Exkursion ins Hinterland

Das Material mancher Wissenschaften der Gegenwart ist so gewöhnlich, dass man es kaum für erwähnenswert hält. Weder ist es stofflich frappant, noch sind seine Verwendungsweisen besonders vielfältig. Es zieht eher eine lokale als eine Globalgeschichte hinter sich her, ist nur für wenige Fachgebiete von Bedeutung, liegt zumeist herum, ohne gebraucht zu werden. Vielleicht ist es auch längst ausrangiert worden und führt eine vergessene Existenz in den Schubladen irgendwelcher Büros oder in den Kellern irgendwelcher Institute. Häufig handelt es sich um Material aus Papier, mit Buchstaben drauf. Bekommt man es zu Gesicht, ist ihm aufgrund seines Allerweltscharakters nicht anzusehen, dass es einst zum Gegenstand epistemischer Leidenschaften wurde.

(Der Text ist im Augustheft 2020, Merkur # 855, erschienen.)

Zum Beispiel die Aktenordner, Format A3, im Regal eines Forschers, der Hitzeextreme, Dürren, Kälteeinbrüche und Hochwasserereignisse studiert, wie sie sich in Mitteleuropa im Lauf der Jahrhunderte zugetragen haben. In den Ordnern finden sich etliche Abschriften aus Ernteregistern, Stadtchroniken, Klosterdiarien und anderen Schriftquellen, zusammengetragen aus Bibliotheken und Archiven, die der Forscher auf der Suche nach klimahistorischen Anhaltspunkten durchforstet hat. Sein Metier, die Historische Klimatologie, ist mittlerweile digital geworden und hat die Aktenordner in eine computerbasierte Infrastruktur verschoben.

Aufbewahrt wird ein Teil des Papiermaterials dennoch, steht griffbereit, um als Schatz aus analoger Zeit der gelegentlichen Besucherin vorgeführt zu werden. Der Baumringforscherin etwa, die erst noch überzeugt werden muss, dass aus Schriftquellen robuste Erkenntnisse zum Temperaturverlauf während der letzten circa 1200 Jahre entstehen können. Oder dem Wissenschaftsbeobachter, der sich für das klimatologische Alltagsgeschäft, für die Denkweisen und das Handwerk der Forscher an ihren Schreibtischen interessiert und der als Kuriosum am Institut umherirrt.

Was mich umtreibt, seitdem ich der Arbeit von Klimatologen aus der Nähe begegne: Wie lässt sich über die Klimaforschung nachdenken, ohne sie sofort als Faktenmaschine zu verstehen, die Antworten produziert auf Fragen von planetarischer Bedeutung? Ohne sie in den Parolen der Klimastreiks untergehen zu lassen? Was trägt sich jenseits der klimapolitischen Kampfzonen zu, im wissenschaftlichen Hinterland, wo andere Dinge von Belang sind als in den aktivistischen, journalistischen, parlamentarischen Zentren der Klimadebatte?

Beim Kartieren des Hinterlands stoße ich zunächst auf zerklüftetes Terrain. Diverse Klimatologenkulturen haben sich dort angesiedelt und sind – inmitten ihrer Techniker und Hilfskräfte – mit der Hebung, dem Transport, der Aufbewahrung und Auswertung ihrer Forschungsmaterialien beschäftigt. Eisbohrkerne, Baumringe, Algen, Korallen, Seesedimente, Stalagmiten und eben Archivmaterial bilden die Grundlage für Erkenntnisse zum wilden Schwanken des Klimas über Zeiträume, die von Jahrzehnten zu Jahrhunderttausenden reichen. Weit hinter den Beginn der Industrialisierung, bei der die aus der Zeitung bekannten Kurven von CO2 und Temperatur ansetzen.

Angesichts der interglazialen Zyklen, die Eiskernforscher in ihrem Material zu erkennen versuchen, erscheint ein auf Archivmaterial beruhender Abriss über das sogenannte Spörer-Minimum, das sich in den 1430er Jahren durch außergewöhnlich tiefe Temperaturen und einen Zusammenbruch der landwirtschaftlichen Produktion in Europa auszeichnete, als klimahistorischer Wimpernschlag. 1

Auch sonst passen Schriftquellen nicht recht in die Reihe klimawissenschaftlicher Materialien, die aus den Tiefen der Wälder, der Böden, des Eises, der Gewässer und der Tropfsteinhöhlen befördert werden. Schweres Gerät brauchen Schriftgutforscher keines, um sich den Wetterdiarien mittelalterlicher Mönche widmen zu können. Dafür ein umso feineres, historisch geschultes Interpretationsinstrumentarium. Dass sie zur Materialbeschaffung nicht in die Wildnis aufbrechen, sondern auch im Stadtarchiv ums Eck fündig werden, macht die Schriftgutforscher auf klimatologischem Gebiet zu Ausnahmeerscheinungen.

