Verlegt, verwahrt und vergessen. Die Bücher aus den ehemaligen deutschen Bibliotheken in Polen

Man kennt den Ausdruck »displaced person«, im folgenden Artikel geht es um »displaced books«: Millionen von Büchern, die mit der Verlegung der deutsch-polnischen Grenze an Oder und Neiße 1945 aus privaten, kirchlichen und öffentlichen Sammlungen aus Hinterpommern, Schlesien und Ostpreußen in einen neuen nationalen Kontext gelangten. Aus polnischer Perspektive wurden diese »zurückgelassenen« Bücher aus deutschen Bibliotheken als Staatseigentum betrachtet und als solches vor weiteren Plünderungen, Verwüstungen und Zerstörungen geschützt. Während man in polnischen Publikationen bis heute von den »sichergestellten Büchersammlungen« spricht, 1 fallen in Deutschland dieselben Bücher schnell unter die Rubrik »Beutekunst«. Zwei Länder, zwei Erinnerungskulturen, die das Trennende betonen. Man könnte aber – ich will es hier versuchen – die Geschichte dieser Bücher aus einer europäischen Perspektive neu erzählen.

Seit Kriegsende sind diese Bücher Gegenstand von diplomatischen, politischen und juristischen Querelen. Schon die DDR hat gegenüber der Volksrepublik Polen Restitutionsansprüche geltend gemacht. In Polen stießen sie stets auf Unverständnis und auch auf Empörung. Wollte das nationalsozialistische Deutschland nicht die polnische Kultur brutal vernichten? In seinem Aufsatz Einige Gedanken über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten von 1940 gab Heinrich Himmler unmissverständlich vor, die nationalen Kulturen im Osten in »kleine Splitter und Partikel« aufzulösen. 2. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Nr. 5/2, 1957.]

Dieses zerstörerische Programm wurde im Bibliothekswesen besonders konsequent umgesetzt. Entsprechend der Schätzung einer polnischen Forschergruppe aus dem Jahr 1990 wurden die Bestände der Warschauer Nationalbibliothek im Krieg um 78 Prozent dezimiert. 3 Die Erinnerung an dieses Verbrechen ist in Polen lebendig: Ein Artikel vom 19. Januar 2020 auf der Webseite der Nationalbibliothek beschreibt die Taten der sogenannten Brennkommandos oder Vernichtungskommandos, die nach dem Warschauer Aufstand in Oktober 1944 die Schätze der Bibliotheken Polens absichtlich vernichteten. 4

Die Diskussion betrifft weniger die privaten Bibliotheken, deren Geschichte nach dem Krieg erst verschwiegen, später vergessen und verdrängt wurde. Es geht vielmehr um Bücher aus öffentlichen Sammlungen, insbesondere den in Polen unter der Bezeichnung »Berlinka« bekannten Bestand der Preußischen Staatsbibliothek und der Stadtbibliothek in Berlin (Stiftung Göritz-Lübeck) – beide Bibliotheken sind heute in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aufgegangen. Im Katalog der Staatsbibliothek zu Berlin (Stabikat) sind diese Bücher samt Signaturen allesamt mit dem Hinweis »Kriegsverlust. Keine Benutzung möglich« verzeichnet.

