Solidarität heißt Angriff

Ich finde das Fotografieren von Essen sehr peinlich. Dennoch fotografiere ich in Cafés und Restaurants meine Bestellungen, wenn auch verschämt und so heimlich wie möglich, bevor ich die Bilder dann im Internet der Weltöffentlichkeit präsentiere. Angesichts von Kontaktbeschränkungen und geschlossenen Lokalen fielen in den letzten Monaten alle Hemmungen. Sonntags traf ich mich regelmäßig zum Tortenessen mit einer Freundin bei mir zuhause und knipste drauf los. Bei einer dieser Gelegenheiten arrangierte ich neben den Desserttellern und einer Auswahl von Spielzeugfiguren wie zufällig eine Anthologie, die ich mir erst ein paar Tage zuvor gekauft hatte. Ihr Titel, Die Schwarze Botin. Ästhetik, Polemik, Satire 1976–1980, passte hervorragend zur Farbe der Bekleidung meiner Freundin, und ich erfreute mich an meiner Komposition.

(Der Text ist im Februarheft 2021, Merkur # 861, erschienen.)

Es war mir dabei nicht entgangen, dass sonntägliche Kuchentafeln und selbst die größten Bemühungen um die Ironisierung der Biedermeierlichkeit nichts sind oder waren, was in der Welt der Schwarzen Botin irgendwie Platz gehabt hätte. Ich kannte die Zeitschrift, deren erste Folge von 1976 bis 1980 in einer Auflage von rund 3000 Exemplaren in West-Berlin erschienen war, bislang nur als Gegenstand von Zeitschriftenforschung und raunenden Erzählungen über die Radikalität und geistige Brillanz der darin vertretenen feministischen Texte. Jetzt hatte ich mir die von Vojin Saša Vukadinović herausgegebene Auswahl gekauft und gierig zu lesen begonnen. Gegen das Kaffeetrinken in meiner Küche konnten sich die Herausgeberinnen Gabriele Goettle und Brigitte Classen nun schwer wehren.

Die meisten Leute reagieren nicht gut, wenn man sie zum Kaffeetrinken zwingt, allerdings glaube ich, dass jedes Zusammentreffen mit den Botinnen für mich sehr schwierig wäre. Es gibt da meinerseits ein Ehrfurchtsproblem, von Angst nur schwer zu unterscheiden, das sich aus meiner Lektüre der Texte in Die Schwarze Botin ergibt. In dieser gerade erschienenen Ausgabe sind sie nach Themen wie Feminismus und Sexualität, Kulturbetrieb, Islam, RAF oder Faschismus in Europa neu sortiert.

Ich habe Die Schwarze Botin nicht allein aus Interesse an der historischen Situation oder am literarischen Stil ihrer Autorinnen gelesen. Eigentlich suchte ich auch nach Positionen, mit denen ich mich identifizieren könnte, und nach Figuren, die diese Positionen überzeugend verkörperten. Aber die Ausbeute ist gering, es gibt keine Biografismen, die ich als Vergleichsmaterial mit dem eigenen Leben heranziehen kann. Vukadinović berichtet in seinem Vorwort zum Band zwar einiges über die eher unglückliche Beziehung zwischen Classen und Goettle und über deren Milieu, in dem die Zeitschrift in den siebziger und achtziger Jahren entstand, der Zeit kurz vor meiner Geburt. Viel wichtiger aber ist der historische Abriss, der auf jeden Radikalinska-Glamour verzichtet – zum Glück. Beim Lesen verstehe ich, dass ich in eine ganz andere Version dieser Zeit hineingeboren wurde. Den Fotos meiner Kinderzeit zufolge spielte mein 1987 eigentlich 1957: unheimlich viel Kaffee und Kuchen.

(…)

 


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