Während Archivmaterial für Historikerinnen (und Geisteswissenschaftler ganz allgemein) nichts Besonderes ist, vielleicht für Schulterzucken sorgt, wird dieses Material in einem naturwissenschaftlich geprägten Milieu mal mit Erstaunen und mal mit Bestürzung begrüßt: von Menschen gemacht; kulturelle Überlieferung; ominös. Der Klimaforscher mit den Aktenordnern berichtet von seiner Erfahrung, »dass die harten Naturwissenschaftler das nicht nur kritisch sehen, sie missachten das. Sie sagen, das kann nicht stimmen, das kann nicht sein. Das ist subjektiv. Interpretation von Text. Das ist etwas subjektiv Geschriebenes, das kann nie objektive Qualität erreichen. Das war und ist der Reflex.«

Dem stehe der Status der Materialien aus der Wildnis gegenüber: »Sie können mit naturwissenschaftlichen Verfahren erschlossen werden, dadurch wirken sie für einen weiten Kreis der Community als authentischer. Eiskerne zum Beispiel. Da ist eine Mordstechnik dahinter, da sind Spektrometer, da sind Densitometer bei den Dendrodaten. Da wird etwas gemessen […] Die Wertigkeit, die Validität der Daten ist an sich schon in einer anderen Skale«, erzählt der Klimaforscher, der ebenso in der Physischen Geographie zuhause ist, während eines unserer Gespräche. Seit seinen Arbeiten zur Klimarekonstruktion für Mainfranken, Bauland und Odenwald seit 1500 ist er den Aufzeichnungen von Stadtschreibern, Buchhaltern, Weinbauern und Mönchen treu geblieben, Schriftstück um Schriftstück, Datensatz um Datensatz. 2 Wie viel Chuzpe es dafür bedurfte?

Klimatologisch interessant sind die Aufzeichnungen historischer Schreiber auch deshalb, weil standardisierte Instrumentenmessungen von Temperatur und Niederschlag über das Gebiet ganzer Nationen erst Mitte des 19. Jahrhunderts geläufig werden. 3 Für die Zeit davor sind die von Gelehrten und Amateuren geführten Messreihen disparat, was Beobachtungen von Wetter und Witterung, die mit Augen, Stift, Papier getätigt wurden, ebenso wertvoll macht. Sofern sie die Zeiten überdauert haben, entsteht aus diesen Hinterlassenschaften in den Büros heutiger Forscher durch eine elaborierte Form des »paper shuffling«, 4 wie Bruno Latour sagen würde, das heißt durch Vergleichen, Einordnen, Aneinanderreihen etlicher Materialfragmente, eine Geschichte des durchschnittlichen Wetters in der langen Dauer, eine Klimageschichte also.

Mit den Überlieferungen muss vorsichtig, quellenkritisch und unter Prüfung ihrer klimatologischen Plausibilität hantiert werden; gleichwohl würde der Schriftgutforscher niemals irgendeines der mühsam beschafften Archivgüter gegen einen Eiskern oder einen Stalagmiten (egal welcher Größe) eintauschen. Schon gar nicht die Aufzeichnungen eines Renward Cysat (ca. 1545–1613), »Polyhistor«, »eingeweiht in alle Geheimnisse der katholischen Schweiz« und nebenbei »gewichtigste[r] Zeuge für die Klimaverhältnisse im Alpenraum auf dem Höhenpunkt der ›Kleinen Eiszeit‹«, wie ein klimahistorischer Klassiker kundtut. »Sommer für Sommer erklomm er die Gipfel um Luzern, namentlich Rigi und Pilatus, unterhielt sich mit den Bauern, Sennen und Alpenjägern, was für einen Mann von Stand damals ausserordentlich war […] Mit wachem Sinn und unermüdlichem Eifer hat Cysat die Witterung in den Jahren 1570–1613 aufgezeichnet.« 5

Der Hunger der Klimatologen nach solchem Material ist groß, unabschließbar ihre Suche nach Schriftstücken, die in Datensätze verwandelt werden können. Für einen Wechsel der Erkenntnisgrundlage ist es ohnehin zu spät. Mit der Entscheidung, sich den Materialien der Archive und Bibliotheken hinzugeben, ergeben sich für die Forscher Pfadabhängigkeiten; eingespielte Denk- und Vorgehensweisen entstehen, die nicht beliebig auf andere klimahistorische Materialien übertragbar sind; es entwickelt sich eine Form der Expertise, die mit dem Bestand des Gesammelten und Verdateten wächst.

