Bedrohte Wissenschaftsfreiheit: Alles nur Einzelfälle?

Jan Plamper bastelt mit seinem Beitrag fleißig mit an dem Meta-Mythos, die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit durch die (angebliche) Cancel Culture wäre nur ein Mythos, so wie auch die Behauptung ein Mythos wäre, an geistes- und kulturwissenschaftlichen Fakultäten gebe es eine linke Hegemonie. Das wären, so der Meta-Mythos, nur Erdichtungen vor allem konservativer und rechter sowie alter und weißer Professoren, die sich zwar gerne mit ihren typischerweise nationalen, migrationsfeindlichen und islamophoben Positionen aus dem Fenster hängen, bei kritischem Gegenwind aber sofort aufjaulen und rumschreien, eine linke Meinungsmafia beraube sie ihrer Freiheit. Dieser gar nicht neue Meta-Mythos lässt sich leicht belegen. Hier nur drei Beispiele aus verschiedenen Medien und Milieus: So schreibt etwa die Philosophin Elif Özmen in einer Fachzeitschrift: „Die These, dass die Intelligenzia im Ganzen und die Universitäten im Besonderen Horte der ‚linken pc-Meinungsdiktatur‘ wären, ist nicht nur empirisch falsch, sondern bedient einen Mythos, der seit den 1990er Jahren von konservativen bis hin zu rechtsextremistischen Bewegungen verbreitet wird“; ein Beitrag der Sendung „Kontraste“ (14. November 2019) schloss mit dem Satz: „Das Gerede von der fehlenden Meinungsfreiheit an den Hochschulen – es ist ein Mythos“; und auf Twitter findet man als Reaktion auf die Gründung des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit etwa diesen Tweet von Sebastian Gießmann, Medienwissenschaftler an der Uni Siegen: „Die Wissenschaftsfreiheit ist in Deutschland nicht bedroht. Diejenigen, die sagen, sie wäre bedroht … nutzen das als Aufmerksamkeitsgenerator. Und beweisen just dadurch, dass sie sich selbst sehr frei äußern können. Aber eben nicht unwidersprochen.“ Usw., usf.

Auch Plamper wirft, wie so viele, dem neuen Netzwerk Wissenschaftsfreiheit „unbelegte Behauptungen“ vor; es könne „von einer weit verbreiteten Cancel Culture“ seines Erachtens „keine Rede sein“. Wirklich nicht? Wann könnte denn von einer solchen Cancel Culture an deutschen (oder deutschsprachigen) Universitäten die Rede sein? Um diese Frage zu beantworten, brauchen wir erstens einen brauchbaren Begriff von Cancel Culture in Beziehung auf die Wissenschaftsfreiheit; und wir brauchen zweitens eine Größe, die uns erlauben würde, Einzelfälle von einem strukturellen Problem oder zumindest von einer besorgniserregenden Tendenz zu unterscheiden.

Die Begriffsbestimmung ist, wie immer, schwierig, aber an den Rändern ist es doch klar, worum es geht. Klar ist jedenfalls, dass eine halbwegs vernünftige und sachbezogene Kritik kein Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit ist. Kritik, und sei sie noch so scharf, gehört zum Geschäft der Wissenschaft. Der immer wieder vorgebrachte Vorwurf, wer sich heute für Wissenschaftsfreiheit einsetze, wolle sich in Wahrheit gegen Kritik immunisieren, ist daher nur ein Schachzug, der in die Irre führt, und zwar bewusst, um vom eigentlichen Problem abzulenken. So hat vor kurzem die Forschungsstelle für Interkulturelle Studien der Universität zu Köln eine Stellungnahme „Für Freiheit in Forschung und Lehre“ veröffentlichte, in der es u.a. heißt, Meinungsfreiheit bedeute nicht, alles unwidersprochen sagen zu können – aber wer hat denn je das Gegenteil behauptet?

Am anderen Ende des Begriffsfeldes lässt sich eine ziemlich klare Begriffsbestimmung aus dem Recht gewinnen. So schreibt der Experte für Wissenschaftsrecht, Christian von Coelln, mit Blick auf die prominenten Fälle (Frankfurt, Berlin, Siegen): „Der Schutz freier Lehre hängt auch nicht davon ab, wem die vertretenen Thesen oder auch nur die behandelten Themen missfallen, ob die Positionen als politisch inopportun gelten, wie meinungsstark, gut organisiert und empörungsaffin ihre Gegner sind oder mit welchem Anspruch moralischer Überlegenheit sie antreten. Auf wissenschaftlicher Basis darf das Kopftuch ebenso als Instrument der Unterdrückung wie als Zeichen der Selbstbestimmung gewertet werden. Totalitarismusforscher dürfen die Schreckensherrschaft des Dritten Reiches mit dem Stalinismus vergleichen, Historiker der Frage nachgehen, ob die Vertreibung der Armenier durch die Türken nach heutigen Maßstäben einen Völkermord darstellte. Rechtswissenschaftler dürfen den Umgang mit den Flüchtlingsströmen im Herbst 2015 als rechtmäßig oder rechtswidrig beurteilen, Vertreter anderer Disziplinen den Brexit oder Scientology differenziert bewerten: Alle diese Entscheidungen sind von Art. 5 Abs. 3 GG geschützt.“

