Leerstellen der Erinnerungspolitik

Bei aller Kritik an der mit ihnen verbundenen Inflation des Gedenkens kann man Jubiläen eines zugutehalten: Sie sind ein willkommener Anlass für eine kritische Bestandsaufnahme der eigenen Erinnerungskultur. Das gilt auch für den 75. Jahrestag des Kriegsendes in Europa, der am 8. Mai dieses Jahres begangen wurde. Es dürfte das letzte runde Jubiläum dieses Ereignisses gewesen sein, an dem noch lebende Zeitzeugen anwesend sein konnten. Ihre Stimmen werden in Zukunft fehlen.

(Der Text ist im Novemberheft 2020, Merkur # 858, erschienen.)

Das wird, so ist zu befürchten, die politische Indienstnahme der Geschichte nur weiter verstärken. In diesem Jahr war zu beobachten, wie Russland und Polen darum stritten, wer für den Ausbruch des Kriegs verantwortlich sei. Der polnische Präsident Andrzej Duda kritisierte Yad Vashem für die Einladung Russlands zur Gedenkfeier zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Bezeichnend war auch das Bild des einsamen belarussischen Botschafters am 8. Mai am Berliner Mahnmal im Tiergarten, mit dem – als einem Vertreter »der letzten Diktatur Europas« – kein deutscher Politiker außer Markus Meckel gemeinsam gedenken wollte. Im politischen Establishment eint das Gedenken an die Opfer oft nicht, sondern es trennt.

Was bedeuten die memory wars für Deutschland, dessen selbstkritischer Umgang mit Vergangenheit oft als »DIN-Norm« (Timothy Garton Ash) für andere Länder betrachtet wird? Anders als es oft wahrgenommen wird, ist das gesamtgesellschaftliche Gedenken an den Zweiten Weltkrieg hierzulande in vielerlei Hinsicht lückenhaft. Ebenso fehlt es an Wissen darüber, wie im östlichen Europa des Kriegs und der Shoa gedacht wird. Wie wir der vielen Verbrechen (nicht) gedenken, steht in Verbindung mit den Diskussionen, die heute über Antifaschismus und Nationalismus geführt werden.

Deutsche Leerstellen der Erinnerung

Die amerikanische Philosophin Susan Neiman hat jüngst kritisiert, dass die Deutschen überzeugt seien, die Erinnerung an die Shoa erfolgreich abgeschlossen zu haben. Tatsächlich lässt einen beim Lesen ihres Buchs das Gefühl nicht los, dass Neiman den Titel, Von den Deutschen lernen, ironisch gemeint haben könnte.1 So schien ihr, einer jüdischen Amerikanerin, der gefeierte Satz von Weizsäckers vom 8. Mai als Befreiung statt als Niederlage schon 1985 ziemlich banal. Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, ein Monument von zentraler Bedeutung für den »stabilen Grundkonsens deutscher Identität« (Aleida Assmann), gedenke des industriell durchgeführten Holocaust in den Vernichtungslagern, ließe aber außer Acht, dass mehr als die Hälfte der europäischen Juden auf andere Art ermordet wurden: »im Holocaust by bullets«.

(…)

 


2 Kommentare

  1. Kunze sagt:

    Vielen Dank an die Autorinnen (und Herausgeber) für diesen wichtigen Beitrag! In welchen Zeiten leben wir eigentlich, wenn offiziell (Heiko Maas) bestätigt werden muss, dass deutsche Barbaren den Zweiten Weltkrieg gewollt, geplant und über die Völker gebracht haben? Ein zur damaligen Zeit wichtiges Lernziel meines DDR-Geschichtsunterrichts war das Diktum/die These vom Revisionismus westlicher Geschichtsschreibung. Da wir (im Allg.) keinen Zugang zu primären Quellen zur Bestätigung dieses Theorems hatten (z.B. Westzeitschriften), nahmen wir das eben so hin, ohne aber (zumindest in meinem Falle) so recht überzeugt davon zu sein. Nun, nach Jahrzehnten (allerdings nicht erst in unseren Tagen), bewahrheitet sich dieses Theorem aufs Genaueste – (auch) ein Hinweis auf das Profunde einer DDR-Geschichtswissenschaft. Bleibt – wie immer – die Frage, wo kommt das (dieser Revisionismus) her oder: cui bono? Wie immer sich weltanschauliche Positionen individuell-gesellschaftlich herausbilden mögen („psychologische Grundlegung“) … diese opportune wissenschaftshistorisch-politische Flankierung gegenwärtiger anti-russischer Politik der Bundesregierung und ihrer Institutionen ist eine >Unheilige Allianz< (unselig ist sie auch), die nichts Gutes verheißt, antiaufklärerisch ist und gesellschaftlich Unruhe schafft.

  2. Reiner Girstl sagt:

    Nun die Tatsächlichkeit der alten Bundesrepublik war das Gefühl in einen besetzten Land zu Leben und einen Krieg verloren zu haben. Dazu war das Land geteilt. Im Prinzip war es ein Deutschland auf Bewährung, was vor den 2 plus 4 Verhandlungen, auch immer in einem Nachkriegsstatus lebte. Deutschland hatte im zweiten 30 Jährigen Krieg zweimal nach der Weltherrschaft gegriffen, das erste Mal mit einer demütigenden Niederlage und das zweite Mal mit der totalen Niederlage, die in bedingungsloster Kapitualation endet und der Besetzung des Landes durch Menschen und Staaten, die man total abgewertet hat. Für Menschen die aus einer nationalistisch geprägten Welt kamen und vom übersteigernden Nationalismus geprägt waren, war der Mai 1945 eine Katastrophe. Das die Hitler Diktatur vom ersten Tag an ein verbrecherisches Regime war, war nur für die Jennigen klar, die verfolgt wurden. Das heißt Roma, Sozialdemokraten, Juden, Homosexuelle u.a. wurden verfolgt von Beginn an. Bestimmte nationale Abweichler wie Ernst Jünger kamen ab 1934 ins schwitzen, für alle anderen war das ganze in Ordnung. Alle Gegner der Demokratie, der Sozialdemokraten, alle Nationalisten fanden das Prima. Diese Menschen waren auch nach 1945 noch da. Erst eine neue Generation von Menschen, oft nach dem Krieg geboren, begriff, dass das ganze Regime von Anfang an Kriminell war und das es beim Krieg ab 1939, sich um einen verbrecherischen Angriffskrieg gehandelt hat, in dessen Rahmen Verbrechen begangen wurden. Das Schicksal der Migranten zeigt ausreichend wie es nach 1945 in Deutschland war. Im Prinzip ist das was Abendroth, Brandt und Wehner aussagekräftig genug. Ansonsten ist es immer einfach zu sagen man hätte richtig gehandelt, das es da viele andere Wege gibt, hat Pastor Niemöller vorgelebt. Gerade die heutige Diskussion ist selbstvergessen, Täter- und Opferselektiv, nach wie vor von falschen Vergleichen geprägt und vom Jammer, das bestimmte Ausformungen des Krieges die die Deutschen erfunden hatte am ende die unschuldigen Deutschen getroffen hat. Die Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft sind immer die unschuldigen, aber angefangen hat alles am 30. Januar 1933 oder auch schon mit it der ersten Regierung Brünning oder mit der Wahl Hindenburgs, oder schlicht mit fehlenden Mehrheit für die Demokratie.

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