Diese Situation ist nicht unähnlich zur Arbeit mit Modellorganismen in der Biologie: Präferenzen für ein bestimmtes Versuchstier – die Fruchtfliege, die Maus, den Affen – verfestigen sich, um sie herum entsteht ein Handwerk, Infrastrukturen werden an sie gekoppelt. So schildert es Robert Kohler in seiner Geschichte der »fly people«, die Drosophila melanogaster von den Fensterbänken in den Innenraum ihres Labors holten. Eine »working community with its peculiar customs, ways of life, and moral economy« entstand, verbunden durch die gemeinsame Fruchtfliegenarbeit. 6

Nicht anders bei den Schriftgutforschern: Qua Material ergibt sich die Zugehörigkeit zu einer bestimmten »epistemischen Kultur«, 7 in der nicht nur Interaktionsrituale und andere soziale Eigenheiten fortgeschrieben werden, sondern auch alltägliche Epistemologien. Dazu gehören, zum Beispiel, geteilte »Verständnisse des Empirischen«, die der Auseinandersetzung mit dem Klima als Forschungsgegenstand Kontur geben.

Ist sie eine epistemische Subkultur, die Historische Klimatologie? Sie operiert quer zu konventionellen Verständnissen empirischen Arbeitens, setzt eine Differenz in der Variationsbreite des naturwissenschaftlich Geläufigen. Seit ihren Anfängen bestimmt sich ihr Schicksal in Abgrenzung zu den dominierenden Bezirken der Klimawissenschaften, erzählen die heutigen Akteure in der Rückschau auf das Heraufkommen ihres Felds. In ihrer »spontanen Geschichte« 8 wird das Tumulthafte in der Entstehung der Historischen Klimatologie auf einen »schlüssigen Pfad« gebracht und, ex post, mit einer »inneren Logik« versehen. 9 Was aus wissenschaftshistorischer Sicht als Stilbruch erscheint, ist aus wissenschaftsethnografischer Sicht umso interessanter: die charakteristischen Verkürzungen, die nachträglichen Begradigungen.

Ungefähr geht diese Geschichte so: Auf dem europäischen Kontinent warten übervolle Schriftgutspeicher darauf, mit klimatologischem Eifer durchkämmt zu werden. Zwei Figuren, über ihnen schwebt der Geist des Geografen Eduard Brückner, stehen vor den Türen der Archive und Bibliotheken. Zum einen Hubert Horace Lamb (1913–1997), der im Met Office in London zugange war, ein Meteorologe, der das Sammeln von »modern almanacs«, »manorial accounts« und »descriptions of tobacco hogsheads floating in Bristol’s flooded streets in the 18th century« auch als Gefecht gegen die aufziehende Dominanz der Klimamodellierer verstand. Deren Arbeit erschien ihm »›too unrealistic‹« und einem in der Lebenswelt verankerten Verständnis für klimahistorische Entwicklungen abträglich, wie Janet Martin-Nielsen aufgezeigt hat. 10

Lamb machte eine der ältesten Messreihen Europas, aus Mittelengland, urbar und kombinierte sie mit einem vielseitigen Bestand an Schriftgutdaten. Im Zweibänder Climate: Present, Past and Future fand er zu einer Beschreibung klimatischer Verhältnisse, die ihren komprimierten Ausdruck in einem Klimagrafen hatte, der von circa 1000 bis 1200 eine markante Phase der Erwärmung und dann, zwischen circa 1550 bis 1800, eine Phase der Abkühlung zeigt. 11 »The Lamb curve« 12 galt lange Zeit als Maßstab und tauchte 1990 im ersten Gutachten des IPCC als prominenter Beleg auf, was ihr eine erstaunlich lange Halbwertszeit bescherte. 13 Und der Historischen Klimatologie eine Sichtbarkeit, die sie in den neueren Gutachten eingebüßt hat.