Die Bestände wurden zwischen 1941 und 1944 systematisch aus der Hauptstadt ausgelagert, um sie in ländlichen Gebieten vor Bombenangriffen zu schützen. Dort wurden sie in Schlössern, Salzgruben oder Klöstern eingelagert. In Pommern und Schlesien gab es elf solcher Auslagerungsorte, die sich nach dem Krieg auf polnischem Territorium befanden. Schon 1946 bemühte sich die Staatsbibliothek, die ausgelagerten Bestände zurückzubekommen, jedoch ohne Erfolg. Großzügige Geschenke sollten Entspannung in die festgefahrenen Verhandlungen bringen: 1950 überließ die DDR Polen eine Chopin-Partitur aus ihrer Deutschen Staatsbibliothek. Der polnische Staat wiederum übergab der DDR 1964 anlässlich ihres Staatsjubiläums 127 000 deutsche Bücher. Bei dieser Aktion vermied man in Polen sorgfältig den Terminus »Rückgabe«, vielmehr wurde von »Gabe« gesprochen. Nach der Wende erhielt Gerhard Schröder, der damalige deutsche Bundeskanzler, vom polnischen Ministerpräsidenten Jerzy Buzek eine Luther-Bibel aus dem Jahr 1522/23. Die Berliner Zeitung titelte am 30. Januar 2001: »Luther-Bibel nach Berlin heimgekehrt«.

Seit fünfundsiebzig Jahren ist die »Berlinka« Kristallisationspunkt zweier nationaler Erzählungen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten – wobei es auf beiden Seiten der Oder-Neiße-Linie um Verlust- und Trauergeschichten geht. In Deutschland erinnern diese Bücher an die verlorene Heimat und an die Dezimierung von Sammlungen, die von alteingesessenen Familien über Generationen aufgebaut wurden. Man denke an die Bibliothek Schloss Plathe in Hinterpommern oder an die Bibliothek Yorck von Wartenburgs im schlesischen Klein Oels. Die Bücher stehen aber vor allem auf kollektiver Ebene für den Verlust wichtiger Quellen des deutschen Kulturerbes: unter anderem mittelalterliche Handschriften, Partituren von Bach, Mozart und Beethoven, Teile des Nachlasses Alexander von Humboldts, der Bibliothek Ludwig Tiecks, Handschriften von Heinrich Heine und vieles mehr.

2007 bezeichnete Tono Eitel, der damalige Sonderbotschafter für die »Rückführung kriegsbedingt verlagerter Kulturgüter«, diese Bücher als die »letzten deutschen Kriegsgefangenen«. 5 Diese drastische Formulierung mag undiplomatisch gewesen sein, aber sie brachte die deutsche Emotion hinsichtlich dieser Bücher authentisch zum Ausdruck. Für den Vertreter Deutschlands ging es um Treue. Diese Loyalität trifft in Polen auf eine andere Emotion, die nicht weniger legitim ist. Die deutschen Bücher erinnern dort an den immensen Verlust von Kulturgütern während der deutschen Besatzung und können nur als kleine, völlig unverhältnismäßige »Kompensacja« für die absichtliche Zerstörung von polnischen Archiven und Bibliotheken gelten. Ihre bloße Existenz verdeutlicht, wie viel größer der Verlust von Kulturgütern ist, den die polnische Seite im Vergleich zur deutschen erlitten hat.

Was passierte nach dem Krieg mit den Büchern? Zunächst wurden sie in improvisierten Sammellagern aus verschiedenen Provenienzen durchmischt, aus ihren thematischen Ordnungen gelöst und in verschiedene Richtungen auf verschiedene Universitätsbibliotheken in Kraków, Łódź, Lublin, Poznań, Wrocław, Toruń verteilt. An den neuen Bestimmungsorten fanden sie sich in einem vollkommen anderen kulturellen Umfeld wieder. Auf deutsche Exlibris wurden polnische geklebt, ehemalige Bibliotheksstempel in gotischer Schrift wurden durchkreuzt und durch neue ersetzt. In der Not musste improvisiert werden: Sammlungen wurden auseinandergerissen, Bücher oft falsch oder unzureichend katalogisiert, thematische Schwerpunkte nicht berücksichtigt. So wurden beispielsweise Quellen, die Pommern betreffen, nicht in die Provinzhauptstadt Stettin geschickt, sondern auf andere, entfernte Städte verteilt. Die Bücher sind dieselben geblieben, aber ihr Rezeptionskontext hat sich gänzlich verändert und beeinflusst bis heute, wie wir diese Bücher lesen und über sie sprechen. Sie werden aufbewahrt und sind doch schwer zugänglich.

