Kinderland

Sommer 2019. Nördlich von Stockholm sitze ich auf der Terrasse des Ferienhauses und blicke auf die windstille Ostsee, als Franzi anruft. Am Tag zuvor hatte ich ihr einen Text von mir geschickt, in dem auch sie vorkommt. Um über unsere gemeinsame Kindheit weiterschreiben zu können, möchte ich mir ihre Erlaubnis einholen. »Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen«, sagt sie, und dann beginnen wir zu reden.

(Der Text ist im Novemberheft 2020, Merkur # 858, erschienen.)

Das Jahr, in dem sich die Öffnung der Berliner Mauer zum dreißigsten Mal jährt, beginnt für mich mit einem Buch. Im Februar war Ines Geipels Umkämpfte Zone – mein Bruder, der Osten und der Hass erschienen. Geipel beschreibt die Gewaltgeschichte des Ostens. Bis zum Fall der Berliner Mauer hat der Teil des Landes, der noch immer als »die neuen Bundesländer« umrissen wird, von 89 Jahren des 20. Jahrhunderts 56 als Diktatur durchlebt. Eine lange Geschichte menschenverachtender Gewalt und Millionen Varianten, diese zu beschweigen.

Im Fernsehen aber beginnt 2019 die Honni-Horror-Picture-Show. Man möchte an die guten Momente erinnern. Kati Witt, das schönste Gesicht des Ostens, Urlaub am Plattensee ohne viel Schnickschnack, das Ost-Sandmännchen, das es nach der Wende auch ins Westfernsehen geschafft hatte, und immer wieder die Medaillen. Wenig Platz findet die harte Realität der sozialistischen Diktatur. Die tödlichen Fluchtversuche, Bautzen, Hoheneck, Jugendwerkhöfe und das Zwangsdoping an Tausenden von Kindern.

Nun soll vor allem die schwierige Zeit nach der glücklichen Novembernacht betrachtet werden. Eine Aufarbeitung der Treuhandgeschichte wird gefordert, denn auf der Politik lastet der Druck der kommenden Landtagswahlen. Spätestens seit Pegida 2014 in Dresden mit ihren islam- und ausländerfeindlichen Demonstrationen begann, ist nicht mehr zu leugnen, dass der Osten Deutschlands eine eigene politische Temperatur hat. Während die Zustimmungswerte im Westen mit dem Aufstieg des völkisch-nationalen Flügels der Alternative für Deutschland schon bei den Europawahlen im Mai deutlich sinken, legen die blaugefärbten Braunen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen so kräftig zu, dass ein AfD-Ministerpräsident in allen drei Ländern möglich scheint.

So weit kommt es zum Glück im Herbst dann nicht, aber das Bekenntnis zur extremen Rechten liegt nun in den fünf ostdeutschen Bundesländern stabil bei oft weit über 20 Prozent. Anders als das gängige Klischee will, findet die AfD ihre Wähler keineswegs vor allem unter alten weißen Männern. Es sind die Alten (fünfundsechzig plus), die mit großer Mehrheit entweder CDUSPD oder Die Linke auf den ersten Platz wählten. In allen jüngeren Altersgruppen konnte die AfD die meisten Stimmen für sich verbuchen.

Ich frage mich, woher das kommt. Woher wir kommen. Warum haben auch die Jungen, die in den achtziger oder neunziger Jahren geboren wurden, dieses Gefühl, »Bürger zweiter Klasse« zu sein, das als Ursache für das Wahlergebnis in den Analysen immer wieder auftaucht? In einer Umfrage der Sächsischen Zeitung vor der Landtagswahl im Herbst stimmten auch 70 Prozent der 18- bis 29-Jährigen dieser These zu. Diejenigen also, die als BRD-Bürger geboren und ohne Diktaturerfahrung aufgewachsen sind.

