Vom Pöbel zum Populismus

Wer ist das Volk? Die Münchner Satirezeitschrift Simplicissimus hat diese noch immer umstrittene Frage 1897 mit einer klugen Karikatur unter dem Titel Der – Die – Das beantwortet. »Das Volk« besteht darin ausschließlich aus den gebildeten Ständen, die zur Demonstration in Frack und Zylinder aufwarten. »Der Pöbel« hingegen wird als eine schmutzige, schreiende, mit Stöcken und Pistolen bewaffnete Personengruppe dargestellt. »Die Menge« schließlich vermittelt zwischen Volk und Pöbel nicht nur durch ihr grammatisches Geschlecht, sondern auch politisch. Sie ist das passive Pendant zum militanten Pöbel und bewundert die Parade der Armee. Es ist die soziale Seite des Volks-Begriffs, an welche die Karikatur damit indirekt appelliert: Dieses Volk in Frack und Zylindern, will sie sagen, ist nicht das eigentliche, zumindest nicht das ganze Volk. Wer das Volk sucht, findet es eher in den anderen Bildsegmenten: Es ist gespalten in eine Figur widerständiger Militanz (Pöbel) und die Neugierigen und Bewunderer (Menge). In allen drei Teilen spielt allerdings die Armee eine wichtige Rolle: Die von der Menge bewunderte Armee dient offenbar dazu, das Volk der Gebildeten und Gesättigten vor der militanten Entrüstung des Pöbels zu schützen. 

(Der Text ist im Dezemberheft 2020, Merkur # 859, erschienen.)

Abb. 1: Abbildung aus der Satirezeitschrift Simplicissimus von 1897

Während die Geschichte des Volks, seiner demokratischen Norm und seiner nationalistischen Beschlagnahmung, vielfach geschrieben wurde, fristet in seinem Schatten der Pöbel bis heute eine weitgehend unerforschte Existenz. Dabei gehört die Beschimpfung des Pöbels, das heißt die Beschimpfung verschiedener Akteure des politischen Lebens als »Pöbel«, in der medialen Auseinandersetzung bis heute zum alltäglichen Kampf um Deutungsmacht. Wer ist nun aber der Pöbel, von dem ja noch immer gesprochen wird, historisch betrachtet? Woher kommt und woran rührt diese Rede? Wer hat historisch wen wann und warum als Pöbel bezeichnet? Und was lässt sich davon über die Gegenwart lernen?

Der Pöbel als gemeiner Mann

»Vom Pöbel zum Proletariat« – unter dieser von Werner Conze geprägten Formel hat die Begriffs- und Sozialgeschichte das Phänomen lange Zeit traktiert und damit zugleich historisch eingehegt, und zwar in der Frühen Neuzeit. Conze ging davon aus, dass als Pöbel in der ständischen Gesellschaft die Arbeits- und Eigentumslosen bezeichnet wurden, außer- oder unterständische Bevölkerungsteile also, nicht die Bürger, sondern die Beisassen. 1 Erst im 19. Jahrhundert, mit dem Wechsel von einer ständischen zu einer ökonomisch-klassenmäßigen Sozialstruktur und dem Aufkommen des selbstbewussten Proletariats, habe die Rede vom Pöbel jene abwertende Schattierung angenommen, die ihr noch heute anhaftet. Für Conze, der als Historiker der jungen Bundesrepublik im Kontext des Kalten Kriegs argumentiert, ist der Pöbel also etwas, das der Vergangenheit angehört, das Proletariat aber durchaus noch eine Sache der Gegenwart. Heute klingt die Rede vom Proletariat, selbst die von der Arbeiterklasse für viele antiquiert, vom Pöbel hingegen ist wieder die Rede. Lässt sich über die Figur des Pöbels also eine den engen Zeitraum der Industriegesellschaft überdauernde Geschichte der unteren Klassen und vor allem ihrer Abwertung schreiben?

