativ der Konnexvermeidung empfohlen und erzwungen wird, verdichtet sich die technisierte Distanzkommunikation im Spektrum vom schlichten »Fernsprecher« bis zu digitalen Videoplattformen, deren Handhabung blitzartig erlernt werden muss und schnell habituell werden dürfte.

Individuum und Masse

Da die Seuchenerfahrung eine kollektive Erfahrung ist und die Seuchenbekämpfung sich als drastischer Fall kollektiver Mobilisierung und der medizinischen, hygienischen und administrativen Bewältigung von Massenschicksalen erweist, wird man gespannt beobachten, ob eine subjektorientierte Lebensstilsoziologie ihren Einfluss zu bewahren vermag. Ihr globalhistorisches Pendant ist in mancher Hinsicht die »globale Mikrogeschichte«, die sich auf höchstem Niveau quellennaher Forschung mit grenzüberschreitenden Lebensläufen beschäftigt. Sie ist inzwischen zum internationalen Goldstandard der Globalgeschichte avanciert. 16

Ob es dabei bleibt, wenn von der Geschichtswissenschaft zunehmend erwartet wird, historische Daten zu produzieren, die in interdisziplinär erarbeitete Modelle und Prognosen eingespeist werden können? Massenphänomenen entsprechen Massendaten, und die Digitalisierung der Geschichtswissenschaft wird weiter voranschreiten, wenn auch unter skeptischer Beobachtung durch analoge Humanisten. Diskussionsbedürftig ist auch, wie sich eine immer stärker relativistische globale Geschichtsschreibung in einer Zeit von Fake News, »Infodemien« und Glaubensbekenntnissen öffentlich zu verhalten hat. Darf sie vor Fragen von »Wahrheit« und Richtigkeit zurückscheuen? Wie kann sie dabei ein Maß an konstruktivistischer Sensibilität beibehalten?

Grundsätzlich steht die Frage im Raum, wie weit man den Erwartungen eines außerfachlichen Publikums entgegenkommen möchte, das Fakten und Narrative, »Lehren aus der Geschichte«, Wesenseinsichten in Jahrtausende und immer auch Prognosen erwartet (nicht zufällig ist der wenig zukunftsscheue Yuval Noah Harari der berühmteste Historiker auf dem Planeten). Globalhistorikerinnen und -historiker können sich solchen Vorstellungen gerade in Krisenzeiten nicht ganz verweigern. Wenn sie keine Antworten geben, dann werden es Andere tun, die schlechter darauf vorbereitet sind.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Dominic Sachsenmaier, Global Perspectives on Global History. Theories and Approaches in a Connected World. Cambridge University Press 2011.
  2. Vgl. Jürgen Osterhammel, Geschichtskolumne. Themenwechsel. In: Merkur, Nr. 753, Februar 2012.
  3. So schon der Gründervater der neueren amerikanischen Weltgeschichtsschreibung: William H. McNeill, Plagues and Peoples. Garden City /N.Y.: Anchor Books 1976. Eine frühe Zwischenbilanz lieferte Kenneth F. Kiple (Hrsg.), The Cambridge World History of Human Disease. Cambridge University Press 1993. Den heutigen Reflexionsstand zeigt ein Buch wie Robert Peckham (Hrsg.), Epidemics in Modern Asia. Cambridge University Press 2016.
  4. Mark Harrison, Contagion. How Commerce Has Spread Disease. New Haven: Yale University Press 2012.
  5. Alison Bashford (Hrsg.), Quarantine. Local and Global Histories. Basingstoke: Palgrave 2016.
  6. Peter Baldwin, Contagion and the State in Europe, 1830–1930. Cambridge University Press 1999.
  7. Robert Peckham (Hrsg.), Empires of Panic. Epidemics and Colonial Anxieties. Hong Kong University Press 2015.
  8. Siep Stuurman, The Invention of Humanity. Equality and Cultural Difference in World History. Cambridge /Mass.: Harvard University Press 2017; Jens Bartelson, Visions of World Community. Cambridge University Press 2009.
  9. Jeremy Adelman, What Is Global History Now? In: Aeon vom 2. März 2017. Auf die Kritik von Richard Drayton /David Motadel (Discussion: The Futures of Global History. In: Journal of Global History, Nr. 13/1, März 2018) antwortete Adelman in der gleichen Ausgabe.
  10. Sebastian Conrad, What Is Global History? Princeton University Press 2016.
  11. Monika Dommann, Alles fließt. Soll die Geschichte nomadischer werden? In: Geschichte und Gesellschaft, Nr. 42/3, September 2016; Stefanie Gänger, Circulation: Reflections on Circularity, Entity, and Liquidity in the Language of Global History. In: Journal of Global History, Nr. 12/3, November 2017.
  12. Jürgen Osterhammel, Schutz, Macht und Verantwortung. Protektion im Zeitalter der Imperien und danach. In: Ders., Die Flughöhe der Adler. Historische Essays zur globalen Gegenwart. München: Beck 2017.
  13. Jens Bartelson, The Social Construction of Globality. In: International Political Sociology, Nr. 4/3, September 2010.
  14. Craig Calhoun, The Class Consciousness of Frequent Travelers. Towards a Critique of Actually Existing Cosmopolitanism. In: Saurabh Dube (Hrsg.), Enchantments of Modernity. Empire, Nation, Globalization. Abingdon: Routledge 2009.
  15. Auf dieser Grundlage suchen auch Naturwissenschaftler die Annäherung an die Geisteswissenschaften, z.B. der Biologe Edward O. Wilson, The Origins of Creativity. New York: Liveright 2017.
  16. Vgl. Global History and Microhistory (Supplement), Nr. 14, November 2019 der führenden Fachzeitschrift Past & Present; Romain Bertrand /Guillaume Calafat, La microhistoire globale: affaire(s) à suivre. In: Annales HSS, Nr. 73/1, 2018.

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