Ich bin Jahrgang 1986. Kaum hatte ich die sozialistische Namensweihe empfangen, war ich ein Wendekind. Die Erinnerungen an das Land, das meine Geburt beurkundet hat, sind blass. Die Fahnen zum vierzigsten Jahrestag. Kindergartenlieder. Der mit Flieder behangene Besenstiel zum Kindertag. Und meine vorsichtige Frage an der Hand meiner Mutter: »Leben wir in Deutschland?« – »Nein, sagte sie, »wir leben in der DDR

Wenn ich an meine Kindheit in Mecklenburg denke, fallen mir sofort die ersten Takte eines Kinderlieds des sächsischen Liedermachers Gerhard Schöne ein – Kinderland. Bedrohlich wirken die Geigen, die das Lied einleiten, das Schöne dann mit sanfter Stimme vorträgt: »Hinter dem Affenstrand, kurz vorm Schlaraffenland, da liegt Kinderland …« Ein Land, in dem Kinder alles dürfen, weil kein Erwachsener sie gängelt. »Wer da hin will, hebt die Hand. Nach Kinderland.« Mein Kinderland waren die neunziger Jahre an der mecklenburgischen Ostsee, eine Landschaft, in der wir Kinder uns alleine einen Weg durch die Zeit suchen mussten.

In Schweden wird es allmählich dunkel. Franzi und ich legen noch nicht auf. Es ist das erste Mal, dass wir über unsere Schulzeit sprechen und über die DDR. Wir erinnern uns an eine Schulzeit, deren Brutalität uns zwischen unseren Sätzen schlagartig bewusst wird, als wären wir schon lange Träger desselben Geheimnisses und hätten jetzt erst bemerkt, dass wir damit nicht allein waren. Wir denken nicht nur an die Tatsache, dass Neonazis Spielplätze, Jugendclubs und ganze Straßenzüge besetzten, wie es seit Herbst 2019 auf Twitter unter dem Hashtag »baseballschlägerjahre« beschrieben wird. Wir denken an das Schweigen der Erwachsenen, die auf vieles wohl selbst keine Antwort hatten.

(…)


21 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Artikel. Ich bin Jahrgang 86 und habe meine Kindheit und Jugend in Ostberlin und teils in Vorpommern verlebt. Mit 16 folgte der erste Versuch, unserer Namenlosen Generation eine Stimme zu verleihen, ich schrieb. Ich schreibe immer noch und immer wieder an DEM Text, der zum Ausdruck bringt, was wir eigentlich sind. Sie haben einen tollen Beitrag dazu geleistet und mit Mut gemacht, weiterzuschreiben.

    1. Anne Rabe sagt:

      Liebe Johanna Sailer,

      ich bin gespannt auf Ihren Text und danke fürs Lesen und den Kommentar.

      Herzliche Grüße,
      Anne Rabe

  2. Roman Yos sagt:

    Vielen Dank für Ihren Beitrag, den ich mit viel Zustimmung gelesen habe. Ich bin Jg. 1979 und in Leipzig aufgewachsen. Ich finde es nicht schlimm, dass „wir kein Netzwerk“ bilden. Ihre Kritik an der damaligen „dritten Generation Ostdeutschland“ als einer Lobbyinitiative teile ich. Die Schattenerfahrungen der „Baseballschlägerjahre“ kamen dort kaum zur Sprache. Als kritische Einzelstimmen in Literatur, Wissenschaft und Politik ist „unsere Generation“ aber durchaus präsent, auch wenn die Erfahrung der Wende- und Nachwende-Jugend nicht immer unmittelbar im Vordergrund stehen mag. Wir sind eben nicht die geborenen Lauttöner, wenn man das so sagen darf. Das Grundthema Ihres Beitrags ist ein Lebensthema, ein Text oder „Der“ Text, wie Johanna Sailer oben schreibt. An ihm sitzt man ständig und immer wieder, auch wenn er vielleicht gar nicht zum Abschluss kommt.

    1. Anne Rabe sagt:

      Lieber Roman Yos,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben natürlich Recht, wir sind nicht sehr laut. Und vielleicht braucht es auch kein lautes Auftreten. Ich denke aber, dass es wichtig wäre, sich auszutauschen, um zu verstehen und weitergehen zu können. Das Schweigen drückt so vieles ins Unterbewusstsein, wo es dann ungute Bahnen zieht. Schön, dass Sie einiges erkennen und gleichzeitig auch traurig.