Wer der Sache mit dem Pöbel auf den Grund gehen will, muss in der Tat in die Geschichte der Frühen Neuzeit eintauchen. Gerade im 16. und 17. Jahrhundert ist der Begriff allgegenwärtig und nimmt jene Konturen an, die noch seine heutige Verwendung prägen. Die Behauptung jedoch, der Pöbel sei jemals ein gewissermaßen feststehender und unparteiischer Begriff der ständischen Gesellschaft gewesen, muss bei Anschauung des Materials verwundern. Tatsächlich handelte es sich vielmehr um eine Missachtungsformel, die in Situationen des politischen Konflikts und der ökonomischen Konkurrenz eingesetzt wurde.

Im Spätmittelalter vom altfranzösischen »poblus« entlehnt, wurde das deutsche »pöbel«, »povel« oder »pöfel« schon während der Bauernkriege im 16. Jahrhundert äußerst polemisch eingesetzt. Martin Luther etwa schrieb gegen die Bauern: »Der esel will schleg haben || vnd der pöffel will mit gewalt geregiert seyn || das wüßte Gott wol || darumb gab er der oberkayt nicht ainen fuchsschwantz || sonder ein schwert in die hand.« 2 Der Pöbel – das waren hier also die revoltierenden Bauern, unter denen sich allerdings ebenso städtische Handwerker fanden. Präziser lässt sich die Personengruppe mit dem in der Frühen Neuzeit gerne verwendeten Begriff des »gemeinen Manns« fassen, unter dem in der Regel der dritte Stand der Bürger und Bauern verstanden wurde. Während die Bezeichnung des gemeinen Mannes allerdings an Gemeinsinn appellierte und vom gemeinen Mann selbst genutzt wurde, um politische Ansprüche gegenüber Adel und Patriziern zu formulieren, bezeichnete der Pöbel stets eine dritte und abwesende Personengruppe. Bereits in der Frühen Neuzeit sprach niemand von sich selbst in der ersten Person als Pöbel – der Pöbel, das waren und sind vielmehr immer die anderen.

Auslöser der zahlreichen städtischen Konflikte des 16. und 17. Jahrhunderts konnten die Einführung von Steuern auf Nahrungsmittel, Geldkrisen oder streikende Handwerksgesellen sein. 3 Wie die Simplicissimus-Karikatur nahelegt, spielte dabei die Frage des öffentlichen Gewaltmonopols in der Tat eine alles entscheidende Rolle, nicht zuletzt im Kontext der entstehenden Souveränitätstheorie. Erst die militante Gegenwehr gegen die polizeiliche Macht der Obrigkeit machte den gemeinen Mann in den Augen der Fürsten und Gelehrten zum Pöbel. Mit der Missachtungsformel des Pöbels wurde an den Gehorsam der Untertanen appelliert, an ihre Bereitschaft, in den engen Begrenzungen ihres Stands gottgefällig das eigene Schicksal zu ertragen – ein Appell, der in Krisenzeiten von städtischer Polizei und fürstlichen Armeen unterstützt wurde. Die Militanz des gemeinen Manns wurde durch die militärische und diskursive Disziplinierung des Pöbels beantwortet.

Das symbolische Kapital der Gelehrten

Wieso aber haben Historiker diese polemische Qualität des Begriffs oft übersehen und den Pöbel stattdessen ominösen »unterständischen Schichten« zugeordnet? Ein Grund hierfür liegt darin, dass die Begriffsgeschichte sich überwiegend solcher Quellen bedienen muss, die gelehrten Kreisen entspringen. Gerade die Gelehrtenrepublik der Frühen Neuzeit war jedoch bemüht, durch die Verunglimpfung des gemeinen Manns als Pöbel Anerkennung bei ihren aristokratischen Autoritäten zu finden. Eine Vorreiterrolle nahmen hierbei die Dichter ein. Wie populär die Pöbel-Figur gerade im Barock wurde, zeigt sich bei einem Blick in Georg Philipp Harsdörffers Poetischen Trichter (1647–1653), dessen Blütenlese im dritten Band dem »Pövel« gar ein eigenes Lemma widmet und ihn als gefährliches politisches Tier ins Bild setzt: »Der Pövel ist dem Wasser gleich || das leichte Sachen träget || die schweren bald zu Grunde leget || und trachtet wie es werde reich: ein jeder denkt auf seinen Nutz und nicht auf den gemeinen Schuz || die Schwind- und Schwindelsucht in deß Pövels Hirn u. der leichtgesinne, bald vekehrte || Wetterwendische || Windflüchtige || nichtige || untüchtige und unrichtige || fürwitzige || thörige PoevelMann. Das Thier mit vielen Häubtern.« 4

