Der Ziz. Der Kampf ist aus

Wir sind es gewohnt, die Geschichte der Herrschaft als Kampf zwischen Leviathan und Behemoth zu erzählen, zwischen Staat und Unstaat, Ordnung und Revolution, Verfestigung und Verflüssigung, Einheit und Zerfall. Daran hat sich seit Thomas Hobbes kaum etwas geändert. Carl Schmitt vertauschte lediglich die Symbole und behauptete, das Seeungeheuer Leviathan (damit zielte er auf Großbritannien und die Vereinigten Staaten) sei aufgrund seiner meerisch-fließenden Existenzweise überhaupt nicht in der Lage, eine feste Ordnung zu errichten, und ergriff Partei für den Behemoth vom Land, den er mit dem nationalsozialistischen Deutschland identifizierte und später mit dem tellurischen Partisanen, der gegen die Einheit der Welt vorgeht.

(Der Text ist im Märzheft 2021, Merkur # 862, erschienen.)

Franz L. Neumann drehte Schmitts Urteil um und fand den nationalsozialistischen Behemoth ein schreckliches Tier – oder genauer: Er war noch nicht schrecklich genug, so dass seine vermeintliche Zwangseinheit in konkurrierende Gruppen zerfiel. Wehrmacht, Partei, Bürokratie und Kapital lösten den Staat auf, aber nicht die Herrschaft, und bildeten einen »Unstaat«, der den Rest der Welt gleich mit in ein Schlachtfeld zu verwandeln drohte.

Lange Zeit sah es so aus, als sei der Leviathan aus dieser letzten großen Schlacht als Sieger hervorgegangen, als nämlich die leviathanische Seemacht USA zuerst den nationalsozialistischen Voll- und anschließend den sowjetischen Halb-Behemoth (der immerhin auf die Revolution verzichtete und die Weltordnung garantierte) niedergerungen hatte und seither die Globalisierung, eine meerisch-leviathanische Angelegenheit, nach Kräften unterstützte (in ihr ziehen Warenströme, und es fließt Kapital).

Doch im Schatten der Geschichte sammelte der Behemoth neue Kräfte. War schon Schmitts Partisanen-Buch eine (geheime) Schrift für den Behemoth, die von Achtundsechzigern eifrig gelesen wurde, gelangte der wenig später an die Oberfläche des antikolonialen Befreiungskampfs und der politischen Symbolik, wo er bald seinen Schrecken verlieren sollte. Der Behemoth war nun etwas Emanzipatorisches und Demokratisches, das die Abschüttelung aller Herrschaft versprach – so verkündete etwa eine italienische Theoriezeitschrift, die 1986 in seinem Namen gegründet wurde: »Im ewigen Kampf der beiden Bestien, ist es heute der Behemoth, der überwiegt«. 1 Und das war hoffnungsvoll gemeint.

Den Schrecken bekam er zurück, als der große, müde Behemoth aus Sowjetrussland unterging und in viele kleinere zerfiel, was der behemothischen Struktur »diffuser barbarischer Vielheit« 2 ohnehin viel besser entsprach als die einheitliche Blockgestalt: Ethnische Kriege, Drogenkriege, Zoff in den Favelas, islamistischer und rechter Terror bildeten eine behemothische Front gegen das ordentlich-leviathanische Ende der Geschichte, das allerdings nicht nur deshalb auf sich warten ließ. Auch Globalisierung und Souveränitätstransfer nach oben und unten und in alle Richtungen hatten die feste Gestalt des Leviathan bereits schleichend ausgehöhlt. Gerade sein Erfolg, die Durchsetzung der meerisch-globalisierten Existenzweise, schien seine Gefährdung zu beinhalten, weil ihm seine Interaktionen über den Kopf wuchsen.

So kam ihm noch etwas anderes abhanden: seine Identität. Hatte schon Schmitt an ihr gesägt, als er die Ordnungsfrage umkehrte und den Behemoth für das eigentlich staatsgründende Tier hielt, folgte ihm die Leipziger Zeitschrift Behemoth, indem sie den Leviathan von seinen behemothischen Anteilen her bestimmte, die das Chaos als Ordnungstechnik benutzen, so dass der Friedensstifter Leviathan in Wahrheit den Krieg bringt. 3 Drehte das nicht die politische Theorie Jürgen Habermas’ um, die (unausgesprochen) behauptete, der zivilgesellschaftlich-pluralistische Behemoth sei der bessere Leviathan und man könne beide Monstren bändigen, indem man sie auf den »zwanglosen Zwang des besseren Arguments« verpflichte?

