Bombennacht Dresden

Eine ältere Deutsche und ein junger amerikanischer Kriegsgefangener werden im Februar 1945 zu Augenzeugen der grauenvollen Luftangriffe auf Dresden. Von ihrIda Kästner, besitzen wir zahlreiche Postkarten und Briefe an ihren geliebten Sohn Erich; von ihm, Kurt Vonnegut, den Roman Slaughterhouse-Five, publiziert 1969 und schon wenige Monate später unter dem Titel Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug auch auf Deutsch erschienen. Das Buch löst kurzzeitig eine kontroverse Debatte aus, steigt anschließend rasch zum Klassiker der Antikriegsliteratur auf und gehört deshalb bis heute zum Lektürekanon an vielen Schulen und Universitäten in den USA wie in Deutschland.

(Der Text ist im Novemberheft 2020, Merkur # 858, erschienen.)

Die Schreiben der Frau Kästner sind, wie Sven Hanuschek in Wir leben noch zeigt,1 zwar voller Leidenschaft, doch letztlich wenig aussagekräftig und voller Wiederholungen. Vor allem versichert sie ihrem geliebten Erich immer wieder, dass »Muttchen und Papa« ihn vermissen, es ihnen ansonsten aber gut gehe. Die weitgehende Zerstörung der Stadt kommt bei ihr kaum vor, und wir erfahren wenig, was wir nicht schon wissen. Vonnegut dagegen hat, wie sich später herausstellte, vieles ziemlich verzerrt. Laut Hanuschek sind beide Quellen also mit Vorsicht zu genießen. Haben uns Ida und Kurt also überhaupt noch etwas zu sagen?

Meine erste Reise nach Dresden, im Jahr 1987, habe ich noch gut in Erinnerung. Ich war mit Schülern meiner High School unterwegs, und eines düsteren Nachmittags erkundeten wir die Stadt zu Fuß. Wir sahen den wiederaufgebauten Rumpf des berühmten Zwingers, die Schuttreste der einst so wunderschönen Frauenkirche und die rußige Fassade der ebenfalls wiederaufgebauten Semperoper, die von Baulücken wie von einfachen DDR-Wohnbauten gleichermaßen Abstand zu halten schien. Es war damals noch eine Seltenheit, dass das Bombardement als Kriegsverbrechen benannt wurde. Der uns zugeteilte örtliche Reiseführer allerdings, ein älterer Mann, sagte uns auf den Kopf zu, dass wir an all dem schuld seien. Zwei Siegermächte, Großbritannien und die USA, hätten abseits aller legitimen militärischen Ziele einen Racheakt an der wehrlosen Zivilbevölkerung einer Stadt verübt. Hätte es hier kriegsrelevante Infrastruktur gegeben, hätten die Alliierten mit ihrem Großangriff wohl kaum so lange gewartet; die deutsche Niederlage sei schließlich längst absehbar gewesen. Ich hatte Vonnegut im Studium gelesen, und seine gespenstisch genauen Beschreibungen der Feuerstürme haben sich meinem Gedächtnis eingebrannt.

Dresden geht die Amerikaner noch immer etwas an, denn die Bombennacht wirft einen Schatten auf das uns so teure Bild unserer Nation als glorreicher Befreierin Europas vom Nationalsozialismus. Dieses heroische Selbstbild wird an vielen bedeutenden öffentlichen Orten präsent gehalten, nicht zuletzt an der Fassade des United States Holocaust Memorial Museum, dessen Eingang an der National Mall, der Washingtoner Prachtstraße, uns vermittelt, wie General Eisenhower ein Konzentrationslager befreite.2 Die amerikanische Kultur strotzt vor unkritischen, selbstgefälligen Äußerungen zur eigenen Rolle im Zweiten Weltkrieg, dem letzten »good war« (Studs Terkel), in dem die »greatest generation« (Tom Brokaw) die Verfolgten und Unterdrückten Europas heldenhaft errettete.

Doch das liebevoll gehütete Narrativ von der Geburt der Supermacht Amerika als Speerspitze der freien Welt verliert an Glaubwürdigkeit, seit eine schamlose Politik des »America first« zur Kündigung von Verträgen und zum Rückzug aus internationalen Organisationen führt. Gerade in der Ära Trump, in der das Ansehen der USA, vor allem in Europa, auf ein neues Nachkriegstief gesunken ist, halten wir vielleicht umso verzweifelter an Bildern vergangenen Ruhms fest. So gesehen spricht einiges dafür, dass Dresden den Amerikanern mehr bedeuten könnte als vielen Deutschen, für die der Zweite Weltkrieg aus naheliegenden Gründen ohnehin keine Bezugsgröße darstellt, auf die sich eine positive nationale Identität gründen ließe.

(…)

 


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