Diese Auslegung ist, so von Coelln, „juristisches Gemeingut“ und bedürfe eigentlich „keiner weiteren vertieften Behandlung“. Es tangiert also in jedem Fall die Wissenschaftsfreiheit, wenn Vorträge oder Vorlesungen gestört oder gar verhindert werden; wenn Mittel gestrichen werden, um Vorträge zu finanzieren; wenn dazu aufgefordert wird, Aufsätze nicht zu veröffentlichen; wenn ganze Fakultäten sich öffentlich gegen eines ihrer Mitglieder erklären; wenn jemand etwa als „Rassist“ oder „Nazi“ beleidigt oder verleumdet wird, und sei es auch nur im nicht-justiziablen Sinne; und natürlich auch dann, wenn Wissenschaftler Repressalien wie Dienstaufsichtsbeschwerden oder disziplinarische Maßnahmen bis hin zur Entlassung befürchten müssen (und gewiss doch auch, wenn Kollegen Morddrohungen erhalten).

Neben diesen beiden klaren Kategorien – erlaubte Kritik auf der einen Seite, rechtswidrige Verletzungen der Wissenschaftsfreiheit auf der anderen ‒ gibt es aber einen Bereich, der keine klaren Grenzen hat. Scharfe Kritik kann übergehen in Hassrede; sie kann umschlagen in sozialen oder akademischen Druck, der so groß wird, dass ihm nicht nachzugeben eine Überforderung wäre, weil z. B. akademische oder ökonomische Karrieren gefährdet sind; sie kann nicht zuletzt Anstiftung zur Selbstzensur sein, auch zur Selbstzensur von Institutionen, die es nicht mehr wagen, für ihre Freiheit den Preis eines shitstorms zu bezahlen oder den, eine Hundertschaft Polizisten herbeizurufen. Hier hilft nur die Urteilskraft im Einzelfall. Nur mit Urteilskraft und kaum mit dem Skalpell des Rechts kann man entscheiden, ob etwa die perfiden Angriffe auf Maisha-Maureen Auma noch unter die legitime oder zumindest legale Kategorie der Kritik fallen oder nicht (meines Erachtens tun sie das nicht).

