Hexen und Leihmütter. Silvia Federicis Kapitalismustheorie

Jede Theorie des Kapitalismus steht und fällt mit der Entscheidung, welche Aspekte seiner Geschichte sie ein- oder ausschließt. Im historischen Material, auf anekdotischem oder definitorischem Weg gewonnene Behauptungen der wesentlichen Merkmale des Kapitalismus implizieren Setzungen über seine räumliche und zeitliche Ausdehnung. So hat die Definition als kapitalintensive Massenproduktion nicht nur den Effekt, Kapitalismus, Wirtschaftswachstum und industrielle Revolution bis zur Ununterscheidbarkeit ineinander zu schieben. Sie führt auch dazu, dass bestimmte Weltregionen und Epochen aus der Geschichte herausgeschrieben werden.1

(Der Text ist im Septemberheft 2020, Merkur # 856, erschienen.)

Die Zuspitzung von Kapitalismus auf Industriekapitalismus ist nur ein Beispiel. Andere Beispiele sind die Debatten um Kolonialismus, Sklaverei oder den Stellenwert des frühneuzeitlichen Handelskapitalismus für eine Gesamtgeschichte des Kapitalismus. Nicht zuletzt haben Kapitalismustheorien, die sich auf eine bestimmte historische Phase beziehen, Schwierigkeiten, neue Entwicklungen wie den vieldiskutierten digitalen oder Plattform-Kapitalismus zu verstehen. Das Spannungsverhältnis von Kapitalismustheorie und Kapitalismusgeschichte lässt sich nicht auflösen, sondern muss immer wieder neu ausbuchstabiert werden.

Themen, die aufgrund dieser oder jener definitorischen Entscheidung auf der Strecke bleiben, dienen oft als Hebel für alternative Theorien. Die Arbeiten der italienischen feministischen Theoretikerin Silvia Federici (Jahrgang 1942), die seit vielen Jahren in New York lebt, lehrt und forscht, zeigen genau das. Bekannt geworden ist Federici als Mitinitiatorin der internationalen Kampagne »Lohn für Hausarbeit« Anfang der siebziger Jahre und seither als engagierte Publizistin. Caliban and the Witch, ihr Hauptwerk, erschien 2004. Bei den jüngsten Veröffentlichungen, die nun im Rahmen einer kleinen Publikationsoffensive in Übersetzung vorliegen, handelt es sich um Essaysammlungen.2

Die Texte greifen durchweg Fragen auf, die in Caliban und die Hexe verhandelt wurden, und sie bemühen sich um eine Aktualisierung des ursprünglichen analytischen Rahmens (wobei die Autorin ihren Stolz auf das eigene, weithin beachtete Werk bemerkenswert offen zur Schau trägt). Federici behandelt Caliban und die Hexe als offenes Buch, das zwar vor inzwischen über fünfzehn Jahren erschien, aber zu keinem Zeitpunkt im strikten Sinn (ab)geschlossen wurde. Eher handelt es sich um ein Basislager, von dem aus weitere Erkundungen möglich werden.

Wer sich unter den jüngsten Home-Office- und Quarantänebedingungen darin bestätigt gefunden hat, dass sich der Haushalt eben nicht von alleine macht, dass die Sorge um Kinder, Alte, Kranke anderes bedeutet als eine günstige Gelegenheit für profitorientierte Dienstleistungsunternehmen, dass diese häufig von Frauen übernommenen Tätigkeiten funktionieren müssen, damit »die Wirtschaft« und »der Kapitalismus« funktionieren können – für den oder die halten die Essays Silvia Federicis einiges bereit. In ihnen tummeln sich Gestalten, die nicht zum Repertoire etablierter Theorien und Geschichten des Kapitalismus gehören: alte und neue Hexen, sorgende Hausfrauen, Schwangere und Leihmütter, Prostituierte und Altenpflegerinnen. Dabei verblüfft vor allem, wie Federici – manchmal nonchalant, manchmal brachial – alle Weltregionen durchmisst und den Brückenschlag zwischen der Frühgeschichte des Kapitalismus und seiner Gegenwart erprobt.

(…)

 


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