      Sehr herzliche Grüße,
      Anne Rabe

  3. Sylvia Dr. Neuhäuser-Metternich sagt:

    Danke für diesen Text, der mich erschüttert hat. Nach Kriegsende geboren, wurde mein Blick nur nach dem Westen ausgerichtet, vom Osten wusste ich nichts, kannte nur die Gefahr: „Die Russen kommen!“
    Aber Sie schreiben eine wunderbar präzise und anrührende Sprache und stehen damit in einer Tradition der größten deutschen Schriftsteller/innen, von denen ja viele aus dem Osten kommen- ex oriente lux! Vielen Dank!

    1. Anne Rabe sagt:

      Liebe Frau Dr. Neuhäuser-Metternich,
      vielen Dank für dieses große Kompliment. Es gibt Unterschiede in den Erfahrungen der Generationen, aber auch Gemeinsamkeiten. Über beides lohnt sich der Austausch, um so zu mehr Verständnis und einer gemeinsamen Geschichte zu kommen.

      Herzliche Grüße,
      Anne Rabe

  4. Werner Schütz sagt:

    Da kommt jemand mit den üblichen Klischees, denke ich, mit Pegida, AfD und dem Elend des Ostens, will den Text schon wegklicken, doch dann wird’s spannend. Warum? Weil es, so empfand ich es, ehrlich wird.- Tja, die Gewalt gegenüber Kindern könnte eine Ursache für die heutige politische Situation im Osten sein. Habe ich das richtig verstanden? Über die Ursache der demographischen Situation – in Ost wie West – darf man sich aber auch Gedanken machen. Hier spielt meines Erachtens der Leistungsdruck die entscheidende Rolle.

    1. Anne Rabe sagt:

      Lieber Herr Schütz,

      schön, dass Sie weitergelesen haben. Es gibt natürlich keine Monokausalitäten, ich denke aber, dass es sich trotzdem lohnt, einzelne Aspekte genau zu betrachten.

      Herzliche Grüße,
      Anne Rabe

  5. Reiner Girstl sagt:

    Das wesentliche Problem der Betrachtung von Deutschland in der Zeit von 1949 bis 1989 ist eine Frage des Standorts des Betrachters. Der Bewohner einer Sozialsiedlung der mit Sozialhilfe aufgewachsen ist, würde ein ganz anderes Bild zeichnen, als Christian Kracht in Faserland, wenn es um Westdeutschland in dieser Zeit geht.
    Steffen Mau hat in „Lütten Klein – Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“, einen Blick auf die technokratische Schicht der DDR in der Neubaustadt gezeichnet, Uwe Tellkamp in „der Turm“, ein Abbild des konservierten Bürgertums, das sich gleichzeitig zur vollkommenen Anpassung gezwungen sieht, um die selbst gesteckten Ziele zu erreichen.
    Flake hat ein Bild der 80 Jahre der DDR gezeichnet, das nicht so viel anders ist, vom verhalten und Lebens Verständnis, von Jugendlichen der Bundesrepublik, die dasselbe Freiheitsverlangen haben, wie Christian Lorenz und Paul Landers, die Muster die Verhaltensweisen sind nicht so viel anders, als bei Ihren West Gegenübern, die sich für den partiellen Ausstieg aus dem Vorgegebenen der Gesellschaft entschieden haben.
    Wenn man Hermann Kants Roman „die Aula“ liest ist man ehr erstaunt, wie viel Altes gerade am Anfang der DDR steht und hier überlebt. Das Westbild der vergleichbaren Zeit ist Walsers „Ehen in Philippsburg.