Ist also die akademische Cancel Culture nur ein Mythos? Reden wir über einige Fälle und ziehen wir eine Analogie. Nehmen wir an, die Behauptung steht im Raum, deutsche Polizisten verhielten sich in ihrer Arbeit oft rassistisch. Wie viele Beispiele für ein solches rassistisches Verhalten müsste man angeben können, um zumindest von einer Tendenz sprechen zu dürfen? Fünf? Zehn? Zwei Dutzend? Nun, schwer zu sagen. Es hinge auch davon ab, wie groß der Graubereich ist. Je mehr klare Fälle es gibt, um so wahrscheinlicher ist es, dass es eine große Zahl kleinerer, unentdeckter, schwerer bestimmbarer Fälle gibt. Und ist es denn nun so, dass wir es nur mit Einzelfällen zu tun haben? Hier eine kleine Erinnerungshilfe mit Blick auf die letzten Jahre: Der Psychologe Heiner Rindermann veröffentlicht 2015 einen Beitrag, in dem es u. a. um den geringeren Durchschnitts-IQ bestimmter Einwanderer geht. Die Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften und das Institut für Psychologie der Universität Chemnitz distanzieren sich öffentlich von Rindermann. ‒ Mitglieder der „Identitären Bewegung“ stören 2016 eine Vorlesung an der Universität Klagenfurt und greifen dabei den Rektor tätlich an. ‒ An der Universität Vechta findet 2016 eine Ringvorlesung zum Thema Migrationspolitik statt. Den Herausgebern der Beiträge werden u. a. wegen des angeblich rechtspopulistischen Mitorganisators Hermann von Laer die Mittel gestrichen. ‒ Der Philosoph und AfD-Politiker Marc Jongen wird 2017 zu einer Tagung ans Hannah Arendt Center am Bard College eingeladen. In einem Offenen Brief beschimpfen auch namhafte deutsche Akademiker und Akademikerinnen Jongen als rassistisch und xenophob. ‒ Die Goethe-Universität in Frankfurt sagt 2017 einen geplanten Vortrag des Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, wegen dessen angeblichen Rassismus wieder ab. ‒ Die Migrationsforscherin Sandra Kostner lädt 2017 Hamed Abdel-Samad an die Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd ein. Eine kopftuchtragende Studentin erstattete wegen Volksverhetzung Strafanzeige gegen den Referenten, weil sie ihr Recht auf ein diskriminierungsfreies Studium durch seine Aussage verletzt sah, das Kopftuch bei Lehrerinnen sei nicht mit dem staatlichen Neutralitätsgebot vereinbar. ‒ Im WS 2018/2019 verbietet die Universitätsleitung dem Philosophen Dieter Schönecker die Verwendung seiner üblichen Haushaltsmittel, um die Einladung von Marc Jongen und Thilo Sarrazin zu Vorträgen in einem Seminar über Meinungsfreiheit zu finanzieren. Nur unter großem Polizeischutz können die Vorträge stattfinden, es gibt Störversuche bei dem Vortrag Schöneckers und eine Morddrohung gegen ihn. ‒ Ein Vortrag von Murry Salby an der Helmut-Schmidt-Universität zum Thema „What is Really Behind the Increase of Atmospheric CO2? New Research“ wird 2018 abgesagt, weil er sich gegen die Annahme eines von Menschen erzeugten Klimawandels ausspricht. ‒ Das ehemalige Mitglied der Black Panther Party, Dhoruba Bin-Wahad, soll 2018 auf Einladung des Instituts für Afrikawissenschaften an der Universität Wien einen Vortrag halten. Diverse Gruppen rufen dazu auf, das zu verhindern, der Vortrag findet schließlich an einem nicht-universitären Ort statt. ‒ Mitglieder der Identitären Bewegung stören 2018 einen Vortrag an der Universität Magdeburg. ‒ Ein Gedicht von Eugen Gomringer an der Berliner Alice Salomon Hochschule wird 2018 entfernt, weil es sexistisch sei. ‒ Die AfD ruft 2018 Studierende dazu auf, AfD-kritische Lehrer und Dozentinnen zu melden bzw. online an den Pranger zu stellen. ‒ Der Historikerverband (VHD) verabschiedet 2018 eine Resolution „zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie“ und beansprucht damit so etwas wie ein allgemeinpolitisches Mandat, das geeignet ist, insbesondere den Nachwuchs einem Konformitätsdruck auszusetzen, den sie nur bei Strafe der akademischen Exklusion standhalten können. Gebrandmarkt werden „abwertende Begriffe zur Ausgrenzung vermeintlich ‚Anderer‘ aufgrund ihrer Religion, ihrer ethnischen Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung.“ Dezidiert abgelehnt wird dagegen Kritik an politisch diffamierenden Begriffen wie „Rassist“ oder „Nazi“. ‒ Der Ökonom Bernd Lucke wird 2019 nach seiner Rückkehr in den Dienst aufgrund seines ehemaligen Engagements für die AfD daran gehindert, an der Universität Hamburg seine makroökonomische Vorlesung zu halten. ‒ Ein Vortrag von Christian Lindner (FDP) an der Universität Leipzig wird 2019 gestört. ‒ Eine Gruppe Studierender an der Frankfurter Goethe-Universität fordert 2019 die Absage einer Tagung zur Rolle des muslimischen Kopftuchs  sowie die Entlassung der Veranstalterin, der Ethnologin und Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter. Bei einer Nachfolgeveranstaltung kommt es zu Handgreiflichkeiten. ‒ In einer Entschließung der HRK-Mitgliederversammlung 2019 heißt es, die HRK möchte die Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) „an allen Hochschulstandorten etabliert sehen“. Eine dagegen gerichtete Petition wertete dies als Verletzung der Wissenschaftsfreiheit. ‒ Die deutlich politisch motivierte Jenaer Erklärung einiger Zoologen fordert 2019, den Begriff der Rasse aufzugeben. Menschliche Rassen seien „reine Konstrukte des menschlichen Geistes“ und keine „biologische Realität“, der „Rassismus mach[e] Rassen“ und der „Nichtgebrauch des Begriffes Rasse sollte heute und zukünftig zur wissenschaftlichen Redlichkeit gehören“. Tatsächlich ist die Frage, ob es menschliche Rassen gibt, aber sowohl biologisch wie auch philosophisch umstritten. Dennoch beruft sich z. B. die DFG-Präsidentin Katja Becker 2020 in einem Beitrag über rassistische Strukturen in Gesellschaft und Forschung affirmativ auf die Jenaer Erklärung, als handele es sich dabei um eine rein wissenschaftliche begründete Stellungnahme. ‒ Seit 2020 muss in Projektanträgen der DFG ein Abschnitt über „Relevanz von Geschlecht und/oder Vielfältigkeit“ enthalten sein. ‒ Die Forschungsstelle für Interkulturelle Studien der Universität zu Köln fordert 2020 in einer Stellungnahme die Prüfung von Meinungen „mit dem Instrumentarium einer kritischen Rassismus- und Diskriminierungsforschung“. Dabei wird schon eine Aussage wie „Das Kopftuch ist ein Zeichen für Unterdrückung“ für diskriminierend und menschenverachtend gehalten. ‒

