Entnazifizierungskitsch: Thomas Hettches Puppenkiste

Thomas Hettches neuer Roman galt vielen als Favorit beim Deutschen Buchpreis und war auch ohne den Sieg die Konsenslektüre des Herbsts 2020. Die zuständige Kritik war berührt und begeistert. Berührt, weil die Geschichte possierlich ist. Begeistert, weil Thomas Hettches Herzfaden die Geburt der Bundesrepublik aus der moralischen Ambivalenz ihrer Gründerfiguren heraus abgeleitet habe. Und zwar »virtuos«. So urteilt jedenfalls die überwältigende Mehrheit der etablierten Kritiker. Der Roman der Augsburger Puppenkiste, wie das Buch im Untertitel heißt, verkörpert damit wohl einen literaturkritischen Idealbefund: ein deutsch aufgeladenes Sujet, historisches Problembewusstsein und moralische Selbstanamnese. Doch kann es mit rechten Dingen zugehen, wenn ein deutsches Buch, das sich mit der deutschen Geschichte beschäftigt, gleich so viele deutsche Kritiker auf einmal zufrieden macht?

(Der Text ist im Februarheft 2021, Merkur # 861, erschienen.)

Thomas Hettches Roman über ein pädagogisches Kulturexportwunder der Nachkriegszeit möchte eine Preziose sein. Das zeigt schon seine extravagante Optik. Denn es ist alternierend zweifarbig gedruckt. In Tomatenrot und in Königsblau, was als Reminiszenz an das berühmte Kinderbuch Die unendliche Geschichte zu dechiffrieren ist. Blau und rot schieden darin die Teile, die in der Menschenwelt spielen, von jenen, die in Phantásien angesiedelt waren. Die Augsburger Puppenkiste hatte Jim Knopf, Michael Endes Parabel auf die NS-Ideologie, in ihr Repertoire aufgenommen. Gleich nach dem Krieg.

Der in Rot verfasste Teil von Herzfaden spielt in der Gegenwart, die sich als eine Art Phantásien im Marionettentheaterkosmos entpuppt. Der blaue Textteil bewegt sich in der Vergangenheit und erzählt die Geschichte der Puppenkistengründerfamilie Oehmichen aus Augsburg. Rot setzt ein mit einem kleinen Mädchen, das eine Vorstellung der Puppenkiste in Augsburg besucht und hinterher auf einen geheimen Speicher des Theaters gerät. Hier haben die Marionetten das Sagen, nicht die Menschen. Und so beginnt das Kind einen regen Austausch mit den Stars der Puppenkiste. Urmel aus dem Eis, der Räuber Hotzenplotz, der gestiefelte Kater, Frau Holle und der Kleine Prinz: Sie alle sind zur Stelle. Und über allen thront Hatü, die Tochter des Puppenkistenerfinders Walter Oehmichen. Sie hat das Theater lange an der Seite des berühmten Vaters geleitet und auch über dessen Tod im Jahr 1977 hinaus mit sicherer Hand modernisiert, indem sie Stücke von Michael Ende oder von Antoine de Saint-Exupéry ins Repertoire nahm. Und zwar zu einer Zeit, da die deutsche Nachkriegsgesellschaft noch wenig Bereitschaft zeigte, kritisch über sich nachzudenken.

Hatü ist in Hettches Konstruktion das Bindeglied zwischen Rot und Blau, zwischen damals und heute, zwischen verstrickt und entnazifiziert. Im roten Buchteil tritt sie dem Leser als klischierte Theaterdiva vor Augen. Im blauen liefert sie unter Rauchkringeln den Bericht ihres Lebens. Hettche lässt so die Lebenswirklichkeit einer normalen deutschen Nachkriegsfamilie Revue passieren. Normal soll heißen: repräsentativ, was ihr durchschnittliches NS-Mitläufertum betrifft. Und weniger repräsentativ für das, was sie daraus gemacht hat. In einer der erfolgreichsten Theatergeschichten der frühen Nachkriegszeit lässt sich nämlich prototypisch die Erfolgsstory eines anderen großen Nachkriegsprojekts spiegeln: das der Bundesrepublik.