    Was die Rhetorik von der geübten demokratischen Tradition in Westdeutschland angeht, kann man nur lachen, es gibt nicht umsonst das Bild der 70 Jahre, als „Rotes Jahrzehnt“ in dem viele später erfolgreiche Grünen Politiker, Stalin, Lenin, Mao und Pol Pot als ihre Helden verehrt haben und in kommunistischen Sekten waren. Auch Terroristen waren damals durchaus beliebte Menschen und Freiheitskämpfer. Für die haben auch spätere Minister demonstriert. Einzig und allein der „Deutsche Herbst“ sorgte für Veränderung und umdenken. Aber die breit geübte Gewalt kam zurück, mit Hausbesetzungen und Kämpfen um AKW Bauplätze, der Kanzler saß voller Unverständnis im Kanzleramt und ein Nachwuchs Politiker seiner Partei sagte nur, mit seinen Tugenden könne man auch ein „KZ“ betreiben, was in Wahrheit ausdrückte die Täter sind mitten unter uns, was zu einem gewissen Anteil, das „Rote Jahrzehnt“ erklärt.

    Die 80 Jahre fingen mit der Revolte von 81 an, kommend aus Zürich und gingen in direkter Aktion und Gewalt weiter, Krawalle und Straßenschlachten gehörten zu den 80 Jahren in Westdeutschland, nicht nur am 1. Mai in Berlin sondern öfters. Wer auch hier zu ein Buch braucht, „Neue Vahr Süd“ von Sven Regner, zeichnet ein Bild.

    Den Theoretikern des Terrors, den Praktikern des Terrors und den Straßenkämpfern und aktivistischen Dauerdemonstranten, standen die Jugendlichen gegenüber, die in den 80 Jahren erwachsen wurden und ähnlich wie Christian Lorenz und Paul Landers, ihren Hedonismus lebten, von der wohlhabenden Seite ist Christian Kracht einer der typischen Vertreter, ein typischer Vertreter von der anderen Seite wäre Dr. Motte. Dr. Mottes hinterlässt keine Theorie lästigen Texte und keine Literatur. Der Literatur Vertreter Rainald Goetz hat bei allen ehr den Blick von außen.

    Abschließend will ich nur folgendes sagen, wenn die Entwicklung anders herum gelaufen wäre und Westdeutsche aus den nicht privilegierten Kreisen ihr Leben in Westdeutschland beschreiben würden, dann würden sie von Arbeitslosigkeit, Armut, Geldmangel, über das Leben in beengten Wohnverhältnissen schreiben, der Bildungstriage, die sie erlebt haben darstellen, die sie entweder am Studium gehindert hat oder zum Sozialarbeiter beziehungsweise Ingenieur werden ließ. Aber die letztlichen Elite Berufe einer geschlossenen Elite vorbehalten hat, die in sich geschlossen und konservativ ist. Nicht umsonst ist Campinos Bruder bei einer Großkanzler als Wirtschaftsanwalt tätig und nicht Anwalt für Armenrecht.

    Natürlich gibt es auch hierzu Bücher vor dem französischen Kontext von Didier Eribon.

  6. Guten Tag aus dem Remstal bei Stuttgart, sehr geehrte Frau Rabe,
    ich bin Jahrgang 1947 und geboren im Osten Berlins, später mit den Eltern „rübergemacht“ nach dem Wetteil der Stadt. Bis zum Mauerbau kannte ich die Entwicklung auf beiden Seiten der Grenze, da ich meine Ferien regelmäßig bei den Großeltern in Pankow oder in Rüdersdorf bei Berlin verbracht habe. Das volle Ausmaß der Herzlosigkeit des DDR-Erziehungssystems ist mir aber gerade erst eben beim Lesen Ihres Aufsatzes bewusst geworden. So wie ich nie daran gezweifelt hatte, dass die Trennung der beiden Teile Deutschlands nicht von Dauer sein könne, so möchte ich auch nicht daran zweifeln, dass Ihre Generation, die auch die Generation meiner Töchter ist, es doch noch schaffen wird, hinzuschauen und aufzuräumen. Ich glaube fest daran, dass ich dies noch erleben werde.

    1. Anne Rabe sagt:

      Lieber Herr Beith,

      vielen Dank für Ihre Worte. Ich denke auch, dass Aufarbeitung ein wichtiger Prozess ist, der immer wieder neu angestoßen werden muss und auch wird. Und ich hoffe auch sehr, dass sich die Stimmen mehren, auf das man zu einem umfangreichen Bild kommen kann.

