Pirol/Kein Pirol

Im ersten Monat der Covid-19-Krise war ich einer von jenen Leuten, die plötzlich sehr viel mehr arbeiten mussten als vorher. In den freien Minuten sehnte ich mich nach nichts. Ich zog einen Band mit Zeichnungen von John Cage aus dem Regal: Ryoanji. 1991 habe ich eine Ausstellung mit diesen Blättern in der Neuen Pinakothek besucht. Als Begleitprogramm schnurrten überall im Haus versteckte kleine Geräuschmaschinen vor sich hin. Ein Gefühl wie im Wald auf einem fremden Planeten.

(Der Text ist im Novemberheft 2020, Merkur # 858, erschienen.)

John Cage hat den Zen-Buddhismus des Daisetsu Teitaro Suzuki in die Produktionslogik seiner Zeichentechnik eingearbeitet. Verschiedene Steine werden nach vorher festgelegten Prinzipien mit Zufallskomponente aufs Papier gelegt und mit dem Bleistift umrissen. Doch wenn man Suzukis Einführung in den Zen-Buddhismus liest, geht es gerade um die Überwindung jeder Form von Logik. Er schreibt: Ein Bambusstab in der Hand des Meisters ist auch kein Bambusstab.

Ein solches Kōan, eine Geschichte mit innerem Widerspruch, die die Logik des dualistischen Denkens sprengen soll, begegnet mir oft, wenn ich Vögel fotografieren gehe. Oft warte ich an einer Stelle, an der ich einen Pirol höre. Ich weiß, dass er da ist, ich höre seinen Gesang, ein etwas verzagt klingendes Flöten. Aber er zeigt sich nicht. Der Pirol ist sehr scheu, daher ist er kein Pirol, sein Gesang nur eine Ahnung.

Ich konnte nicht in die Landschaft hinausfahren und auf einen Pirol warten, nur Cages Bleistiftzeichnungen betrachten, also trat ich einen Schritt zurück und fragte mich, warum ich in die Landschaft hinausfahren musste, um Vögel zu fotografieren. Der ursprüngliche Impuls dazu entsprang sicher dem Jagdtrieb. Jäger warten lange am Waldrand auf Tiere, so wie ich. Um dann in einer einzigen, bis ins Unbewusste eintrainierten Bewegung zu handeln, so wie ich.

(…)

 


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