Ein anderer Schauplatz der spontanen Geschichte ist Frankreich, wo sich der zweite »Entstehungsherd« eines Feldes befand, 14 das zu jenem Zeitpunkt noch gar keinen geläufigen Namen hatte und sich eher als ein Durcheinander auf dem Schreibtisch von Emmanuel Le Roy Ladurie ereignet haben muss. Le Roy Ladurie, geboren 1929, ein durch die Annales-Schule gegangener Historiker, wandte sich zunächst den Gebräuchen der Bauern des Languedoc zu, 15 um dann Weinlesedaten sowie andere serielle Aufzeichnungen aus ganz Frankreich zu sammeln und in der longue durée zu studieren, darunter auch Beschreibungen der Ausbreitung von Gletschern. 16

Das Klima nicht als Randbedingung der Kulturgeschichte, sondern als Gegenstand sui generis zu behandeln, war neu und seltsam. 17 Wie der Umwelthistoriker Franz Mauelshagen zu bedenken gibt, war Le Roy Ladurie der Postulierung von Kausalbeziehungen zwischen kulturellen und gesellschaftlichen Phänomenen auf der einen Seite und klimatischen Phänomenen auf der anderen Seite abhold. 18 Klimadeterministischen Argumentationen, wie sie nicht erst seit Thunberg kurrent sind, 19 galt es zu widerstehen: Als »une sorte de tarte à la crème, de fourre-tout pour historiens pressés, amateurs de causalités simplistes«, so wollte Le Roy Ladurie Klimageschichte nicht verstanden wissen. 20

Französische Sommer, englischer Regen. Das Terrain der Historischen Klimatologie weitete sich bald aus; peu à peu gesellten sich weitere klimatologisch interessierte Historiker beziehungsweise historisch interessierte Klimatologen, Geografinnen, Atmosphärenphysiker, Meteorologinnen und so fort hinzu und haben die Erkenntnislandschaft verändert, durch immer neue Materialien von immer neuen Gegenden und Orten. Administrative Verzeichnisse zur Schiffbarkeit des Stockholmer Hafens etwa, die als Indikator für das Ende des Winters begriffen werden. 21 Oder Aufzeichnungen von Grundbesitzern aus Norwegen, die den Beginn der Ernte von Gerste und Hafer notierten. 22 Oder Logbücher, die Seefahrer während ihrer Reisen auf den Ozeanen geführt haben und dabei aus Lebensnotwendigkeit nicht vergaßen, den Wind und die Wetterverhältnisse zu notieren. 23 Oder Aufzeichnungen zum Austrocknen von Gewässern oder zur Blüte der Kirschbäume, in denen sich, für versierte Interpreten, das »Klima auf Umwegen« manifestiert. 24

Hervorgegangen sind daraus einige Erkenntnisse über die Temperaturverhältnisse während präindustrieller Zeiten, die aufgrund ihres noch nicht durch Unmengen an CO2 kontaminierten Klimas besonders interessant sind, unter anderem als Vergleichsperiode für heutige Klimamodelle. Seitdem es schriftquellenbasierte Forschung gibt, ist die Anfertigung von Klimagrafen, die den Verlauf der Durchschnittstemperatur seit spätestens Gutenberg zeigen, nicht mehr den Baumringforschern und anderen mit Material aus den »Archiven der Natur« arbeitenden Forschern überlassen. 25

Das Klima, das wir zumeist nur im Singular gebrauchen, existiert in einer Streuung an Geschichten. Gerade weil jede dieser Geschichten aus einem bestimmten Forschungsmaterial kommt, das der Erkenntnisproduktion Grenzen setzt, gibt es keine dem Irdischen enthobene Sicht auf die klimatischen Verhältnisse der Vergangenheit. Anderes Forschungsmaterial, andere Fragen, andere Werkzeuge, andere Prämissen, andere Zufälligkeiten, andere Zeithorizonte – andere Einsichten.