In der FAZ jubelte Hubert Spiegel sogleich, Hettche habe mit Herzfaden eine Allegorie der jungen Bundesrepublik geschaffen. Doch stimmt das? Welchen Geschichtsbegriff hat Hettche, wenn er mit dem Wissen von heute über Kunst unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Öffentlichkeit von damals schreibt? Zunächst will er unverbindlich schildern, wie sich alles zugetragen hat. Die Betonung liegt auf unverbindlich.

Der Augsburger Schauspieler Walter Oehmichen hatte sich das Kunsthandwerk des Puppenschnitzens zunächst an der Front von einem Kameraden und später in der Kriegsgefangenschaft von einem Frontpuppenspieler abgeschaut. Daraus entwickelte er die Idee eines Marionettentheaters. Es sollte nicht nur die Soldaten aufheitern, sondern auch die trübsinnig gewordenen Deutschen. Das galt erst recht für die graue Nachkriegszeit. Zuerst gab es bei Oehmichens nur einen Puppenschrein, der in einer Augsburger Bombennacht aber restlos ausbrannte. Danach die berühmte Puppenkiste. Ab 1953 konnte man sie mit Peter und der Wolf dann auch im Deutschen Fernsehen sehen – zuerst beim Norddeutschen Rundfunk in Hamburg, dann beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Nur wenige Wochen, nachdem die Tagesschau im Hauptprogramm der ARD ihre Premiere gefeiert hatte.

Mit Marionettentheater, das hatte sich jetzt gezeigt, konnte man die Leute nicht nur gut führen, sondern auch zu guter Führung animieren – so überlegt sich das jedenfalls die jüngere Generation der Puppenspieler-Dynastie, allen voran Oehmichens Tochter Hatü. Mit der Übernahme existentialistischer Stoffe war endlich die Grundlage geschaffen für die Entnazifizierung. »Die Kiste«, hatte doch der Vater gesagt, »ist alles, was uns geblieben ist. Sie steht in den Ruinen. In sie sperren wir alles ein, was war. Verwandelt wird es wieder herauskommen.«

Wundersamerweise kommen bei Hettche auch Oehmichens verwandelt wieder aus ihrer Kriegskiste hervor. Wie der Roman beflissen berichtet, ging es auch bei ihnen nicht immer lupenrein demokratisch zu. Als Oberspielleiter hatte Vater Oehmichen oft genug weggesehen, wenn jüdische Kollegen verhaftet wurden. Er hatte sich eingerichtet. War zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Mit seiner Karriere. Und seiner Affäre. »Als ehemaliger Landesleiter der Reichstheaterkammer werde ich nicht entnazifiziert«, vermeldet er später einsichtig. »Also kann ich nicht ans Theater zurück.«

Walter Oehmichen wird von Thomas Hettche als Prototyp des freundlichen Mitläufers behandelt. So wie allen Romanfiguren ist ihm damit eine feste Rolle zugedacht. Die des charismatischen Systemstabilisators oder des apolitisch Verstrickten, den wir liebenswert finden, aber auch ein bisschen unmoralisch. Weswegen sich Hettches Helden gar nicht wie lebendige Romanfiguren verhalten, sondern wie grobgeschnitzte Marionetten, an denen ihr Schöpfer mit schwach ausgeprägter Feinmotorik zieht.

»Der Herzfaden ist der wichtigste Faden einer Marionette«, lässt Hettche seinen Oehmichen passend dazu verkünden. »Nicht sie wird mit ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns.« Doch wohin führt uns Hettche? In einen moralischen Abgrund, der auch um 1950 noch gut einsehbar bleibt, weswegen Hettche ihn gleich mit didaktisch gedüngtem Wortreich wieder zuschütten muss? Hierzu ein besinnliches Wort: »Das Dunkel kriecht aus allen Ecken der eiskalten Werkstatt. Puppen sind nicht lebendig, man muss sie nicht fürchten, Hatü weiß das. Doch sie weiß, das Gegenteil ist ebenso wahr.«

