Die Krähe

Das mit meiner Krähe hat im Februar angefangen. Ich habe eine halbe Walnuss aufs Fensterbrett gelegt. Nach ein paar Stunden war sie weg; stattdessen fand ich dort eine kleine graue Plastikscherbe.

Das fand ich übertrieben. Ich kannte die Geschichten von Krähen, die Menschen Geschenke machen. Aber beim ersten Mal – das ging mir zu schnell. Andererseits ist mir bis heute keine andere Möglichkeit eingefallen, wie dieses Stück Plastik gerade in diesem Augenblick dort hingelangt sein könnte.

(Der Text ist im Dezemberheft 2020, Merkur # 859, erschienen.)

Am nächsten Morgen sah ich im kahlen Baum gegenüber eine besonders struppige und leicht zerzauste Nebelkrähe sitzen. Ich lehnte mich aus dem Fenster und bildete mir ein, dass der Vogel mich im Blick hatte. Ich legte wieder eine halbe Walnuss auf die Fensterbank und schloss das Fenster. Sicherheitshalber ging ich in den Flur. Eine oder zwei Minuten später hörte ich ein lautes Rumpeln. Etwas Schweres war auf dem Blech der Fensterbank gelandet.

Ich sah nach. Im Baum saß jetzt der Vogel mit der Walnuss im Schnabel. Er legte Wert auf Augenkontakt, bevor er mit seiner Beute verschwand.

Dieses struppige Exemplar wird nun meine Krähe. Nach ein, zwei Wochen regelmäßiger Walnussfütterung sieht sie mich schon aus fünf Bäumen Entfernung und kommt sofort geflogen, oft mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin im Schlepptau. Ich gewöhne mich an das laute Rumpeln auf der Fensterbank. Manchmal lehne ich mich aus dem Fenster, und die Krähe sitzt unauffällig auf dem Nachbarbalkon. Einmal sitzt sie schon auf der Fensterbank, eine Armlänge entfernt. Das ist dann selbst mir etwas zu viel Nähe zu einem fast halbmeterlangen räuberischen Tier mit sehr, sehr spitzem Schnabel, und wir lösen diese Situation einvernehmlich rasch wieder auf.

Einmal habe ich die Vögel drei Tage hintereinander nicht gefüttert. Am vierten Tag sitzt die Krähe mit ihrem Anhang auf dem Stromkabel der Tram. Die beiden Tiere krähen mich an und schieben ruckhaft den Kopf nach unten vor und zurück.

(…)

 


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