Gewiss müsste man diese Fälle noch genauer analysieren, vor allem mit Blick darauf, wie genau sie einzuordnen sind. Aber gibt es, wie Jan-Martin Wiarda kürzlich in der Süddeutschen schrieb, als Beispiele für die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit nur „meist genau die paar wenigen, die seit Jahren durch die Öffentlichkeit geistern?“ Ich denke nicht, und dabei ist der größere, atmosphärisch relevante Kontext der Cancel Culture in anderen Bereichen (Medien, Theater, Kunst) noch gar nicht berücksichtigt. Sofort nach der öffentlichen Erklärung des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit wurden uns Hinweise auf weitere, aktuelle Fälle zugeschickt. Man muss diese Fälle prüfen, nicht zuletzt deshalb, weil es die besagte Schwierigkeit bei der kategorialen Einordnung gibt; und natürlich sind auch die oben genannten Fälle jeder für sich kompliziert und für Außenstehende im Detail oft schwer nachvollziehbar. Aber zumindest dies scheint mir wahr zu sein: Es gibt eine wachsende Tendenz, auf der Grundlage ideologisch transformierter und durch den concept creep den Begriffsspielraum deutlich überziehender Begriffe wie „Rassismus“, „Sexismus“, „Kolonialismus“ oder auch „Antisemitismus“ die Freiheit von Forschung und Lehre einzuschränken. Wer, wie belegt, schon die These, das Kopftuch sei ein Zeichen für Unterdrückung, für rassistisch hält und damit zur akademischen Diskriminierung derjenigen aufruft, die eine solche These für erachtenswert oder wahr halten, macht freies Nachdenken unmöglich. Bedrohlich wird diese Tendenz auch in der Perspektive auf die Entwicklung an den US-amerikanischen Universitäten, wo sich, wie Hans Ulrich Gumbrecht am 8. August 2020 in der Neuen Zürcher Zeitung schrieb, „ein Regime des Meinungsterrors etabliert“ hat. Wenn wir, wie so oft, mit der Entwicklung hinterherhinken, wird es auch in Deutschland gewiss nicht besser werden.

Last and least Baberowski: Nehmen wir einmal an, Plamper hätte Recht und Jörg Baberowski hätte sich selbst des Versuches, ihn (Plamper) zu canceln, schuldig gemacht. Daraus würde weder folgen, dass Baberowski nicht selbst Opfer der Cancel Culture geworden ist, und erst recht würde das nicht implizieren, das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit hätte mit seiner These, es gebe eine zunehmende Gefahr der Einschränkung und Verletzung der Wissenschaftsfreiheit, unrecht. Das durchsichtige Manöver Plampers besteht darin, genau dies zu suggerieren. Dies wiederum beweist aber umgekehrt nicht, dass Plamper falsch liegt mit seinem Vorwurf gegen Baberowski. Auf diesen Vorwurf muss Baberowski selbst die Antwort geben, zumal man Konfliktgeschichten zwischen Professoren, die dazu führen, dass der eine nicht mehr mit dem anderen zusammenarbeiten will, von rein ideologisch bedingten Versuchen, die Arbeit eines anderen zu behindern, unterscheiden muss – nur letzteres ist Cancel Culture. Ich wäre zuversichtlich, dass Baberowski die Antwort gelingt.

 

Dieter Schönecker, Professor für Philosophie an der Universität Siegen, ist Gründungsmitglied des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit. Er spricht hier nur für sich.


7 Kommentare

  1. Erhard Schüttpelz sagt:

    CONCEPT CREEP!! Das war mir neu. Was soll das sein? „Concept Creep, also schleichende Ausweitung eines Konzepts, bezeichnet die allmähliche Verbreiterung bisheriger psychologischer und soziologischer Definitionen von negativen und schmerzlichen Ereignissen auf ähnliche Phänomene, insbesondere wenn Begriffe wie Trauma und Missbrauch, mentale Störung und Bullying, Vorurteil und Sucht auch auf letztlich eher geringfügige Beeinträchtigungen ausgeweitet werden. Es kommt dadurch zu einer Einengung des Begriffs des Normalen und zu einer semantischen Inflation psychologischer Kategorien, die Folgen für die Gesellschaft haben kann. Wenn sich solche Konzepte ändern, hat das eine Rückwirkung auf Menschen, die diese Konzepte nutzen, um ihr eigenes Verhalten oder Empfinden einzuordnen, zu bewerten und auch zu verändern.“ Soll „Wissenschaftsfreiheit“ jetzt zum CONCEPT CREEP des Jahres werden? Das hat sie nicht verdient.

    1. Minsky sagt:

      Von außerhalb der Universität Siegen und mehrere Jahre, nachdem das Semester, in dem das Seminar stattfand, vorbei ist, betrachtet, finde ich es weiter interessant zu diskutieren, was ein Seminar an der Universität Siegen mit Gästen, die keine WissenschaftlerInnen waren, mit Wissenschaftsfreiheit zu tun hatte. Die Methoden der Wissenschaft werden von den WissenschaftlerInnen entwickelt und angewendet. Wer die wissenschaftlichen Methoden nicht kennt oder sie kennt, aber nicht anwenden will, und wer dann etwas sagt, der sagt halt was. Das ist dann keine Wissenschaft. Wenn dann WissenschaftlerInnen sagen, dass eine Aussage, die sich nicht auf wissenschaftliche Methoden stützt, keine Wissenschaft ist, dann verdeutlichen damit WissenschaftlerInnen, dass sie es sind, die sich einigen, was Wissenschaft ist und was nicht, und sie verdeutlichen auch, dass nicht die, die keine wissenschaftlichen Methoden nutzen, festlegen, was Wissenschaft ist, sondern im Gegenteil die es festlegen, die wissenschaftliche Methoden nutzen. Im Fall der Gäste in dem Seminar an der Universität Siegen ging es doch wohl auch darum, oder? Wissenschaftsfreiheit besteht für mich auch darin, dass die WissenschaftlerInnen sich Regeln geben dafür, was erforderlich ist, damit ein Argument als wissenschaftlich gelten kann.