So waren die Ungeheuer stets anwesend, aber ihre Konturen verschwammen zusehends, so dass sie auch abwesend waren, weshalb immer mal wieder ihr Ende und ihre Rückkehr verkündet wurden, und beides stimmte. Sie waren einander sehr ähnlich geworden.

Ein neues Tier erscheint am Himmel

Doch all diese Diagnosen verharren noch im vorsynthetischen Stadium, indem sie zwei Tiere miteinander verschmelzen, aber nicht merken, wie dabei ein neues entsteht, das ein anderes Element bevorzugt. Die Elementelehre, die Schmitt noch etwas bemüht umkehren wollte, gerät heute ja tatsächlich durcheinander: Die Herrschaft, die sich lange Zeit entscheiden musste, ob sie sich auf Land oder Meer stützt, wird inzwischen über den Himmel organisiert, so dass wir ein neues Symbol zur Beschreibung der Herrschaft brauchen, das sowohl Leviathan, also Seetier, als auch Behemoth, also Landtier, und dabei doch weder das eine noch das andere ist.

Dieses neue Tier ist der Vogel Ziz. Er taucht zwar nicht in der Bibel auf, aber immerhin im rabbinischen Schrifttum neben Leviathan und Behemoth als Herrscher über den Himmel. Carl Schmitt, der vieles geahnt hat, aber manchmal auf die falsche Weise, sah bereits Mitte des 20. Jahrhunderts den Ziz (»ein großer Vogel«) 4. Hohenheim: Edition Maschke 1981.] die Bühne betreten und die Zweisamkeit von Leviathan und Behemoth, Meer und Land, aufbrechen. Nur war Schmitts Ziz ein Flugzeug, eine neue Waffe, und damit bloß eine Fortsetzung der alten Gewalten, die am Boden herumlungern. Der Gelegenheitshegelianer Schmitt hätte sicher nichts dagegen gehabt, wenn wir eine neue Qualität einfordern, weil die Geschichte diese nun einmal hervorbringt, so dass wir den Ziz ein wenig anders deuten müssen.

Der Ziz hat sich den Himmel als Herrschaftsgebiet ausgesucht, weil dort die Satelliten und Signale herumschwirren, auf denen Flugverkehr und Telekommunikation beruhen; das Internet hat ihm einen zusätzlichen, virtuellen Äther geschaffen, dessen Datenströme er in Herrschaft verwandelt. Sie treiben die Globalisierung an, deren Charakter allen Containerschiffen zum Trotz nicht, wie viele meinen, aufs Meer festgelegt ist. Als Marx beobachtete, dass »alles Ständische und Stehende verdampft«, ahnte er bereits, dass sich eines Tages noch das Flüssige verflüchtigen und in den Himmel aufsteigen würde. Der Himmel als Herrschaftsmetapher steht aber noch für etwas anderes: die Qualität und Temperatur der Luft, also den Kampf gegen den Klimawandel, den der Ziz führt. Mit seinen Flügeln, heißt es, kann er die Sonne verdunkeln. Damit beherrscht er eine Methode, die auch schon von Geoingenieuren vorgeschlagen wurde, um die Erderwärmung zu verlangsamen.

Zur Ökopolitik der Luft gehört neuerdings auch die Sphäre der Viren, deren Verbreitung der Ziz aufhalten muss. Es ist also nicht nur so, dass er sein Kontrollnetz über die Luft ausweitet, auch die Gefahr, auf die er reagiert, lauert dort. (Im Grunde war schon die Atomgefahr eine Ziz’sche Angelegenheit, die unsichtbare Bedrohung kam aus dem Himmel von Hiroshima, und selbst als das Ding 1986 am Boden explodierte, beobachtete alle Welt die Entwicklung der Windrichtung.)

