Trachtenhermeneutik. Fragen zu Martin Heideggers Anzug in den Marburger Jahren

Ist es notwendig, sich mit der Kleidung eines Philosophen zu beschäftigen, wenn man sich für dessen Leben und Werk interessiert? Im Falle Martin Heideggers offensichtlich schon, denn kaum eine der ihm gewidmeten Studien kommt ohne einen Hinweis auf den eigentümlichen Anzug aus, den er während seiner Marburger Jahre von 1923 bis 1928 mit Vorliebe getragen hat. Exkurse solcher Art weisen die Autoren nicht nur als Kenner seines Denkens, sondern zur Verblüffung des Lesers ebenso als Spezialisten für Fragen der zeitgenössischen Mode aus.

(Der Text ist im Oktoberheft 2020, Merkur # 857, erschienen.)

Den Anfang machte 1959 der frühere Feuilletonchef der Zeit Paul Hühnerfeld, der in seinem einflussreichen Buch In Sachen Heidegger. Versuch über ein deutsches Genie behauptet, Heidegger habe sich bei seiner Ankunft an der Lahn einen Anzug machen lassen, »wie er den Bestrebungen des ein Jahr zuvor verstorbenen Malers Otto Ubbelohde entsprach«. Neben der künstlerischen Arbeit sei dessen Anliegen eine »Reform der deutschen Herrenkleidung« gewesen. »Sie sollte der Volkstracht wieder angeglichen werden. Heidegger bekam also enge Breeches und einen langen Überrock: beides wurde von den Marburger Studenten kurz der ›existentielle Anzug‹ genannt.«

Es mag Hühnerfelds vor allem um Anschaulichkeit bemühte Schreibweise gewesen sein, die ihn veranlasst hat, derart konkret auf Kleidungsfragen einzugehen und entsprechende Aussagen mit der Glaubwürdigkeit eines Journalisten auszustatten, dessen Darstellung eingehende Recherchen zugrunde liegen. Er führt jedoch weder im Kontext seines Buchs noch in der 1951 von ihm an der Universität Hamburg eingereichten Dissertation Die Kategorie der Befindlichkeit in der Philosophie Martin Heideggers Quellen für seine Behauptung an. Der Himmel weiß, woher er den Hinweis hatte, Heidegger sei das prominenteste Modell einer von Ubbelohde entworfenen Modelinie. Jedenfalls gilt in den folgenden Jahrzehnten Hühnerfelds flotte These als gesichertes und endlos nachgebetetes Faktum, wenngleich mit amüsanten Variationen.

Dass Heidegger einen Anzug im Stil von Otto Ubbelohdes »an die Bauerntrachten leicht angelehnter neuer Herrenkleidung« trug, erwähnt auch Hans Georg Gadamer 1974 in einem Aufsatz zum 85. Geburtstag Heideggers. Mit stark an Hühnerfelds Darstellung erinnernden Formulierungen kommt er darauf noch einmal in seinen etwas später erschienenen Philosophischen Lehrjahren zurück. Arnold von Buggenhagen, ebenfalls Student bei Heidegger in diesen Jahren, geht in seiner zur gleichen Zeit erschienenen Philosophischen Autobiographie ebenfalls auf Heideggers Anzug ein, deutet den Sachverhalt aber etwas vorsichtiger: »Man sprach davon, daß ein gewisser Maler namens Otto Ubbelohde das Kleidungsstück entworfen hatte.« Allerdings bleibt offen, ob das, was er als ihm zu Ohren gekommen wiedergibt, eine authentische Erinnerung ist oder sich ebenfalls Hühnerfelds Einfluss verdankt, auf den er sich im Text mehrfach bezieht.

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