  2. Reiner Girstl sagt:

    Das schöne Bild das alle immer haben, wenn es um die Wissenschaft geht ist der aufrechte Galileo Galilei, der gegen die unvernünftigen Kirchenmänner, der wissenschaftlichen Wahrheit, den Weg erkämpft. Nur das Ganze ist ein Bild.
    Unabhängig von der Frage, ob das häufige Zitieren, den Wert von Aussagen steigern kann, gibt es auf der negativen Seite der Wissenschaft, die Gefälligkeits Promotion in Promotionscentern, für Feierabend Wissenschaftler, die neben ihrer beruflichen Tätigkeit promovieren. Die Promotion zu erleichterten Bedingungen für Menschen, die nicht im wissenschaftlichen Forschungsbetrieb tätig sind, sind immer eine Kränkung der professionell wissenschaftlich Tätigen. Ganz abgesehen davon das die Standards von Wissenschaft zu Wissenschaft schwanken.
    Aber auch das ist nicht das eigentliche Kernthema, dessen was hier angesprochen wird, die Kernaussage ist, wie geht man damit um, das es in der Wissenschaft, wie überall Macht und Herrschaft gibt und das die Herrschaftsformen zu allem anderen, als kritische und vor allem objektive Erkenntnis führt.
    Es ist ja nicht nur allein, dass Homosexualität eine wissenschaftlich definierte Krankheit war. Es geht ja damit weiter, dass Euthanasie, Rassismus und vieles mehr auf wissenschaftlichen Grundlagen aufgebaut wurde. Ein Doktor Mengele hat ja sich bei seiner Tätigkeit als Wissenschaftler verstanden, nur das er dabei keine ethischen Grenzen mehr kannte, ist eine Frage, aber der hierfür notwendige Ausschluss von Menschen, aus der Gruppe der Menschen ,war wissenschaftlich betrachtet und definiert.
    Die Schule von Chicago hat mit dem Diktator von Chile zusammen gearbeitet, um ein Laboratorium für ihre Erkenntnisse zu bekommen, die ethischen Grenzen in der Wissenschaft sind weit.
    In einigen Wissenschaften arbeiten wir noch heute mit Wertbegriffen des 19. Jahrhunderts, die vom damaligen Gesellschaftsverständnis geprägt sind. Der Artikel greift neue Formen der Zensur auf, trifft aber nicht das wesentliche Problem, die Wissenschaft macht sich angreifbar, dadurch das sie eben nicht immer objektive Erkenntnis liefert, sondern auch politische Ergebnisse, das der gewünschte Wettstreit der Erkenntnis unterbleibt und vieles mehr.
    Es gibt Wissenschaftstheorie und es gibt Wissenschaft Philosophie, als Fächer die all diese Fragen und vor allem das wirklich Sagbare ausgelotet haben, man sollte diese Erkenntnis Grundlagen stärker einfordern und darüber die Meinungsaussagen von den echten wissenschaftlichen Aussagen trennen.
    Heute ist Wissenschaft vor allem in den Geisteswissenschaften, ein häufiges Sammelsurium von Werturteilen, von oft wiederholten Vorurteilen und überkommenen Traditionen und oft sehr leicht vereinnahmbar. Antonio Gramcsi und Carl Schmitt haben hier ihre eindeutigen Fußnoten zu hinterlassen. Das Unverständnis für Zhao ergibt sich ja auch daraus, das sich keiner auf seine Aussagen einlassen kann, während Zhao die westliche Philosophie gut kennt.
    Alles was als wissenschaftlich gilt, frei von Kritik stellen zu wollen, ist genau der Standpunkt von dem Galileo Galilei zum Opfer gemacht wurde. Wenn man dem folgt wird Wissenschaft zur Kirche.

  3. Laubeiter sagt:

    Die scientific community ist sich einig, dass Rassenunterschiede zwischen Menschen so wenig eine Kategorie der Natur sind wie Phlogiston ein Bestandteil der Atmosphäre. Die hier formulierte Aussage, ‚tatsächlich‘ sei dies in der Wissenschaft umstritten, stellt den Konsensus in den Wissenschaften in Abrede. Es liest sich so, als würde der genetischen Forschung Uneindeutigkeit angedichtet, um das eigene eindeutig unwissenschaftliche Weltbild als scheinrational verkaufen zu können.

  4. Luc W. sagt:

    ‚Meinungsterror‘ ist ein mächtiger Begriff. Er suggeriert: folgst Du nicht meiner Ansicht, musst du fürchten – um was? Und ist die hier beschworene Cancel Culture bereits der bewaffnete Arm des Meinungsterrors, oder nur seine Vorstufe?