Alles Wichtige drängt sich am Himmel, unter dem Zhao Tingyang die Menschheit versammeln will, 5. Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann. Berlin: Suhrkamp 2020.] womit er unserer Metapher eine weitere Bedeutung gibt: Der Himmel bezeichnet auch jenen Handlungsbereich, der (geschichtsphilosophisch und organisatorisch) über den Staaten liegt. Der Ziz kreuzt dort auf, wo sich Interaktionen verfestigt haben zu Institutionen, die nach und nach eine eigene Materialität bekommen – zum Beispiel in Gestalt der Europäischen Union oder der Vereinten Nationen, aber auch in der »Tianxia«-Idee, die ihr Element genau kennt und »alles unter dem Himmel« zusammenfassen will.

Wir wollen nicht behaupten, der Ziz sei etwas völlig Neues. Dialektisch wie er ist, enthält er Leviathan und Behemoth und verschränkt die alten Elemente miteinander: So müssen zum Beispiel die Flugzeuge noch immer landen, die Satelliten zunächst vom Boden in die Umlaufbahn geschossen werden, und zum Klimaschutz gehören auch steigende Meeresspiegel und Desertifikationen, also Meeres- und Landprobleme. Es ist aber so, dass sich die ökologische Kernfrage, der Kampf gegen den Klimawandel, auf Meteorologie, also den Luftbereich, konzentriert, und dass sich Hoffnungen auf eine Möglichkeit zur Gegensteuerung an den digitalen Äther heften, zu dessen Beschreibung selbst das Flüssige zu fest ist.

Die Luft beansprucht den Vorrang, nicht die totale Gewalt. Sie bildet das neue Zentrum; da sie aber überall ist, ist es ein Zentrum ohne Mitte, das sich mit anderen Elementen gut verträgt. Dass der Ziz Leviathan und Behemoth enthält, erkennen wir schon an den Geschichten, die man sich über ihn erzählt. Der Ziz soll nämlich so groß sein, dass er auf dem Meeresgrund stehen kann, das Wasser ihm nur bis zu den Knien reicht und er dabei mit dem Kopf in den Wolken steckt. Er sieht alles, kümmert sich um alles und verwaltet die Menschen. Er steht mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen, durchwatet das Meer und erobert den Himmel, denn er ist ein Utopist, aber auch Realistin, weil inzwischen die Wirklichkeit zur Idee gedrängt ist. Sein eigentliches Element aber ist die Luft, der Äther, durch den die Signale schwirren, auf die sich seine Herrschaft stützt. Er erkennt, was für das bloße Auge unsichtbar ist und wo sich eine Gelegenheit zur politischen Steuerung ergibt. Der Ziz ist der Meister der Aerosole, Bezwinger des Klimawandels, Herr der Signale und Dompteur der Atomkraft.

Die Sehnsucht nach dem kybernetischen Vogel

Mit den neuen Aufgaben des Herrschaftsverbands verschiebt sich etwas Existentielles. Leviathan und Behemoth entschieden über die Zwischenangelegenheiten der Menschen, um die es nun nicht mehr allein geht, denn es ist etwas Neues hinzugekommen: die Beziehung des Menschen zu sich selbst als Subjekt und zu seiner Umwelt, es geht also um das Verhältnis zu seiner ersten und zweiten Natur, zu Ökologie und System.

Mit beiden hatte er im 20. Jahrhundert zunehmend Probleme bekommen, die erst heute vollumfänglich sichtbar werden. Es besteht nämlich die Möglichkeit, dass der Mensch seinen Subjektstatus zweimal verliert: durch Zerstörung seiner natürlichen Umwelt und durch Schaffung einer künstlichen Umwelt, in die er kaum noch eingreifen kann – das Kapital hat den Anfang gemacht, der Einsatz Künstlicher Intelligenz könnte das Problem verschärfen und mit der Singularität auf die Spitze treiben, so dass sich die Systeme und Apparate ganz vom Menschen lösen.

Es ist sogar denkbar – die Dialektik ist manchmal unerbittlich –, dass der Mensch seinen Subjektstatus gegenüber der ersten Natur nur behalten kann, wenn er sich der zweiten ausliefert, indem er zum Beispiel vernetzten Computern den Naturschutz überlässt, die sich eines Tages verselbständigen. So können sie in aller Ruhe einen Plan entwickeln, der Natureinklang und Entfremdung miteinander verbindet. Das ist die nächste, beunruhigende Bedeutung der Himmelsmetapher: Der Ziz schwebt so weit über den Menschen, dass diese ihn kaum noch erreichen können. Und das ist nicht einmal unvernünftig, denn er kann es ja doch besser.