Harsdörffer assoziiert den Pöbel mit dem Bild der von Herkules getöteten vielköpfigen Hydra und zeichnet damit ein dezidiert politisches Bild desselben, wurde die neunköpfige Hydra, deren nachwachsende Köpfe Herkules ausbrennt, im 17. Jahrhundert doch zum Sinnbild politischen Widerstands. 5 Der politische Pöbel (im Lateinischen oftmals plebs) und der literarische Pöbel (im Lateinischen in der Regel vulgus) haben im Deutschen günstigerweise ein und denselben Namen. Umso entschiedener und mit reichlich Assoziationsspielraum brandmarken die Gelehrten also den ungelehrten »Pöbel der Nicht-Denker«, 6 der sich trotz mangelnder Ausbildung zu schreiben erkühnt.

Diese Notwendigkeit der Unterscheidung vom Pöbel spricht allerdings weniger für die tatsächliche Ferne und Unüberbrückbarkeit der Lebensbereiche von studierten Dichtern und unteren Ständen, sondern vielmehr für ihre materielle Nähe. Diese Nähe wurde in der Frühen Neuzeit größer, weil der Buchdruck mittlerweile zu einer breiten Flugschriften- und auch Zeitungskultur geführt hatte, die über mündliche Vermittlung ein keineswegs nur exklusives gelehrtes Publikum erreichte und so die Öffentlichkeit gewissermaßen vulgarisierte. Diese Nähe wurde zudem immer unvermeidlicher, weil die Unterstützung von Mäzenen schwankend war und weil sich auch die höfischen Poeten zunehmend einem Zwang zur Vermarktung ausgesetzt sahen, so dass viele von ihnen durchaus prekär lebten.

Die im 17. Jahrhundert so beliebte Verunglimpfung des Pöbels zeugt daher nicht von der Souveränität der Dichter, sie diente primär der aggressiven Sorge um das eigene symbolische Kapital. Die Missachtungsformel des Pöbels wurde nicht selten in erbitterten Konkurrenzsituationen gebraucht und galt häufig den eigenen Kollegen und Konkurrenten. Sie zeugt insofern vom Ressentiment nicht des Volkes, sondern der Gelehrten.

Volk oder Pöbel?

Zu Beginn des 18. Jahrhundert gibt es dann auf einmal nicht nur armen, sondern auch reichen Pöbel. Diese und jene Person ist zwar reich, aber trotzdem Pöbel – so eine wiederkehrende Gedankenfigur, die später noch Nietzsches Zarathustra im Mund führen sollte (»Pöbel oben, Pöbel unten«). Die Texte appellieren damit an die Notwendigkeit eines moralischen Fundaments für die Gliederung der Gesellschaft, anknüpfend an die alte, humanistische Idee eines Tugend-Adels. Zu erkennen gibt sich so eine Gesellschaftsordnung, deren feudale Struktur sich auflöst und deren vertikale Differenzierung sich nun durch den Erfolg im ökonomischen Wettbewerb stabilisiert. Eine Schlüsselrolle für die Abwertung des Pöbels spielt daher die sich nun konstituierende ökonomische Wissenschaft. In einem der frühesten Texte zur politischen Ökonomie in deutscher Sprache, Christoph Heinrich Amthors Project einer Oeconomic in Form einer Wissenschaft von 1716, liegt die Verachtung des Pöbels schon der Allegorie des Titelkupfers im Mund: »odi ignarum vulgus« (»ich hasse den unwissenden Pöbel«). Klugheit (prudentia) und vor allem Arbeitsamkeit (labore) sind die Leittugenden der Ökonomie, nicht der Müßiggang der alten, aristokratischen Intelligenzen, die ihr zu Füßen liegen. 7

Abb. 2: Titelkupfer von Christoph Heinrich Amthors Project einer Oeconomic in Form einer Wissenschaft (1716)