In seiner Geschichte der Welt in 100 Objekten hat Neil MacGregor für eine Ausstellung im British Museum eine mögliche Herangehensweise gezeigt, die auch für die Bücher aus deutschen Bibliotheksbeständen in Polen wegweisend sein könnte. Er betrachtet die Objekte nicht nur an sich, sondern thematisiert auch ihre Wege durch Zeiten und Räume. Hinter einer ägyptischen Statue, einem Steinstempel aus Asien oder einem Alltagsgegenstand aus Westafrika zeigt sich den Betrachtern der Geist des Schöpfers des Gegenstands, der Kontext, in dem diese Objekte entstanden sind und zirkulierten.

Sichtbar wird aber auch der Geist der Sammler, die die Objekte seit der Aufklärung ausgewählt haben. Und so schichten sich für den Besucher des Museums Erzählungen übereinander, von wissenschaftlicher Neugier, künstlerisch-poetischer Inspiration und fruchtbarem Austausch, aber auch von Macht, Eroberung und Plünderung. In ähnlicher Perspektive könnte man die Reise dieser besonderen Kategorie von Objekten erzählen, nämlich der Bücher, die ja weit vor 1945 begann. Ihre Rekonstruktion führt vor Augen, wie vernetzt sich Europas Geistesgeschichte über Jahrhunderte entwickelte.

Voltaire in der Universitätsbibliothek von Łodź (BUŁ)

Nehmen wir ein Beispiel jenseits des deutschen oder polnischen Kanons, eines aus der französischen Aufklärung: In der Universitätsbibliothek Łódź findet man unter der Signatur »BUŁ: 1 002 049« des Katalogs der alten Drucke – »Katalog Starych Drucków« – einen Voltaire-Band. Es ist ein unter Decknamen erschienener historiografischer Essay von universalem Anspruch: Voltaire will eine globale Menschheitsgeschichte schreiben, und diese soll weiter zurückreichen als die offizielle biblische Chronologie und vor allem geografisch breiter angelegt sein. Er will die eurozentrische und christliche Deutung der Welt in ihrem Provinzialismus und ihrer Enge vorführen und lädt seine Leser ein, ihm nach China, Persien, Mesopotamien und Ägypten zu folgen.

La Philosophie de l’Histoire, par feu l’abbé Bazin war nach dem Krieg für den Gründungsbestand der Universitätsbibliothek Łódź vorgesehen. Die Stadt war im 19. Jahrhundert ein bedeutender Standort der Textilindustrie und hatte bis Februar 1945 keine Universität. Da adäquate Räume noch fehlten, kam der Band zusammen mit 250 000 anderen Büchern aus deutschen Sammlungen zunächst in einer alten Fabrik unter. Die Feuchtigkeit dort hat in den Büchern ihre Spuren hinterlassen. Ab 1950 wurden die Bände erfasst und bekamen eine Eingangssignatur. Am 19. Januar 1960, dem Jahrestag der Befreiung der Stadt Łódź aus der deutschen Okkupation, wurde ein Bibliotheksbau eingeweiht. Es ist ein funktionaler Bau aus Beton mit hohen Decken, lichtdurchfluteten Fluren und Glastüren. Der Band erhielt seinen Platz in dem Raum für das Magazin der alten Drucke.

In diesem großen rechteckigen Saal, mit Büchern bis unters Dach vollgepackt, sieht der Voltaire-Band nach nichts Besonderem aus. Er ist nicht ledergebunden, auch nicht mit goldener Verzierung geschmückt wie andere wertvolle Ausgaben aus dem 18. Jahrhundert im gleichen Raum. Die Seiten sind in graublaue Pappe gefasst, auf dem Rücken ein kleines Medaillon mit einer älteren, nicht mehr gültigen Signatur: »III P 16a 26«. Sie verweist auf die nicht mehr existierende räumliche Ordnung ihrer ehemaligen Provenienz und skizziert die Schattenarchitektur einer Bibliothek in Hinterpommern: die der Bibliothek Schloss Plathe.