In der Corona-Krise gewinnt der Ziz an Kontur. Nicht nur, dass die Aerosole ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken, auch die anderen Luftgründe der Herrschaft erhalten einen Schub – »Transformationsprozesse« wie die »Revitalisierung der Regulierungsfunktionen des Staates« oder »die tiefgreifende Wirkung der Digitalisierung«. 6 Außerdem, so Andreas Reckwitz, sei alles ein großer Testlauf für bevorstehende Anpassungen an den Klimawandel, und dass dabei auf Experten gesetzt wird, deren rasche Einsicht in die Notwendigkeit der umständlichen Deliberation vorgezogen wird, passt ebenfalls zum Ziz, dem kybernetischen Vogel, der der Wissenschaft entspringt.

Die wird – zumindest, wo sie sich in Tabellen, Grafiken und Formeln pressen lässt – gern in die Politik gelassen. »Es ist beeindruckend«, schreibt Jürgen Kaube, »wie stark die allermeisten Staaten, wenngleich in unterschiedlicher Geschwindigkeit, dem wissenschaftlichen Rat gefolgt sind, durch drastische soziale Kontakteinschränkungen eine massive Überlastung der Krankenhäuser zu vermeiden.« 7

Noch besser als fehleranfällige Expertinnen wären allerdings vernetzte Maschinen, und wenn Leif Randt erklärt: »Ich habe große Lust, an neuen Systemen mitzudenken. Eine kybernetisch geregelte Planwirtschaft, die dennoch Anreize zu Innovationen gibt. Zum Beispiel. In den Zwanzigern wird viel passieren«, 8 dann spricht daraus die Vorfreude auf den Ziz, dessen Ankunft er kaum erwarten kann.

Der Ziz ist das erste politische Tier, das mit seinem Element zufrieden ist. Der Leviathan errichtete eine feste Ordnung, die seinem fließenden Meereselement widersprach, während der Behemoth Bewegung verursachte, obwohl sein Element der feste Boden ist. Daher rührte beider Instabilität, ihre wechselseitige Hetzjagd und Aggressivität, und deshalb war die Geschichte der Menschheit eine der Kämpfe. Nun aber gibt es ein politisches Tier, das mit sich selbst im Reinen ist und seine Probleme nicht an der Welt auslassen muss und das sich bei seiner Sache nicht mehr vom Menschen reinreden lassen wird.

Der Ziz ist ein Vogel, der sich in der Luft wohl fühlt und daher geeignet ist für eine dauerhafte Ordnung. Diese schöne Aussicht enthält zugleich eine Bedrohung, denn die Ordnung ist so stabil, dass sich daran vielleicht nichts mehr ändern wird. Leviathan und Behemoth konnte man noch überreden und überrumpeln, verführen und austricksen, und verschaffte sich so einen kleinen Handlungsspielraum. Mit dieser Freiheit ist es aus, mit der Gefahr aber auch. Und so ist der Ziz der endgeschichtliche Vogel.

Nichtstaat

Cornelia Vismann ließ den frühmodernen Staat mit der Verwaltung durch Akten in den höfischen Kanzleien entstehen. Wenn heute »jedermann ein gesamtes Sekretariat verdichtet im PC vorfindet, vollzieht sich am Personal Computer wiederum das Grundgesetzt der Bürokratie, wonach die administrativen Techniken jeweils vom Staat auf das Individuum übergehen«, 9 woraus Friedrich Kittler den Schluss zog: »Dem Staat schlägt seine Todesstunde also jetzt.« 10

Das war noch sehr im Geist der neunziger und nuller Jahre gedacht, als man sich das Internet als Dezentralisierung nach unten vorstellte, die entweder Anarchie oder Zerfall ermöglicht. Es roch damals nach Befreiung oder, wenn man Pessimistin war, Herausforderung des Staates durch Banden, des Leviathans durch den Behemoth, also nach der Wiederherstellung einer alten Konstellation, die wir aus dem 20. Jahrhundert kennen: Staat, Unstaat oder Befreiung, das heißt latenter Krieg, Bürgerkrieg oder ewiger Friede, nur diesmal eben global.

