Kinderland

Sommer 2019. Nördlich von Stockholm sitze ich auf der Terrasse des Ferienhauses und blicke auf die windstille Ostsee, als Franzi anruft. Am Tag zuvor hatte ich ihr einen Text von mir geschickt, in dem auch sie vorkommt. Um über unsere gemeinsame Kindheit weiterschreiben zu können, möchte ich mir ihre Erlaubnis einholen. »Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen«, sagt sie, und dann beginnen wir zu reden.

(Der Text ist im Novemberheft 2020, Merkur # 858, erschienen.)

Das Jahr, in dem sich die Öffnung der Berliner Mauer zum dreißigsten Mal jährt, beginnt für mich mit einem Buch. Im Februar war Ines Geipels Umkämpfte Zone – mein Bruder, der Osten und der Hass erschienen. Geipel beschreibt die Gewaltgeschichte des Ostens. Bis zum Fall der Berliner Mauer hat der Teil des Landes, der noch immer als »die neuen Bundesländer« umrissen wird, von 89 Jahren des 20. Jahrhunderts 56 als Diktatur durchlebt. Eine lange Geschichte menschenverachtender Gewalt und Millionen Varianten, diese zu beschweigen.

Im Fernsehen aber beginnt 2019 die Honni-Horror-Picture-Show. Man möchte an die guten Momente erinnern. Kati Witt, das schönste Gesicht des Ostens, Urlaub am Plattensee ohne viel Schnickschnack, das Ost-Sandmännchen, das es nach der Wende auch ins Westfernsehen geschafft hatte, und immer wieder die Medaillen. Wenig Platz findet die harte Realität der sozialistischen Diktatur. Die tödlichen Fluchtversuche, Bautzen, Hoheneck, Jugendwerkhöfe und das Zwangsdoping an Tausenden von Kindern.

Nun soll vor allem die schwierige Zeit nach der glücklichen Novembernacht betrachtet werden. Eine Aufarbeitung der Treuhandgeschichte wird gefordert, denn auf der Politik lastet der Druck der kommenden Landtagswahlen. Spätestens seit Pegida 2014 in Dresden mit ihren islam- und ausländerfeindlichen Demonstrationen begann, ist nicht mehr zu leugnen, dass der Osten Deutschlands eine eigene politische Temperatur hat. Während die Zustimmungswerte im Westen mit dem Aufstieg des völkisch-nationalen Flügels der Alternative für Deutschland schon bei den Europawahlen im Mai deutlich sinken, legen die blaugefärbten Braunen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen so kräftig zu, dass ein AfD-Ministerpräsident in allen drei Ländern möglich scheint.

So weit kommt es zum Glück im Herbst dann nicht, aber das Bekenntnis zur extremen Rechten liegt nun in den fünf ostdeutschen Bundesländern stabil bei oft weit über 20 Prozent. Anders als das gängige Klischee will, findet die AfD ihre Wähler keineswegs vor allem unter alten weißen Männern. Es sind die Alten (fünfundsechzig plus), die mit großer Mehrheit entweder CDUSPD oder Die Linke auf den ersten Platz wählten. In allen jüngeren Altersgruppen konnte die AfD die meisten Stimmen für sich verbuchen.

Ich frage mich, woher das kommt. Woher wir kommen. Warum haben auch die Jungen, die in den achtziger oder neunziger Jahren geboren wurden, dieses Gefühl, »Bürger zweiter Klasse« zu sein, das als Ursache für das Wahlergebnis in den Analysen immer wieder auftaucht? In einer Umfrage der Sächsischen Zeitung vor der Landtagswahl im Herbst stimmten auch 70 Prozent der 18- bis 29-Jährigen dieser These zu. Diejenigen also, die als BRD-Bürger geboren und ohne Diktaturerfahrung aufgewachsen sind.

Ich bin Jahrgang 1986. Kaum hatte ich die sozialistische Namensweihe empfangen, war ich ein Wendekind. Die Erinnerungen an das Land, das meine Geburt beurkundet hat, sind blass. Die Fahnen zum vierzigsten Jahrestag. Kindergartenlieder. Der mit Flieder behangene Besenstiel zum Kindertag. Und meine vorsichtige Frage an der Hand meiner Mutter: »Leben wir in Deutschland?« – »Nein, sagte sie, »wir leben in der DDR

Wenn ich an meine Kindheit in Mecklenburg denke, fallen mir sofort die ersten Takte eines Kinderlieds des sächsischen Liedermachers Gerhard Schöne ein – Kinderland. Bedrohlich wirken die Geigen, die das Lied einleiten, das Schöne dann mit sanfter Stimme vorträgt: »Hinter dem Affenstrand, kurz vorm Schlaraffenland, da liegt Kinderland …« Ein Land, in dem Kinder alles dürfen, weil kein Erwachsener sie gängelt. »Wer da hin will, hebt die Hand. Nach Kinderland.« Mein Kinderland waren die neunziger Jahre an der mecklenburgischen Ostsee, eine Landschaft, in der wir Kinder uns alleine einen Weg durch die Zeit suchen mussten.

In Schweden wird es allmählich dunkel. Franzi und ich legen noch nicht auf. Es ist das erste Mal, dass wir über unsere Schulzeit sprechen und über die DDR. Wir erinnern uns an eine Schulzeit, deren Brutalität uns zwischen unseren Sätzen schlagartig bewusst wird, als wären wir schon lange Träger desselben Geheimnisses und hätten jetzt erst bemerkt, dass wir damit nicht allein waren. Wir denken nicht nur an die Tatsache, dass Neonazis Spielplätze, Jugendclubs und ganze Straßenzüge besetzten, wie es seit Herbst 2019 auf Twitter unter dem Hashtag »baseballschlägerjahre« beschrieben wird. Wir denken an das Schweigen der Erwachsenen, die auf vieles wohl selbst keine Antwort hatten.

Ich erinnere mich zum Beispiel an 1992, den Weg unserer Hortgruppe von der Grundschule zum Hortgebäude. Nachdem uns eine Erzieherin ein paar Mal begleitet hatte, sollten wir die Strecke nun allein zurücklegen. Dabei kamen wir an einem Kiosk vorbei, der es mit dem Jugendschutzgesetz nicht so streng nahm. Hier konnte jeder tanken, was er wollte. Vor diesem Kiosk stand häufig eine Gruppe von jugendlichen Neonazis rum, die sich freute, wenn wir an ihr vorbeimussten. Denn zu unserer Hortgruppe gehörte auch ein vietnamesisches Mädchen. Sie kreisten uns ein und begannen, das Mädchen zu beschimpfen. Unsere Versuche, sie zu verteidigen, belustigten die Kahlköpfe. Ich kann mich an kein einziges Mal erinnern, in dem ein erwachsener Passant auf die Idee gekommen wäre, uns Erstklässlern zu helfen.

Im Gegensatz zu unseren Eltern konnten wir ganz gut erkennen, ob es sich um linke oder rechte Springerstiefelträger handelte. Man erkannte es an den Schnürsenkeln. Waren sie weiß, handelte es sich auf jeden Fall um Nazis. Rote Schnürsenkel hingegen waren die ungefährlichen Ois oder Redskins. Die Erwachsenen hatten keine Zeit, sich um solche Feinheiten zu kümmern. Sie fanden eh, dass das mit den Nazis zu sehr hochgekocht wird. Sie hatten andere Sorgen. Viele wurden arbeitslos, manche Berufe verschwanden ganz. Bei anderen war die Rente existenzbedrohend knapp.