Um Dekaden und Jahrhunderte an Klimageschichte bewältigen zu können, tragen die Schriftgutforscher ihre jeweiligen Materialexpertisen, Theoriefragmente und Datensätze arbeitsteilig zusammen. Das Kollektiv der Historischen Klimatologie ist räumlich und personell zerstreut. Institutionell gesehen ist ihm eher ein fragiles Dasein beschieden. Eine eigenständige Disziplin, mit Departementen und Fachbereichen, mit ganzen Studiengängen, in denen das Handwerk der Hervorbringung von Schriftgutdaten weitergegeben würde, ist aus dem Bemühen der Schriftgutforscher bislang nicht geworden. Zwar sind ihre Problemstellungen, Verfahren und Begriffe zu einzelnen Lehr- und Handbüchern geronnen, doch von außen betrachtet ist Schriftgutklimaforschung zu betreiben ein Wagnis geblieben, von dem nicht klar ist, wo genau es im Tableau der Wissenschaften unterzubringen wäre.

Das Interesse fürs Klima ist naturwissenschaftlich begründet, der Umgang mit Schriftquellen geschichtswissenschaftlich angeleitet, die Handhabbarmachung des Materials pendelt zwischen hermeneutischen und statistischen Methoden. Bezüge zu kanonisierten Wissensbeständen vermengen sich in der Arbeit der Schriftgutforscherin, die zugleich ihre mediävistischen, geografischen, textkritischen und atmosphärenwissenschaftlichen Kenntnisse aufbietet, wenn sie sich mit Wolkendurchzügen und monastischen Überlieferungstraditionen, mit Wetterlagen und Archivtopologie, mit dem von Winzern überlieferten Zuckergehalt des Weins und den Überschwängen des Zeitgeists befasst.

Von ihrem Handwerk her besehen ist die Historische Klimatologie demnach keine Disziplin, sondern ein Materialkollektiv. Dieses stelle ich mir als materialisierte Variante eines Fleckschen »Denkkollektivs« vor: Das Materialkollektiv wird nicht nur durch »Denkverkehr« aufrechterhalten, 26. Frankfurt: Suhrkamp 1980.] sondern auch durch die Weitergabe und Anreicherung der Materialbestände, die von einer Schriftgutforschergeneration zur nächsten wandern, ehedem in Kisten mit Karteikarten und Aktenordnern, heute mittels digitaler Repositorien.

Außerdem sind es die Materialhoffnungen und Materialsorgen, die dem Kollektiv ein Gepräge geben. Es ist ein firmes »Materialgefühl« (Anke te Heesen), das bei der klimatologischen Datenproduktion im Spiel ist. Es ist die Kultivierung einer Aufmerksamkeit für lokale und regionale klimatische Phänomene und deren wechselhafte kulturelle Deutungen. Und es mag schließlich auch eine geteilte Erfahrung des Außenseitertums sein, die den Alltag der Schriftgutforscher grundiert, in einem von Gegensätzen zwischen weicher und harter Wissenschaft durchwirkten Milieu.

Verlässlich gegen verdächtig, naturgemäß gegen kulturbehaftet, hart gegen weich: In der neueren Wissenschaftsgeschichte sind solche lévistraussesken Zuschreibungen verabschiedet worden. In den Materialdiskussionen der Akteure bleiben sie aber lebendig, strukturieren das Nachdenken über die Robustheit von Forschungsmaterial und damit die Robustheit von Erkenntnissen. Auch können sie zu argumentativen Waffen werden, wie in einem kürzlich ausgetragenen Konflikt zwischen Schriftgut- und Baumringforschern über die extremste Dürre der jüngeren Klimageschichte.

1540!, sagen die Schriftgutforscher, gestützt auf ihre Analyse von mehr als dreihundert Schriftquellen aus der Zeit: Eine »unprecedented 11-month-long megadrought«, die selbst die Rekordsommer der Gegenwart übertroffen habe, sei über den europäischen Kontinent hereingebrochen. Ein Ereignis, das außerhalb des simulierbaren Bereichs heutiger Klimamodelle liege. 27 Kann nicht sein!, rufen die Baumringforscher, die die postulierte Intensität und Dauer der Trockenheit für »overstated«, »unlikely«, »unjustified« halten. 28 Sie beklagen, dass ihre Baumringdaten nicht als Referenz genommen wurden, ziehen die Materialgrundlage der Schriftgutforscher in Zweifel und bemängeln, dass die in den Schriftquellen tradierten Beobachtungen kein verlässlicher Indikator für extreme Dürren sein könnten, »especially if descriptions predominantly originate from gardens, parks and orchards«.