Nun ist aber vielleicht eine neue Qualität hinzugekommen, und wir haben es mit einer anderen Form des Nichtstaats zu tun, der Ordnung des Vogels Ziz, der über der Welt schwebt und den Leviathan nicht, wie der Behemoth, nach unten auflöst, sondern nach oben aufhebt. Der Behemoth war der Unstaat, der Ziz ist der Nichtstaat, aus dem zwar der Krieg, aber nicht die Herrschaft verschwunden ist. Er ist weder der ewige Friede, auf den man im 18. und 19. Jahrhundert hoffte, noch der ewige Krieg, den man im 20. Jahrhundert befürchten musste. Er ist die Abwesenheit jeder Heftigkeit, gleitet sanft über die Menschen dahin und ruft ihnen zu, dass es jetzt genug ist.

Der Staat ist eine Beschaffenheit des Augenblicks, ein festgehaltener Moment, ein hergestellter Zustand, um Herrschaft von Menschen über Menschen durchzusetzen. Er ist mit der Geschichte verbunden, die Hegel in seinen Vorlesungen mit der Staatengründung beginnen lässt: »[D]as Vorgeschichtliche ist das, was dem Staatsleben vorangeht.« Der Staat, der Statiker der Geschichte, zieht in die formlose Bewegung ein Ordnungselement ein und mobilisiert dafür den menschlichen Willen.

Wenn die Welt aber aus sich heraus eine gleichmäßige Ruhe produziert und der menschliche Wille keine Rolle mehr spielt, dann verschwindet auch der Staat, den es ungewollt nicht geben kann. Kurz zuvor blüht er noch einmal auf: Der Kampf gegen Viren und Klimawandel verschafft ihm noch einmal Sinn und Notwendigkeit, die digitale Automation aller Vorgänge eine letzte Glanzzeit. Sie ist vorbei, wenn sich auch die Automation automatisiert hat, so dass niemand mehr eingreifen kann.

Damit erfüllt sich die marxistische Idee vom »Absterben des Staates« auf verkehrte Weise. Indem nämlich der Staat verschwindet, die Herrschaft aber bleibt, steht er, mit Hegel gesprochen, »in der Luft«, überlebt seinen Tod und wird ein Anderer, gegen den man nicht mehr ankommt. Im 20. Jahrhundert ist er nicht von allein gestorben, da hat man versucht, ihn zu ermorden, jetzt schläft er friedlich ein, verwandelt sich in den Ziz und fliegt davon.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Zit. n. Horst Bredekamp, Der Behemoth. Metamorphosen des Anti-Leviathan. Berlin: Duncker & Humblot 2016.
  2. Theodor W. Adorno, Franz Neumann zum Gedächtnis. In: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. 20. Frankfurt: Suhrkamp 1997.
  3. Vgl. Wolfgang Fach, Editorial. In: Behemoth. A Journal on Civilisation, Nr. 1, 2008.
  4. Carl Schmitt, Land und Meer. Eine weltgeschichtliche Betrachtung [1942
  5. Vgl. Zhao Tingyang, Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung [2016
  6. Andreas Reckwitz, Der Staat wird zum Risikomanager. In: Tagesspiegel vom 5. April 2020 (www.tagesspiegel.de/politik/corona-krise-als-training-der-staat-wird-zum-risikomanager/25713428.html).
  7. Jürgen Kaube, Zukunft nach Corona. Droht ein autoritärer Gesundheitsstaat – oder machen wir weiter wie immer? In: FAZ vom 25. Juni 2020 (www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/zukunft-nach-corona-droht-ein-autoritaerer-gesundheitsstaat-16819475.html).
  8. Leif Randt, »No Hard Feelings«. Interview mit Timo Feldhaus. In: Der Freitag vom 26. März 2020 (www.freitag.de/autoren/timofeldhaus/no-hard-feelings).
  9. Cornelia Vismann, Akten. Medientechnik und Recht. Frankfurt: Fischer 2000.
  10. Friedrich Kittler, »And the Gods Made Love«. Zum Tode von Cornelia Vismann. In: Zeitschrift für Ideengeschichte, Nr. IV/4, Winter 2010.