Wie bei meinem Großvater, dem Vater meiner Mutter. In der DDR hatte man ihn mit Preisen behängt und als Propagandist ausgezeichnet. Er hatte nach Moskau reisen dürfen und sogar in die Mongolei. 1990 aber wurde er als staatsnah eingestuft und musste auf einen erheblichen Teil seiner Rente verzichten. Alles war anders. Erzählt hat er davon nie. Ich fand es heraus, als ich in seinem Nachlass Briefe an Politiker und Behörden fand. Darin Variationen seiner Biografie, die dem Gegenüber verständlich machen sollten, dass es sich bei ihm um einen anständigen Menschen handelte. Dass er es nicht verdient hatte, nun für irgendetwas zu büßen. Stalingrad, russische Kriegsgefangenschaft, seine Entscheidung für den Ostteil des Landes, obwohl die Familie ihn um Übersiedlung bat, der Glaube an den Sozialismus, trotz durchaus erkennbarer Fehler. Auf unseren gemeinsamen Spaziergängen hatte er vorsichtig von Stalingrad erzählt. Dass er froh gewesen sei, dass er niemanden erschießen musste. Sei aber nur Glück gewesen. Über seine Kameraden wollte er nicht den Stab brechen. Für die Mauertoten hingegen kannte er kein Mitgefühl. Sie hätten gewusst, was sie erwartet. Genau wie er, als er zusammen mit einem Holländer über sechs Zäune gestiegen war, um aus der russischen Gefangenschaft zu fliehen: »Ein Land hat das Recht, seine Grenze zu verteidigen!«

Diese Härte sich selbst und anderen gegenüber weht wie ein kalter Wind durch meine Erinnerungen. Ich denke an Ricardo und Jonny, mit denen Franzi und ich aufs Gymnasium gegangen sind. Beide waren klein und schmächtig. Jonny hatte Hörgeräte und musste immer in der ersten Reihe sitzen, um alles mitzubekommen. Ricardo saß neben ihm. In den Pausen bezogen die beiden regelmäßig Prügel von den größeren Jungen des Jahrgangs. Einmal warf jemand eine Federtasche nach Ricardo und traf ihn mit voller Wucht an der Schläfe. Ricardo ging ohnmächtig zu Boden. Man richtete ihn wieder auf.

Aber Jonny und Ricardo waren nicht nur in den Pausen Willkür und Gewalt ausgesetzt. Auch die Lehrer hatten ihren Spaß mit ihnen. Nicht nur, dass sie die Übergriffe der stärkeren Schüler ignorierten, die beiden wurden in schöner Regelmäßigkeit an der Tafel vorgeführt. »Leistungskontrolle« nannte sich dieses Ritual, bei dem es nur darum ging, den beiden Jungen zu verdeutlichen, dass sie an dieser Schule nichts zu suchen hatten. Dass solche wie sie überhaupt nur Abitur machen würden, weil es jetzt eben so sei, dass jeder Abitur machen könne.

Irgendwann zitterte Ricardo nur noch und brachte kein Wort mehr heraus. Subjekt, Prädikat, Objekt – das kann doch nicht so schwer sein. Zumal er doch nun am eigenen Leib erfahren hatte, dass er nicht das Subjekt in diesem Satz war und folglich das Prädikat nicht von ihm abhing. Man machte mit ihm. Und mit vielen anderen.

Die Lehrer, die wenige Jahre zuvor ihren Schülern noch vermitteln sollten, dass die DDR das bessere Deutschland ist und der Westen der Klassenfeind, arbeiteten jetzt für diesen Westen und sollten uns auf ein Leben in einer Gesellschaft vorbereiten, die sie selbst nicht kannten. Vielleicht überspielten sie bloß ihre Hilflosigkeit mit dem autoritären Gehabe? Vielleicht machten sie aber auch einfach so weiter wie immer. Man hatte sie übernommen und für brauchbar befunden. Sie schwiegen über die Stasi und über die Funktion, die sie im System innehatten. Dass wir jetzt Partys auf dem Gelände eines ehemaligen Jugendwerkhofs feierten, war weder für sie noch für unsere Eltern Anlass, uns Margot Honeckers menschenverachtendes System der Jugendhilfe zu erklären. Wir wussten trotzdem einiges, zum Beispiel, dass die Russischlehrerin die letzte FDJ-Sekretärin der Schule gewesen war, und zugleich wussten wir nichts damit anzufangen. Das Land, an das wir nur wenige Erinnerungen hatten, war uns seltsam ungenau vertraut – als Referenzsystem für alles, was nun schlechter war – und trotzdem für uns nicht klar zu umreißen. Und wir trauten uns nicht, zu fragen, das verminte Gelände zu betreten.

In dieses Schweigen über das Wesen der DDR-Diktatur knallten die Schüsse von Robert Steinhäuser, Jahrgang 1983, am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. In unserer Schule antwortete man darauf mit einer Schweigeminute. Und wir fragten uns, wer bei uns schießen könnte. Die meisten dachten an Tommy. Tommy, der sich, nachdem er jahrelang von seinen Mitschülern drangsaliert worden war, das martialische Äußere eines Metal-Anhängers mit fettigen, langen Haaren und schwarzem Ledermantel verpasste und die Schulstunden durchschwieg, indem er auf seine Hände starrte, die im Satansgruß aneinandergelegt unter dem Tisch in seinem Schoß ruhten. Was uns vor Tommy schützte, war vielleicht seine Alkoholsucht. Schon in der Neunten begann er am Ende einer Doppelstunde zu schwitzen und ging dann schnell in die Pause, um auf der Toilette an seinem Flachmann zu nippen.

Das Leben nach der Maueröffnung war weitergegangen und hangelte sich an alten Ritualen entlang. Im Jahr 2000 hatte ich Jugendweihe, wie die allermeisten aus meinem Jahrgang. Noch heute machen etwa 70 Prozent der Achtklässler in Mecklenburg diese Ersatzkonfirmation mit. Die Jugendweihe ist keine Erfindung der DDR. Nur hatte sie in der DDR staatspolitische Bedeutung. Wer sich ihr verweigerte, hatte mit Repressionen zu rechnen. Eine Zulassung zum Abitur konnte so jemand zum Beispiel nicht erwarten. Das Ende der Diktatur war seltsamerweise trotzdem nicht das Ende dieses Rituals.

»Erinnerst du dich noch an die Festrede?« Franzi stockt. Dann fällt es ihr wieder ein. Die Festrednerin rezitierte einen anderen Liedertext von Gerhard Schöne – »Der Stein«: »Ein Junge war einmal ganz bockig und böse. Da wußte die Mutter nicht ein und nicht aus. Sie drohte ihm eine Tracht Prügel zu geben und schickte ihn schließlich zum Garten hinaus. Er sollte sich selbst einen Stock draußen suchen. Sie wartete lange, dann kam er herein. Er schaute der Mutter verzweifelt entgegen und trug in der Hand einen faustgroßen Stein. ›Ich find’ keinen Stock‹, so erklärte er ihr, ›den Stein aber kannst du doch werfen nach mir.‹« Ich erinnere mich genau an den Moment, als die Rednerin den Liedertext vortrug. Nervös blickte ich zu meinen Eltern und Großeltern, die mir auf der Tribüne der Mehrzweckhalle gegenübersaßen. Häusliche Gewalt, prügelnde Eltern, das war bisher kein Thema gewesen, keines, über das sich jemand zu sprechen getraut hätte.