Öffnet man das Buch, finden sich mehrere Inschriften mit verschiedenen Exlibris. Es ist das Sinnbild des Gedächtnisses, ein Palimpsest mit seinen Schichten: Aus der Łódźer Zeit nach 1945 sieht man mitten auf dem Buchdeckel ein größeres Exlibris, illustriert mit einer Eule, die nachts über den Dächern einer Industriestadt mit im Hintergrund rauchenden Fabrikschornsteinen wacht, ihre Krallen liegen auf einem geöffneten Buch. Am unteren Rand die Inschrift »BUŁ Biblioteka uniwersytecka Łódzi«. Auf der linken Seite wurde eine längere Illustration, schwarz auf weiß, mit einem »ExLibris Schloss-Plathe Pommern« eingeklebt, vermutlich am Ende des 18. Jahrhunderts. Über dem für die Signatur vorgesehenen Platz sticht ein Medaillon mit der Silhouette eines aus der Ferne betrachteten Schlosses hervor. Aus der gleichen Provenienz gibt es ein zweites koloriertes Exlibris aus dem 20. Jahrhundert. Es handelt sich um ein Familienwappen, von dem pommerschen Greifen umfasst, mit gräflicher Krone und den heraldischen Symbolen, das Wappenbild der Familie von Bismarck-Osten. Aber man kann es nur noch erahnen, denn es wurde mit dem Eulen-Exlibris aus dem Jahr 1960 überklebt. Der Pommersche Greif wird von einer Industrielandschaft überdeckt.

Seit mehr als siebzig Jahren wird der Voltaire-Band in der Universitätsbibliothek verwahrt. Wie oft wurde er ausgeliehen? Die Leiterin der alten Bücherbestände verfügt über keine genauen Informationen: »We do not keep loan statistics for specific titles, so we do not know if Voltaire’s work was borrowed«, schreibt sie per Mail. In den letzten zwei Jahren habe ich ihn zweimal bestellt. Wahrscheinlich bin ich bisher die Einzige. Über den Łódźer Katalog ist er schwer zugänglich. Man kann ihn im Saal der alten Bücher konsultieren, allerdings ist dieser nur vor- oder nachmittags für einige Stunden zu bestimmten und jeweils unterschiedlichen Zeiten geöffnet.

Genf, Lyon, Paris, aber nicht Amsterdam

Auf der Titelseite steht nicht nur ein falscher Autor, der verstorbene Abbé Bazin (»feu M. L’abbé Bazin«), sondern auch ein falscher Erscheinungsort: »À Amsterdam || Chez Changuion«. Der »Abbé Bazin« war eine Erfindung Voltaires, die er in seinen Briefen aufrechterhält: Er führt ihn in seiner Korrespondenz des Jahres 1765 ein als einen obskuren Autor, der einen kuriosen Essay über die alte Geschichte geschrieben habe. Der Band erschien auch nicht in Amsterdam, sondern in Genf.

In dieser Republik am Rand des Königreichs Frankreich hatte Voltaire mit Gabriel Cramer seinen Hauptverleger gefunden. Dieser war in der sozialen Hierarchie der Stadt avanciert und nicht bereit, einen Tadel zu riskieren, indem er die Radikalität seines Autors unterstützte. La Philosophie de l’Histoire wurde also nicht von dem gutetablierten Verleger publiziert, sondern von einem jungen Mitarbeiter, Gabriel Grasset, der den Druck riskierte. Er war weniger bekannt, wegen der Veröffentlichung pornografischer Texte ohnehin im Visier der Genfer Behörden, und er brauchte Geld. 1765 wurde La Philosophie de l’Histoire innerhalb weniger Monate acht Mal gedruckt. Die Łódzer Ausgabe ist fast identisch mit der ersten Ausgabe von Grasset in Genf, bis auf ein kleines Ornamentmotiv auf dem Titelblatt. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Kopie des Verlegers Joseph Merlin in Paris. 6