      Herzliche Grüße nach Remstal,
      Anne Rabe

  7. Niemals Klarname im Netz sagt:

    Liebe Frau Rabe,

    interessant, ich finde nur den Ost-Bezug sehr überstrapaziert. Bin 1980 Ost-Berlin geboren, 1996 nach Westdeutschland migriert. Die verschiedenen Brutalitäten die Sie hier beschreiben findet man IMHO in jeder anderen Gesellschaft genauso, besonders was den Familienspace angeht und die Strassengewalt von verrohten perspektivlosen Alpha-Männchen. Ich kann da wenig Ost-spezifisches ausmachen. Gab’s im Westen auch, gibt’s heute immer noch, überall.

    Bei der Sache mit dem Mobbing in der Schule würde ich sogar konstatieren dass sowas im Osten tendenziell weniger vorkam als sonst auf der Welt, weil das Konzept des Klassenkollektivs ideologisch doch recht hart gepusht wurde. Entsprechend wurde (bei uns zumindest) nur gegen die Parallelklassen gehasst, bzw. gegen andere Schulen, nicht gegen die Schwächeren in der eigenen Klasse. Das Jungpionier-Ding hatte tatsächlich mehr positive Seiten als heute erzählt wird.

    Für mich riecht das Stück, insbesondere mit diesem Aufarbeitungsaufruf, von wegen Eltern und Grosseltern in Frage stellen und so, nach einer Überdosis ideologischer Theorie. Sehr identitätspolitisch dieser Ostbezug und übersensibel. Die Grosseltern und Eltern haben halt in einer anderen Zeit gelebt (die im Westen auch, die in Nahost auch, die in Nordamerika auch) und mussten um es mal salopp zu sagen, Mengen an Scheisse fressen, die sich meine und Ihre Generation und die Millenials heute schon garnicht, nicht vorstellen können.

    Meine Mutter fragt mich manchmal wegen der Prügel und ich sage Ihr immer dass ich mich an keine Episode erinnern kann wo ich es nicht verdient gehabt hätte. Eher unterdosiert in meinem Umfeld. Das mag anderen Menschen anders gegangen sein, aber ich persönlich hatte keine sadistischen Eltern sondern einfach nur überforderte und ihrerseits autoritär erzogene. Dafür mein volles Verständnis. Die Frau stand mit 16 in der Konservenfabrik, hat dann Ausbildungen gemacht, Krankenschwester, Studium, nebenbei 2 Kinder grossgezogen, dann Zollaufbahn. Immer im Dreischichtdienst, und nebenbei in der Mangelwirtschaft Top-Essen auf den Tisch gestellt.

    Dieser Generation sollte man dafür zuallererst mal Respekt zollen, dann kann man vielleicht vorsichtig Fragen stellen. Diese Vorwurfshaltung die man da aus Richtung des 68ers ahnt ist IMHO überhaupt nicht angebracht.

    Das gilt für die Großelterngeneration übrigens auch. Die hatten es noch schwerer. Nicht nur die Kriegsheimkehrer sind durch die Hölle gegangen, auch die Großmütter im Osten; sie wissen was ich meine.