Ich frage mich, wie vielen meiner Mitschüler es an dem Tag wohl gegangen ist wie mir. Wie viele haben genauso verstohlen zu ihren Eltern geblickt, wären am liebsten im Boden versunken und wünschten sich nichts sehnlicher, als dass diese Rede ein Ende fände?

Ich glaube nicht daran, dass das Thema Kindesmisshandlung im Themenkarussell für Jugendweihen gerade an der Reihe war. Ich glaube, dass dieses Thema zehn Jahre nach der Wiedervereinigung in der Luft lag.

Ich suche nach Anhaltspunkten in der Vergangenheit. Wie war die Gesellschaft beschaffen, aus der wir kamen? 2001 schreibt die Sozialwissenschaftlerin Sabine Gries in ihrer Dissertation mit dem Titel Kindesmisshandlung in der DDR: »Doch wurden Kinder in der DDR offiziell stets nur unter einem ganz bestimmten Blickwinkel gesehen: als zukünftige Träger einer sozialistischen und als Wegbereiter einer kommunistischen Gesellschaft.« Das Kind war keine individuelle Persönlichkeit, sondern hatte dem Kollektiv zu dienen. Die Eltern hatten, genau wie die staatlichen Erziehungsinstitutionen, die Aufgabe, das Kind zu einer sozialistischen Persönlichkeit – zum »Neuen Menschen« – zu formen. Ein Höhepunkt dieser Erziehung war die Jugendweihe gewesen.

Gries beschreibt die ideologische Betrachtung von Gewalt gegen Kinder im real existierenden Sozialismus. Diese Gewalt wurde als Ausdruck eines bürgerlichen Familienmodells gesehen. Als Ergebnis des Drucks auf die Familie im Kapitalismus. In den sechziger Jahren gab es zwar noch Studien zu Misshandlungen und Kindstötungen in der DDR, die aber schlossen mit der Prognose ab, es handele sich um ein vorübergehendes Phänomen, das mit der Ausbildung der sozialistischen Gesellschaft verschwände. Als diese Prognosen in den siebziger Jahren nicht eintrafen, stellte man die Forschung dazu ein. Die Kriminalstatistik, die auch immer als Beweis dafür herhalten sollte, dass es in der sozialistischen Gesellschaft viel weniger Kriminalität als in westlichen Ländern gebe, hat Kindesmisshandlungen und Kindstötungen gar nicht erst geführt. Genauso sieht es mit der sexualisierten Gewalt gegen Kinder aus. Die unabhängige Untersuchungskommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs kommt im März 2019 in einer Studie zu dem Schluss, dass die sexualisierte Gewalt im Osten weit mehr tabuisiert war als im Westen. Es durfte noch weniger sein, was war, weil es nicht in das Selbstbild des Landes passte.

Die Anforderungen an das sozialistische Kind erinnern in mancher Hinsicht an die Vorgängerdiktatur. Zentrum der Erziehung ist es, sich einem höheren Ziel unterzuordnen. Dafür gilt es, den Körper zu ertüchtigen und den Geist zu schulen – aus dem Rassenbewusstsein wird ein Klassenbewusstsein, aber im Zentrum steht der Hass auf den Feind. Das geht im Kindergarten los und reicht bis ans Ende der Ausbildungszeit. Dazu Erich Mielke noch 1979: »Man muß solche jungen Tschekisten heraussuchen, herausfinden und erziehen, daß man ihnen sagt, du gehst dorthin. Den erschießt du dort im Feindesland. Da muß er hingehen und selbst, wenn sie ihn kriegen, dann steht er vor dem Richter und sagt: ›Jawohl, den hab ich im Auftrag meiner proletarischen Ehre erledigt.‹ So muss das sein, das sind die Aufgaben der FDJ

»Dass man nicht weinen durfte, ist auch so ein DDR-Ding«, sagt Franzi. »Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich mir geschworen habe, nie mehr zu weinen«, sage ich: »Da war ich fünf und mein Bruder drei. Wir haben beim Zähneputzen herumgealbert und irgendwann ist unsere Mutter reingekommen und war natürlich genervt von dem Lärm. Sie riss die Tür auf und sagte dann ganz ruhig: ›Jetzt muss ich euch leider verhauen.‹ Das war sowieso immer der Oberhammer. Dieses Ankündigen. Dieses ganze Geschlage sollte natürlich keine Affekttat sein, sondern eine wohl überlegte Erziehungsmaßnahme. Also Jan und ich stehen da und warten blöd rum, jeder an seinem Waschbecken. Und da habe ich zu Jan gesagt: ›Du darfst nicht heulen. Wenn du heulst, dann freut die sich.‹«

Natürlich hat Jan geweint. Er war gerade drei Jahre alt geworden und konnte nicht anders, als seinen Schmerz herauszubrüllen. Ich aber hielt durch. Ich hielt mich mit beiden Händen am Waschbecken fest, so dass ich meinen Mund auf meinen Handrücken ablegen konnte. Meine größte Angst war es, mir die Zähne am Waschbecken anzuschlagen. Diesen Schmerz würde ich nicht aushalten können. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter es gar nicht fassen konnte und immer weiter schlug. Sie wollte, dass ich weine. Dass ich aufgebe. Aber den Gefallen tat ich ihr nicht. Den Teil von mir, der weinen wollte, der sich nach Trost sehnte und nach Schutz, den vergrub ich tief in mir und würde ihn ihr nicht mehr zeigen. In den Jahren darauf hat sie den Versuch, mich zum Weinen zu bringen, nicht aufgegeben. Manchmal hat sie es geschafft.

Das Schweigen über die Vergangenheit schloss auch das Schweigen über die Gewalt ein. Die Gewalt war schon da, bevor ich dazukam. Ich weiß nicht viel über die Kindheit meiner Eltern, über ihre Freunde oder ihre Hobbys. Welche Musik sie hörten, wovon sie träumten. Aber Jan und ich waren nicht die Ersten, die ihre Körper und Seelen zu verteidigen hatten. Mein Vater und seine Geschwister griffen nicht ein, wenn unser Großvater seine Frau, unsere Oma, durch die Wohnung schubste und boxte. Auch nicht, wenn er sich plötzlich vor mir aufbaute, mich vor der Familie niederbrüllte, wahllos beschimpfte und danach zu sich auf den Schoß zog. Als ich darum bat, nicht von ihm geküsst zu werden und er mir trotzdem seine rotzbenässten Lippen auf meine presste. Meine Mutter ergriff nicht das Wort für ihre Schwester, die aufgrund einer schweren Erkrankung manchmal auf Familienfeiern fehlte, weil sie sich erholen musste. Das nahm man ihr übel. Auch vor uns Kindern wurde schlecht über sie gesprochen – zu faul, zu selbstsüchtig –, das schwarze Schaf der Familie, eine Enttäuschung in allem, was sie tat. Ihre Tochter, unsere Cousine, sollte Jan und mir als schlechtes Beispiel dienen, wenn sie am Zeugnistag wieder einmal nur knapp die Versetzung geschafft hatte. Von der chronischen Krankheit meiner Tante habe ich erst erfahren, als ich bereits erwachsen war. Die Angst, die Gewalt und der Hass hielten unsere Familie fest im Griff und auf Spur.

Franzi erzählt, dass in ihrer Familie immer klar war, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Bei ihr gab es, anders als in meiner Familie, keine Ostalgie, keine Sehnsucht nach dem besseren Deutschland. Aber das gleiche Schweigen. Und eine ähnliche Temperatur.