Ein schöner Materialkonflikt. Gewiss, die Klimatologenkulturen streiten nicht nur (und konkurrieren um denselben Topf an Forschungsmitteln); sie haben auch Initiativen ins Leben gerufen, die dem gemeinschaftlichen Sammeln, Auswerten und Vergleichen heterogener Datensätze dienen. 29 Unterhalb des kollaborativen Ideals überdauert indes eine Rivalität der Anschauungen, die, neben klassischen methodischen Fragen, den Wert des klimahistorischen Materials betrifft. Während Wettertagebücher, Ernteregister und alles andere von Menschenhand Festgehaltene unter Schriftgutforschern Glaubwürdigkeit und Ansehen genießen, erscheint diese Erkenntnisgrundlage aus Baumringforscherperspektive als Klostergartenmaterial: Aufzeichnungen der Geschehnisse auf der Erde und am Himmel, von denen erst noch zu klären sei, ob sie sich auf das Natürliche oder auf das Göttliche bezögen. Demgegenüber das klimatische Gedächtnis der Bäume, jener Wahrzeichen robuster Wissenschaft. 30

Klimaforschung ist eben kein freundliches Geschäft. Zum Glück für den Beobachter dieser Forschung, dem das Studium von Konflikten dabei hilft, die Alltagsepistemologien von Klimatologen begreifen zu lernen: Welche Klimatologenkultur hat in der Beantwortung welcher klimahistorischen Frage wie viel Gewicht? Wonach entscheidet sich, wer die belastbarste Klimarekonstruktion anzubieten hat? Wann darf ein klimahistorisches Phänomen als real gelten? Welche Forscherin ist, qua ihrer Vorgehensweisen und Materialien, berechtigt, klimatische Normalzustände und Extremereignisse zu definieren? Das Spektrum der Antworten, die darauf gegeben werden, ist ungefähr so facettenreich wie die Denkweisen, nach denen die Eiskern-, Stalagmiten-, Baumring-, Seesediment- und Schriftgutforscher ihre Welt ordnen. Denkweisen, die – zusammen mit den Materialbeständen – über Forscherinnengenerationen hinweg weitergegeben und unter der Hand zu Selbstverständlichkeiten werden.

Bleibt zu fragen, worin das Engagement liegt, die materiellen Tiefenschichten des wissenschaftlichen Alltags zu studieren. Was könnte daran von Belang sein, und zwar jenseits der Zirkel der Wissenschaftsbeobachter, die wir unsere Tätigkeiten unter der Bezeichnung science studies professionalisiert haben? Wozu das seltsame Prozedere, Klimaforscher zu erforschen?

Erprobte Antworten darauf habe ich nicht parat. Fremde Erkenntnisweisen zu erkunden ist ein Abenteuer, in dessen Verlauf man verloren gehen muss. That’s fun. Den Mikrokosmos von Klimatologen zu beschreiben, ihn vom Durcheinander der Forschungsmaterialien her verstehen zu wollen, ist darüber hinaus ein Weg, zu konkreteren Vorstellungen, zu dingfesteren Ideen von der Entstehung klimawissenschaftlicher Daten und Erkenntnisse zu gelangen. Die Historische Klimatologie ist zwar nur eines von vielen Gebieten innerhalb der Klimawissenschaften, doch gerade an ihr wird exemplarisch, in welcher Mannigfaltigkeit das Klima als Forschungsgegenstand existiert, wie fragil die Beschäftigung mit diesem Gegenstand sein kann, welche Geschichten und Ereignisse, Sorgen und Begehren den Forschungsalltag prägen.

Weshalb ist in den Öffentlichkeiten, die sich um die Klimafrage versammelt haben, so wenig zu hören davon, wie Klimawissen am kleinen Schreibtisch der Forscherin Kontur annimmt? Dies liegt wohl auch an einer Form der politischen Diskussion, die das verwirrende Detail scheut und stattdessen um die ganz großen Dinge kreist: um CO2-Budgets und globale Temperaturziele, makrosoziale Transformationen und Weltklimakonferenzen. In ihren handwerklichen und materiellen Voraussetzungen – dazu gehören die Aktenordner auf den Schreibtischen genauso wie die Klimamodelle auf den Computern oder die Messstationen im Feld – gerät die Arbeit der Klimaforschung hingegen nur selten in den Blick.