    Lieben Gruß

    1. Anne Rabe sagt:

      Lieber Niemals Klarname im Netz…

      vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Wir kommen zu unterschiedlichen Bewertungen der Geschichte, auch wenn Sie die Traumata der Generationen und auch die daraus folgende Gewalt bestätigen. Ich würde dennoch infrage stellen , dass ein Kind Prügel verdient hätte und sehr würde ich anzweifeln, dass es in einem Umfeld zu wenig Prügel geben kann. Nicht grundlos ist der Gesetzgeber zu dem Schluss gekommen, dass es sich dabei um Straftaten handelt. Ich würde mich auch sehr über Texte freuen, die in anderen gesellschaftlichen Konstruktionen, wie zB Westdeutschland, die Strukturen, die zu Gewalt führen, offenlegen. Um Probleme bewältigen zu können, muss man sie genau analysieren. Dies ist nun ein Text über den Osten, der gar nicht sagt, dass es im Westen keine Gewalt gab und gibt.
      Die negativen Folgen der Gewalt sowohl für den Einzelnen, als auch für die Gesellschaft sind ja umfassend belegt. Was nicht bedeutet, dass es nicht auch resiliente Menschen geben kann, die keine negativen Folgen davon tragen. Ich gehe der Frage nach, warum unsere Generation jetzt so besonders nach autoritären Strukturen ruft (auch die Ergebnisse der jüngsten Autoritarismusstudie legen das nahe) und Sie beschreiben ja selbst, dass Ihre Mutter und die Großeltern durch ihre autoritäre Erziehung geprägt wurden, weshalb sie ebenfalls autoritär und gewalttätig Ihnen gegenüber auftraten. Dass dieses Phänomen in der DDR auch von staatlicher Seite unterstützt wurde, bestätigen Sie ja auch, wenn Sie über das Klassenkollektiv schreiben. Deshalb halte ich es für unwahrscheinlich, dass diese aktuellen politischen Phänomene (und da unterscheidet sich der Osten sehr vom Westen) nichts mit dieser autoritären Erziehung durch Familie und Staat zu tun haben.
      Aufarbeitung,Verständnis und Respekt vor den älteren Generationen müssen sich nicht widersprechen und ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie ebensoviele Verständnis für sich wie für Ihre Mutter haben.

      Herzliche Grüße,
      Anne Rabe

  8. Laubeiter sagt:

    Ich empfinde eine neue Atmosphäre hier im blog, Sie antworten als Autorin auf die Kommentare, eine Insel des persönlichen Austausches im anonymen Internet. Sie haben etwas preisgegeben von sich. Ich weiss nicht, ob ich auf mein Pseudonym verzichten möchte, vielleicht wäre das fair. Mir fiel bei Ihrem Text die Lektüren der Autobiographie „Paradies“ von Hünniger ein, in dem auch von Schweigen der Eltern die Rede ist, und Annette Simons Aufsätze, die die Unterdrückung von Pluralität im Einparteienstaat beklagen. Ich habe eine Idee, wie die Generationen, die in der DDR gelebt haben, miteinander reden könnten: Wenn die Verbrechen des Nationalsozialismus als Bürde für den Neuanfang betrachtet werden, sind die zwei Konzepte BRD und DDR als Versuche, es besser zu machen und neues Unrecht zu verhindern, moralisch begründet. Wenn dann darüber gesprochen wird, wie die DDR-Führung ihre Bevölkerung unterdrückte und wie dies in die Unterdrückung von Kindern durch ihre Eltern mündete, so ist dies ein Scheitern des Wunsches, kein neues Unrecht zuzulassen. Etwas unpersönlich, meine Ausdrucksweise.

    1. Anne Rabe sagt:

      Lieber Laubeiter,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Die Anonymität im Internet hat ihre Berechtigung und kann zu einem offeneren Austausch führen, solange man die Umgangsregeln des nicht anonymen Austauschs einhält. Dass ich hier antworte hat auch damit zu tun, dass ich mir tatsächlich einen Austausch zu diesen Themen wünsche und sicherlich auch damit, dass es ein sehr persönlicher Text ist.
      Ich würde Ihnen ein wenig widersprechen, bei den Grundkonzepten der beiden deutschen Staaten (zumindest für den Ostteil, mit der BRD habe ich mich nicht so ausführlich beschäftigt, dass ich mir da hier so ein Urteil erlauben würde). Sie beschreiben damit einen der Gründungsmythen der DDR, der mir aus vielen Erzählungen insbesondere der Gründergeneration sehr bekannt ist (und ja, es mag die Hoffnung gewesen sein bei vielen). Wenn man jedoch genau hinsieht, erkennt man, dass die DDR dem Anspruch in keinem Moment gerecht geworden ist. Ich empfehle Ihnen dazu das Buch „Die Moskauer“ von dem Historiker Andreas Petersen, der vor allem die stalinistischen Anfänge der DDR untersucht hat und sehr genau nachvollzogen hat, was den deutschen Kommunisten im Moskauer Exil zugestoßen ist. Auch das Buch „Umkämpfte Zone“ von Ines Geipel ist in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich. Berühmt geworden ist ja auch der Ulbrichtsatz: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ Das schließt ja die Gewalt schon ein, denn wenn man alles in der Hand hat, bedeutet das zwangsläufig, dass man keine anderen Meinungen, keine Diskurse zulassen kann. Dies alles soll natürlich nicht heißen, dass es nicht auch bei vielen jungen Menschen gute Absichten gab. Aber es gab eben auch das Trauma des Krieges und der Nazidiktatur, das für die Kontinuität der Gewalt blind gemacht hat. (so in aller Kürze) Dies gilt es nicht zu verurteilen, aber zu beurteilen und genau anzuschauen, um daraus lernen zu können.