Die Faktenlage über die Gewalt in den Ostfamilien ist dünn, wie Sabine Gries in ihrer Dissertation schreibt, weil es in einer totalitären Struktur keine freie Forschung geben kann. Als man beschlossen hatte, dass der Sozialismus die kinderfreundlichste aller Welten ist, hat man zugleich das Schweigen beschlossen. Die institutionelle Gewalt jedoch ist belegt. Jugendwerkhöfe, Kinderheime, Kinder- und Jugendsportschulen waren geschlossene Gewaltsysteme. Gerieten Kinder in diese Systeme, waren sie schutzlos ausgeliefert. Kontrollinstanzen gab es nicht.

Meine Jugendweihe und das verpasste Halstuch. Bis 1989 hatten meine Eltern eine klare Vorstellung von ihrer, meiner und Jans Zukunft. Sie würden ihren sozialistischen Verpflichtungen nachgehen und dafür in Sicherheit leben können. Keine Arbeitslosigkeit, bescheidener Wohlstand, keine Überraschungen. Ab und zu ein Urlaub in den Bruderstaaten. Jan und ich würden gute Sozialisten werden. Dann war alles vorbei. Meine Mutter saß vor dem Fernseher, als es passierte. Mein Vater studierte noch und kam nur alle zwei Wochen vorbei. Ein Telefon gab es nicht. Als ihre Welt zusammenbrach, lagen Jan und ich in unseren Kinderbettchen und schliefen. Mehr weiß ich nicht von diesem 9. November. Sie hat nie darüber gesprochen. Von meinem Vater weiß ich, dass er als Einziger seine Arbeitsstunden vollständig ableistete, auch als seine Kollegen von der Baustelle, auf der er nebenbei arbeitete, nach und nach verschwunden sind, weil sie gehört hatten, dass die Grenze offen ist. Das war am 10. November. Von da an wurde die Zeit in zwei Abschnitte geteilt – zu Ostzeiten und zu Westzeiten. Alles, worauf sie gesetzt hatten, war hinfällig. Die frühe Geburt der Kinder, die den Vorteil einer eigenen Wohnung bedeutete. Ein kompletter Neuanfang war mit zwei Kleinkindern nicht möglich. Sie waren Mitte zwanzig und saßen im falschen Leben fest. Das Neue war über Nacht gekommen, und sie hatten es sich nicht ausgesucht.

Die DDR-Regierung wusste, dass sie auf ein demografisches Problem zuläuft. Ähnlich wie im Westen waren die Geburtenraten zu niedrig, weshalb man versuchte, Geburten zu fördern. Dies widersprach der offiziellen Doktrin, denn eigentlich sollte es im Sozialismus nur noch Wunschkinder geben. Niemand sollte mehr aus ökonomischen Gründen Kinder bekommen oder nicht bekommen. Dennoch bevorzugte man junge Familien, etwa bei der Wohnungsvergabe. Außerdem mussten Eltern mit vielen Kindern den vom Staat gewährten Ehekredit nicht oder nicht vollständig zurückzahlen. Dass diese Anreize nicht wirkungslos blieben, zeigt sich in einer Umfrage unter Wöchnerinnen aus dem Jahr 1984. 55 Prozent der Mütter, die ihr drittes Kind bekommen hatten, gaben den dadurch erlangten Krediterlass als Mitgrund für die Schwangerschaft an.

Und nach dem Mauerfall? Die ohnehin schon nicht hohe Geburtenrate von 1,6 Kindern (1988) sank auf 0,7 Kinder pro Frau (1994). Die Ursachen dafür sind sicher vielfältig. Vielleicht war es die ökonomische Unsicherheit, vielleicht die politische Orientierungslosigkeit? Vielleicht aber wollte die Generation meiner Eltern in der Mehrheit auch einfach keine Kinder haben? Mich beschleicht das Gefühl, dass Jan und ich und viele andere zur falschen Zeit am falschen Ort geboren wurden. Ein Kollateralschaden der Geschichte.

Im Internet finde ich einen alten Fernsehbeitrag zu Kindern, die von ihren Eltern nach der Öffnung der Grenze allein im Osten zurückgelassen und schließlich in Heime gebracht wurden. Die Kinder sind etwa so alt wie ich zu der Zeit. Die Eltern geben als Grund für das Zurücklassen in Interviews an, dass sie die Kinder bei ihrem Neuanfang nicht gebrauchen konnten. Sie schämen sich nicht für das, was sie getan haben. Auch die Kinder werden interviewt. Vorsichtig tragen sie ihren Wunsch vor, »die Muttis« mögen sie doch bitte wieder abholen. Sie seien auch nicht böse. Sie sind gewillt, alles zu tun. Nie wieder Blödsinn zu machen. Nie wieder frech zu sein. Nicht der Bestrafende hat Schuld an der Strafe, sondern der Bestrafte.

Ich suche nach Zahlen zu diesen Kindern. Wie viele waren das? Ich rechne mit einigen Dutzend, vielleicht hundert? Aber hier wiederholt sich das, was ich schon zu Kindesmisshandlung und sexuellem Missbrauch gefunden habe. Es gibt keine offiziellen Zahlen, weil diese Kinder nie wirklich erfasst wurden. Aber alle Zahlen, die ich finde, sind erschreckend hoch. Hunderte sollen es 1990 allein in Berlin sein, 1991 wird von 17 500 Kindern gesprochen und schließlich von 100 000. Nicht alle sind in Heimen gelandet, manche sind bei Verwandten oder Freunden geblieben, einige wurden nachgeholt. Aber alle wurden ohne Abschied zurückgelassen. Sie wurden Verwandten übergeben, mit dem Versprechen, sie in ein paar Tagen wieder abzuholen, oder man hatte in Kauf genommen, dass sie in den Wohnungen verrecken. Juristisch wurden die Eltern ausnahmslos nicht belangt. Die Kinder sind in den Wirren der Wendezeit untergegangen. Niemand fühlte sich für sie zuständig.

In einem Essay in der Zeit aus dem Jahr 2013 fordert der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz von der »dritten Generation Ost«, also den Jahrgängen 1975 bis 1985, die Achtundsechziger des Ostens zu werden. Sie sollen ihre Eltern und Großeltern infrage stellen. Gut zwanzig Jahre nach der friedlichen Revolution wäre die Zeit reif dafür.

Franzi und ich, die wir 1986 geboren wurden, gehören nicht mehr dazu. Die Übergänge zwischen den Generationen sind fließend, aber es gibt einen Unterschied zu den älteren Wendekindern. Zwar wurden auch wir noch in der DDR geboren und haben dort die Krippe und den Kindergarten besucht, aber wir waren zu jung, um ein politisches Bewusstsein auszubilden. Die DDR-Strukturen haben wir nicht mehr als Staatsstrukturen erlebt. Sie waren ein unsichtbares, aber engmaschiges Netz von unausweichlichen Selbstverständlichkeiten, die gleichzeitig im Widerspruch zur demokratischen, liberalen Gesellschaft standen. Die Wirkkraft dieser Strukturen war dennoch prägend. Anders als die dritte Generation Ost, die den Großteil ihrer Kindheit in der DDR verbracht hat, haben wir dieselbe Musik gehört und dieselben Fernsehsendungen gesehen wie die westdeutsche Generation Y. Wir haben die gleiche Mode getragen und uns problemlos durch ganz Deutschland, Europa und die Welt bewegt. Aber der Raum, von dem aus wir auf diese neue Welt schauten, war ein anderer.

