Spontane Wissenschaftsphilosophien und Philosophien der Wissenschaftler

Im Jahr 1974 erscheint Louis Althussers Schrift Philosophie et philosophie spontanée des savants.1 Ihren Ausgang nimmt sie von einer »Philosophievorlesung für Wissenschaftler«, die im Studienjahr 1967/68 an der Ecole Normale Supérieure veranstaltet wird.2 Als kollektives Unternehmen konzipiert, hat sich Althusser die Einführung in das Thema reserviert. Ursprünglich ist dafür eine Sitzung veranschlagt, tatsächlich werden es fünf Vorlesungsstunden. Im Zentrum stehen »die (›bewußten‹ oder ›unbewußten‹) Vorstellungen, die sich die Wissenschaftler von der wissenschaftlichen Praxis der Wissenschaften und von ›der‹ Wissenschaft schlechthin machen«.

(Der Text ist im Dezemberheft 2020, Merkur # 859, erschienen.)

Diese »spontane Philosophie der Wissenschaftler« begegnet in zwei Varianten. Zu ihr gehören die Traktate, die Wissenschaftler nach Feierabend verfassen; heute zum Beispiel die Anthropozänliteratur. Im Kern ist diese spontane Philosophie aber von anderer Art: Nicht allseits vernehmlich, sondern unbesprochen ist sie nicht mit den Folgerungen beschäftigt, die Wissenschaftler aus ihrer Arbeit ableiten, sondern geht der wissenschaftlichen Arbeit voraus und durchdringt diese, ohne eigens als Philosophie hervorzutreten. Gewöhnlich nimmt sie deshalb, wie Althusser schreibt, »unsichtbare und stille Formen« an. Ich nenne sie die Arbeitsphilosophie der Wissenschaftler.

Der Philosoph Pierre Macherey, selber an dem Vorlesungszyklus beteiligt, bringt die Botschaft seines Lehrers Althusser rückblickend auf den Punkt. Was dieser den Wissenschaftlern zu sagen versucht, ist etwas anderes, als sie erwarten: »Sie glauben, dass die Philosophie vor Ihnen liegt, als etwas, das Sie vom Philosophen lernen, weil er es weiß und Sie nicht; und ja, es gibt in der Tat etwas, das Sie über die Philosophie nicht wissen – nämlich dass sie, anders als Sie glauben, nicht vor Ihnen liegt, sondern hinter Ihnen, in jenem Element des Immer-Schon, über das für gewöhnlich der Schleier des Nichtwissens gezogen wird.«

Dass die Philosophie nicht erst dann mit der Wissenschaft in Berührung gerät, wenn sie anfängt, über sie zu sprechen, dass Wissenschaft und Philosophie gar nicht zwei Dinge sind, die irgendwie in Berührung geraten müssen, weil sie längst ineinander verwoben sind, und dass die Arbeit von Wissenschaftlern, ob sie wollen oder nicht und wenn sie selbst es sich am wenigsten vorstellen können, von Philosophemen durchdrungen ist, von diesen drei Überlegungen muss die letzte am meisten provozieren.

Wie sieht diese Philosophie aus, die nicht Wissenschaftsphilosophie betrieben von Philosophen sein soll und nicht Welterleuchtung betrieben von Wissenschaftlern? Althusser denkt sich die Arbeitsphilosophie der Wissenschaftler als eine Mischung von innerwissenschaftlichen, aus der Praxis der Wissenschaftler und außerwissenschaftlichen, aus den verschiedenen Spielarten von Wissenschaftstheorie herrührenden Elementen, wobei Letztere Erstere dominieren sollen. Althussers Augenmerk gilt diesem Verhältnis, das er vom marxistischen Standpunkt aus als Herrschaft der idealistischen über die materialistischen Elemente reformuliert. Hier gilt es für ihn anzusetzen.

(…)

 


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