Die emblematische Funktion des Pöbels für die ökonomischen Traktate der Aufklärung legt die These nahe, dass deren historische Funktion in der Tat nicht nur in der Machtergreifung der menschlichen Vernunft bestand, sondern auch in der diskursiven Durchsetzung des Kapitalismus, wie Heinrich Bosse jüngst plausibel argumentiert hat. 8 Erst in diesem immer mächtiger werdenden ökonomischen Rahmen geschieht dann jedenfalls das, was heute beinahe selbstverständlich erscheint: Der Pöbel tritt in ein Näheverhältnis zum Begriff des Volks. Bis dato hatten beide Begriffe eine voneinander recht unabhängige Geschichte. Während »das Volk« als ein theoretischer Begriff republikanischer Tradition die Bühne der Geschichte betrat, war »Pöbel« im Kontext der sozialen Fragen des kommunalen Alltags gebräuchlich, etwa wenn es angesichts einer größer werdenden Anzahl von Vaganten, Bettlern und Mönchen um Fragen der Armenfürsorge oder um städtische Unruhen ging. Mitte des 18. Jahrhunderts sind sich Volk und Pöbel nun auf einmal zum Verwechseln ähnlich geworden.

Ob Rousseau oder Lessing, Schiller und selbst Herder – Literaten und Gesellschaftstheoretiker gleichermaßen widmen sich dem Thema schon lange vor der Französischen Revolution immer wieder mit derselben Überzeugung: Das Volk ist nicht der Pöbel! Die Idealisierung des Volks rückt offenbar all das, was mit ihm gemeint sein könnte, in den Schatten der Unbegrifflichkeit. Weil das Volk so, wie man es sich erträumt, nirgendwo zu finden ist, erblicken die Aufklärer überall um sich Pöbel. »Dieser Pöbel aber ist nicht das Volk!« Auf diese Weise erfüllt die Pöbel-Formel für die Aufklärung eine wichtige Funktion: Zwischen den auf zukünftige Vollendung steuernden Ansprüchen der Vernunft und dem elenden Zustand der Gegenwart installiert sie einen Abstand. Dass zwischen Volk und Pöbel unterschieden wird, erlaubt die hypothetische Umarmung der Demokratie und ihre gleichzeitige, praktische Beschränkung. Das aber bedeutet, dass ein feudaler und vor allem gelehrter Standesdünkel ins demokratische Zeitalter mitgenommen wird.

Pöbeln, Populismus

Nun fällt es nicht schwer, in den gegenwärtigen Debatten um die politischen Akteure und Adressaten des Populismus einen Wiedergänger jener Pöbel-Polemiken zu erkennen, die in der Frühen Neuzeit so omnipräsent waren. Interessant ist zunächst, dass der Pöbel heute ganz besonders in seiner Verbalform beliebt ist. Viel häufiger als das Substantiv wird nämlich das Verb »pöbeln« verwendet, das durch Substantivierung sogar schon wieder ein neues Wort gebildet hat: der oder die Pöbler. Indem so der Sprechakt in den Vordergrund tritt, wird indes nur explizit, was schon zuvor in die Augen fallen musste: Es handelt sich um einen sprachlichen Akt der Distinktion, der zum Schwert der Unterscheidung die zivilisierte Form des sprachlichen Ausdrucks selbst macht. Der Pöbel mit seinem Pöbeln übernimmt für die bürgerliche Öffentlichkeit eine diskurshygienische Funktion. Im fehlenden Konversationsstil rechtfertigt sich die Exklusion eines Teils der Gesellschaft aus dem Selbstverständigungsprozess der politischen und publizistischen Öffentlichkeit.

Wie selbstverständlich diese Exklusion nach wie vor ist, wurde Ende 2018 auf frappierende Weise durch den Fall von Claas Relotius vor Augen geführt, jenes Spiegel-Reporters, der durch seine erfundenen Reportagen über amerikanische Provinzen, albanische Blutrache, jemenitische Gefangene oder deutsche Eltern behinderter Kinder Dutzende Preise gewonnen hat. Wie selten zuvor wurde hier die Geschlossenheit mancher Teile der publizistischen Öffentlichkeit deutlich, das heißt die Abwesenheit von Publikums-Rückkopplungen, das Fehlen von Feedback. Diejenigen, über die geschrieben wird, gehören auf geradezu konstitutive Weise nicht zu den Lesern und Leserinnen – wie sonst hätte der fiktive Charakter jener in die Gattung der Reportage gekleideten Erdichtungen unbemerkt bleiben können? Zwischen den Lesern der Reportagen und den Referenten derselben gibt es keine Schnittmenge, und wenn doch, dann ist es Letzteren kaum möglich, sich innerhalb derselben kommunikativen Sphäre Gehör zu verschaffen.

