Nackt besser aussehen

Die erste Szene spielt in meiner Küche. Dort stand Pierre am 18. Januar 2020 und erzählte, dass er seine für die kommenden Wochen geplante Konferenzreise nach China absagen werde. Man habe ihn angeschrieben und vom Ausbruch eines neuen Supervirus berichtet, er solle zu Hause bleiben, es sei alles abgesagt. Dann tranken wir Kaffee.

(Der Text ist im Januarheft 2021, Merkur # 860, erschienen.)

Die nächste Szene spielt wenig später im Fitnessstudio. Am 28. Februar hatte ich bei TK Maxx auf der Hauptstraße zwei neue Sport-T-Shirts gekauft. Sie waren noch nicht gewaschen, als ich am 9. März auf einen Crosstrainer stieg, weshalb ich auf andere Funktionskleidung zurückgreifen musste. Ein Foto zeigt, wie ich mit erdkrötenartigem Grinsen auf mein neues T-Shirt in grellem Pink hinweise, auf dem in sehr hässlicher Typografie »Adorno was so amazing, that’s why God made him an angel« steht. Als ich das Fitnessstudio verließ, war gerade bekanntgegeben worden, dass nun Einreisen von Deutschen nach Italien bis auf weiteres nicht möglich sein würden.

Das Foto hatte Kathrin gemacht, die im gleichen Haus wohnt wie ich, sie ganz unten, ich ganz oben. Ins Fitnessstudio gehen wir regelmäßig gemeinsam, um uns dann sehr unterschiedlichen Trainingsformen zuzuwenden. Zwei Tage später reiste sie auf unbestimmte Zeit ab und hinterließ mir die Nachricht, dass das Haus nun seine Socken ausgezogen habe. Was, unter uns, hieß, dass ich nun für längere Zeit kein Licht in ihrer Wohnung brennen sehen würde. Jetzt war ich auf mich gestellt.

Seitdem mache ich ausschließlich zu Hause Sport. Davor ging ich ein paarmal die Woche zu allen möglichen Kursen im Fitnessstudio oder lief auf einem Laufband vor mich hin und dachte an mein Abendbrot. Nun stehe ich auf einem von meinem Turnen wenig beeindruckten Teppich, der früher im Wohnzimmer meiner Großeltern lag. Dahinter stehen über Eck Bücherregale, eines davon war mal eine Vitrine, die im Wohnzimmer meiner Großtanten stand. Vor und auf diesem familiären Ballast bewege ich mich nach Anleitung von Trainerinnen und Trainern, deren Workouts ich auf Youtube finde. Ich versuche, jeden Tag wenigstens dreißig Minuten durchzuziehen, manchmal finde ich Ausreden, aber an sich bin ich disziplinierter, als ich erwartet hätte. Sehr gern gebe ich (nicht nur hier) diese Information weiter, denn schließlich ist eine der größten Freuden aller Fitness-Hoschis der Proselytismus.

Die dritte Szene ist eine Rückblende auf den 13. Oktober 2018, an dem in der Frankfurter Paulskirche Aleida und Jan Assmann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielten, aber eigentlich spielt die Szene auch auf dem Bildschirm meines Telefons, das auf einer Gymnastikmatte im Fitnessstudio liegt. Da ich die Assmanns sehr schätze und niemand auf dem Laufband neben mir unterwegs war, streamte ich die Preisverleihung über mein Smartphone. Den Ton spielte ich, da ich meine Kopfhörer vergessen hatte, in schäbiger Qualität über die Lautsprecher des Telefons ab. Noch während Hans Ulrich Gumbrecht seine Laudatio auf die Geehrten hielt, hatte ich genug vom Laufen und beschloss, auf einer Matte weiterzuarbeiten.

(…)

 


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