Plädoyer für die öffentliche Universität

Seit die Corona-Pandemie die amerikanische Ostküste erreicht hat, sind mindestens 23 Studierende, Dozenten und Mitarbeiterinnen der City University von New York gestorben. Laut den Daten, die der CUNY-Professor Michael Yarbrough und Studierende in seinem Forschungskolloquium zusammengetragen haben, war Covid-19 die Todesursache bei mindestens 19 der Verstorbenen. Unter ihnen waren: William Helmreich, ein bekannter Soziologe, der praktisch jeden einzelnen der 120 000 Blocks von New York City zu Fuß erkundet hatte; Anita Crumpton, Absolventin des City College, die seit zwei Jahrzehnten als Büroassistentin am Graduate Center der CUNY gearbeitet hatte; und Joseph und Yolanda Dellis, ein Paar, das sich vor fast vierzig Jahren beim Bowling kennengelernt hatte und am Kingsborough Community College gearbeitet hat. Zu den Todesursachen der anderen war nichts in Erfahrung zu bringen.

(Der Text ist im Augustheft 2020, Merkur # 855, erschienen.)

Die CUNY ist das größte städtische System öffentlicher Universitäten in den Vereinigten Staaten. Es umfasst 25 Standorte in allen fünf Boroughs von New York. Einer davon ist der Campus des Brookyln College, wo fünf Dozentinnen und Mitarbeiter gearbeitet haben, die am Corona-Virus starben. Ich lehre hier.

Wahrscheinlich hat kein anderes College, keine andere Universität der Vereinigten Staaten so viele Corona-Tote zu beklagen wie die CUNY. Zu lesen war darüber, sieht man von einem Gastartikel von Yarbrough in der Daily News ab, sehr wenig. Die CUNY, einst stolz darauf, als »das Harvard der armen Leute« bekannt zu sein, ist zu einem Friedhof unklaren Ausmaßes geworden, das Sterben so wenig bemerkt wie die Gräber auf einem Armenfriedhof.

Das Corona-Virus hat vielen die Geografie der Klasse erst so recht offenbart und gezeigt, dass die Frage, wo wir leben und arbeiten, darüber bestimmen kann, ob wir leben oder sterben. Könnte sich daraus auch eine vergleichbare Lektion über die Orte des Lernens ableiten lassen?

(…)

 


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