Schwierige Gespräche nach den US-Wahlen

Noch bevor die Präsidentschaftswahl entschieden war, wurden wir in den Vereinigten Staaten von Ratschlägen zum Umgang mit der extremen politischen Spaltung unseres Landes geradezu überschwemmt. Nachdem der Sieg von Joe Biden und Kamala Harris über Trump deutlich knapper ausgefallen ist, als nach den Umfragen zunächst zu erwarten gewesen war, ist guter Rat in dieser Sache teurer als je zuvor. Trump konnte mehr als 73 Millionen Stimmen für sich verbuchen: Es haben also 47 Prozent der Wähler für ihn gestimmt, wobei die höchste Wahlbeteiligung der amerikanischen Geschichte gemessen wurde. Ja, Trump ist abgestraft worden, eine zweite Amtszeit wurde ihm klar verweigert, und doch war die Ablehnung alles andere als einmütig. Er wird die Bühne verlassen, seine Anhänger hingegen werden das nicht tun. Wir leben, wir arbeiten zusammen mit ihnen, sie sind Kollegen, Nachbarn, Freunde – häufig genug auch Teil unserer Familien. Wie sollen wir mit ihnen umgehen?

(Der Text ist im Februarheft 2021, Merkur # 861, erschienen.)

Der Comedian Hasan Minhaj hat kürzlich den Schlussteil seiner Show darauf verwendet, seinen (mutmaßlich) jüngeren Zuschauern zu erklären, wie sich eine Diskussion mit (mutmaßlich deutlich konservativeren) Eltern gedeihlich führen lässt. Nicht gleich in den Angriffsmodus schalten, lautete seine Warnung; lasst sie vor allem erst mal wissen, dass ihr sie gernhabt. Deepak Chopra, die Inkarnation des modernen Wellness-Gurus, bietet ein Neun-Punkte-Programm für das friedliche Thematisieren von Meinungsverschiedenheiten an. Der Journalist Charlie Warzel hat in seiner Kolumne in der New York Times ein sechsstufiges Modell für eine angemessene Auseinandersetzung mit rechten Verschwörungstheoretikern vorgestellt. Die Botschaft lautet im Kern überall gleich: nicht herablassend erscheinen, nicht persönlich werden, nicht schimpfen, nicht belehren – und dabei stets wissen, wann man das Gespräch besser abbrechen sollte. Und das ist auch ganz sicher nicht per se verkehrt.

Man sollte allerdings meinen, dass diese kommunikativen Maximen für beide Seiten gleichermaßen gelten müssten. Tatsächlich jedoch richten sich solche Appelle stets nur an das liberale Lager, also an Menschen wie mich: Uns wird erklärt, wie wir mit den Trump-Unterstützern in unserem Freundeskreis, in unserer Familie umzugehen hätten. (Das geschieht mal mehr, mal weniger subtil. Chopra etwa formuliert seine Ratschläge bewusst unparteiisch. Sein erstes konkretes Beispiel ist dann allerdings die Begegnung mit einem Maskenverweigerer. Huch, wer könnte damit wohl gemeint sein?)

Ich kann nicht verhehlen, dass diese Einseitigkeit schmerzt. Ausgerechnet uns Liberalen, die wir Trumps Amerika geschlagene vier Jahre lang haben aushalten müssen, wird nun die Seelengröße abverlangt, uns geduldig in die Klagen unserer politischen Gegner zu vertiefen. Als hätten die nicht alle nur vorstellbaren Machtmittel zur Verfügung gehabt, ihre Position zur Geltung zu bringen: Präsident, Senat und mittlerweile auch noch eine solide Mehrheit von sechs Richtern im Supreme Court. Gibt es irgendein politisches Anliegen, über das in den Medien nicht schon längst lang und breit debattiert worden wäre? Mir fällt ehrlich gesagt keines ein.

(…)

 


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