Rückruf aus den Neunzigern

Göttingen im April 1997. Karlheinz Weißmann, promovierter Studienrat und »Shooting Star der neurechten Klientel«,1 schreibt das Vorwort zur Neuausgabe seiner Geschichte des Nationalsozialismus. Der Weg in den Abgrund ist noch vor Erscheinen als Skandal bezeichnet worden, die Herausgeber der Propyläen-Reihe haben sich aufs Schärfste von dem Band distanziert, die Kritiken waren verheerend, der Verlag hat das Buch zurückgezogen und Weißmann eine Abfindung gezahlt. Was für ein Desaster. Was für eine Gemeinheit! Nicht mit »übermäßigem Wohlwollen«, jedoch »einer gewissen Anerkennung« habe er rechnen dürfen, vertraut Weißmann seinen Lesern an.

(Der Text ist im Dezemberheft 2020, Merkur # 859, erschienen.)

Doch Thomas Nipperdey habe leider Recht behalten, als er zu Beginn des Historikerstreits vor einer »Herrschaft des Verdachts« warnte – die bei Hegel, das habe Nipperdey vergessen zu erwähnen, die Voraussetzung für die »Herrschaft des Terrors« sei. Bereits geringfügige Abweichungen von der verordneten NS-Deutung würden mit Diskursausschluss bestraft. Niemand aus dem ach so liberalen Establishment habe sich zu seiner Verteidigung bereitgefunden. Habe er, Weißmann, sich etwa »grobe Schnitzer« geleistet? Nein, natürlich nicht. Die Schuld für Weißmanns Scheitern tragen ganz allein die anderen.2

Als Weißmann seine Niederlage beklagte, war der Stern der Neuen Rechten schon im Verglühen begriffen. Seit der Wiedervereinigung stritt man in den Feuilletons über einige Bücher und Autoren, die sich teilweise als »Neue Demokratische Rechte« bezeichneten und die man als loses Netzwerk zu begreifen pflegte. Insbesondere die Aktivitäten von Rainer Zitelmann, als Ullstein-Lektor verantwortlich für Weißmanns Autorschaft, erregten großes Aufsehen. »Kippt die Republik?«, fragte der Politikwissenschaftler Wolfgang Gessenharter alarmiert, und ein paar Jahre lang ging es ziemlich hoch her, bis um die Jahrtausendwende Entwarnung gegeben werden konnte.3

Für die Geschichtswissenschaft, aber auch für Zeitungen wie Welt und FAZ, für die er gelegentlich geschrieben hatte, wurde Weißmann nach dem Skandal zur Persona non grata, konstatiert Dominique Riwal in seiner konzisen Einführung in das Werk des »Gegen-Aufklärers«.4 Was war das Problem mit dem Buch? Am Inhalt lag es weniger, meint Riwal, vielmehr an der falschen Gesinnung des Verfassers. Dass Weißmann »rechts« war, war hinlänglich bekannt. Doch welche Rolle spielte die politische Einstellung für seine Darstellung des Nationalsozialismus? Keine, wenn man dem Autor glauben mag. In der Einleitung schloss sich Weißmann Martin Broszats Forderung nach einer »Historisierung« des Nationalsozialismus an, um endlich eine »nur nüchterne Analyse« vorzulegen, geleitet von »Sachlichkeit und Empathie« und frei von den üblichen »politisch-pädagogischen« Motiven der Volkserzieher.5

Die Rezensenten aber nahmen ihm diese unpolitische Sachlichkeit nicht ab, aus guten Gründen. Denn schon 1992 hatte Weißmann mit Rückruf in die Geschichte ein geschichtspolitisches Manifest vorgelegt, das sich gegen die etablierte Erinnerungskultur wandte. Das »historische Selbstverständnis« der Deutschen dürfe man »nicht länger auf die ›zwölf Jahre‹ reduzieren«. Die Nation müsse sich »ihrer ganzen Geschichte stell[en], auch denjenigen Phasen, die Anlaß zu Stolz und Zufriedenheit geben«, wobei Weißmann insbesondere an Preußen und Bismarcks Kaiserreich dachte. Das Fundament einer selbstbewussten Nation sei ein normales, gesundes Verhältnis zur eigenen Geschichte. Die indoktrinierte Wahnidee eines deutschen Sonderwegs in die Katastrophe müsse aufgegeben, die Westbindung gelöst, die alte Rolle als Macht in der Mitte wieder eingenommen werden.

 

(…)

 


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