Das deutsche Volk

Ich bin in der sogenannten Heimat, aus der ich mit achtzehn so schnell und so weit geflohen bin, wie es ging (teuflische 8888 Kilometer weit, hat mir ein Online-Entfernungsrechner ausgerechnet). Es ist heiterer geworden dort: Auf dem Feldweg grüßt man einander, anstatt starr zur Seite zu blicken, in den Knick. Die Feld- und Waldlandschaft, in die die Einfamilienhaussiedlung sich drückt, ist kein Ort mehr, an dem man sich vor dem letzten Krieg versteckt, vor dem nächsten Krieg, kein Bunker mehr, in dem man nicht gefunden werden darf, zum Beispiel vom nächsten Diktator und seinen Verführungskünsten. Protect me from what I want.

(Der Text ist im Septemberheft 2020, Merkur # 856, erschienen.)

Als ich Kind war, waren die Panzer für den nächsten Krieg gleich hinter dem Flughafen stationiert, direkt am Eisernen Vorhang, allzeit bereit. Auf Hausdächern standen Sirenenpilze, wöchentlich gab es Sirenenjaulen zur Probe. Das Vergehen der Zeit macht heiter. Die Bäume am Wegrand haben lange keinen Panzer mehr gesehen. Es gibt auch keinen Probealarm mehr. Die Eichen überspannen jetzt den ganzen Weg, darunter wuchern unbeschwert die Brennnesseln, die Kriegstraumata sind kompostiert. Östliches Hügelland.

In den Vor- und Hintergärten fröhliche Bienenblumenmode. Man versucht nicht mehr, die Nachbarn mit den knalligsten Versandhausgladiolen zu übertrumpfen. Bienenretter pflanzen struppiger, kleinblütiger. Sie lassen stehen, was herangeweht wird. Einmal die Woche erschreckt der Reiher die Fische im Teich. Täglich grüßt das Eichhörnchen und schüttelt sich Erdnüsse aus dem Vogelfutterhäuschen. Der Flughafen wurde für einen Euro verkauft.

Und plötzlich inmitten dieser Heiterkeit, dieser sanft im Wind wogenden Gelassenheit, in dieser Landschaft, in der man sich alles egal sein lassen könnte, ob Corona oder alles, was die da oben planen: hinter jeder zweiten Tür der Zweifel. Dass das doch alles nicht stimmen kann, dass die da oben uns nicht die Wahrheit sagen. Hinter Buchsbaumhecken stehen Naturwissenschaftler und finden immer noch die Grippe schlimmer als Covid-19 und können es beweisen, weil sie unwiderlegliche Zahlen haben, ob man ihnen nach drinnen folgen möchte? Bis dann das letzte große Gespenst aus dem Rhododendron steigt: Bill Gates, der die da oben zwingt, mit sogenannten Impfungen zwei Milliarden Menschen umzubringen.

Wenn man nach oben blickt, sieht man überall leuchtend blauen Himmel. Nicht einmal Chemtrails.

Aber nur die Brennnesseln sind hier nicht verrückt. Schon bei den Eichen ist man sich nicht mehr so sicher.

Zurück in Berlin bingewatche ich Miss Marple. Ich finde Zuflucht beim mitleidigen Lächeln der Schauspielerin Geraldine McEwan, die immer wieder strickend oder häkelnd Mördern am Kamin ihren Wahn aufdröselt. Ich möchte, dass sie plötzlich bei allen Grippewissenschaftlern meiner Heimat vor der Tür steht. Kopfschüttelnd. Aber auch lächelnd.

(…)

 


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