Seuche der Menschen, Seuche des Staates

Präsident Washington, als furchtloser Feldherr in die Annalen eingegangen, hat das Weite gesucht, als 1796 das Gelbfieber in Philadelphia ausgebrochen ist: »Mein Wunsch war es«, erläutert er seinem Sekretär, »noch länger zu bleiben – da aber Mrs. Washington nicht bereit war, mich inmitten des heimtückischen Fiebers zurückzulassen, schien es mir unverantwortlich, sie und die Kinder damit zu belasten, dass ich noch weiter zugegen bin.«1 Und weg war er.

(Der Text ist im Septemberheft 2020, Merkur # 856, erschienen.)

Es stimmt schon: »Zur Seuche gehört nicht alleine die Krankheit, sondern auch die Reaktion der Menschen.«2 Wer konnte, hat es damals mit Washington gehalten und das Weite gesucht. Ausnahmen haben die Regel bestätigt. Zum Beispiel Matthew Clarkson, der Bürgermeister – er ist pflichtschuldigst vor Ort geblieben, war freilich ein Herrscher über leere Amtsstuben und verwaiste Einrichtungen, weil sich das dazugehörende Personal aus dem Staub gemacht hatte.

Inwiefern die Episode für Amerikas Seuchen-Attitüde typisch war (oder sogar ist), lässt sich erst sagen, wenn andere Epidemien und Länder ins Blickfeld geraten.

Da trifft es sich gut, dass wenig später, 1831, die Cholera erst Preußen heimgesucht hat und im Jahr darauf nach Amerika übergeschwappt ist, wobei erwartungsgemäß zwei Metropolen – Berlin mit 250 000 Einwohnern, New York mit 200 000 – im Zentrum des Geschehens standen. Zu denken gibt die Todesstatistik: 1400 hier, 3500 dort.3

Preußen 1831

Den »Vorwurf, dass man die Cholera nicht ernst genommen« und Preußens Bürokraten – egal auf welcher Ebene – »nicht alle geistigen und organisatorischen Anstrengungen unternommen hätten, um die Seuche einzudämmen, kann man nicht machen«.4 Die Erlasse der ersten anderthalb Jahre umfassen mehr als vierzig eng bedruckte Seiten.5

Der springende Punkt und zugleich das große Rätsel war, wie sich dieser Bazillus verbreiten würde: über die Luft (»miasmatisch«) oder via Ansteckung (»kontagiös«). Preußens Verantwortliche setzten auf Ansteckung und honorierten damit den aktuellen Stand der Wissenschaft. Diese Option hatte noch einen weiteren Vorteil – sie setzt am gewohnten Objekt staatlicher Regulierungsversuche an, dem Menschen, dessen Verhalten verwaltet werden soll.

(…)

 


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