Der stumme Vorwurf der hölzernen Zeugen: Große Teile der Kritik haben das so gelesen. Nur leider geht es bei Hettche nicht so feinsinnig zu, wie man meinen könnte. Im Gegenteil: Seine Figuren sind bereits Anfang der fünfziger Jahre in der Lage, ihre Rolle im Nationalsozialismus nobel zu reflektieren. Hierfür bedarf es nicht mehr als einer nachhakenden Theatermacher-Tochter, die der aufgeklärten Generation angehört. Mit der typischen Achtundsechziger-Frage fordert Hatü den alten Oehmichen heraus: »Was habt ihr gewusst?«, will sie wissen. Woraufhin der Vater taktvoll antwortet: »Tatsächlich gewusst haben wir nichts, wollten es wohl auch nicht.«

Hettche lässt seinen Walter Oehmichen das »in die Stille hinein« erkennen. Da hatten die Mitscherlichs noch keine Zeile ihrer Studie über die Unfähigkeit zu trauern unters Volk gebracht, und auch das Wort Hermann Lübbes vom »kommunikativen Beschweigen« war noch nicht in der Welt. Die einen hatten den Deutschen eine kollektive Psychoanalyse empfohlen, um ihre Gefühlsstarre bezüglich millionenfachem Judenmord endlich zu überwinden. Der andere konstatierte die unter Bundesbürgern verbreitete Technik, die Naziverbrechen unter ein Schweigebanner zu ziehen. Auch Schweigen sei eine Kommunikationsform, meinte Lübbe, von dem 2007 bekannt wurde, dass er als junger Mann Mitglied der NSDAP gewesen war. Lübbe gab später an, sich nicht mehr erinnern zu können, wie es 1944 genau dazu gekommen war, was höchstwahrscheinlich stimmte.

Der Schriftsteller Frank Witzel hat in seinem Anfang 2020 erschienenen Roman Inniger Schiffbruch sehr eindrucksvoll herausgearbeitet, dass Selbstwidersprüche dieser Art konstitutiv für die junge Bundesrepublik gewesen sind, damit aber auch hochproblematisch für die Jugend des anbrechenden Popzeitalters. Die Schatten der Vergangenheit waren lang. Traumatisierungen der Elterngeneration wurden oft unhinterfragt an die Kinder weitergegeben. In den Wohnzimmern der Deutschen stand noch bis in die achtziger Jahre hinein der Erziehungsratgeber der Nazipädagogin Johanna Haarer Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Darin beschworen wird die »Front der Mütter unseres Volkes, die den Strom des Lebens, Blut und Erbe unzähliger Ahnen, die Güter des Volkstums und der Heimat, die Schätze der Sprache, Sitte und Kultur weitertragen und auferstehen lassen in einem neuen Geschlecht«.

Witzels Vater wiederum liest als junger Mann im katholischen Aufklärungsbuch für junge Männer. Trotz der antinazistischen Haltung des in Dachau inhaftierten Autors wird darin der Mangel an Führertum in zeittypischer Diktion beklagt. »Der Nationalsozialismus«, resümiert Witzel, »war nicht nur deshalb erfolgreich, weil er etwas anders sagte, als alle anderen, sondern weil er genau dasselbe sagte.« So lassen sich manche Kontinuitäten wie die väterlichen Versuche, sich diesen oder jenen zu »züchten« und das mütterliche Erdulden von Unrecht als Lebensversuche einer kontaminierten Generation von Republikgründern begreifen.

Wie steht Thomas Hettche, neun Jahre jünger als der 1955 geborene Witzel, nun zur Hypothek seiner Vorfahren? Man bearbeitet einen solchen Stoff ja nicht ohne eigenes Anliegen. Oder doch? Hängen die verstrickten Deutschen bei Hettche schon im Museum für moralische Atrozitäten, wo man sie herzeigt, wie seltsam verzauberte Kreaturen, Opfer ihrer Umstände?

An wen auch immer sich sein Buch richten mag: Es betreibt eine reeducation von zweifelhafter Natur, weil es sich eine deutsche Selbstreinigung anschauungsfrei in den literarischen Raum hineinfantasiert. Ambivalenzen werden vor sich hergetragen wie Trophäen einer am Reißbrett entworfenen und nachgebesserten Nachkriegspsyche und eben nicht beschrieben als das, was sie waren und noch immer sind: blinde Flecken, Zonen des Unerzählbaren, eiternde Wunden weit in die Zukunft heutiger Leser hinein.