Für viele gesellschaftliche und politische Akteure ist es Usus geworden, über Erkenntnisse bar ihrer Entstehensbedingungen zu diskutieren, immer schon im fixfertigen Zustand: Ziffern und Tabellen und Graphen, die den Mikrokosmos, aus dem sie kommen, längst abgestreift haben, wenn sie in ein Gutachten eingehen, als Tischvorlage in der Sitzung eines umweltpolitischen Ausschusses landen oder auf dem Schild einer Klimakämpferin in eine Sentenz übersetzt werden. In den Zentren der Diskussion über Klimafragen, dort, wo auf der Grundlage klimawissenschaftlicher Erkenntnisbestände weitreichende Forderungen behandelt werden und die Entscheide fallen, können die Geschehnisse im wissenschaftlichen Hinterland, die einst zu diesen Beständen geführt haben, gar nicht zum Phänomen werden. Man muss kalkulieren und deklamieren, da bleibt keine Zeit für Exkursionen in die Randgebiete des Forschens.

Auf diesen Exkursionen, die angesichts der Veränderungen der Forschungslandschaft immer wieder von vorne beginnen müssten, würden wir erfahren, in welcher Entfernung die Dinge der Wissenschaften und die Dinge der Politik zueinander liegen und wie schwierig es ist, in den Steppen des Hinterlands Antworten auf die Fragen der Zeit zu finden. Was es zu sehen gäbe, wären die steinigen Pfade, auf denen klimawissenschaftliche Erkenntnisse vorangebracht werden (oder manchmal auch steckenbleiben). Unser Blick für die Verschiedenheit der Werkzeuge und Materialien, Techniken und Infrastrukturen, mit denen die Klimatologenkulturen arbeiten, würde geschärft. Wir bekämen ein Gespür für die Mühen, die jede einzelne wissenschaftliche Einsicht erfordert, ehe sie in einen Prozess klimapolitischer Aneignungen eingeht. Ehe die Unwägbarkeiten und Umständlichkeiten des Forschens mit den Dringlichkeiten des Handelns karambolieren.

Ob sich auf einem Klimawissen, das dereinst keine Geschichten, keine Leidenschaften, keinen Ort mehr hat, nur noch im Modus zu verkündigender und zu befolgender Tatsachenbeschreibungen existiert, eine Zukunft gründen lässt? Wessen Zukunft würde das sein? Wie viel Sinn für das Lokale, für die Begrenztheit und Bedingtheit eines jeden Wissens braucht eine klimabewegte Zeit? Was wäre, wenn irgendwann niemand mehr über die Umstände der Entstehung von Erkenntnissen nachdenkt? Und was wären die epistemologischen und die literarischen Formen, mit denen dieses Nachdenken am Leben erhalten werden kann?

