Flugstunde. Eine Geschichte aus dem April 2020

lle müssen sich umstellen, heißt es. Das ist für keinen leicht, sagt die Nachbarin und verabschiedet sich in ihre Wohnung. Die Kanzlerin sagt es auch, sie ist schon in ihrer Wohnung, aber man kann nicht viel erkennen. Es wäre zu schön, mal zu sehen, ob sie auch so eine Schrankwand und eine Sitzecke mit Stehlampe hat wie andere Leute.

(Der Text ist im Septemberheft 2020, Merkur # 856, erschienen.)

Ingelore, sie nannte sich früher manchmal selber Ilo, was aber einen gewissen Beigeschmack hat (nach Hühnchen oder Fluglinie, sagte mal eine Freundin), Ingelore sieht dem Kommenden gefasst entgegen. Sie hat eine aufgeräumte Wohnung, diszipliniert angelegte Vorräte, nach Haltbarkeit und Genre schön aufgereiht in dem kleinen Schrank neben dem Küchentisch. Das Gehalt dürfte eine Weile weiterlaufen, im Übrigen hätte sie ohnehin bald Urlaub.

Man kann im Augenblick nirgendwo hin fliegen. Es trifft Ingelore, aber es trifft sie zu Recht, so wie es alle zu Recht trifft, denkt sie. Wir haben es verspielt, es war nicht in Ordnung, egal wer schuld ist. Aber schade ist es doch. Sie hätte gern das Stadttor von La Valletta wieder gesehen, hätte ein kleines Apartment in einer von Maltas Buchten bezogen, den üblichen Tagesausflug um die Insel und vielleicht noch einen hinüber nach Gozo gemacht. Aber nun ist es eben so, machen wir das Beste daraus.

Obwohl die Wohnung aufgeräumt ist, beginnt sie mit dem Räumen. Es ist eine Leidenschaft, die jederzeit aktiviert werden kann und ein gutes Grundgefühl vermittelt. Vor allem kommt man damit über die Nachmittagsstunden. Nachmittage können sehr klebrig sein, machen einen schlaff und antriebslos. Es ist die Zeit, in der sie sonst im Büro auf den Feierabend hin arbeitet, sich noch einmal aufrafft, schnell und effizient ihrer amtlichen Bezeichnung als Sachbearbeiterin gerecht wird, die Vorgänge entschlossen abspeichert, mit einem guten Gefühl aus dem Verwaltungsgebäude tritt, immer noch ein Teil des Ganzen und doch schon wieder ein eigener Mensch, der Tomaten und Käse und einen leichten Weißwein einkauft.

Ingelore wendet sich den Büchern zu, das ist immer das Einfachste. Herausziehen, aufeinander klopfen, bis der Staub wirbelt, neu ordnen, nach Größe, Alphabet, Geschlecht der Autoren, Jahrhunderten, Rückenfarben? Rückenfarben wären eine Option, sinnfrei, schön.

Da ist ein altes Buch, das keinen Rücken mehr hat, ein abgenutztes Märchenbuch, das schon durch viele Hände gegangen ist, auch durch Ingelores Hände, als sie ein fieberndes Kind war. Scharlach hatte sie, eine wunderbar lang andauernde Krankheit, die dazu führte, dass man isoliert, aber auch unendlich verwöhnt wurde.

Märchen der Welt. Auf dem abgewetzten Titelblatt: Kuppeln, Türme, Palmen, Pagoden, Brunnen, Menschen mit Turbanen, Zöpfen und Strohhüten, alles in Pastellfarben, nur angedeutet. Ein unschuldig eurozentrierter Blick in eine Welt, die fern, aber prinzipiell erreichbar war, wenn man groß und mutig genug sein würde, um ein Schiff, ein Kamel zu besteigen. Oder einen fliegenden Teppich.

(…)

 


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