    Wenn ich Prof. Schöneckers Replik auf Prof. Plamper richtig lese, entgegnet er Plamper, Plamper könne die Cancel Culture nicht als nicht-existent bezeichnen, solange der Begriff nicht definiert wäre. Wenn dem so ist, bleibt die Replik selbst jedoch eine Einengung des Begriffs Cancel Culture schuldig. Der Wille Einzelfälle vom strukturellen Problem zu unterscheiden, setzt ja die Existenz der Cancel Culture selbst schon wieder voraus. Besser als eine Listung verschiedene Vorkommnisse, die also entweder Einzelfälle oder strukturell bedingt sein könnten, wäre eine Deutung und Einordnung aus Sicht Prof. Schöneckers. Christian von Coelln’s „Wissenschaft muss dürfen“ zu bemühen, ist in gewisser Weise ein Unterstrich unter dem, was Konsens sein sollte; lenkt aber vom Kernproblem ab.

    Die aufgelisteten Fälle soll einen, dass auf eine eventuell nicht legitime Art und Weise (das wird nicht immer aus sich selbst heraus klar) Protest bis hin zum Angriff auf – oder Verhinderung von – Veranstaltungen stattfand. Und Ähnliches. Und dann ist da noch die Forschungsstelle für Interkulturelle Studien der Universität zu Köln, die fordert, Meinungen „mit dem Instrumentarium einer kritischen Rassismus- und Diskriminierungsforschung“ zu prüfen. Dabei wird, wie der Artikel betont „schon eine Aussage wie ‚Das Kopftuch ist ein Zeichen für Unterdrückung‘ für diskriminierend und menschenverachtend gehalten.“ Das alles ist also eventuell Cancel Culture und beim Lesen der langen Liste ist leicht zu merken: Was bedacht werden müsste, wäre vieles; der Kontext zum Beispiel, der in jeder Forschung, sei sie Geistes-Kultur-Sozial-(selbst) Naturwissenschaftlich zentral wäre, um Schlüsse ziehen zu können. Das merkt auch Prof. Schönecker an, aber leisten will er das nicht.

    Ein Artikel der auszieht die Cancel Culture zu verkünden und als Begriff zu umreißen, meidet damit einen Kerngedanken jeglicher Auseinandersetzung mit Sprache und Politik: Es gibt verschiedene Sprechende in verschiedenen Sprechsituationen. Gäbe es eine definierbare Cancel Culture, dann müsste vor allem darauf Bezug genommen werden. Nicht jedes Mittel der Kritik, nicht jede Bühne, stehen jedem Menschen zu gleichen Maßen offen. Nicht alles, was unter Meinungsfreiheit fällt, muss auch in allen Kontexten konsequenzenlos sagbar sein. Eine Person mag das Kopftuch diskriminierend finden; einer Studentin zu unterstellen, sie ließe sich wegen ihres Kopftuchs diskriminieren oder diskriminiere sich gar selbst, ist jedoch Diskriminierung eben jener Studentin. So einfach ist das und so kompliziert.

    Im Verlauf des Artikels wird wenig erklärt, aber viel gespielt mit der Liebe zur scheinbar geschickten Provokation. So fließen sie dahin, Begriffe wie „Rasse“ und „Kopftuch“ über die angeblich kaum noch gestritten werden darf; dabei gibt es doch kaum mehr Streit als um diese Begriffe. Eine Anmerkung, weil schweigen verwerflich wäre, die Frage ob es „Rassen“ gibt, ist keinesfalls umstritten; höchstens, wenn „Rasse“ und das englische „Race“ zusammengeschwurbelt werden. Aber Biologie und Philosophie sind sich der politischen Natur des Begriffs gewahr, haben seine Geschichte verstanden – und -, dass eben erst die Idee von „Rasse“ kommen musste, bevor die Menschheit sich in Rassen teilte. Ja, Analysekategorien sind in jeder Wissenschaft politisch und damit nie apriori unschuldig. Symptomatischer ist das Beispiel der geschilderten Kritik der FfIS (Köln) an der Aussage „Das Kopftuch ist ein Zeichen für Unterdrückung.“ Der Kontext ist denkbar einfach recherchierbar, es ist nur der erste Absatz hier (https://www.hf.uni-koeln.de/data/fist/File/Stellungnahme%20final.pdf) zu lesen. Dann wird klar, dass die FfIS sich gegen solch‘ pauschalisierende Aussagen stellt, um den Diskurs vielfältiger und gerechter zu machen.

    Am Ende ist es das, was das Spiel mit der Provokation, die Nennung von möglichen Cancel-Culture-Beispielen aus vermeintlich „linken“ wie „rechten“ Spektren vorführt: Dass es nicht darum geht „halbwegs vernünftige und sachbezogene Kritik“ von „Cancel Culture“ zu unterscheiden. Wäre das der Fall, würde nicht von „Meinungsterror“ gesprochen, wäre „Cancel Culture“ nicht undefiniert geblieben. Viel mehr wirkt der Artikel, als sei dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit nicht Angst und Bange um Wissenschaftsfreiheit, sondern um eine Öffnung des Diskurses, die Zugeständnisse erfordert, die die Mitglieder zu machen nicht bereit sind. Diese Zugeständnisse betreffen aus meiner Sicht (1) eine kritische Reflektion der eigenen Sprache und Analysekategorien auf (2) den aktuellen Forschungsstand hin.

