Gebrochene Kontinuität. Neues zum Werk Hans Blumenbergs

„Ich glaube«, schrieb Siegfried Kracauer 1964 an den da bereits vierundvierzigjährigen Hans Blumenberg, »dass es nur logisch und sinngemäß ist, wenn Sie Ihre generellen Gedanken nicht so sehr direkt ausdrücken als sie in monographischen Studien bewähren und durchscheinen lassen. Das scheint mir eine Konsequenz dieser besonderen Gedanken selbst.«1 Das war wohl als Trost gedacht, denn immer wieder hatte Blumenberg mit dem Vorwurf zu kämpfen, zwar philosophiegeschichtlich immens belesen, aber systematisch untalentiert zu sein. »Offenbar sind die Kräfte des historisch sehr gebildeten und kenntnisreichen Verfassers zum systematischen Entwurf seiner Gedanken noch nicht ganz reif«, attestierte ihm etwa Hans-Georg Gadamer in einem Gutachten 1957.

(Der Text ist im Januarheft 2021, Merkur # 860, erschienen.)

Blumenberg, das wird aus der meisterlichen Biografie deutlich, die Rüdiger Zill zum verstrichenen Jubiläumsjahr vorgelegt hat, wollte gern bewundert sein, konnte aber Widerspruch schlecht ertragen.2 Statt sich der Kritik auszusetzen, indem er etwa offensiver Systematik betrieben hätte, wurde sein Schreibstil immer indirekter. Dass dahinter eine Strategie steckte, bemerkte er 1976 in einer Vorlesung, die Zill zitiert: »Ich bin der Ansicht, dass die überzeugungsträchtigsten Teile von philosophischen Abhandlungen entweder gar nicht in diese hineingehören – ein Paradox, muss ich hier wohl bemerken – oder aber nur am Rande hineingehören, damit derjenige Leser, der es wirklich genau wissen will, es auch erfährt.« Dieses Abwälzen der Verantwortung auf die Leser, Wesentliches im eigenen Werk zu entschlüsseln, war wohl im Ganzen erfolgreich, wahrscheinlich gerade deshalb, weil diese Entschlüsselungsarbeit gern ausgeschlagen wird. Anders lässt sich die Diskrepanz zwischen dem Ausmaß des feuilletonistischen Jubiläumsjubels und der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem bejubelten Werk nicht erklären.

Ein Maître de plaisir seiner Bewunderer

Es gibt wohl kaum einen Philosophen der jüngeren Gegenwart, der sich einer so fast kultischen Verehrung erfreut und dabei inhaltlich so schwer zu fassen und zusammenzufassen ist wie Blumenberg. Die Elogen, die zu seinem hundertjährigen Geburtstag die Qualitätsmedien füllten, hatten daher oft etwas Peinliches, weil sie zwar seine Tiefe priesen, sich aber nur in Oberflächlichkeiten ergehen konnten. Die Indirektheit Blumenbergs, seine Themenbreite bei gleichzeitiger Systembildungsabneigung, macht ihn als distinktionsverleihenden Anspielungsspender attraktiv, bereitet aber zugleich Schwierigkeiten, sich auf ihn als eigenes Thema einzulassen, ohne auf gut gepflegte Blumenberg-Klischees zurückzufallen.

Odo Marquardt versuchte sich in den achtziger Jahren in Komplexitätsreduktion und prägte die handliche Formel, Blumenberg gehe es in all seinen Werken um die »Entlastung vom Absoluten« – um den Menschen, der sich eine überwältigende Wirklichkeit vom Leibe halten müsse.3 Marquard übersah die Ironie, die in Blumenbergs Zugeständnis lag, er sei nicht unzufrieden über die Zusammenfassung, nur darüber, »daß man so schnell merken kann, daß alles ungefähr auf diesen Gedanken hinausläuft«. Das tat auch im Jubiläumsjahr der immer wieder wiederholten Entlastung vom vielgepriesenen Absoluten keinen Abbruch.

Ein Ausweichmanöver ist, den Stilisten Blumenbergs zu loben. Darin liegt eine eigene Ironie, die auf die Lobenden zurückfällt: Hannelore Schlaffer warf Blumenberg in einem bitterbösen Essay bereits zu Lebzeiten vor, »als Maître de plaisir seiner Bewunderer« mache er es seinen Lesern zu einfach, sich durch seine Belesenheit geschmeichelt zu fühlen: Sie hätten stets den Eindruck, die überraschenden Beobachtungen selbst gemacht, die geistesgeschichtlichen Großbögen selbst geschlagen zu haben. Blumenbergs Status als Feuilletonliebling – ein Syndrom des bildungsbürgerlichen Narzissmus? Da ist etwas dran, auch wenn Schlaffer Blumenberg vielleicht etwas zu sehr für seine Verehrer verantwortlich machte.4

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