Die politischen Hoffnungen, die man in die Vertreter der dritten Generation gesetzt hatte, wurden von ihr nicht erfüllt. Kaum war sie ausgerufen, hatte sie auch schon ein Netzwerk gegründet und ein großes Büro Unter den Linden in Berlin-Mitte bezogen. Es ging um Karrieren, nicht um einen politischen Diskurs. Vielmehr sollte die DDR-Erfahrung zu einem besonderen Gütesiegel erklärt werden, die Transformationserfahrung der Nachwendezeit soll besondere Kompetenzen hervorgebracht haben. So richten sich die Forderungen des Netzwerks vor allem auf Teilhabe an den Führungsetagen der Republik. Ähnlich wie sich ihre Eltern, die Vertreter der »Generation Mauer«, mit der DDR arrangiert haben, passen sich die letzten Pioniere der Republik den neuen Gegebenheiten an und versuchen, sich darin zu beweisen.

Die in den achtziger Jahren Geborenen aber schweigen. Für uns gibt es keinen Begriff, nicht einmal den Versuch. Wir bilden kein Netzwerk.

Den Soundtrack unserer Generation, den Soundtrack einer Kindheit und Jugend im Osten der neunziger und nuller Jahre liefert 2019 vielleicht Felix Kummer mit seinem Lied 9010. Er rappt über das Aufwachsen mit Neonazis in Chemnitz. Kummer, Jahrgang 1989, bebildert seine brachialen Lyrics im Musikvideo mit einer Collage aus Kinderbildern vor und nach der Wende, dazu politisches Zeitgeschehen. Es ist klar, die Bilder sind in uns, die DDR ist die Echokammer der Gewalt. Dennoch ist auch ein Bekenntnis darin: Ich komme aus dem Osten, ich gehöre dazu. Ich weiß, wovon ihr redet. Ich kenne die Lieder, die ihr singt, wenn ihr betrunken seid. Ich verstehe eure Witze. Kummer ist darin vermutlich ein typischer Vertreter unserer Generation, von der es heißt, viele würden in den Osten zurückkehren oder es sich zumindest wünschen. Sein besonderes Markenzeichen ist sein Bekenntnis zu Chemnitz oder wie er gerne sagt: Karl-Marx-Stadt. Der erste Hit seiner Band Kraftklub hatte die Punchline: »Ich will nicht nach Berlin.« Ein trotziger Provinzstolz. Von Abrechnung keine Spur. Wir fragen unsere Eltern immer noch nicht, wie sie sich in der Diktatur verhalten haben.

Die Faktenlage zur DDR ist eindeutig. Keine Epoche der deutschen Geschichte ist so gut erforscht wie die vierzig Jahre SED-Diktatur. Wir sind keine Kinder mehr, sondern Erwachsene, die dieses Land mitgestalten. Doch könnte meine Generation in den Ländern alleine wählen, stellte die AfD die Ministerpräsidenten. Björn Höcke wäre thüringischer Landesvater.

Da ist eine Wut und der Hass auf all das, was anders ist. Auf den Westen, die Juden, die Ausländer. Sie zeigt sich an der Wahlurne. Sie zeigt sich in den Neunzigern, als Jugendliche Asylbewerberheime anzündeten. In der Gewalt gegen Flüchtlinge nach 2015. Sie hat das Gesicht von Robert Steinhäuser. Die Gesichter von Zschäpe, Böhnhardt, Mundlos und den Unterstützern des NSU. Wut über die Treuhand, die uns als Stichwort allein ausreicht. Die DDR hingegen wird zum Sehnsuchtsland. Pittiplatsch und Schnatterinchen. Knusperflocken und Schlagersüßtafel. Weihnachten in Familie. Wir bestehen darauf. Die Probleme kamen danach, nach der Wende. Als es den Eltern schlecht ging. Als sie uns in der Ruinenlandschaft alleine ließen.

Auch wir wollen nicht die Achtundsechziger des Ostens sein. Wir wollen nicht aufräumen. Wir gucken nicht hin. Wir wählen mehrheitlich AfD. Wir feiern Hochzeit auf Honeckers Jagdschloss. Wir reden nicht über das, was war, und das, was zwischen uns steht. Wir fordern Verständnis vom Westen, ohne selbst verstehen zu wollen, wo wir herkommen. Eigentlich müssten wir die »letzte Generation Ost« sein. Doch danach sieht es nicht aus. Der Osten und der Westen sind so weit voneinander entfernt wie vielleicht noch nie seit 1989. 2020 ist ein neues Jubiläumsjahr. Das wiedervereinigte Deutschland wird dreißig, wird erwachsen. So wie wir erwachsen geworden sind. Jetzt liegt es an uns, eine Sprache für all das zu finden.


19 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Artikel. Ich bin Jahrgang 86 und habe meine Kindheit und Jugend in Ostberlin und teils in Vorpommern verlebt. Mit 16 folgte der erste Versuch, unserer Namenlosen Generation eine Stimme zu verleihen, ich schrieb. Ich schreibe immer noch und immer wieder an DEM Text, der zum Ausdruck bringt, was wir eigentlich sind. Sie haben einen tollen Beitrag dazu geleistet und mit Mut gemacht, weiterzuschreiben.

    1. Anne Rabe sagt:

      Liebe Johanna Sailer,

      ich bin gespannt auf Ihren Text und danke fürs Lesen und den Kommentar.

      Herzliche Grüße,
      Anne Rabe

  2. Roman Yos sagt:

    Vielen Dank für Ihren Beitrag, den ich mit viel Zustimmung gelesen habe. Ich bin Jg. 1979 und in Leipzig aufgewachsen. Ich finde es nicht schlimm, dass „wir kein Netzwerk“ bilden. Ihre Kritik an der damaligen „dritten Generation Ostdeutschland“ als einer Lobbyinitiative teile ich. Die Schattenerfahrungen der „Baseballschlägerjahre“ kamen dort kaum zur Sprache. Als kritische Einzelstimmen in Literatur, Wissenschaft und Politik ist „unsere Generation“ aber durchaus präsent, auch wenn die Erfahrung der Wende- und Nachwende-Jugend nicht immer unmittelbar im Vordergrund stehen mag. Wir sind eben nicht die geborenen Lauttöner, wenn man das so sagen darf. Das Grundthema Ihres Beitrags ist ein Lebensthema, ein Text oder „Der“ Text, wie Johanna Sailer oben schreibt. An ihm sitzt man ständig und immer wieder, auch wenn er vielleicht gar nicht zum Abschluss kommt.

    1. Anne Rabe sagt:

      Lieber Roman Yos,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben natürlich Recht, wir sind nicht sehr laut. Und vielleicht braucht es auch kein lautes Auftreten. Ich denke aber, dass es wichtig wäre, sich auszutauschen, um zu verstehen und weitergehen zu können. Das Schweigen drückt so vieles ins Unterbewusstsein, wo es dann ungute Bahnen zieht. Schön, dass Sie einiges erkennen und gleichzeitig auch traurig.

      Sehr herzliche Grüße,
      Anne Rabe

  3. Sylvia Dr. Neuhäuser-Metternich sagt:

    Danke für diesen Text, der mich erschüttert hat. Nach Kriegsende geboren, wurde mein Blick nur nach dem Westen ausgerichtet, vom Osten wusste ich nichts, kannte nur die Gefahr: „Die Russen kommen!“
    Aber Sie schreiben eine wunderbar präzise und anrührende Sprache und stehen damit in einer Tradition der größten deutschen Schriftsteller/innen, von denen ja viele aus dem Osten kommen- ex oriente lux! Vielen Dank!