La Philosophie de l’Histoire kam über Buchhändler von Paris via Leipzig bis in die Bibliothek Schloss Plathe in Hinterpommern. Diese wurde im 18. Jahrhundert von einem Kammerherrn Friedrichs des Großen, Friedrich Wilhelm von der Osten (1721–1786), gegründet. 7 Die historisch-antiquarische Sammlung bestand aus Büchern, Handschriften, Karten und Quellen zur pommerschen Rechts- und Landesgeschichte sowie Münzen und Ölbildern. Diese private Bibliothek wurde von 1750 bis 1945 bereichert, erweitert und in ihrer Aufstellung und Organisation modernisiert. Sie galt als ein wichtiges Kulturzentrum für pommersche Geschichte und war unter Gelehrten und Reisenden bekannt. In den Reisen durch Brandenburg, Pommern, Preußen, Curland, Russland und Pohlen in den Jahren 1777 und 1778 beschreibt sie Johann Bernoulli als ein seltenes Kulturmonument, eine Art Leuchtturm in dieser sonst so armen und menschenleeren Gegend mit ihren vielen Flüssen, Seen und dunklen Wäldern.

Wegen ihrer regionalen Bedeutung wurde die Bibliothek 1830 unter staatlichen Denkmalschutz gestellt. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde die staatliche Kontrolle noch enger: Das Reichsgesetz stellte 1938 die Bibliothek unter drei Aufsichten: die des Staatsarchivs in Stettin für die Handschriften, die der Universitätsbibliothek Greifswald für die Bücher und die des Provinzial-Konservators in Stettin für die Münzkabinette und Gemälde. Nach der Einnahme der Stadt Plathe durch die sowjetische Armee am 4. März 1945 wurde die Bibliothek bis mindestens 1947 unter die Oberaufsicht der Roten Armee gestellt. In diesem Kontext sind Bücher aus Plathe von der sogenannten Trophäenkommission in die Sowjetunion abtransportiert worden. Aber der Großteil der Sammlung – etwa 13 000 Exemplare – wurde für die Neugründung der Łódzer Universitätsbibliothek (BUŁ) im Februar 1945 verwendet.

Eine Voltairianerin in Hinterpommern

Neben den Schichten der Exlibris fallen bei diesem Voltaire-Band die vielen handschriftlichen Randnotizen ins Auge: Die zahlreichen Lesespuren zeigen, dass das Buch in diesem abgelegenen Ort in Hinterpommern einen sicheren Hafen gefunden hatte. In der Provinz – fern des Potsdamer Hofes – fanden seine Ideen einen Zufluchtsort und rege Leser. In dem Band gibt es Anmerkungen in brauner Tinte, bei denen man mindestens zwei Handschriften erkennen kann.

Wer sind Voltaires Leser in Hinterpommern? Das lässt sich im Vergleich mit anderen annotierten Büchern aus Plathe beantworten. Auf den Fragmenten der herausgerissenen Seiten erkennt man die Handschrift des Gründers der Bibliothek. Viele seiner Bücher, die sich heute in Łódź befinden, sind mit seinen Initialen und handschriftlichen Anmerkungen versehen. Die restlichen Spuren führen zu einer anderen Handschrift. Von den 304 Seiten des Bandes sind fünfzig mit Annotationen versehen. Auf der Titelseite entdeckt man ein diskretes Monogramm. Mit seiner Hilfe lässt sich indirekt das Porträt einer Leserin der zweiten Hälfe des 18. Jahrhunderts erkennen: Charlotte Henriette von der Osten, geborene von Liebeherr.