1 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Man muss den standardisierten Blick verlassen, der hinter diesen Überlegungen steht und der auf dem heute vorherrschenden Bild der Entwicklung des modernen Nationalstaats aufbaut.
    Wenn man sich direkt ins 17. Jahrhundert begibt und frei von dem Zwang amcht, bestimmte Entwicklungslinien als zwingend für das eigene Land verklären zu müssen, dann stößt man auf folgendes.
    Die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts ist von einem europäischen Bürgerkrieg gekennzeichnet.
    Dieser teilt sich in verschiedene Unterkonflikte und einen Hauptkonflikt, zum Teil sind die Konflikte verbunden zum Teil laufen sie vollkommen getrennt voneinander ab. Aber das verbindende Thema ist immer das gleiche, wie wird die politische Herrschaft und die Macht im Land ausgeübt. Soll es einen absolutistischen Herren geben oder sollen Mitbestimmungsrechte, die von alters her bestehen, bestehen bleiben und ausgebaut werden.
    In England findet der Kampf zwischen Parlament und König statt, auch wenn Cromwells Republik scheitert, wird das Parlament zu einen nicht mehr zurück drängbaren Machtfaktor in England.
    In Frankreich werden die letzten Machtgruppen unterworfen, die einer absolutistischen Herrschaft entgegenstehen, zum Beispiel verlieren die Hugenotten, ihre Sonderrechte. Die Stände werden nicht mehr einberufen, die Macht wird in Paris beim König, der der Staat ist. konzentriert. Nach dem das geklärt ist, greift Frankreich in den globalen Konflikt ein, der in Deutschland tobt ein.
    Die Niederlande entstehen in dieser Zeit endgültig als unabhängiger Staat und sind ein Teil des Konflikts, den man den dreißigjährigen Krieg nennt. Auch hier geht es um die Frage wer hat die Macht, eine zentrale Gruppe oder ein größerer dezentraler Kreis von mitsprache Berechtigten.
    Wendet man sich den Konflikten im Deutschen Reich zu, hat man zwei Konflikte erst einmal den Haus Habsburg internen Konflikt in Böhmen, der zum Auslöser für den europäischen Bürgerkrieg wird und den Konflikt innerhalb des Reiches, wo es um die Autonomie der Reichsstände geht. In Böhmen führen die lokalen Stände das Recht an, ihren König autonom wählen zu können und über Mitspracherechte zu verfügen, dem gegenüber steht der Anspruch der Habsburger Erbrechte und absolute Herrschaftsrechte zu haben, dies führt zum Krieg, sowie zur Niederlage des Autonom gewählten Königs und der Stände, die damit ihre Mitspracherechte endgültig verlieren.
    Darauf verlagert sich der Konflikt ins Reich und umso stärker der Versuch der Habsburger wird, sich noch nie dagewesene Rechte für den Kaiser zu sichern, um so stärker wird der Widerstand auch der treusten Verbündeten, der sich im Konflikt über die Macht über Wallensteins Heer entlädt, aber generell drängen Stück für Stück die Herrscher von außen in den Konflikt, als erstes der dänische König, der auch Reichsfürst ist, dann der schwedische König, der als Beauftragter Frankreichs tätig wird, dann Frankreich selbst, nach dem die Machtfrage im Inland Frankreichs geklärt ist.
    Am Ende steht die westfälische Friedensordnung, die einen neuen Begriff von Souveränität prägt und zwei neue Republiken aus dem Reichsverband löst, die Schweiz und die Niederlande. Die Habsburger sind unumstößliche Herren in ihren Erblanden. Die anderen deutsche Stände haben am Ende des blutigen Kampfes ihre Autonomie bewahrt und es entsteht der ständige währende Reichstag, in dem diese Autonomie verfasst ist. Der Kaiser wird zur Sympolfigur. Die Staatsgebilde innerhalb Deutschlands gehen unterschiedliche Wege der Machtbeteiligung und der Machtausübung. Der Absolutismus ist das Ziel und Preußen setzt seinen Aufstieg, in Verbindung mit der Militarisierung des ganzen Landes, am konsequentesten um.