Das, was Thomas Hettche hier unter dem Applaus der professionellen Öffentlichkeit liefert, ist Entnazifizierungskitsch. Die Schlusspointe seines Romans ist mit abgeschmackt nur unzureichend charakterisiert. Ihr Gegenstand ist eine Kasperlefigur, die Hatü als Kind geschnitzt hatte und vor der sie unerklärlicherweise immer davonlief. Am Ende des Buchs weiß sie, warum. Vater Oehmichen war eines Nachts, die Tochter schlief, in die Werkstatt gestiegen und hatte Hatüs Kasperl begradigt, auf dass er weniger furchteinflößend aussähe. Zuerst schnitzt er seine krumme Nase gerade. Dann glättet er seine wulstigen Lippen. Und da fällt es der Roman-Hatü auf einmal wie Schuppen von den Augen: Das Unterbewusste hatte bei ihr zu Buche geschlagen! Sie hatte einen Judenkasperl geschnitzt. »Hatü starrt ihren Vater an. Es dauert einen Moment, bis sie begreift, was er da sagt. Dann schüttelt sie heftig den Kopf. Doch zugleich versteht sie endlich entsetzt, was sie damals getan und weshalb sie sich all die Jahre so sehr vor dieser Marionette gefürchtet hat.«

Die antisemitischen Stereotype saßen tief, will uns diese Episode sagen. Ein Glück, dass der polizeiliche Selbsterkennungsdienst bei allen Figuren sofort verfängt und zu ihrer umgehenden Entnazifizierung führt.

Dieser Roman liefert nichts von dem, wofür ihn die renommiertesten Kritiker des Landes rühmen. Er schafft keine »Allegorie« der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Er liefert keine »vertrackte« Romankonstruktion, wie die Zeit jubelt. Und Hettche spielt auch nicht, wie die Süddeutsche schwärmt, mit verschiedenen »Gefühlsfarben und Erwartungen«. Denn Hettche spielt nicht mit Erwartungen, er übererfüllt sie.

Zur Kenntnis nehmen muss man aber auch, dass ein solches Buch offenbar konsensfähig ist im deutschen Literaturbetrieb. Dass sich versierte Kritiker, umfassend gebildete Leserinnen und Leser, darauf zu einigen bereit sind, es hier mit einem Meisterstück literarischer Vergangenheitsbewältigung zu tun zu haben. Zum Teil sind es die gleichen Leute, die vor knapp zwei Jahren den Kitsch eines Takis Würger geißelten, der über die jüdische Denunziantin Stella Goldschlag geschrieben hatte, was die Kritik als geschmacklos zurückwies. Doch ist Hettches Reeducation-Arabeske aus der guten alten Bundesrepublik nicht noch viel geschmackloser?

Es scheint eine Tendenz im hiesigen Kulturbetrieb zu geben, heute anders, nämlich milder, versöhnlicher, ja fahrlässig versöhnlich auf die sittlichen Verwerfungen unserer Vorfahren zu blicken. Arno Geigers Roman Unter der Drachenwand wurde 2018 im Feuilleton unisono bejubelt – und zwar für seine gerechte Darstellung des Kriegsalltags. Unter der Drachenwand war ein Roman, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, das Leiden der normalen Leute, des einfachen deutschen Soldaten und seiner Braut zu zeigen. Eine Stoßrichtung, die mit dem umstrittenen TV-Mehrteiler Unsere Mütter, unsere Väter 2013 noch für enorme Kontroversen gesorgt hatte.

Diese hatten bis nach Polen gereicht, wo man sich über die Schilderung der etwas grobschlächtig geratenen polnischen Partisanendarsteller wundern musste. Aber nicht nur darüber. Der Historiker Ulrich Herbert staunte in der taz über die blinden Flecken der beliebten TV-Produktion: »Nichts von dem Vertrauen und der Liebe, die Hitler gerade aus der Jugend entgegenschlug. Nichts von der festen Überzeugung, dass Europa von Deutschland beherrscht werden müsse. Und dass es besser wäre, die Juden wären weg. Nicht, dass sie umgebracht werden sollten – aber weg sollten sie sein.« In Unsere Mütter, unsere Väter waren die deutschen Soldaten einfach Kanonenfutter, ein paar junge Männer, die durch die zeitgeschichtlichen Umstände um ihre Jugend gebracht worden waren. Apolitisch oder halt einfach nur naiv. Wenn das kein innerdeutsches Appeasement zur besten Sendezeit gewesen ist! An diese kulturelle Integrationspolitik der gebildeten und halbgebildeten Kreise schließt Thomas Hettches Marionettentheater-Roman nun nahtlos an.