Was immer man nun zu Recht oder Unrecht als Populismus brandmarken will: Es handelt sich auch bei ihm zuallererst um ein unerwünschtes Feedback – eine Störung jener kommunikativen Verfassung der modernen Gesellschaft, die Rückkopplung unwahrscheinlich macht. Die Pöbel-Polemik taucht seit der Frühen Neuzeit überall dort auf, wo die elitäre Segmentierung der Öffentlichkeit brüchig wird, und auch der sogenannte Populismus ist in diesem Sinn zuallererst das, was die saubere Hierarchisierung und Kontrolle kommunikativer Sphären durchkreuzt und herausfordert. Philip Manow und Albrecht Koschorke konnten in ihren jüngeren Beiträgen zur Debatte in eben diesem Sinn demonstrieren, dass es sich insofern auch um einen Inklusionseffekt handelt, um das Resultat gestiegener kommunikativer Partizipationschancen bei gleichbleibend geringer Repräsentationswahrscheinlichkeit. 9 Dabei führt die Diagnose einer fortgesetzten und intensivierten Inklusionsbewegung die Autoren nicht dazu, den Populismus gutzuheißen, sondern sie lässt im Gegenteil offenbar den Wunsch aufkommen, das Rad doch noch einmal zurückzudrehen, wobei die Populismusforschung am Ende ähnlich autoritätsaffin erscheint wie der autoritäre Populismus selbst.

Philip Manow legt in seinem Essay zur (Ent)Demokratisierung der Demokratie (2020) zunächst überzeugend dar, dass sich die repräsentative Demokratie gerade auch darum durchgesetzt hat, weil sie das Gespenst der radikalen Demokratie einfangen konnte. Die Übertragung des Volkswillens auf seine Repräsentanten bedeutet nämlich auch seine Einhegung. Repräsentation ist für Manow daher immer auch Repression. Demgegenüber findet sich die Gegenwart an einem Punkt wieder, wo radikale Demokratisierungsprozesse diese Kontrollmechanismen unterlaufen haben – die Entdemokratisierung der Demokratie durch ihre vollkommene Durchsetzung, nämlich durch die Nivellierung von kommunikativen Schwellen und die Schwächung aller intermediären Instanzen. Diese Diagnose kann Manow jedoch kaum zu einer anderen Schlussfolgerung führen als der Suggestion, dass die »institutionelle Zähmung« der Demokratie angesichts des »Kollapses tradierter Exklusionsmechanismen« und einer »Krise der Kontrollinstanzen« heute wieder angeraten sei, und zwar durch niemand anderen als den souveränen Nationalstaat (hierzu bemüht Manow eigens den Schmitt-Schüler Ernst-Wolfgang Böckenförde).

Dieselbe Argumentationslinie führt dann Albrecht Koschorke weiter, der in seiner Kritik von Manows Buch anschaulich darlegt, dass die wesentlich im Kontext sozialer Medien ausgetragene Debatte um das populistische Pöbeln in direkter Kontinuität zu vorherigen Schüben der Verallgemeinerung von Kommunikationsmedien steht – zum Buchdruck und der Verbreitung von Flugblättern während der Reformation und zur breitflächigen Alphabetisierung und dem Aufkommen der moralischen Wochenschriften in der Aufklärung. Im Hinblick auf den Streit zwischen Trump und Twitter scheint der neuerliche Exzess der Meinungs- und Publikationsfreiheit in den sozialen Medien nun aber endlich eine Grenze erreicht zu haben, so dass Koschorke mit gutem Gewissen für die »funktionale Unentbehrlichkeit autorisierter Mittlerfiguren«, gegen einen angeblichen »Radikaldemokratismus« und für die »Einschränkung der ›Volksherrschaft‹« eintreten kann.

