Ungarn – Land der offenen Arme

Erst Ende des 18. Jahrhunderts kam der Paprika in die pannonische Tiefebene. Und kann dort auf eine längere Geschichte zurückblicken als die Idee von einem einheitlichen ungarischen Volk. Viktor Orbán hat der jungen Tradition des Magyaro-Chauvinismus zu einer neuen Blüte verholfen. Diese wohl fremdenfeindlichste Ideologie Europas muss sich, weil ihr keine andere Herkunft zur Verfügung steht, auf die fremdenfreundlichsten Regierungen ihrer Zeit berufen, die des mittelalterlichen Ungarn.

(Der Text ist im Oktoberheft 2020, Merkur # 857, erschienen.)

Vorausgeschickt sei, dass die Magyaren ab dem 9. Jahrhundert nicht als barbarischer Sturm über die spärlich bevölkerte Tiefebene hereinbrachen, sondern eher allmählich einsickerten und wie ausnahmslos alle Reiternomadenkontingente aus dem Osten kein einheitliches Volk, sondern ein Interessensverband heterogener Gruppen waren. Im äußerst dünn besiedelten Alföld, der Tiefebene, trafen sie auf langobardische, gotische, gepidische, awarische, slawische sowie kumanische und petschenegische Reste vorangegangener Völkerwanderungen.

Nach ihrer Christianisierung und der Zentralisierung ihrer Macht kämpften die magyarischen Könige eifrig um ihre Anerkennung im Klub der europäischen Mächte und erwiesen sich als wahrliche Streber im zivilisatorischen Aufholprozess – von marodierenden Reiternomaden zu Garanten staatlicher Stabilität, Förderern von Kultur und Stiftern von Kirchen und Bildungseinrichtungen. Kein Grund, die feudalistische Gewaltherrschaft zu romantisieren, aber auch keiner, ihre für diese Zeit unzweifelhaften Errungenschaften zu leugnen.

Ungarn im Mittelalter – ein mitteleuropäisches Erfolgsmodell

Nach byzantinischem Vorbild hinterließ Stephan I. (997–1038), der erste König Ungarns, der Welt und seinem Sohn Imre die Unterweisung De institutione morum ad Emericum ducem. Darin gibt er diesem auch den Rat, so viele »Ausländer« wie möglich ins Land zu lassen, da »Gäste alle Reiche schmücken und den Hof erhöhen«. Er läutete eine großzügige Ansiedlungspolitik ein, die das ganze Mittelalter hindurch bis weit in die Neuzeit für das ungarische Königreich charakteristisch sein sollte.

Zunächst musste Stephan in einem Vorgriff auf spätere absolutistische Tendenzen seine Macht zentralisieren und die aufsässigen ungarischen Stammesführer unterwerfen und christianisieren. Er erkannte die ökonomischen Chancen der geopolitischen Lage seines Landes und dass er mit dem karolingischen Reich, den italienischen Stadtstaaten und den diversen Herzogtümern nur mithalten konnte, wenn er Spezialisten für Landwirtschaft, Handwerk, Bergbau und Handel anlockte. Dabei wurden im Gegensatz zu heute keine Unterschiede gemacht zwischen qualifizierten Zuwanderern aus westlichen Ländern und kulturell abgewerteten Migranten aus Süden und Osten.

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