Frank Witzel hatte schon in seinem Roman Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 die Schweigeabgründe seiner Jugend herauspräpariert und dafür 2015 den Deutschen Buchpreis erhalten. In Inniger Schiffbruch setzt er dieses Projekt fort. Aber er liefert noch viel mehr. Nämlich unter anderem eine sehr brauchbare Definition des literarischen Kitsches: »Kitsch ist deshalb Kitsch, weil etwas vom Ende her erzählt wird, womit die Erzählung als solche überflüssig wird«, heißt es im Roman. Und weiter: »Kitsch ist deshalb verlogen, weil er sich aus einem teleologischen Weltbild ableitet.«

Wer also beim Schreiben bereits weiß, was dabei herauskommen soll, reproduziert keine Erkenntnis, sondern Klischees – Klischees von Nazis, die bei Hettche blond, blauäugig und natürlich irgendwie sadistisch sind; Klischees von Mitläufern, die ein bisschen feige, aber auch total menschlich sind; und Klischees von einem Ende, mit dem alle leben können, weil es niemanden ausschließt. Täter und Opfer und Mitläufer und Aufklärer machen zusammen fröhlich Puppentheater. Der Vorhang fällt.

Thomas Hettches Roman liefert eine bildungsromanhafte Schilderung der Erkenntnis der eigenen Schuld. Herzfaden ist damit etwas für Leute, die im Grunde keine Lust mehr haben, sich mit der deutschen Vergangenheit und ihrer möglichen Wiederholbarkeit zu beschäftigen.

»Wer einen Drachen überwinden kann, ohne ihn umzubringen, der hilft ihm, sich zu verwandeln.« So steht es in Jim Knopf. Thomas Hettche hat aus Michael Endes Kinderbuchweisheit eine abgeschmackte Geschichtsshow in leichter Sprache gemacht, in der die moralische Zwiespältigkeit der Figuren weder in eine Drachentötung noch in eine Drachenverwandlung führt, sondern bloß in die Unverbindlichkeit. Der Hettche-Hype muss der kritischen Leserin wie eine riesige Entlastungsgeste vorkommen. Mit diesem Buch sollen sich alle wohl fühlen. Mit diesem Buch fühlen sich offenbar die meisten wohl. Ein Grund, ihm zumindest das hübsche rote Lesebändchen abzuschneiden.

 

 


5 Kommentare

  1. Heinrich Rentmeister sagt:

    Herzlichen Dank für diese nur zu wahre Kritik gegen den Strom. Hettches Buch ist wirklich nicht der große Wurf – weder geschichtlich noch sprachlich und auch ingesamt literarisch eher Sammlung und Ausleihe als eigene Gestaltung. Leider ein Trend eher belanglose Werke über deutsche Geschichte zu loben getrieben von den Bestsellerlisten und den belanglosen Schreibstuben der Seminare. Aber Literatur entsteht im Leben.

  2. Reiner Girstl sagt:

    Thomas Hettche ist mir bis heute nicht als ein Autor aufgefallen, der eine besondere Meisterschaft der Sprache erringt. Wenn man den Preis für gelungene Sprache verleihen will, gebührt der bei den Lebenden sicher Ralf Rothmann. Die gelungene Geschichte zu entwickeln, statt der Konstruierten, ist wohl das größte Problem bei der aktuellen Literatur. Das ist mir schon bei einen hochgelobten Buch von Katharina Hacker aufgefallen.

  3. Beate Tröger sagt:

    Guter Text! Ich habe Hettche nicht gelesen. Mir war suspekt, dass hier über die „Augsburger Puppenkiste“ der Leserschaft so unverblümt ein konsensfähiges Identifikationsangebot unterbreitet wurde. Und wer sich nicht mit einem so breit goutierten zeitgeschichtlichen Phänomen lesend einlassen wollte, musste sich gleich verdächtig vorkommen. Da wollte ich lieber herzlos verdächtig bleiben — und bin der Autorin umso dankbarer, dass sie hier analysiert, was bei mir lediglich intuitiv Unbehagen ausgelöst hat.
    »Der Herzfaden ist der wichtigste Faden einer Marionette«, lässt Hettche seinen Oehmichen passend dazu verkünden. »Nicht sie wird mit ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns.« »Nein, danke«, verkünde ich!