Im Archiv findet man, bis auf einige Eckdaten, kaum etwas über sie: Sie wurde in Stettin geboren, wahrscheinlich im Jahr 1730 als Tochter eines gelehrten Mannes, Matthias von Liebeherr. Sie heiratet 1752 einen anderen Gelehrten, nämlich Friedrich Wilhelm von der Osten, und zieht in die Kleinstadt Plathe, sie wird Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter. Die Anmerkungen, die sie in ihren Büchern hinterlassen hat, geben ein intimes Zeugnis davon, wer sie war, was sie las und auch, wie sie las. Schon vor der Ehe hatte sie ihre – vor allem französischen – Bücher annotiert und mit längeren Kommentaren und Überlegungen versehen.

Auf dem Titelblatt liefert sie den Schlüssel zum Verständnis von La Philosophie de l’Histoire. Unter der Angabe »par feu Mr. l’Abbé Bazin« ergänzt sie »de Voltaire«. Die meisten ihrer weiteren Unterstreichungen im Buch zeigen ihre Zustimmung zu Voltaires Konzeption der Geschichte. Obwohl das Wort »civilisation« noch nicht erfunden ist, begreift sie die Geschichte als einen holprigen und von Rückschlägen nicht verschonten Prozess in Richtung einer zivilisierten Epoche, in der die Künste und die Wissenschaften gedeihen können. Sie teilt Voltaires Interesse an außereuropäischen Kulturen und folgt ihm auch, wenn er vermeintliche Gewissheiten der biblischen Chronologie infrage stellt. Sie scheint seine Ironie zu schätzen. Manchmal sind ihre eigenen Annotationen davon inspiriert, zum Beispiel, wenn sie sich über die Vorstellung der Muslime vom Paradies als einem großen Bordell mit vielen schönen Frauen lustig macht. Für jede Art von Devotionalien – die der alten Ägypter genauso wie die der Christen – hat sie nur Spott übrig.

Aber in manchen Annotationen geht sie über die bloße Zustimmung zu Voltaires Sichtweisen hinaus. Sie präzisiert sehr oft die Quelle, auf die er sich ein bisschen vage beruft. Sie konfrontiert ihn mit seinen Quellen, die sie ebenfalls kennt, vor allem Newton. Manchmal ergänzt sie Voltaire auch, zum Beispiel in seinem Kapitel über China. Ihre Annotationen lassen eine selbstbewusste und mündige Leserin erkennen, die in einen Dialog mit dem Autor des Buches tritt, ihm hier und da sogar widerspricht.

Der Voltaire-Band in Łódź erweist sich so als eine faszinierende Quelle. Er bezeugt den klandestinen Druck in der Zeit der Aufklärung, auch die Netzwerke und den Büchermarkt, der solche verbotenen Texte bis in eine Kleinstadt in Hinterpommern im 18. Jahrhundert zu verbreiten wusste. Das annotierte Buch belegt auch eine ars excerpendi, die mit ihren kritischen Anmerkungen über die traditionelle Form des Wissenserwerbs hinausgeht. Die Lesespuren skizzieren, was wir heute aus Mangel an Quellen nur selten nachvollziehen können: das Profil einer gelehrten Frau der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Der Voltaire-Band ist nur ein Beispiel aus den deutschen Bücherbeständen in Polen. Moderne digitale Erfassungsmöglichkeiten könnten sich hier als segensreich erweisen. Mit ihrer Hilfe könnte der Fragmentierung und Opazität der ehemaligen deutschen Sammlungen entgegengewirkt werden. Auf wissenschaftlicher Ebene und zwischen einzelnen Institutionen existieren seit der Wende einzelne Projekte mit europäischer Perspektive. Die Universität Wien betreibt ein Forschungsprojekt zur Bibliothek Ludwig Tiecks, die mithilfe verschiedener polnischer Universitätsbibliotheken virtuell rekonstruiert werden soll. 8