      Herzliche Grüße,
      Anne Rabe

  9. Bernd Schirmer sagt:

    Ich bin Jahrgang 1951, freue mich über die Gelegenheit, mich hier äußern zu können. Möchte mich auf zwei Aspekte beschränken.
    Aspekte, die mir verstärkt erst im Nachdenken in der Zeit nach der DDR aufgestoßen sind.
    Das erste ist, dass bei den Bewertungen von Vorgängen in Deutschland nach 1945 nie vergessen werden sollte, welch Chaos und welche Zerrüttung zwei Weltkriege hinterließen, in der Bevölkerungsstruktur, in der Wirtschaftsgrundlage, in der Wohn- und Ernährungssituation, in den Köpfen. In beiden deutschen Staaten wurden nicht wenige nationalsozialistisch belastete Fachleute herangezogen mit entsprechenden Folgen.
    Ein Beispiel ist die Situation von Heimkindern, die in beiden deutschen Staaten bis weit in die siebziger Jahre aus heutiger Sicht als katastrophal zu bezeichnen ist. Vieles konnte nicht anders laufen, dazu waren die Menschen gar nicht vorhanden.
    Auswirkungen sind bis in Ihre Generation, bis heute und möglicherweise noch länger zu spüren. Meine Bitte wäre, nicht in alte Fehler zu verfallen und Beispiele breit zu verallgemeinern. So kann man nicht genau anschauen und beurteilen. Das sollte seriösen Studien vorbehalten sein.
    Die DDR ist ja wenigstens dem Anspruch gerecht geworden, dass sie den Kapitalismus beendet hat. Das hat sie aber trotz Sowjetunion nicht überlebt, der Kapitalismus hat uns ja alle wieder mit entsprechenden Folgen. Sehr geehrte Frau Rabe, viele Menschen sind ob der Entwicklungen in der Welt sehr verunsichert und ängstlich. Ihre Generation sollte mithelfen, die ächzende Welt neu zu denken und zu gestalten. Friedlich, freundlich, gesund, gerecht und kulturvoll.
    Ohne Waffen, ohne Misstrauen, ohne Korruption, ohne Hass, ohne Wachstumswahn, ohne Gewalt.
    Dann wird die Erde vielleicht überleben.

    1. reiner girstl sagt:

      Schoen, ein wichtiger Beitrag, guter Denkanstoss, danke

  10. Laubeiter sagt:

    Was ist die Linie von dem hier zitierten „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben“ der ersten Generalsekretärs der SED zu der Gewalt von Eltern an Kindern in der DDR? Ich dachte, dass ein Gespräch über die durch Gewalt bestimmte eisige Temperatur der Gesellschaft in der DDR (Mauer, Doping, Zensur)damit beginnen könnte, dass genauso wie die kapitalistische BRD auch die kommunistische DDR eine Antwort war auf das nationalsozialistische dritte Reich. Ich glaube den GründerInnen der DDR, dass sie den Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus als bewiesen ansahen und deshalb die Entfaltung der von ihnen als richtig betrachteten Idee des Kommunismus sich nur vorstellen konnten als gewaltsame Kontrolle. Dass dann die kapitalistische BRD sich den Faschismus vom Leib halten konnte, widerlegte den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus und desavouierte die gewaltsame Kontrolle der Bevölkerung. Das hat Jahrzehnte gedauert, und die Jahre in der eisigen DDR lassen sich mit keiner Nostalgie auftauen. Ist Trauer vielleicht ein Weg?

