Die enggeführte Krise. Philosophiekolumne

Die Krisenreihe der letzten Jahrzehnte wird manchmal als Ausdruck einer multiplen Krise begriffen. Diese Auffassung hat den Vorteil, den Gesamtzusammenhang nicht aus dem Auge zu verlieren: Das Ganze ist krisenhaft. Aber sie vermag den Eigensinn der jeweiligen Krise nicht angemessen zu erfassen: Die Einzelkrisen bilden nur das Gekräusel einer einzigen Welle. Vielleicht lässt sich die Situation daher auch anders begreifen.

(Der Text ist im Januarheft 2021, Merkur # 860, erschienen.)

Aus der Musik kennen wir die Engführung eines Themas. Hier setzt in einer Stimme das Thema ein, und bevor es dort zu Ende gebracht worden ist, erklingt es bereits in einer zweiten Stimme, einer dritten, vielleicht einer vierten usw. Auf diese Weise besitzt das Thema viele eigenständige Stimmen. Deren Eigensinn lässt sich nicht auf den Sinn des Ganzen reduzieren. Zugleich ballen sich die Stimmen zu einem Ganzen zusammen. Ihre Themeneintritte schieben sich ineinander, und zwar derart, dass mit der raschen Folge des Themeneintritts in den eigenständigen Stimmen das Gesamtgeschehen erstarrt. Denn indem das Thema enggeführt wird, erhöht sich die Dichte des musikalischen Raums, und der Zeitverlauf wird blockiert.

Etwas Ähnliches scheint unsere Lage zu prägen. Ihr Thema ist die Krise. Es erklingt in vielen Stimmen von irreduziblem Eigensinn, die es immer schneller bringen und sich ineinanderschieben. Entsprechend ist die Lage nicht eine einzige multiple Krise, sondern krisenhaft in ihrer Mehrstimmigkeit, deren Verschachtelung den Gesamtkomplex erstarren lässt. So könnte sich die Krisenreihe als enggeführte Krise erweisen.

Gedacht hatte man es sich anders. Vor dreißig Jahren war der Blick in die Zukunft optimistisch. Denn mit der Niederlage von Europas sozialistischen Staaten schienen Krisen zu bloßen Begleiterscheinungen eines grundsätzlich unangefochtenen Sozialgebildes zurechtgestutzt.

Dabei waren in den zwei Jahrzehnten zuvor – nach dem Ende des »Goldenen Zeitalters« von 1950 bis 1970 –1 die bürgerlichen Gesellschaften noch von Krisen heimgesucht worden, die ihr Prinzip selber in Frage stellten. In der Bundesrepublik erfasste man diese Krisen vornehmlich unter zwei Deutungen. Von gesellschaftskritischer Seite aus sprach man von den »Legitimationsproblemen im Spätkapitalismus«,2 von konservativer Seite aus von der »Unregierbarkeit«.3 Hierbei begriff die erste Seite ihre Situation als eine die Sozialintegration beeinträchtigende Störung der Systemintegration. »Systemintegration« – das bezeichnet die funktionalen Steuerungsleistungen eines Gesellschaftssystems (Altersvorsorge, Bildungseinrichtungen usw.). »Sozialintegration« – das bezeichnet den an Geltungsansprüchen orientierten gesellschaftlichen Konsens. Nun werden laut der gesellschaftskritischen Seite faktisch fehllaufende Systemsteuerungen erst dann zu Krisen, wenn sie die auf kontrafaktischen Geltungsansprüchen beruhende Konsensbildung beschädigen. Und weil diese Konsensbildung die Legitimität des Sozialsystems betrifft, sind Krisen stets Legitimationskrisen.

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