2019 wurden die amerikanischen Reisetagebücher von Alexander von Humboldt gemeinsam von der Staatsbibliothek zu Berlin und der Bibliothek Jagiellońska in Krakau erschlossen und auf einem Portal digital verfügbar gemacht. 9 In Łódź wurden 2018 im Rahmen einer wissenschaftlichen Kooperation mit dem Institut für Germanistik in Gießen die deutschen Bücher aus dem 16. Jahrhundert neu katalogisiert. 10

Aber diese Projekte sind zu vereinzelt, zu langwierig und zu lückenhaft. Es fehlt ein großer kulturpolitischer Wurf für eine entsprechende breitangelegte deutsch-polnische Zusammenarbeit zur Erfassung der Bücher, zu ihrer Re-Integration in die europäische Bibliothekslandschaft und nicht zuletzt zu ihrer öffentlichen Präsentation: So wie im Museum dem Betrachter heute nicht nur die Objekte, sondern immer häufiger auch deren Wanderungsgeschichte nahegebracht wird, so sollte auch die lange Wanderung der deutschen Bücher bis in die Gegenwart nachgezeichnet werden.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Dorota Bartnik /Tomasz Piestrzyński, Zwischen Tradition und Modernität. Zur Geschichte der Universitätsbibliothek in Lodz. In: Cora Dietl /Małgorzata Kubisiak (Hrsg.), Unbekannte Schätze. Germanica des 16. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Lodz. Łódź 2018.
  2. Heinrich Himmler, Einige Gedanken über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten [Mai 1940
  3. Man denke an die Arbeit von Barbara Bieńkowska, vgl. Jakub Gortat, Drucke des 16. Jahrhunderts aus der Preußischen Staatsbibliothek in der Universitätsbibliothek Lodz. In: Dietl /Kubisiak (Hrsg.), Unbekannte Schätze.
  4. Biblioteka Narodowa, 75 years ago the Germans set fire to the National Library in Warsaw vom 19. Januar 2020 (www.bn.org.pl/en/news/3855-75-years-ago-the-germans-set-fire-to-the-national-library-in-warsaw.html).
  5. Jakub Gortat, »Berlinka«. Ein besonderer deutsch-polnischer Erinnerungsort. In: Convivium. Germanistisches Jahrbuch Polen 2017 (convivium.edu.pl/assets/gortat_convivium_2017.pdf).
  6. Andrew Brown /Ulla Kölving, Voltaire and Cramer? In: Christiane Mervaud /Sylvain Mervant (Hrsg.), Le Siècle de Voltaire. Hommage à René Pomeau. Bd. 1. Oxford: Voltaire Foundation 1987; Andrew Brown, Gabriel Grasset éditeur de Voltaire. In: François Bessire /Françoise Tilkin (Hrsg.), Voltaire et le livre. Ferney-Voltaire: Centre international d’etude du XVIIIe siècle 2009.
  7. Vanessa de Senarclens, Spinoza in Hinterpommern. Ein wiederaufgetauchter Bibliothekskatalog von 1756 in kulturwissenschaftlicher Perspektive. In: Das achtzehnte Jahrhundert, Nr. 44/1, 2020; dies., Teile einer verstreuten Büchersammlung aus dem 18. Jahrhundert. Die Bibliothek Schloss Plathe und ihre Benutzer. In: Dietl /Kubisiak (Hrsg.), Unbekannte Schätze.
  8. FWF-Projekt »Ludwig Tiecks Bibliothek. Anatomie einer romantisch-komparatistischen Büchersammlung« (geleitet von Achim Hölter mit Paul Ferstl und Theresa Schmidt).
  9. www.humboldt.staatsbibliothek-berlin.de/
  10. Dietl /Kubisiak (Hrsg.), Unbekannte Schätze.

1 Kommentare

  1. Dr. Sylvia Neuhäuser-Metternich sagt:

    Anregend und anrührend, danke!

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