Nicht

Ich habe große Sehnsucht, diese Kolumne nicht zu schreiben. Was nicht bedeutet, dass ich sie nicht schreiben möchte. Ich würde sie nur einfach gern im Zustand des Nichtschreibens schreiben. Ich würde sie gern liefern, ohne sie geschrieben zu haben. Ohne tätig werden zu müssen.

(Der Text ist im Novemberheft 2020, Merkur # 858, erschienen.)

Ich würde diese meine vorletzte Kolumne gern geschehen lassen, anstrengungslos, als Übung vor meiner letzten Kolumne, bei der es nur noch darum gehen kann, sich dem Nichts zu stellen, der Leere. Aber nicht indem man sich ihr stellt, im Sinne des sich Positionierens. Nur noch darum, sich der Leere zu öffnen, aber nicht als Yoga-Pose. Nur noch darum, das Nichts auszuhalten, aber nicht im Sinne einer protestantischen Arbeitsethik.

Nichts zu werden, das aber nichtesoterisch. Ganz praktisch, wie als Handwerk, aber nicht als Tätigkeit.

Am Ende dieser letzten Kolumne ist sie dann nicht mehr, und auch diese vorletzte Kolumne wird dann nie dagewesen sein. Und sie wird, wie ich mir denke, im Zustand des Niedagewesenseins glücklicher sein, vielleicht sogar selig.

Vielleicht werde ich ja auch einfach verrückt. Auszuschließen ist es nicht. Ein Arbeitsunfall vielleicht – niemand sollte zwei Jahre lang für den Merkur Kolumnen schreiben, von denen der größte Teil dann noch als E-Book erscheint, das aber niemand kauft.1 Obwohl dieses Nichtgekauftwerden meine Texte vielleicht weiter in die Sphäre des Niedagewesenseins treibt und sie es daher verdient haben – dort wollten sie offenbar ja von Anfang an hin.

(…)

 


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