Da sich unter dem Label »Populismus« in aller Regel Rechtsradikalismus verbirgt, spricht in der Tat einiges für die rechtsstaatlich notwendige Option, der Untergrabung der demokratischen Kultur durch die Limitierung derselben Einhalt zu gebieten. Seltsam abwesend ist in der Debatte allerdings die andere Option: eine kluge Radikalisierung oder Intensivierung des demokratischen Prozesses. Dass weder das parlamentarische System noch Plattformen und Medienunternehmen wie Facebook oder Twitter ihre eigenen Inklusionsversprechen halten können, kann doch nur bedeuten, dass nach anderen Akteuren und Institutionen gefahndet werden muss.

Das Losverfahren

Während die nachhaltig durch die Verfassungen des 18. Jahrhunderts geprägte repräsentative Demokratie Resultat eines im Kern aristokratischen Verständnisses von Repräsentation war, wie Manow und Koschorke zugestehen, wurde die Idee der »Volksherrschaft« in jüngerer Zeit auch anders übersetzt: nicht als Demokratie, sondern als Demarchie. Gemeint ist damit vor allem eine andere Technik demokratischer Willensbildung, die nicht auf Wahlen zurückgreift, sondern auf das Losverfahren. Wahlen sind nämlich eine verlässliche Institution für die Reproduktion sozialer Spaltung. Nur wenige Personen geraten durch ihre politische Sozialisation, ihre persönlichen Netzwerke und ihre ökonomischen Handlungsspielräume überhaupt in die Lage, gewählt zu werden. Im deutschen Bundestag sitzen deshalb keine Facharbeiter, Handwerker und Pflegekräfte, sondern Juristen, Beamte und vor allem Berufspolitiker. Die medialen Meinungsindustrien sorgen schließlich dafür, dass das Elektorat die richtige Entscheidung trifft. Dies ist dann auch die Geburtsstunde des sogenannten Populismus im allerengsten Sinn: die Übertragung der ehemals aristokratischen Polittechnologie des Wählens auf das gesamte Volk, das zum Gegenstand medialer Einflussnahme wird, wobei die ständige Personalisierung der Sachfragen immer schon vorausgesetzt ist. Populismus ist ein unvermeidlicher Wiedergänger dieser Form »demokratischer« Politik.

Die Alternative zum Wählen ist nun aber nicht das Plebiszit, das ja eher eine Potenzierung der mit Wahlen verbundenen Probleme mit sich bringt. Eine von Aristoteles bis Montesquieu reichende Tradition politischer Theorie hat auf den undemokratischen Charakter des Wählens wie auch von Plebisziten immer wieder hingewiesen, sie wusste aber auch um eine weitaus demokratischere Prozedur: das Losverfahren. Einzig das Los ermöglicht die unmittelbare Teilhabe an der Gesetzgebung durch jeden Beliebigen, die Herrschaft aller über alle. Komplexe mathematische und statistische Verfahren, die in der athenischen Demokratie, später in den Republiken von Venedig oder Florenz eingesetzt wurden, sorgen dafür, dem Zufall die Kontingenz auszutreiben und etwa die Häufung bestimmter Familien unter den Delegierten auszuschließen. So kann eine Auswahl der Gesellschaft zugleich ein wahrhaftiges Abbild derselben sein und nicht eine Form der Stellvertretung, die zu Recht als chronische Entmündigung empfunden wird. Besonders zum Haareraufen ist für die Anhänger des Losverfahrens, dass in den politischen Systemen fast aller westlichen Demokratien gleich beide Kammern durch Wahlen ermittelt werden. Ihre Mindestforderung ist daher ein birepräsentatives System, das ein gewähltes und ein gelostes Parlament (oder ein Experten- und ein Laienparlament) miteinander verknüpft. Der regelmäßige Austausch der Funktionsträger wäre dabei selbstverständlich.