    1. Anne Rabe sagt:

      Liebe Frau Dr. Neuhäuser-Metternich,
      vielen Dank für dieses große Kompliment. Es gibt Unterschiede in den Erfahrungen der Generationen, aber auch Gemeinsamkeiten. Über beides lohnt sich der Austausch, um so zu mehr Verständnis und einer gemeinsamen Geschichte zu kommen.

      Herzliche Grüße,
      Anne Rabe

  4. Werner Schütz sagt:

    Da kommt jemand mit den üblichen Klischees, denke ich, mit Pegida, AfD und dem Elend des Ostens, will den Text schon wegklicken, doch dann wird’s spannend. Warum? Weil es, so empfand ich es, ehrlich wird.- Tja, die Gewalt gegenüber Kindern könnte eine Ursache für die heutige politische Situation im Osten sein. Habe ich das richtig verstanden? Über die Ursache der demographischen Situation – in Ost wie West – darf man sich aber auch Gedanken machen. Hier spielt meines Erachtens der Leistungsdruck die entscheidende Rolle.

    1. Anne Rabe sagt:

      Lieber Herr Schütz,

      schön, dass Sie weitergelesen haben. Es gibt natürlich keine Monokausalitäten, ich denke aber, dass es sich trotzdem lohnt, einzelne Aspekte genau zu betrachten.

      Herzliche Grüße,
      Anne Rabe

  5. Reiner Girstl sagt:

    Das wesentliche Problem der Betrachtung von Deutschland in der Zeit von 1949 bis 1989 ist eine Frage des Standorts des Betrachters. Der Bewohner einer Sozialsiedlung der mit Sozialhilfe aufgewachsen ist, würde ein ganz anderes Bild zeichnen, als Christian Kracht in Faserland, wenn es um Westdeutschland in dieser Zeit geht.
    Steffen Mau hat in „Lütten Klein – Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“, einen Blick auf die technokratische Schicht der DDR in der Neubaustadt gezeichnet, Uwe Tellkamp in „der Turm“, ein Abbild des konservierten Bürgertums, das sich gleichzeitig zur vollkommenen Anpassung gezwungen sieht, um die selbst gesteckten Ziele zu erreichen.
    Flake hat ein Bild der 80 Jahre der DDR gezeichnet, das nicht so viel anders ist, vom verhalten und Lebens Verständnis, von Jugendlichen der Bundesrepublik, die dasselbe Freiheitsverlangen haben, wie Christian Lorenz und Paul Landers, die Muster die Verhaltensweisen sind nicht so viel anders, als bei Ihren West Gegenübern, die sich für den partiellen Ausstieg aus dem Vorgegebenen der Gesellschaft entschieden haben.
    Wenn man Hermann Kants Roman „die Aula“ liest ist man ehr erstaunt, wie viel Altes gerade am Anfang der DDR steht und hier überlebt. Das Westbild der vergleichbaren Zeit ist Walsers „Ehen in Philippsburg.

    Was die Rhetorik von der geübten demokratischen Tradition in Westdeutschland angeht, kann man nur lachen, es gibt nicht umsonst das Bild der 70 Jahre, als „Rotes Jahrzehnt“ in dem viele später erfolgreiche Grünen Politiker, Stalin, Lenin, Mao und Pol Pot als ihre Helden verehrt haben und in kommunistischen Sekten waren. Auch Terroristen waren damals durchaus beliebte Menschen und Freiheitskämpfer. Für die haben auch spätere Minister demonstriert. Einzig und allein der „Deutsche Herbst“ sorgte für Veränderung und umdenken. Aber die breit geübte Gewalt kam zurück, mit Hausbesetzungen und Kämpfen um AKW Bauplätze, der Kanzler saß voller Unverständnis im Kanzleramt und ein Nachwuchs Politiker seiner Partei sagte nur, mit seinen Tugenden könne man auch ein „KZ“ betreiben, was in Wahrheit ausdrückte die Täter sind mitten unter uns, was zu einem gewissen Anteil, das „Rote Jahrzehnt“ erklärt.

    Die 80 Jahre fingen mit der Revolte von 81 an, kommend aus Zürich und gingen in direkter Aktion und Gewalt weiter, Krawalle und Straßenschlachten gehörten zu den 80 Jahren in Westdeutschland, nicht nur am 1. Mai in Berlin sondern öfters. Wer auch hier zu ein Buch braucht, „Neue Vahr Süd“ von Sven Regner, zeichnet ein Bild.

    Den Theoretikern des Terrors, den Praktikern des Terrors und den Straßenkämpfern und aktivistischen Dauerdemonstranten, standen die Jugendlichen gegenüber, die in den 80 Jahren erwachsen wurden und ähnlich wie Christian Lorenz und Paul Landers, ihren Hedonismus lebten, von der wohlhabenden Seite ist Christian Kracht einer der typischen Vertreter, ein typischer Vertreter von der anderen Seite wäre Dr. Motte. Dr. Mottes hinterlässt keine Theorie lästigen Texte und keine Literatur. Der Literatur Vertreter Rainald Goetz hat bei allen ehr den Blick von außen.

    Abschließend will ich nur folgendes sagen, wenn die Entwicklung anders herum gelaufen wäre und Westdeutsche aus den nicht privilegierten Kreisen ihr Leben in Westdeutschland beschreiben würden, dann würden sie von Arbeitslosigkeit, Armut, Geldmangel, über das Leben in beengten Wohnverhältnissen schreiben, der Bildungstriage, die sie erlebt haben darstellen, die sie entweder am Studium gehindert hat oder zum Sozialarbeiter beziehungsweise Ingenieur werden ließ. Aber die letztlichen Elite Berufe einer geschlossenen Elite vorbehalten hat, die in sich geschlossen und konservativ ist. Nicht umsonst ist Campinos Bruder bei einer Großkanzler als Wirtschaftsanwalt tätig und nicht Anwalt für Armenrecht.

    Natürlich gibt es auch hierzu Bücher vor dem französischen Kontext von Didier Eribon.

  6. Guten Tag aus dem Remstal bei Stuttgart, sehr geehrte Frau Rabe,
    ich bin Jahrgang 1947 und geboren im Osten Berlins, später mit den Eltern „rübergemacht“ nach dem Wetteil der Stadt. Bis zum Mauerbau kannte ich die Entwicklung auf beiden Seiten der Grenze, da ich meine Ferien regelmäßig bei den Großeltern in Pankow oder in Rüdersdorf bei Berlin verbracht habe. Das volle Ausmaß der Herzlosigkeit des DDR-Erziehungssystems ist mir aber gerade erst eben beim Lesen Ihres Aufsatzes bewusst geworden. So wie ich nie daran gezweifelt hatte, dass die Trennung der beiden Teile Deutschlands nicht von Dauer sein könne, so möchte ich auch nicht daran zweifeln, dass Ihre Generation, die auch die Generation meiner Töchter ist, es doch noch schaffen wird, hinzuschauen und aufzuräumen. Ich glaube fest daran, dass ich dies noch erleben werde.

    1. Anne Rabe sagt:

      Lieber Herr Beith,

      vielen Dank für Ihre Worte. Ich denke auch, dass Aufarbeitung ein wichtiger Prozess ist, der immer wieder neu angestoßen werden muss und auch wird. Und ich hoffe auch sehr, dass sich die Stimmen mehren, auf das man zu einem umfangreichen Bild kommen kann.