  11. Niemals Klarname im Netz sagt:

    Moin Laubeiter,

    Ihr Bild von einer durch Gewalt bestimmten eisigen Temperatur in der Gesellschaft der DDR die man nicht auftauen könne mit Nostalgie halte ich für ne Fehleinschätzung, jedenfalls was die letzten 20 Jahre der DDR angeht. Tatsächlich war die DDR-Gesellschaft im Alltag eine wesentlich solidarischere und sozialere Gesellschaft als die relativ freieren, aber individualisierten Westdemokratien.

    Also im Zweifel eher wohlig warm statt eiskalt. Nicht weil das System überlegen gewesen wäre oder die Menschen besser; durch die Umstände ist man notegrdungen zusammengerückt. Vieles von der positiven Nostalgie wird sich auf genau diesen Aspekt der DDR beziehen, meiner Meinung nach nicht vollkommen zu unrecht. Das Ostalgie-Ding gibts ja nicht umsonst, die Leute sehnen sich nicht nach einer eisigen DDR zurück, sondern nach einer warmen. Insofern gibt’s da nichts aufzutauen.

    Selbst unter Einbeziehung der negativen Aspekte des Systems, einer erdrückenden Einschränkung durch die Staats-Ideologie auf allen ges. Ebenen oder der Diebstahl der individuellen Eigenverantwortung, passt das Bild der gesellschaftlicher Kälte einfach nicht. Klar wurde es mal eisig, und mitunter auch gewalttätig, wenn man sich am kalten Vorhang stossen musste oder nicht auf Linie war, aber das war ja für den ganz überwiegenden Teil der Gesellschaft nicht der Fall, das sind nur Episoden.

    Die Vorstellung einer auch den privaten Bereich durchdringenden system-spezifischen Gewalt, a la NS- oder KPdsU- oder Mao-Diktatur, ist IMHO ein Klischee, ein Missverständnis, im Allgemeinen man hat sich eher subtil gegenseitig kontrolliert und diszipliniert, nach jahrzehntelanger Gleichschaltung ist eine Internalisierung ja auch kein Wunder. Der Mensch passt sich an.

    Wenn man verallgemeinern muss, hat der DDR-Sozialismus den Menschen eher zum Schaf gemacht, als zum Wolf. Man hatte dort eher zu wenig Druck als zu viel, entsprechend wird zumindest die existenzstressbedingte Gewalt, die ja üblicherweise bei der Familie landet, eher geringer gewesen als in westliberalen Gesellschaften. Der systemspezifische Charakter der DDR ist kein Charakter der rohen Gewalt, sondern ein Charakter der Sedierung. Mein Thermometer zeigt da kein eiskalt sonder ein lauwarm.

  12. Laubeiter sagt:

    als Name in einem Austausch klingt für mich so wie als Computerpasswort. Ich habe Ihre Einschätzung der DDR als sedierend mit Interesse gelesen. Meine Liste der Dinge, die die Temperatur bestimmt haben, umfasste Mauer, Doping und Zensur. Daher die Frage: wie viele Menschen in der DDR wurden durch die Mauer vom Reisen abgehalten, wieviele Menschen, die für Wettkämpfe im Ausland als Leistungssportler trainierten und traniert wurden, unterzogen sich einer Medikation, die im Sport Doping heisst, wie viele Menschen, die etwas veröffentlichen wollten, konnten dies nicht oder nur nach Befolgen von Weisungen der staatlichen Zensur? Selbst wenn diesen Zahlen auf dem Tisch lägen, wäre es nicht so leicht für mich zu sagen, welche Wirkung von Mauer, Doping und Zensur ausging.

  13. Reiner Girstl sagt:

    Um in eine Vergangene Zeit einzutauchen lohnt es ich Bücher aus der Zeit zu lesen, hier in diesem Fall, „die Aula“ von Hermann Kant und „Liebe ist nur ein Wort“ von Johannes Mario Simmel, besser kann man gar nicht, gegensätzliche Welten gespiegelt bekommen, nur die Beschreibungen von Grenzübertritten ist beiden Büchern gleich.
    Natürlich kann man sich auch immer an Cato den älteren orientieren und diesen zitieren.

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