Anklage gegen die Ärzte-Männer-Gesellschaft

Es war eine Krise, die sie fast umgebracht hat und die danach auch nie mehr aus ihrem Leben verschwunden ist. Das, was nach der Trennung von Ingeborg Bachmann (1926–1973) und Max Frisch (1911–1991) mit ihr geschah. (Frisch geschah nicht viel: Er hatte eine neue Freundin und lebte und schrieb weiter; er überlebte die fünfzehn Jahre Jüngere sogar um achtzehn Jahre: »Tot ist, wer liebt, nur der Geliebte lebt.«) Und vermutlich war das Hauptergebnis der Krise auch das, was am Ende den Tod der Schriftstellerin ziemlich direkt bewirkt hat.

(Der Text ist im Januarheft 2021, Merkur # 860, erschienen.)

Denn nach den vier Jahren, die das Traumpaar der deutschsprachigen Literatur mehr oder minder zusammen träumte, fiel die schon immer äußerst sensible Ingeborg Bachmann in ein ungeheures Loch: Sie wurde Monate in Heilungsanstalten quasi interniert, verbrachte Tage und Nächte in Weinkrämpfen und versuchte, sich das Leben zu nehmen: »[E]s war nicht ein bisschen Krankheit, sondern ich musste vor zwei Monaten in die Klinik, weil ich versucht habe, mich umzubringen.«1 Dabei war vermutlich nicht die Trennung von Frisch der Hauptgrund für die grausame Trauer. Auch nicht, dass sie bei dem bereits gut anderthalb Jahrzehnte Älteren durch eine nochmals dreizehn Jahre Jüngere ersetzt worden war. Nein, das Kernproblem war mit großer Wahrscheinlichkeit, dass Ingeborg Bachmann als Sechsunddreißigjährige offenbar ein Kind oder Kinder erwartet hatte und diese Kinder aufgrund des Beziehungsendes entweder bewusst abtreiben ließ oder verlor (»wie man euch herausgerissen hat aus mir«). Aber schlimmer noch: In der Folge wurde ihr im Januar 1963 ihre Gebärmutter entfernt, ohne dass sie über diesen Eingriff vollumfänglich informiert worden wäre oder zumindest ohne dass sie die Konsequenzen in ihrer Situation vollumfänglich im Voraus begriffen hätte (»all das Blut, das viele Blut, das geflossen ist, meine Mörder«).

Dies geschah erst nach dem Aufwachen aus der Narkose (»postoperative Schmerzen nicht ausgeschlossen, letaler Ausgang selten«) und mit dem schlagartigen Wissen, dass sie nun nie mehr würde ein Kind haben können – nicht einmal mehr die Option darauf. Wie schlimm diese Erfahrung war – sie berichtete, nach einem Tag hätten bei ihr selbst Opiate keine Schmerzlinderung mehr bewirkt –, zeigen ihre Briefe aus dieser Zeit, in denen sie von einem »totalen und fast tödlichen Zusammenbruch« spricht oder davon, dass sie nie mehr Normalität in ihr Leben werde bringen können; sie sei nur noch ein bedauernswerter Schatten ihres früheren Selbst. Es sprach ersichtlich auch durch die 35 Rosen, die sie sich im Spital jeden Tag selbst schenkte: 35 für das Alter, in dem ein letztes Mal vieles in Ordnung war. Nach der unumkehrbaren Operation fühlte sie sich monatelang, jahrelang wie völlig »abgetrennt von allem«, von der ganzen Welt. Dies auch, während Uwe Johnson sie in der zweiten Jahreshälfte 1963 in Berlin jeden Tag im Spital besuchte und Paul Celan ihr nach zwei Jahren ohne Korrespondenz einen vorletzten Brief schrieb.

Die tief verwundete Bachmann ihrerseits schrieb Briefe an Frisch, die sie zurückhielt und vernichtete, sendete einen ab, den sie lieber nie abgesendet hätte, erlitt ständig Rückfälle in die Heulkrämpfe, verbrannte ein Notizbuch Frischs. Und sie feilschte aus schierer Verzweiflung, die Kontrolle über ihr Leben zu behalten, mit dem Ex-Partner und seinem Verleger Siegfried Unseld darüber, wie viel Geld sie erhalten solle, damit Frischs teilweise autobiografisches Buch Mein Name sei Gantenbein gedruckt werden könne, worin sie sich in der Figur Lila wiedererkannte (auch musste eine Passage gestrichen werden).

 

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