Geschichtskolumne. Arbeit

Die in Genf ansässige International Labour Organization (ILO), gegründet 1919 im Kontext des durch den Ersten Weltkrieg und die Nachkriegsturbulenzen geprägten politischen und sozialen Umbruchs, ist heute eine der ältesten Organisationen im System der Vereinten Nationen. In ihrer Geschichte spiegeln sich wesentliche Aspekte der Geschichte der Arbeit sowie der Auseinandersetzungen und Kämpfe um soziale Gerechtigkeit seit dem frühen 20. Jahrhundert. Das beginnt schon auf organisatorischer Ebene: In der ILO wurden Entscheidungen von Vertretern von Regierungen, Arbeitgebern und Arbeitern von Anfang an gemeinsam getroffen. Motor für diese einzigartige dreigliedrige Struktur war ursprünglich die Angst vor dem Bolschewismus. Man hoffte, konzertierte Maßnahmen etwa zur Regulierung der Arbeitszeit und zur Festsetzung angemessener Löhne wären geeignet, revolutionäre Energien einzudämmen.

(Der Text ist im Augustheft 2020, Merkur # 855, erschienen.)

Eine Institution für schwierige Zeiten?

Nachdem die ILO von der historischen Forschung die längste Zeit über eher randständig behandelt wurde, erscheinen nun schon seit gut zehn Jahren regelmäßig Publikationen zu den verschiedensten Aspekten der Organisation. Zum hundertsten Jahrestag ihrer Gründung hat der in Oslo lehrende deutsche Historiker Daniel Maul nun eine Gesamtdarstellung vorgelegt. Maul, der vor einigen Jahren schon einmal durch eine profunde Studie zur Rolle der ILO im Prozess der Dekolonisation auf sich aufmerksam gemacht hat, stellt das Konzept der globalen Sozialpolitik ins Zentrum, das auch Entwicklungspolitik, Welthandel, internationale Migration und Menschenrechte umfasst.1

Dabei hebt er insbesondere die Schlüsselrolle der ILO als globales Forum in Debatten über Armut, soziale Gerechtigkeit, Verteilung von Wohlstand und soziale Mobilität hervor. Zugleich verweist er auf die praktischen Beiträge der Organisation, etwa in Gestalt von Standardsetzungen im Bereich der sozialen Sicherheit oder durch technische Kooperation. Seine Darstellung ist weit davon entfernt, hagiografisch zu sein. Wiederholt unterstreicht Maul die Grenzen und Fehlleistungen der ILO. Im Großen und Ganzen scheint er jedoch die Visionen der Organisation zu teilen und beendet seine Darlegungen mit der Einschätzung, dass »die letzten hundert Jahre trotz aller Rückschläge und Beschränkungen eines gezeigt haben – die ILO war immer eine Institution für schwierige Zeiten«.

Kritischer fällt das Urteil anderer Historiker aus. Marcel van der Linden, der unumstrittene Doyen der global labour history, kommt zu dem Ergebnis, dass die ILO im ersten halben Jahrhundert ihres Bestehens »fette Jahre« durchlebte und dabei begrenzte, aber doch klare Fortschritte bei der Regulierung des globalen, vor allem des nordatlantischen Arbeitsmarkts zu erzielen vermochte. Seither jedoch sei sie zunehmend in eine marginale Stellung gerückt und stehe gegenwärtig ernsthaften Schwierigkeiten gegenüber. Ihr ursprüngliches Kernanliegen – die Entwicklung, Verabschiedung und Implementierung von internationalen Arbeitsstandards – habe sie letztlich kaum umsetzen können. Die diversen Konventionen wurden nur sehr partiell ratifiziert und selbst dann oft nicht umgesetzt, ohne dass die ILO über Möglichkeiten verfüge, ein solches Verhalten zu sanktionieren.

Immerhin, konzediert van der Linden, hätten eine Reihe von Konventionen zumindest in einigen Ländern wichtige Diskussionsprozesse in Gang gesetzt. Zu gemächlich habe sich die Organisation jedoch für jene Bereiche interessiert, in denen in vielen Regionen der Welt die Mehrheit der Arbeitenden tätig sind: in der Landwirtschaft, im Haushalt, im informellen Sektor. Und schließlich sei die dreigliedrige Struktur nicht mehr zeitgemäß, da sie zum einen lediglich den formellen Sektor repräsentiere, zum anderen selbst in vielen Industrieländern die Mitgliedschaft in Gewerkschaften beträchtlich zurückgehe, die Repräsentativität dieser Organisationen für die Arbeiterschaft daher zunehmend fraglich sei.2

Die in der Regel wenig sichtbare, unbezahlte, informelle Arbeit von Frauen ist in der Tat erst sehr zögerlich in den Blick der ILO gelangt, deren »Standards« und »Konventionen« bisher primär auf den männlichen Erwerbsarbeiter abzielten.3 Inzwischen üben nicht zuletzt Aktivistinnen und Initiativen aus dem Globalen Süden Druck auf die Organisation aus, sich endlich der Millionen von Frauen anzunehmen, die bislang außerhalb der formalen Wirtschaft und der Netzwerke sozialer Sicherheit standen. »Wir sind das Öl im Getriebe. Es ist unsere Arbeit im Haushalt, die es anderen ermöglicht, rauszugehen und wirtschaftlichen Aktivitäten nachzugehen […] Wir sind es, die eure kostbaren Kinder, eure Kranken und Alten versorgen; wir bereiten für euch das Essen zu, damit ihr gesund bleibt, und wir sehen nach eurem Besitz, wenn ihr fort seid« – mit diesen Sätzen verwies vor einigen Jahren die tansanische Gewerkschaftlerin Vicky Kanyoka auf die Bedeutung täglicher Pflege- und Betreuungsarbeiten, die von Ökonomen und der allgemeinen Öffentlichkeit oft noch immer nicht als »richtige Arbeit« angesehen werden.4

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