Dahrendorfs Welt

Wenn die Verhältnisse unübersichtlich werden, weil es in der Mitte brodelt und die auf der Brücke nur noch auf Sicht steuern, ist die Soziologie gefragt. Die Historie ist zu weit weg und die Ökonomie zu nah dran. Weder die universalhistorische Betrachtung über die Geschichte von morgen noch die Konjunkturprognose fürs nächste Vierteljahr befriedigen die Deutungsbedürfnisse des Publikums, wenn einem der Boden unter den Füßen wegzubrechen scheint. Man wendet sich der Soziologie zu, weil die einem etwas über Gewinner- und Verlierergruppen, über konkurrierende Werte und über morsche Institutionen und flexible Mechanismen zu sagen hat. Die kognitive Mischung aus Realismus und Idealismus passt zu Zeiten eines drohenden sozialen Wandels. Jedenfalls im Prinzip und wenn das entsprechende Angebot vorhanden ist.

(Der Text ist im Novemberheft 2020, Merkur # 858, erschienen.)

Ein Meister in dieser soziologischen Kunst war Ralf Dahrendorf, der uns heute darüber aufklären würde, dass es die offene Gesellschaft gebietet, dass die Märkte wieder in Gang kommen, dass der Staat einer Mehrheit der Menschen trotzdem Schutz bietet und dass irgendjemand für das metaphysische Quantum sorgt, das Bindung verheißt und Orientierung ermöglicht. Und man würde ihm glauben, dass er seine Anmerkungen zur Lage nicht fahrlässig dahinwirft, sondern mit der Autorität eines exemplarischen Zeugen vorbringt.

Für den Jahrgangsgenossen Jürgen Habermas war Ralf Dahrendorf immer schon der Erste seiner Generation.1 Er war der Erste, der Marx nicht links liegen ließ, der Erste, der im Gefolge von Raymond Aron die westlichen Nachkriegsgesellschaften als entwickelte Industriegesellschaften erfasste, der Erste, der gegen die Vorstellungen einer nivellierten oder gradualisierten Mittelstandsgesellschaft die nach wie vor bestehenden Schranken zwischen den Klassen hervorhob, er war der Erste, der den Nationalsozialismus in eine Entwicklungsgeschichte der verzögerten Moderne einordnete, er war der Erste, der einen politischen Begriff des Staatsbürgers und seiner sozialen Rechte entfaltete, er war der Erste, der eine eigene soziologische Theorie vorlegte, die den gesellschaftlichen Konflikt ins Zentrum stellte.

Habermas, der als freier Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1955 über das Norddeutsche Soziologen-Nachwuchstreffen berichtet hatte, erinnerte sich 2009 anlässlich von Dahrendorfs achtzigstem Geburtstag an den Auftritt eines konstruktiven Geistes, der lieber mit idealtypischen Stilisierungen Klarheit schaffte als mit hermeneutischer Kunst imponierte, der mit scharfer Eloquenz Autorität beanspruchte und der mit seinem avantgardistischen Selbstbewusstsein, seiner Vertrautheit mit der angelsächsischen Debatte den anwesenden Gleichaltrigen den Eindruck vermittelte, Hinterbänkler zu sein, die noch allerlei zu lernen hätten2.

Woher rührte dieses Selbstbewusstsein, von wo aus sprach dieser Geist, was motivierte die Klarheit seiner Prägungen? Die Antwort lautet: Ralf Dahrendorf war Zeit seines Lebens als Soziologe Zeuge einer Gesellschaft, die schwer belastet war mit einem mörderischen Erbe und sich fragen lassen musste, ob man, wie Dahrendorf gut ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung von Gesellschaft und Demokratie in Deutschland (1965) über sein Buch in ungedruckten autobiografischen Aufzeichnungen formulierte, in diesem Deutschland leben kann, wenn man die Freiheit über alles liebt.3 Dahrendorf verkörpert eine öffentliche Soziologie als historische Zeugenschaft in freiheitlicher Absicht.

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