    Wissenschaft entwickelt sich beständig. Vom Gerede von „Turns“ mag mensch nichts halten; unbestreitbar ist, dass Wissenschaft in den letzten drei Dekaden die politische Natur ihres Sprachgebrauchs systematisch enthüllt hat. Wohlgemerkt, durch Wissenschaft. Dabei sind Machtfragen aufgeworfen worden, die zugegebenermaßen kontrovers sind, aber ebenso wichtig und komplex. Ginge es nach dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, dann müsste es dem Wissenschaftsbetrieb möglich sein, diese Politik der Wissenschaftssprache auszublenden, weil es einen Raum außerhalb und gleichzeitig innerhalb der Gesellschaft gibt der zu höheren Deutungen fähig ist: die Wissenschaft, die es sich daher leisten kann, das Politische und die weiten Implikationen ihrer Arbeit zu ignorieren, im Namen der Forschung. Was das Netzwerk mit Cancel Culture zu meinen scheint, sind Einbrüche in diesen Raum, der was politisch ist und was nicht, selbst definieren will.

    Vielleicht würde sich das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit selbst am besten helfen, wenn es wüsste und mitteilen könnte, worum es eigentlich besorgt ist. Cancel Culture, ein Begriff der im Grunde alles ankreiden und nichts erklären kann, scheint es nicht zu sein. Fundierter Widerspruch ist es, nach Willensbekundung von Prof. Schöneckers Artikel, auch nicht. Auch geht es nicht um den Entzug des Sprachrechts, von Stellen, oder die Angst nicht mehr veröffentlichen zu können; denn offensichtlich stehen allen Mitgliedern des Netzwerks allerlei Bühnen, Stellen, und alle großen Zeitungen offen. Was also bleibt? Die Angst vor von Demonstrierenden gestörten Veranstaltungen? Wenn das „Meinungsterror“ ist, dann fragt sich, wen er das Fürchten lehrt.

    Vielleicht steht hinter alldem doch etwas Anderes. Ein zu Teilen ausgebliebener Diskurs darüber, inwiefern wir die Erkenntnis, dass Wissenschaft immer politisch und Sprache nie unschuldig ist, ernst genommen wissen wollen. Inwiefern wir also bereit sind, beim wissenschaftlichen Sprechen den Wechsel moralischer Grundsätze nicht nur mitzudenken, sondern uns ihrer (re-)Definition durch unseren Sprechakt bewusst zu machen und auf diesen Akt gegenüber der Zuhörendenschaft einzugehen. Mag sein, dass wir das alle wissen, aber wir haben scheinbar nicht ausreichend besprochen, was es für uns als Wissen Schaffende heißen soll. Begriffe wie „Meinungsterror“ und „Cancel Culture“ sind Abwehrmechanismen nicht gegen teilweise durchaus illegitime Störaktionen, sondern gegen den Verlust einer Diskurshoheit, die in der Entscheidungsmacht über die Größe des politischen Raumes begründet lag. Vielleicht müssen wir darüber sprechen; vielleicht ist aber mit dem Anhören von – und eingehen auf – das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, schon alles gesagt.

    1. A.B. sagt:

      Es geht aus Herrn Schöneckers Text in keiner Weise hervor, dass er für irgendeinen Themenbereich „Diskurshoheit“ beansprucht hätte. (‚Diskurshoheit‘ wird in aktivistischem Kontext im Übrigen – siehe oben in weiteren Einlassungen, z.B. „Laubeiter“ – nonchalant durch ‚wissenschaftlicher Konsens‘ ersetzt, wenn es vermeintlich dem eigenen Interesse dient) Es geht daraus vielmehr hervor, dass die (versuchte) Verhinderung eines Diskurses eben nicht als Beitrag zum Diskurs, sondern als diskursfremde Gewalt zu werten ist. Auch Versuche von Personen, sich zur Gestaltung eines Diskurses zu ermächtigen, indem sie immanente Diskursregeln bestreiten und stattdessen durch Rekurs auf (angebliche) höherstufige Regeln Akzeptanz als wertungsberechtigte Personen zu erzwingen versuchen, werden als diskursfremde Gewalt abgelehnt.
      Ein bloße Behauptung – keine „Erkenntnis“ – ist, dass jede „Wissenschaft politisch“ und „Sprache nie unschuldig“ sei. Demonstrieren jedenfalls ist keine wissenschaftliche Tätigkeit, und schuldig werden nur Personen, nicht die Sprache, die sie verwenden.
      Völlig unangebracht (eigentlich zynisch, doch Zynismus setzt intellektuelle Absichten und Fähigkeiten voraus, die ich hier nicht unterstellen möchte) schließlich ist das Bagatellisieren von Bedrohungen („fragt sich, wen er das Fürchten lehrt“), wenn ansonsten ein Gefühl des Diskriminiert-Seins, Verletzt-Seins, Beeinträchtigt-Werdens etc. zum Maßstab eines objektiven Tatbestandes der Diskriminierung (wie ihn etwa benannte Studentin mit Kopftuch offenbar für sich reklamierte) erklärt werden.