Die Debatte um das Losverfahren wurde in den 1980er Jahren durch den australischen Philosophen John Burnheim eröffnet, hierzulande von Florian Felix Weyh und Hubertus Buchstein vorangetrieben und war zuletzt insbesondere durch den großen Erfolg von David Van Reybroucks Gegen Wahlen präsent. 10 In der Form von ausgelosten Bürgerausschüssen für Wahlrechtsreformen (Kanada 2004) oder Verfassungsreformen (Island 2010) ist die Idee in Ansätzen auch schon politische Wirklichkeit geworden. Auch die im Trend liegende »Bürgerbeteiligung« bei städtischen Planungsprozessen verschiedener Art kann als ein Resultat der Debatte gelten, das die demokratische Radikalität des Konzepts allerdings in eine abgeschmackte Form von Governance zu verkehren droht. Danach klang es auch, als die Idee einer ausgelosten Bürgerversammlung jüngst von Wolfgang Schäuble entdeckt wurde. Nicht von ungefähr brachte dieser das Thema allerdings als Bundestagspräsident ins Gespräch: Als solchem sind für ihn die Limitierungen der Institution, der er vorsteht, offenbar unübersehbar geworden. Mit dem zunehmenden Einfluss populistischer Politik gewinnen das Losverfahren und die Idee einer »aleatorischen Demokratie« eine immer unabweisbarere Plausibilität. Nur durch den Zufall kann das Volk zu sich selbst kommen.

Die Lücke, die im demokratischen Diskurs seit dem 18. Jahrhundert zwischen Volk und Pöbel klafft, wurde in der republikanischen Theorie als konstitutive Differenz von Repräsentanten und Repräsentierten verstanden. Auch in der jüngeren Debatte wird sie tendenziell wieder zu einer unvermeidlichen Ausgangsbedingung von Demokratie per se überhöht, bei Manow etwa im Kontext einer »grundlegenden Dialektik von Demokratisierung und Entdemokratisierung der Demokratie«. Sie hat aber gerade nicht den quasireligiösen Charakter eines konstitutiven demokratischen Paradoxes, eher schon handelt es sich um eine ideologische Verschleierung sozialer Konflikte. Sie ist jedenfalls historisch geworden und kann auch historisch überwunden oder transformiert werden.

Wenn heute wieder vom Pöbel oder seinem Pöbeln die Rede ist, dann ist dieser Missachtungsformel eine längere Geschichte eingespeist, die sie mit Bedeutung und Intensität füllt. Mit ihr wird ein elementarer Kampf um die Teilhabe an der Möglichkeit des sprachlichen Ausdrucks und Austauschs sichtbar, der auch heute noch von beiden Seiten geführt wird, auch von der Seite prekär lebender Akademiker, die ihr intellektuelles Kapital zum eigenen Vorteil ausspielen müssen. Was mit dem Pöbel ans Tageslicht kommt, ist auch die Verarmung der Kommunen, ein Kampf um kommunale Autonomie und damit die Depotenzierung von Gemeinsinn und öffentlicher Daseinsvorsorge in einer sich globalisierenden Welt – ein Prozess, der in den städtischen Unruhen der Reformation seinen Anfang genommen hat. Und auch die Transformation der Arbeitsgesellschaft mag erklären, weshalb der Pöbel heute aktueller ist als das Proletariat. Setzte sich in der Frühen Neuzeit aus arbeitslos gewordenen Handwerkern und Bauern eine unbeherrschbare Menge an Paupern zusammen, aus der dann das moderne Industrieproletariat rekrutiert wurde, so kennt auch die Gegenwart wieder eine große Menge an »Überflüssigen«, die nicht oder in »bullshit jobs« (David Graeber) nur zum Schein arbeiten.

Was in der Missachtungsformel vom Pöbel indes nicht zum Ausdruck kommt, ist ein konstitutives Demokratieparadox, mit dem gerade die westlichen Gesellschaften eben einfach leben müssen, wobei einzig die Disziplinierung des Pöbels Schadensbegrenzung verspricht. Der Wille zur Paradoxie ist hier auch ein Mangel an Rechtschaffenheit sowie ein Zeichen der Faulheit, andere Auswege zu imaginieren. Schon in Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts war der Pöbel ja ein Gegenstand der Polizei, deren Unfähigkeit, Abhilfe zu schaffen, Hegel bereits hellsichtig diagnostizierte. 11 Die Unterscheidung von Volk und Pöbel gehört nicht zur Funktionsweise von Demokratie, sie ist – wie schon in der Simplicissimus-Karikatur – noch immer eine sozial unangemessene und mit Gewalt angereicherte Diskursfigur der Exklusion.

