Kulturkampf gestern und heute. Eine Erinnerung in systematischer Absicht

Am 16. August 1869 versammelte sich eine Menschenmenge auf der Moabiter Festwiese, auf der sich ein »Luftvelocipedist«, ein Seiltänzer auf dem Fahrrad, angekündigt hatte. Als er nicht erschien, zogen die unmutigen Berliner Arbeiter und Kleinbürger weiter in die Waldenserstraße zu der erst vor einigen Wochen gegründeten Niederlassung der Dominikaner und begannen, die Fenster einzuwerfen, den Zaun niederzureißen und den Klostergarten zu demolieren, bevor sie von der berittenen Schutzpolizei zurückgedrängt wurden. Die Angreifer hätten sich, so berichtete die bürgerliche Presse in den nächsten Tagen, über die fremden Priester empört, die in Moabit ein »neues Rom« errichten wollten und die arbeitende Bevölkerung durch »Kindermärchen des müßigen Betens und Betrachtens« verhöhnten.

(Der Text ist im Oktoberheft 2020, Merkur # 857, erschienen.)

Auch hätten sie versucht, das Kloster zu durchsuchen, weil sie gerade von einem »schauderhaften Verbrechen« aus Krakau gehört hätten. Dort war in einem Kloster eine wohl jahrelang gefangengehaltene Nonne, Barbara Ubryk, gefunden worden. Die Menge, so antwortete die katholische Presse, habe aus verkommenen Elementen bestanden, als deren Aufwiegler – je nach Organ – eine Reihe graubärtiger Herren oder einige jüdische Gymnasiasten identifiziert worden seien.

Der Moabiter Klostersturm wird oft als Anfang des sogenannten Kulturkampfs beschrieben, der heftigen Auseinandersetzung zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche in den 1870er Jahren. Als Weltanschauungskampf präludiert er die ideologischen Auseinandersetzungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber auch eine Reihe polarisierter Konflikte der letzten Jahrzehnte.

Wenn heute immer wieder die Gefahr neuer Kulturkämpfe beschworen wird, mag es hilfreich sein, sich den historischen Fall etwas genauer anzuschauen – und zwar umso mehr, als er nicht so einfach in die Unterscheidungen von rechts und links, Fortschritt und Reaktion, säkularem Rechtsstaat und fundamentalistischer Religion passt. Schon 2009 hatte José Casanova darauf hingewiesen, dass die Europäer zwar gerne religiöse Gewalt andernorts anprangern, die lästigen Erinnerungen an ihre eigenen Religionskonflikte und -kriege aber vergessen.

Gegen den Katholizismus

Als Rudolf Virchow, Abgeordneter der Fortschrittspartei, Anfang 1873 die Formel vom »großen Kulturkampf« prägte, hatte der preußische Staat bereits eine Reihe von Gesetzen erlassen, welche die staatsgefährdende Macht der katholischen Kirche einschränken sollten: Seit 1871 verbot der sogenannte Kanzelparagraph Geistlichen, sich über »Angelegenheiten« des Staates in einer »den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise« zu äußern, 1872 wurde die geistliche Schulaufsicht durch eine staatliche ersetzt und der Jesuitenorden verboten; spätere Gesetze betrafen die Ausbildung von Geistlichen (1873), die Einführung der Zivilehe (1874/75) und die staatliche Unterstützung der Kirche (1875) sowie das Verbot von Klöstern (1875), das dann auch zu Auflösung und Verkauf des Moabiter Klosters führte.

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