  5. John sagt:

    Abgesehen davon, dass sich der Autor Schönecker in seinem eigenen Text bei der Auflistung der Beispiele prominent in der dritten Person nennt, anstatt den Nebenzweck des Texts, nämlich eine erweiterte Inszenierung als Opfer eine ‚cancel culture‘, auch explizit zu machen, gibt es zwei bemerkenswerte Stellen im Text. Die erste gehört zur überschaubaren Auflistung von Ereignissen, in denen laut Schönecker die Wissenschaftsfreiheit beschränkt worden sei.
    Schönecker schreibt:
    „Der Philosoph und AfD-Politiker Marc Jongen wird 2017 zu einer Tagung ans Hannah Arendt Center am Bard College eingeladen. In einem Offenen Brief beschimpfen auch namhafte deutsche Akademiker und Akademikerinnen Jongen als rassistisch und xenophob. ‒ Die Goethe-Universität in Frankfurt sagt 2017 einen geplanten Vortrag des Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, wegen dessen angeblichen Rassismus wieder ab.“
    Nun lässt sich für beide Personen durchaus belegen, dass sie sich rassistisch geäußert haben und dass sie rassistische Strukturen – der eine in leitender Funktion bei der AfD, der andere bei der Deutschen Polizeigewerkschaft – kleinreden, verharmlosen oder aktiv weiter entwickeln. Zu nennen ist hier etwa die Beteiligung von Jongen am Parteiprogramm der AfD und die aktive Parteiarbeit sowie die regelmäßig verharmlosenden Einlassungen Wendts zu strukturellen Problemen mit Rassismus und Rechtsextremismus in der Polizei und die Verantwortung für den mit rassistischen Karikaturen versehenen Kalender der Deutschen Polizeigewerkschaft.
    Nun ließe sich rein sprachlich natürlich argumentieren, dass eine amtliche Verantwortung für rassistische Strukturen und rassistische Aussagen (ganz zu schweigen von einer moralischen) noch nicht dazu berechtigt, eine ganze Person als Rassist zu bezeichnen. Aber dieses Argument bringt Schönecker an dieser Stelle gar nicht. Im Gegenteil. Auf eine Auseinandersetzung mit der begründeten Kritik an rassistischen Einstellungen und Aussagen von Jongen und Wendt verzichtet er vollständig. Stattdessen gelten ihm beide als Opfer von ‚Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit‘. Berechtigte, auch wissenschaftlich fundierte Kritik an rassistischen Aussagen und an einer Beförderung von gewaltvollen rassistischen Tendenzen innerhalb der Gesellschaft wird als „Beschimpfung“ desavouiert. Zu fragen ist: Warum?
    Einen Hinweis zu dieser Frage gibt die zweite bemerkenswerte Stelle im Text, die auch Erhard Schüttpelz in seinem Kommentar schon benennt (https://www.merkur-zeitschrift.de/2021/02/10/bedrohte-wissenschaftsfreiheit-alles-nur-einzelfaelle/#comment-12742), die Stelle zum ‚concept creep‘:
    „Es gibt eine wachsende Tendenz, auf der Grundlage ideologisch transformierter und durch den concept creep den Begriffsspielraum deutlich überziehender Begriffe wie „Rassismus“, „Sexismus“, „Kolonialismus“ oder auch „Antisemitismus“ die Freiheit von Forschung und Lehre einzuschränken.“
    Rassismus, um bei Jongen und Wendt zu bleiben, erscheint also nicht als reales Problem, das es gerade auch mit wissenschaftlichen Methoden zu analysieren gilt, sondern nur noch als unberechtigter Vorwurf, der konzeptuell über die Stränge schlägt. Der rhetorische Trick (oder eher der schlechte Versuch) dabei: Die berechtigte Kritik an erwiesen rassistischen Einstellungen und Aussagen von Jongen und Wendt soll als vermeintlich grundlose ‚Beschimpfung‘ erscheinen, die als solche keinen weiteren Geltungsanspruch erheben darf.
    Diese Umkehr der Verhältnisse funktioniert schon deshalb nicht, weil Schönecker genau das, was er der Gegenseite grundlos unterstellt, nämlich ohne Argumente zu agieren, selber tut. Jongen und Wendt werden als Opfer eines Angriffs auf die Wissenschaftsfreiheit verstanden, während Schönecker selbst die Kritik **aus der Wissenschaft** an rassistischen Einstellungen und Aussagen ignoriert und, schlimmer noch, nicht mehr als Teil der Auseinandersetzung gelten lässt. Schöneckers rein strategische Umkehrung führt dazu, dass er gültigen Argumenten ihre Gültigkeit ohne Begründung abspricht und damit Diskursteilnehmer*innen willkürlich die Teilnahme am Diskurs versagt. Und das im Namen der Wissenschaftsfreiheit. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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