Den Bundestag auflösen und neu auslosen – eine solche Idee wäre stattdessen radikal, ohne aber populistisch zu sein. Im Gegenteil, nur mit dieser Form nüchterner Radikalität ließe sich eine Gesellschaft gegen den Populismus impfen. Freilich ist die parteipolitische Wirklichkeit von ihr weit entfernt: Wenn SPD-Politiker seit Jahren nach Wahlniederlagen das Mantra wiederholen, ihre Politik den Menschen besser erklären zu wollen, hinkt diese Selbstkritik den Exklusionseffekten der existierenden politischen Kultur in unfassbarem Ausmaß hinterher. Und wenn Politiker wie Robert Habeck selbstbewusst von der Notwendigkeit »radikaler« Lösungen sprechen, dann sind damit zehn Euro mehr CO2-Steuer oder ein paar Prozent weniger Mehrwertsteuer gemeint. Auch die Debatte um die Verkleinerung des in den letzten Jahren immer größer gewordenen Bundestags, die im Zuge der aktuellen Wahlrechtsreform ohnehin schon wieder versandet ist, bleibt hinter dem Vorschlag eines ausgelosten Parlaments weit zurück. Wer den Status quo jedoch nicht nur für bedauerlich, sondern für eine unerträgliche Zumutung hält, der sollte auch bereit sein, ihn aufs Spiel zu setzen.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Werner Conze, Vom »Pöbel« zum »Proletariat«. Sozialgeschichtliche Voraussetzungen für den Sozialismus in Deutschland. In: Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.), Moderne deutsche Sozialgeschichte. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1966.
  2. Martin Luther, Eyn Sendebrieff von dem harten buchlin widder die bauren. Wittenberg 1525.
  3. Vgl. Thomas Lau, Unruhige Städte. Die Stadt, das Reich und die Reichsstadt 1648–1806. München: Oldenbourg 2012.
  4. Georg Philipp Harsdörffer, Poetischer Trichter. Die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der Lateinischen Sprache in VI. Stunden einzugiessen. 3 Bde. Nürnberg: Wolfgang Endter 1648–1653 (Nachdruck Darmstadt: WBG 1975).
  5. Peter Linebaugh /Markus Rediker, Die vielköpfige Hydra. Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks. Übers.v. Sabine Bartel. Berlin: Assoziation A 2008.
  6. Christian August Wichmann, Ist es wahr, daß gewaltsame Revolutionen durch Schriftsteller gefördert werden? Eine Frage, dem denkenden Publicum vorgelegt. Leipzig 1795.
  7. Vgl. hierzu auch Joseph Vogl, Der Souveränitätseffekt. Zürich: Diaphanes 2015.
  8. Heinrich Bosse, Aufklärung und Kapitalismus. Meditation über einen Zusammenhang. In: Merkur, Nr. 847, Dezember 2019.
  9. Philip Manow, (Ent-)Demokratisierung der Demokratie. Berlin: Suhrkamp 2020. Zuvor: Ders., Demokratisierung der Demokratie. In: Merkur, Nr. 847, Dezember 2019 und Die Entdemokratisierung der Demokratie. In: Merkur, Nr. 850, März 2020; Albrecht Koschorke, Twitter, Trump und die (Ent)Demokratisierung der Demokratie. In: Merkur, Nr. 856, September 2020. Zur längeren Perspektive vgl. bereits Sebastian Dümling, AfD (um 1500). In: Merkur, Nr. 834, November 2018.
  10. John Burnheim, Über Demokratie. Alternativen zum Parlamentarismus. Berlin: Wagenbach 1987. David Van Reybrouck, Gegen Wahlen. Warum Abstimmen nicht demokratisch ist. Göttingen: Wallstein 2016.
  11. Frank Ruda, Hegels Pöbel. Eine Untersuchung der »Grundlinien der Philosophie des Rechts«. Konstanz University Press 2011.

1 Kommentare

  1. Peter Schmitt sagt:

    Um mir ein Urteil über Sinn oder Unsinn der Auslosung von Parlamenten zu bilden, möchte ich gerne wissen, wie der Personenkreis ausgewählt oder eingegrenzt wird, aus denen dann ausgelost wird?

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