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Vgl. Chantal Camenisch u.a. (2016), The 1430s: a cold period of extraordinary internal climate variability during the early Spörer Minimum with social and economic impacts in north-western and central Europe. In: Climate of the Past, Nr. 12/11, Dezember 2016. Zum zeitlichen und methodischen Spektrum klimahistorischer Untersuchungen vgl. Raymond S. Bradley, Paleoclimatology. Reconstructing Climates of the Quaternary. Kidlington: Academic Press 2015.
  2. Rüdiger Glaser, Klimarekonstruktion für Mainfranken, Bauland und Odenwald anhand direkter und indirekter Witterungsdaten seit 1500. Mainz: Akademie der Wissenschaften und der Literatur 1991.
  3. Zur langwierigen Entstehung einer Messnetzinfrastruktur am Beispiel der Schweiz vgl. Franziska Hupfer, Das Wetter der Nation. Meteorologie, Klimatologie und der schweizerische Bundesstaat, 1860–1914. Zürich: Chronos 2019.
  4. Bruno Latour, Drawing Things Together. In: Michael E. Lynch /Steve Woolgar (Hrsg.), Representation in Scientific Practice. Cambridge /Mass.: MIT Press 1990.
  5. Christian Pfister, Klimageschichte der Schweiz 1525–1860. Das Klima der Schweiz von 1525 bis 1860 und seine Bedeutung in der Geschichte von Bevölkerung und Landwirtschaft. 2 Bde. Bern: Paul Haupt 1984.
  6. Robert E. Kohler, Lords of the Fly. Drosophila Genetics and the Experimental Life. University of Chicago Press 1994.
  7. Karin Knorr Cetina, Wissenskulturen. Ein Vergleich naturwissenschaftlicher Wissensformen. Frankfurt: Suhrkamp 2002.
  8. Michel Serres, Vorwort (dessen Lektüre sich empfiehlt, damit der Leser die Absicht der Autoren kennenlernt und den Aufbau dieses Buches versteht) in: Ders. (Hrsg.), Elemente einer Geschichte der Wissenschaften. Frankfurt: Suhrkamp 1998.
  9. Christoph Hoffmann, Spontane Geschichten, spontane Philosophien. Wissenschaftskonzepte im akademischen Unterricht. In: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte, Nr. 41/4, Dezember 2018.
  10. Janet Martin-Nielsen, Ways of knowing climate: Hubert H. Lamb and climate research in the UK. In: WIREs Climate Change, Nr. 6/5, Sept. /Okt. 2015.
  11. Hubert H. Lamb, Climate: Present, Past and Future. Bd. 1: Fundamentals and Climate Now. 1972; Bd. 2: Climatic History and the Future. 1977. Beide bei Methuen in London erschienen.
  12. Phil Jones u.a., High-resolution paleoclimatology of the last millennium: a review of current status and future prospects. In: The Holocene, Nr. 19/1, Januar 2009.
  13. John T. Houghton u.a. (Hrsg.), Climate Change. The IPCC Scientific Assessment. Cambridge University Press 1990.
  14. Christoph Hoffmann, Haut und Zirkel. Ein Entstehungsherd: Ernst Heinrich Webers Untersuchungen »Ueber den Tastsinn«. In: Michael Hagner (Hrsg.), Ansichten der Wissenschaftsgeschichte. Frankfurt: Fischer 2001.
  15. Emmanuel Le Roy Ladurie, Les Paysans de Languedoc. 2 Bde. Paris 1966.
  16. Emmanuel Le Roy Ladurie, Histoire du climat depuis l’an mil. Paris: Flammarion 1967.
  17. Franz Mauelshagen /Christian Pfister, Vom Klima zur Gesellschaft: Klimageschichte im 21. Jahrhundert. In: Harald Welzer /Hans-Georg Soeffner /Dana Giesecke (Hrsg.), Klimakulturen. Soziale Wirklichkeiten im Klimawandel. Frankfurt: Campus 2010.
  18. Franz Mauelshagen, Keine Geschichte ohne Menschen. Die Erneuerung der historischen Klimawirkungsforschung aus der Klimakatastrophe. In: André Kirchhofer u.a. (Hrsg.), Nachhaltige Geschichte. Zürich: Chronos 2009.
  19. Nico Stehr /Hans von Storch, Rückkehr des Klimadeterminismus? In: Merkur, Nr. 579, Juni 1997.
  20. Emmanuel Le Roy Ladurie, Le Territoire de l’historien. Bd. 1. Paris: Gallimard 1973.
  21. Lotta Leijonhufvud u.a., Documentary data provide evidence of Stockholm average winter to spring temperatures in the eighteenth and nineteenth centuries. In: The Holocene, Nr. 18/2, Februar 2008.
  22. Øyvind Nordli, Reconstruction of Nineteenth Century Summer Temperatures in Norway by Proxy Data from Farmers’ Diaries. In: Climatic Change, Nr. 48/1, Januar 2001.
  23. Dennis Wheeler, An Examination of the Accuracy and Consistency of Ships’ Logbook Weather Observations and Records. In: Climatic Change, Nr. 73/1, November 2005.
  24. Rüdiger Glaser, Klimageschichte Mitteleuropas. 1200 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen. Darmstadt: Primus 2013.
  25. Georg Toepfer, Archive der Natur. In: Trajekte, Nr. 27, 2013.
  26. Ludwik Fleck, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache [1935
  27. Oliver Wetter /Christian Pfister u.a., The year-long unprecedented European heat and drought of 1540 – a worst case. In: Climatic Change, Nr. 125/3–4, Juni 2014.
  28. Ulf Büntgen /Willy Tegel u.a., Commentary to Wetter et al. (2014): Limited tree-ring evidence for a 1540 European »Megadrought«. In: Climatic Change, Nr. 131/2, Mai 2015.
  29. Vgl. etwa das PAGES-2k-Konsortium: Raphael Neukom /Nathan Steiger /Juan José Goméz-Navarro u.a., No evidence for globally coherent warm and cold periods over the preindustrial Common Era. In: Nature, Nr. 571, Juli 2019.
  30. Vgl. Meritxell Ramírez-i-Ollé, Into the Woods. An Epistemography of Climate Change. Manchester University Press 2020.

1 Kommentare

  1. En interessanter Blick auf unser Gewerbe … Stimmt mit meiner Wahrnehmung weitgehend überein.

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