    Letztlich ist das der Hintergrund vor dem Hobbes den Leviathan schreibt. Der Konflikt zwischen der Vorstellung traditioneller Machtbeteiligung und der absolutistischen Herrschaft. Model für den Leviathan ist also sozusagen die Herrschaft der Habsburger in Spanien seit 150 Jahren oder das Frankreich Ludwig XIV.
    Zu diesem Zeitpunkt steht England noch nicht als später führende Seemacht und Frankreich als stärkste Landmacht fest. Auch ist Konflikt zwischen dem wilhelminischen Reich und Großbritannien in weiter Ferne. Vielmehr geht es primär um den Versuch der Diktatur durch eine Person, zuerst Charles I in England und dann in der kurzzeitigen Diktatur Cromwells. Aber immer eingebettet in den Ereignissen Gesamteuropas.
    Die Macht eines absolutistischen Herrschers ist verglichen mit heute beschränkt, das Kommunikationswesen ist beschränkt, die Mobilität genauso, deswegen muss sich der Adel in Versailles versammeln, damit er kontrolliert werden kann. Die Bürokratie liegt in ihren Anfängen. Wenn es auch schon kapitalistische Unternehmer gibt, gibt es noch keinen Klassenkonflikt, noch keine kommunistische Bewegung.
    Der Leviathan ist vor dem oben genannten Hintergrund geschrieben, letztlich ist der bleibende Wert, das er sich mit der Frage nicht legitimierter Herrschaft aus einander setzt.
    Die Konfliktlage bei Carl Schmitt ist eine ganz andere. Carl Schmitt lebt und denkt in einer Welt, die von Klassen Konflikten gekennzeichnet ist, vom Chaos das aus dem Zusammenbruch der Herrschaftsordnung nach dem zweiten dreißig jährigen Krieg gekennzeichnet ist. Gerade Deutschland leidet daran, das man einen starken autoritären Staat, sozusagen erst nach holend aufgebaut hat und dann verloren hat und im Rahmen der Bewältigung, des daraus sich ergebenden Traumatas, gleich einen totalitären Super Staat aufbaut.
    Nach dem zweiten dreißig jährigen Krieg ist die Machtfrage entschieden, zwei Supermächte beherrschen Europa. Die Konflikt Linien, werden zum Teil mit Hobbes Mitteln gedeutet, man gräbt den Konflikt Athenern und Sparta wieder aus. Zieht die dualistischen Konflikte Frankreich und England heran, aber eigentlich geht das ganze ins Leere, da Hobbes gar nicht die Konflikte der modernen Welt kennt, sondern es ihn um ungerechtfertigte Machtausübung geht.
    Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, muss sich Europa neu erfinden, im Rahmen des eurozentristischen Denkens kann man sich immer nur am alten festhalten, wo bei sich hierfür Carl Schmitt und Hobbes als die Idealfiguren empfehlen, wenn man in der europäischen Ideologie bleiben will.
    Zhao Tingyang stellt der europäischen Ideologie nur ein anderes Model des Weltverständnisses gegenüber, das jeder eurozentriert Denkende nicht verstehen kann. Verkürzt gesag,t geht es in diesem Denkmodel, immer um die Frage wer sind die Barbaren.
    Aber die eigentliche Frage wird nicht beantwortet, wie sieht legitimierte Herrschaft aus, wie wird sie kontrolliert und durch wen wird sie ausgeübt. Wie beschränkt man Macht und Herrschaft. Vor allem die Verhinderung der Usurpation der Macht und der ungerechtfertigten Machtausübung sind hier die Themen. Das ist die Fragestellungen, der wir uns wirklich stellen müssen und die wir neu denken müssen. Gerade in Corona Zeiten zeigt sich aufs neue, wie zufällig an der Spitze des Staates stehende meinen, sie allein würden wissen was richtig ist und alle anderen wären dumm.
    Gerade hierzu ist Zhao Tingyang Harmonie Prinzip unter dem Himmel, ein wohltuendes Gegenmodell, statt des ewigen Konflikt und Gewalt Models das die Europäer nicht verlassen wollen. Europäer wollen immer nur die Macht verschleiern und die Kritiker ausgrenzen.

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