      Herzliche Grüße nach Remstal,
      Anne Rabe

  7. Niemals Klarname im Netz sagt:

    Liebe Frau Rabe,

    interessant, ich finde nur den Ost-Bezug sehr überstrapaziert. Bin 1980 Ost-Berlin geboren, 1996 nach Westdeutschland migriert. Die verschiedenen Brutalitäten die Sie hier beschreiben findet man IMHO in jeder anderen Gesellschaft genauso, besonders was den Familienspace angeht und die Strassengewalt von verrohten perspektivlosen Alpha-Männchen. Ich kann da wenig Ost-spezifisches ausmachen. Gab’s im Westen auch, gibt’s heute immer noch, überall.

    Bei der Sache mit dem Mobbing in der Schule würde ich sogar konstatieren dass sowas im Osten tendenziell weniger vorkam als sonst auf der Welt, weil das Konzept des Klassenkollektivs ideologisch doch recht hart gepusht wurde. Entsprechend wurde (bei uns zumindest) nur gegen die Parallelklassen gehasst, bzw. gegen andere Schulen, nicht gegen die Schwächeren in der eigenen Klasse. Das Jungpionier-Ding hatte tatsächlich mehr positive Seiten als heute erzählt wird.

    Für mich riecht das Stück, insbesondere mit diesem Aufarbeitungsaufruf, von wegen Eltern und Grosseltern in Frage stellen und so, nach einer Überdosis ideologischer Theorie. Sehr identitätspolitisch dieser Ostbezug und übersensibel. Die Grosseltern und Eltern haben halt in einer anderen Zeit gelebt (die im Westen auch, die in Nahost auch, die in Nordamerika auch) und mussten um es mal salopp zu sagen, Mengen an Scheisse fressen, die sich meine und Ihre Generation und die Millenials heute schon garnicht, nicht vorstellen können.

    Meine Mutter fragt mich manchmal wegen der Prügel und ich sage Ihr immer dass ich mich an keine Episode erinnern kann wo ich es nicht verdient gehabt hätte. Eher unterdosiert in meinem Umfeld. Das mag anderen Menschen anders gegangen sein, aber ich persönlich hatte keine sadistischen Eltern sondern einfach nur überforderte und ihrerseits autoritär erzogene. Dafür mein volles Verständnis. Die Frau stand mit 16 in der Konservenfabrik, hat dann Ausbildungen gemacht, Krankenschwester, Studium, nebenbei 2 Kinder grossgezogen, dann Zollaufbahn. Immer im Dreischichtdienst, und nebenbei in der Mangelwirtschaft Top-Essen auf den Tisch gestellt.

    Dieser Generation sollte man dafür zuallererst mal Respekt zollen, dann kann man vielleicht vorsichtig Fragen stellen. Diese Vorwurfshaltung die man da aus Richtung des 68ers ahnt ist IMHO überhaupt nicht angebracht.

    Das gilt für die Großelterngeneration übrigens auch. Die hatten es noch schwerer. Nicht nur die Kriegsheimkehrer sind durch die Hölle gegangen, auch die Großmütter im Osten; sie wissen was ich meine.

    Lieben Gruß

    1. Anne Rabe sagt:

      Lieber Niemals Klarname im Netz…

      vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Wir kommen zu unterschiedlichen Bewertungen der Geschichte, auch wenn Sie die Traumata der Generationen und auch die daraus folgende Gewalt bestätigen. Ich würde dennoch infrage stellen , dass ein Kind Prügel verdient hätte und sehr würde ich anzweifeln, dass es in einem Umfeld zu wenig Prügel geben kann. Nicht grundlos ist der Gesetzgeber zu dem Schluss gekommen, dass es sich dabei um Straftaten handelt. Ich würde mich auch sehr über Texte freuen, die in anderen gesellschaftlichen Konstruktionen, wie zB Westdeutschland, die Strukturen, die zu Gewalt führen, offenlegen. Um Probleme bewältigen zu können, muss man sie genau analysieren. Dies ist nun ein Text über den Osten, der gar nicht sagt, dass es im Westen keine Gewalt gab und gibt.
      Die negativen Folgen der Gewalt sowohl für den Einzelnen, als auch für die Gesellschaft sind ja umfassend belegt. Was nicht bedeutet, dass es nicht auch resiliente Menschen geben kann, die keine negativen Folgen davon tragen. Ich gehe der Frage nach, warum unsere Generation jetzt so besonders nach autoritären Strukturen ruft (auch die Ergebnisse der jüngsten Autoritarismusstudie legen das nahe) und Sie beschreiben ja selbst, dass Ihre Mutter und die Großeltern durch ihre autoritäre Erziehung geprägt wurden, weshalb sie ebenfalls autoritär und gewalttätig Ihnen gegenüber auftraten. Dass dieses Phänomen in der DDR auch von staatlicher Seite unterstützt wurde, bestätigen Sie ja auch, wenn Sie über das Klassenkollektiv schreiben. Deshalb halte ich es für unwahrscheinlich, dass diese aktuellen politischen Phänomene (und da unterscheidet sich der Osten sehr vom Westen) nichts mit dieser autoritären Erziehung durch Familie und Staat zu tun haben.
      Aufarbeitung,Verständnis und Respekt vor den älteren Generationen müssen sich nicht widersprechen und ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie ebensoviele Verständnis für sich wie für Ihre Mutter haben.

      Herzliche Grüße,
      Anne Rabe

  8. Laubeiter sagt:

    Ich empfinde eine neue Atmosphäre hier im blog, Sie antworten als Autorin auf die Kommentare, eine Insel des persönlichen Austausches im anonymen Internet. Sie haben etwas preisgegeben von sich. Ich weiss nicht, ob ich auf mein Pseudonym verzichten möchte, vielleicht wäre das fair. Mir fiel bei Ihrem Text die Lektüren der Autobiographie „Paradies“ von Hünniger ein, in dem auch von Schweigen der Eltern die Rede ist, und Annette Simons Aufsätze, die die Unterdrückung von Pluralität im Einparteienstaat beklagen. Ich habe eine Idee, wie die Generationen, die in der DDR gelebt haben, miteinander reden könnten: Wenn die Verbrechen des Nationalsozialismus als Bürde für den Neuanfang betrachtet werden, sind die zwei Konzepte BRD und DDR als Versuche, es besser zu machen und neues Unrecht zu verhindern, moralisch begründet. Wenn dann darüber gesprochen wird, wie die DDR-Führung ihre Bevölkerung unterdrückte und wie dies in die Unterdrückung von Kindern durch ihre Eltern mündete, so ist dies ein Scheitern des Wunsches, kein neues Unrecht zuzulassen. Etwas unpersönlich, meine Ausdrucksweise.