  4. Werner Schütz sagt:

    Eben war ich bei Dubelhugen – oder heißt es Hugendübel? -, um mal einen Roman von Thomas Hettche in die Hand zu nehmen und eventuell eine Seite zu lesen. Denn noch nie habe ich etwas von Hettche gelesen. Ich habe bisher nur etwas über ihn gelesen, und zwar letztes Jahr, als er für einen Literaturpreis in Frage kam. Nicht daß ich stolz wäre auf meine Ignoranz, doch scheint mir, nachdem ich den Text von Katharina Teutsch (Merkur, Feb. 2021) zur Kenntnis nehmen durfte, bislang nichts versäumt zu haben. Katharina Teutsch klingt glaubwürdig. Sie demaskiert nicht nur das Buch aus der Puppenkiste, sondern den Literaturbetrieb insgesamt, besonders aber ihre eigene Branche, das Rezensionsgewerbe. Schon immer hegte ich den Verdacht, so mancher Lobhudler könnte zuviel des Guten hudeln. Endlich zeigt mal jemand auf „Des Kaisers neue Kleider“.- Nebenbei, Hügelduben führt kein einziges Hettche-Buch. Morgen gehe ich zu Dussmann.

  5. Erhard Weinholz sagt:

    Seit langem schon sammle ich Zeitungsausschnitte, jetzt, in Corona-Zeiten, kommen sie zu Ehren: Ich lese meiner Frau daraus vor. Gestern war ein Text aus dem Jahre 1998 an der Reihe, Thema war der Umzug der Merkur-Redaktion von München nach Berlin. Herausgeber Kurt Scheel wurde vorgestellt als leidenschaftlicher und detailversessener Spracharbeiter. Aber Scheel ist ja nun tot … und der Merkur? Mal ins Netz schauen … gibt es noch. Und so stieß ich auf diese Rezension.
    Hettches Roman habe auch ich nicht gelesen, kann also nicht einschätzen, ob Katharina Teutsch ihn zu Recht kritisiert. Doch mich stört ihr Verfahren, noch vor jedem eingehenderen Argumentieren den Leserinnen und Lesern durch die Wortwahl eine Meinung unterjubeln zu wollen. Der Roman berichte beflissen, heißt es bei ihr beispielsweise. Es gibt noch mehr in der Art.
    Anderes scheint mir zur Stilblüte zu tendieren. Die Ambivalenzen der Nachkriegspsyche seien blinde Flecken, Zonen des Unerzählbaren, eiternde Wunden weit in die Zukunft heutiger Leser … Der blinde Fleck als eiternde Wunde? Und dann noch in die Zukunft hinein … Überhaupt liebt die Rezensentin, wie es aussieht, missratene Sätze, zitiert beispielsweise Frank Witzel: Der Nationalsozialismus war nicht nur deshalb erfolgreich, weil er etwas anders sagte, als alle anderen, sondern weil er genau dasselbe sagte. Eine Detailkritik erspare ich mir hier.
    Und weshalb sollen diese Ambivalenzen unerzählbar sein? Auch sonst kommt mir in dieser Rezension inhaltlich einiges problematisch vor. Die Tochter des Puppenkistenerfinders habe, so lese ich, das Theater über den Tod ihres im Jahre 1977 gestorbenen Vaters hinaus modernisiert, indem sie Stücke von Michael Ende und Saint-Exupéry ins Programm nahm. Im Abschnitt zuvor heißt es dagegen, Endes Jim Knopf, eine Parabel auf die NS-Ideologie, sei gleich nach dem Krieg ins Repertoir aufgenommen worden. Was denn nun, nach 1977 oder gleich nach 1945? Und wie konnte Oehmichen gleich nach dem Krieg ein Stück spielen, dessen Vorlage erst Ende der 50er Jahre entstanden ist? Im übrigen, das fällt nun wieder in den Bereich des Sprachlichen, gibt es keine Parabeln auf etwas.
    Es ließe sich noch erheblich mehr anmerken, ich lasse es. Prädikat: eher enttäuschend.

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