Aus dem Leben eines Korrekturlesers

Nachdem er sich der üblichen morgendlichen Obliegenheiten entledigt hat – Körperpflege, Frühstück, Zeitunglesen –, begibt sich der Korrekturleser in sein Arbeitszimmer, wo auf dem Schreibtisch schon ein neuer Auftrag wartet: ein starker Stoß von DIN-A4-Blättern, Druckfahnen eines zukünftigen Buches, die er am Vortag im Verlag abgeholt hat, im Tausch gegen fertig bearbeitete. Des Weiteren auf der Arbeitsplatte: Bleistift, Anspitzer, Radiergummi – mehr braucht’s nicht. Dazu natürlich das Lineal, mit dem der Korrekturleser in den nächsten Stunden Blatt für Blatt Zeile für Zeile hinabfahren wird, auf der Suche nach einem falsch platzierten Komma, einem orthografischen Lapsus, unzulässigen Zusammenschreibungen, uneinheitlich gehaltenen, fahrlässig getrennten oder sonst wie nicht regelkonform verfassten Wörtern und Sätzen.

(Der Text ist im Dezemberheft 2020, Merkur # 859, erschienen.)

Die Aufgabe des Korrekturlesers besteht darin, streng nach Duden ausschließlich auf die Einhaltung der Regeln zu achten. Darüber hinausgehende Defekte eines Textes, schlechter Stil oder inhaltliche Unhaltbarkeiten, haben ihn nicht zu interessieren. Also darf auch die aktuelle Ausgabe des Duden auf dem Schreibtisch nicht fehlen. Zudem verfügt der Korrekturleser über ein Regal mit allerlei Wörterbüchern und Lexika, das seinem Arbeitszimmer das Flair einer Studierstube verleiht. Der Korrekturleser war früher ein bisschen stolz, dass er alles Wichtige in seiner Wohnung präsent hatte, es gefiel ihm, bei der Arbeit aufzustehen, ans Regal zu treten, ein Nachschlagewerk hervorzuholen und nach der korrekten Schreibweise eines ihm nicht geläufigen Begriffs zu blättern. Heute erledigt er solche kleinen Recherchen wie nebenbei mittels seines Laptops. Das Korrekturlesen aber erfolgt immer noch auf Papier. Zum Glück.

Im Arbeitszimmer ist es still, wie sich auch im ganzen Haus nichts regt. Die Nachbarn haben es nach und nach am frühen Morgen verlassen und sind zu ihrer jeweiligen Arbeitsstätte gefahren. Besonders im Winter liebt es der Korrekturleser, zuzuhören, wie einer nach dem anderen durchs Treppenhaus davonpoltert und dann auf der Straße das Eis von den Autoscheiben kratzt. Dann fühlt er sich wie der Herr des Hauses, kocht sich eine Kanne Tee und gönnt sich den Luxus unangemessener Gemütlichkeit, indem er ein wenig vor sich hin träumt. Darf man das eigentlich überhaupt Arbeit nennen, was ich hier treibe, fragt sich der Korrekturleser mit aufgesetzter Beschämung, denn natürlich weiß er, dass es anspruchsvoll ist, was er tut, den Aufwand an stundenlanger Konzentration sollte niemand unterschätzen.

In unregelmäßigen Abständen steht der Korrekturleser vom Schreibtisch auf und tritt ans Fenster, um seinen Augen Erholung zu gönnen. Im Winter, wenn die Bäume am Kanal, der vor dem Haus vorbeifließt, kahl sind, sieht er manchmal einen Graureiher im Wasser stehen, starr wie eine Skulptur, bis plötzlich der elegante Schnabel ins Wasser schnellt und einen Fisch aufspießt. Ein klein wenig, denkt der Korrekturleser dann, bin ich so wie dieser Reiher. So wie der im Wasser ausharrt und abwartet, dass ihm Beute vor den Schnabel getrieben wird, stehe ich im Fluss der mir anvertrauten Texte, lasse die Zeilen an mir vorbeiströmen, und wenn mir ein Fehler unterkommt, stoße ich zu und markiere ihn. Auch wenn ihm bewusst ist, dass dieser Vergleich hinkt, gefällt dem Korrekturleser die Analogie zum Reiher, dessen Souveränität er bewundert. Soeben breitet der Reiher seine Schwingen aus und schwebt sehr gelassen davon.

(…)

 


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