Ein Gespräch über Bäume

»Was sind das für Zeiten, wo || Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist || Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!« Was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Philosophie – ein langes, fortgesetztes Gespräch mit einem von jenen »alten Büchern«, an die schon Brecht sich so gern gehalten hat – einem selbst schon vielleicht nicht gerade wie ein Verbrechen, so doch wie eine Flucht vorkommt … ein Gespräch mit der Philosophie als Gespräch über Bäume?

(Der Text ist im Septemberheft 2020, Merkur # 856, erschienen.)

Ohne unsere »finsteren Zeiten« mit jenen gleichsetzen zu wollen, in denen Brecht sein großes Gedicht An die Nachgeborenen geschrieben hat – es ist in den 1930er Jahren im dänischen Exil entstanden und wurde kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Paris in der Neuen Weltbühne publiziert –,1 so lässt sich doch nicht abweisen, dass mich selbst bisweilen ein ungutes Gefühl, das Gefühl eines unlauteren (und vielleicht dafür umso lustvolleren) Eskapismus beschlichen hat, als ich mich im Winter 2018/19 jeden Morgen hingesetzt und Stück für Stück, Satz für Satz Hegels Wissenschaft der Logik – nun, nein, nicht: durchgearbeitet, sondern durchgelesen habe. Tag für Tag eine Stunde am Morgen, und bis zu meinem Geburtstag im Frühling wollte ich durch sein mit den achthundert Seiten: Das waren die selbstauferlegten Spielregeln, das klingt machbar, und das war es auch.

Aber begrenzbar auf die eine Stunde am Tag war die Auseinandersetzung mit Hegel natürlich nicht; das Gelesene arbeitet fort, verknüpft sich, bildet Knoten und löst sie, vergisst sich und taucht an unerwarteter Stelle wieder auf, kurz: Es hält einen dann doch den ganzen Tag (und darüber hinaus) auf Trab, und die Anstrengung (und Lust), die damit verbunden ist, bedeutet nicht auch sie ein »Schweigen« über die drängenden Probleme der Welt (die weltweiten Kämpfe der Klassen, der Aufstieg eines neuen Autoritarismus, die Zerstörung des Planeten …), mit denen ich mich auch in meiner Arbeit als Literatur- und Kulturwissenschaftler stattdessen hätte auseinandersetzen können, mit denen ich mich durchaus immer wieder auch auseinandergesetzt habe – und mit denen ich mich wieder auseinandersetzen werde? Immerhin gibt es in den letzten Jahren wieder eine Bewegung hin zu einer stärkeren Politisierung jener Wissenschaften, und ich habe mich immer auch als Teil dieser Bewegung gesehen.

Sicher, es gibt noch entlegenere Gegenstände, noch eskapistischere Beschäftigungen. Immerhin ist Hegel klarerweise auch ein Philosoph des Politischen, und so wurde und wird er immer auch rezipiert. In der Gegenwart gibt es – unter Fachphilosophen, zu denen ich nicht gehöre, aber auch darüber hinaus – ein starkes Interesse an Hegels Rechtsphilosophie, in der viele ein probates Mittel zur Überwindung der Krise der liberalen Demokratien sehen.2 Das ganze 20. Jahrhundert hindurch wurde Hegel als Ratgeber in Krisensituationen herangezogen: Lenin las 1914/15, als der Ausbruch des Ersten Weltkriegs alle Beteuerungen einer internationalen Vereinigung der Arbeiterklasse grausam dementiert zu haben schien, im Züricher Exil Hegels Logik, und ohne diese Lektüre hätte er den Weltkrieg womöglich tatsächlich als End- und nicht als Durchgangsstation zur Revolution verstanden.

(…)

 


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