    1. Anne Rabe sagt:

      Lieber Laubeiter,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Die Anonymität im Internet hat ihre Berechtigung und kann zu einem offeneren Austausch führen, solange man die Umgangsregeln des nicht anonymen Austauschs einhält. Dass ich hier antworte hat auch damit zu tun, dass ich mir tatsächlich einen Austausch zu diesen Themen wünsche und sicherlich auch damit, dass es ein sehr persönlicher Text ist.
      Ich würde Ihnen ein wenig widersprechen, bei den Grundkonzepten der beiden deutschen Staaten (zumindest für den Ostteil, mit der BRD habe ich mich nicht so ausführlich beschäftigt, dass ich mir da hier so ein Urteil erlauben würde). Sie beschreiben damit einen der Gründungsmythen der DDR, der mir aus vielen Erzählungen insbesondere der Gründergeneration sehr bekannt ist (und ja, es mag die Hoffnung gewesen sein bei vielen). Wenn man jedoch genau hinsieht, erkennt man, dass die DDR dem Anspruch in keinem Moment gerecht geworden ist. Ich empfehle Ihnen dazu das Buch „Die Moskauer“ von dem Historiker Andreas Petersen, der vor allem die stalinistischen Anfänge der DDR untersucht hat und sehr genau nachvollzogen hat, was den deutschen Kommunisten im Moskauer Exil zugestoßen ist. Auch das Buch „Umkämpfte Zone“ von Ines Geipel ist in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich. Berühmt geworden ist ja auch der Ulbrichtsatz: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ Das schließt ja die Gewalt schon ein, denn wenn man alles in der Hand hat, bedeutet das zwangsläufig, dass man keine anderen Meinungen, keine Diskurse zulassen kann. Dies alles soll natürlich nicht heißen, dass es nicht auch bei vielen jungen Menschen gute Absichten gab. Aber es gab eben auch das Trauma des Krieges und der Nazidiktatur, das für die Kontinuität der Gewalt blind gemacht hat. (so in aller Kürze) Dies gilt es nicht zu verurteilen, aber zu beurteilen und genau anzuschauen, um daraus lernen zu können.

      Herzliche Grüße,
      Anne Rabe

  9. Bernd Schirmer sagt:

    Ich bin Jahrgang 1951, freue mich über die Gelegenheit, mich hier äußern zu können. Möchte mich auf zwei Aspekte beschränken.
    Aspekte, die mir verstärkt erst im Nachdenken in der Zeit nach der DDR aufgestoßen sind.
    Das erste ist, dass bei den Bewertungen von Vorgängen in Deutschland nach 1945 nie vergessen werden sollte, welch Chaos und welche Zerrüttung zwei Weltkriege hinterließen, in der Bevölkerungsstruktur, in der Wirtschaftsgrundlage, in der Wohn- und Ernährungssituation, in den Köpfen. In beiden deutschen Staaten wurden nicht wenige nationalsozialistisch belastete Fachleute herangezogen mit entsprechenden Folgen.
    Ein Beispiel ist die Situation von Heimkindern, die in beiden deutschen Staaten bis weit in die siebziger Jahre aus heutiger Sicht als katastrophal zu bezeichnen ist. Vieles konnte nicht anders laufen, dazu waren die Menschen gar nicht vorhanden.
    Auswirkungen sind bis in Ihre Generation, bis heute und möglicherweise noch länger zu spüren. Meine Bitte wäre, nicht in alte Fehler zu verfallen und Beispiele breit zu verallgemeinern. So kann man nicht genau anschauen und beurteilen. Das sollte seriösen Studien vorbehalten sein.
    Die DDR ist ja wenigstens dem Anspruch gerecht geworden, dass sie den Kapitalismus beendet hat. Das hat sie aber trotz Sowjetunion nicht überlebt, der Kapitalismus hat uns ja alle wieder mit entsprechenden Folgen. Sehr geehrte Frau Rabe, viele Menschen sind ob der Entwicklungen in der Welt sehr verunsichert und ängstlich. Ihre Generation sollte mithelfen, die ächzende Welt neu zu denken und zu gestalten. Friedlich, freundlich, gesund, gerecht und kulturvoll.
    Ohne Waffen, ohne Misstrauen, ohne Korruption, ohne Hass, ohne Wachstumswahn, ohne Gewalt.
    Dann wird die Erde vielleicht überleben.

    1. reiner girstl sagt:

      Schoen, ein wichtiger Beitrag, guter Denkanstoss, danke

  10. Laubeiter sagt:

    Was ist die Linie von dem hier zitierten „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben“ der ersten Generalsekretärs der SED zu der Gewalt von Eltern an Kindern in der DDR? Ich dachte, dass ein Gespräch über die durch Gewalt bestimmte eisige Temperatur der Gesellschaft in der DDR (Mauer, Doping, Zensur)damit beginnen könnte, dass genauso wie die kapitalistische BRD auch die kommunistische DDR eine Antwort war auf das nationalsozialistische dritte Reich. Ich glaube den GründerInnen der DDR, dass sie den Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus als bewiesen ansahen und deshalb die Entfaltung der von ihnen als richtig betrachteten Idee des Kommunismus sich nur vorstellen konnten als gewaltsame Kontrolle. Dass dann die kapitalistische BRD sich den Faschismus vom Leib halten konnte, widerlegte den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus und desavouierte die gewaltsame Kontrolle der Bevölkerung. Das hat Jahrzehnte gedauert, und die Jahre in der eisigen DDR lassen sich mit keiner Nostalgie auftauen. Ist Trauer vielleicht ein Weg?

  11. Niemals Klarname im Netz sagt:

    Moin Laubeiter,

    Ihr Bild von einer durch Gewalt bestimmten eisigen Temperatur in der Gesellschaft der DDR die man nicht auftauen könne mit Nostalgie halte ich für ne Fehleinschätzung, jedenfalls was die letzten 20 Jahre der DDR angeht. Tatsächlich war die DDR-Gesellschaft im Alltag eine wesentlich solidarischere und sozialere Gesellschaft als die relativ freieren, aber individualisierten Westdemokratien.

    Also im Zweifel eher wohlig warm statt eiskalt. Nicht weil das System überlegen gewesen wäre oder die Menschen besser; durch die Umstände ist man notegrdungen zusammengerückt. Vieles von der positiven Nostalgie wird sich auf genau diesen Aspekt der DDR beziehen, meiner Meinung nach nicht vollkommen zu unrecht. Das Ostalgie-Ding gibts ja nicht umsonst, die Leute sehnen sich nicht nach einer eisigen DDR zurück, sondern nach einer warmen. Insofern gibt’s da nichts aufzutauen.

    Selbst unter Einbeziehung der negativen Aspekte des Systems, einer erdrückenden Einschränkung durch die Staats-Ideologie auf allen ges. Ebenen oder der Diebstahl der individuellen Eigenverantwortung, passt das Bild der gesellschaftlicher Kälte einfach nicht. Klar wurde es mal eisig, und mitunter auch gewalttätig, wenn man sich am kalten Vorhang stossen musste oder nicht auf Linie war, aber das war ja für den ganz überwiegenden Teil der Gesellschaft nicht der Fall, das sind nur Episoden.

    Die Vorstellung einer auch den privaten Bereich durchdringenden system-spezifischen Gewalt, a la NS- oder KPdsU- oder Mao-Diktatur, ist IMHO ein Klischee, ein Missverständnis, im Allgemeinen man hat sich eher subtil gegenseitig kontrolliert und diszipliniert, nach jahrzehntelanger Gleichschaltung ist eine Internalisierung ja auch kein Wunder. Der Mensch passt sich an.

    Wenn man verallgemeinern muss, hat der DDR-Sozialismus den Menschen eher zum Schaf gemacht, als zum Wolf. Man hatte dort eher zu wenig Druck als zu viel, entsprechend wird zumindest die existenzstressbedingte Gewalt, die ja üblicherweise bei der Familie landet, eher geringer gewesen als in westliberalen Gesellschaften. Der systemspezifische Charakter der DDR ist kein Charakter der rohen Gewalt, sondern ein Charakter der Sedierung. Mein Thermometer zeigt da kein eiskalt sonder ein lauwarm.

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